Interview mit Daredevils Showrunner Steven S. DeKnight

netflix-marvel-daredevil-logo-netflix.jpg

Netflix Daredevil

Wir hatten die Möglichkeit, mit Daredevils Showrunner Steven S. Deknight zu sprechen. Er verrät uns, wie er zu Daredevil dazustieß und warum Marvel wie der CIA ist.

Wie kam die Idee zu Daredevil zustande?

Ich wünschte, ich könnte sagen, es wäre meine Idee, aber es war die Idee von Jeph Loeb und Drew Goddard. Jeph Loeb von Marvel Television hatte die verrückte Idee, jedem von vier "Street-Level-Heroes" eine eigene Serie zu geben, die in einer finalen Serie "The Defenders" zusammenführen sollten. Es sollte eigentlich genau das widerspiegeln, was bereits im Kino mit den Avengers gemacht wird. 

Es war ein ehrgeiziges Projekt, weil es bedeutete, ein Paket von 60 Episoden zu verkaufen und Netflix ist auf die Idee angesprungen. Ich denke, dass genau das der Schlüssel war. 

Drew Goddard war die Speerspitze mit Daredevil als Start der vierteiligen Reihe mit Jessica Jones, Luke Cage und Ironfist. Er führte also das Projekt komplett an und schrieb die ersten drei Episoden, musste dann aber aussteigen, um sich den "Sinister Six" zu widmen.

Jeph und Drew haben mich dann angerufen, wir sind sehr alte Freunde. Ich traf Jeph, als er die Animationsserie für Buffy entwickelte zu der Zeit, als ich für Buffy schrieb. Dann haben wir bei Smallville zusammengearbeitet. Drew und ich kannten uns von Buffy und danach Angel, wo wir einige Folgen zusammengeschrieben haben. 

Sie sagten zu mir: "Wir brauchen jemanden. Wir brauchen JETZT jemanden!". Ich hatte gerade einen Deal mit Starz, aber nachdem ich die Skripte gelesen habe, fand ich sie einfach nur fantastisch. Als ich dann von den weiteren Plänen gehört habe, konnte ich nicht ablehnen, es war einfach zu gut.

Starz hat mich also freigegeben und als ich zum Projekt dazustoß, hatten wir gerade einmal zwei Skripts von Drew und eine ungefähre Ahnung, wo die Reise hinführte; aber wir hatten keinen Cast und keine Crew, es war also sehr schnelle Arbeit, die wir abgeliefert haben.

Was hat Charlie Cox zum perfekten Daredevil gemacht?

Es ist immer schwierig, den Lead Cast zu besetzen. Als er zu seiner ersten Audition kam, war er einfach wundervoll und bizarr. Seine Interpretation war, dass Daredevil wegen der Übersensibilität sehr in sich gekehrt war. Er zog die Schultern hoch und schrumpfte sich zusammen. Das war natürlich genau das, wonach wir nicht gesucht hatten. Aber er hat es sich so gut zurecht gelegt, dass es sehr faszinierend war, ihm zuzusehen. Wir haben ihn also zu einem weiteren Gespräch eingeladen und gesagt: "Das war super, aber nicht das, was wir gesucht haben."

Wir hatten dann eine Diskussion über den Charakter. Am nächsten Tag kam er mit einer anderen Interpretration, hatte aber immer noch die in sich gekehrte haltung, aber dieses Mal war es eher die charmantere Form. Wenn man nicht aufpasst, kann man damit sehr schnell ins Schleimige rutschen, aber er war einfach nur natürlich. Vermutlich ist es seine englische Herkunft, die einfach nur einnehmend ist. Er konnte auch den Schmerz, den Matthew mit sich führt, mit einem Schuss Psychose darstellen. Charlie hat das alles in sich vereint.

Warst du vorher schon ein Fan der Comics?

Ich habe die Comics als Kind verschlungen. Ich habe sehr viel Daredevil gelesen, besonders beeindruckt war ich vom Frank Miller, die Comics waren einfach nur fantastisch. Ich kannte also das Material.

Das Schöne daran, mit Marvel zu arbeiten, ist, eine Entschuldigung zu haben, sich alle Comics wieder durchzulesen.

Gibt es eine "Marvel-Aufsicht", die alle Filme und Serien überwacht, so dass die Kontinuität immer stimmt?

Zur Zeit der Produktion gab es leider keinen "Uber-Show-Runner". Es war eine interessante Erfahrung. Wir hatten viele Helfer bei Marvel, wenn wir etwas benötigt haben. Wir hatten z.B. in der Serie einen Namen an einem Schild und haben uns gefragt: "Was könnte da stehen?". Megan Thomas Bradner von Marvel hat uns wirklich dabei geholfen. Wir haben ihr solche Fragen gestellt und sie gab uns dann 10 Möglichkeiten, die wir einbauen konnten. Ich habe mein ganzes Leben lang Marvel Comics gelesen, aber 9 von 10 waren selbst mir unbekannt. Ich habe die Easter Eggs in die Show geschrieben, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, worauf die sich bezogen haben, weil sie einfach zu tief in der Mythologie stecken.

Weil wir aber die erste Show waren, mussten wir nicht so aufpassen, Fehler zu machen. Es wir sicherlich schwerer in der zweiten Staffel von Jessica Jones (wie ich gehört habe, sei die Serie sehr gut). Luke Cage startet danach und all das führt zu den Defenders, also muss es in all diesen Serien Easter Eggs geben. Das wird schwierig.

Was waren die Unterschiede der Serie zum Daredevil Film von 2003?

Ich war immer ein Verteidiger von Ben Affleck in diesem Film. Es gibt dort so viele talentierte Menschen. Manche mögen ihn, manche nicht. Ich würde niemals etwas Negatives über die Werke von anderen loswerden. Ich sage immer, dass es erstaunlich ist, dass überhaupt etwas Vernünftiges zustande kommt, denn alles steht gegen dich. Es ist immmer ein Wunder, wenn etwas funktioniert. 

Der Film war ein Produkt seiner Zeit und ich denke, dass die Dinge jetzt anders stehen. Nachdem Christopher Nolan mit dem Batman Franchise angefangen hat und Marvel ihr eigenes Studio für Iron Man gegründet haben, hat sich die Stimmung von Comic-Adaptionen verändert. Besonders bei Marvel, wo man jetzt eine Firma ohne Angst hat, den Kern des Comics zu zeigen. Es macht einen großen Unterschied, wenn man die Comics erwachsen betrachtet. Zum Glück hat Marvel entschieden, diese dunkle Version von Daredevil zu starten und es anders zu machen als die Filme oder die TV-Ableger Agents of Shields oder Agent Carter. Wir hatten die Chance, etwas völlig anderes zu erzählen, was sehr befreiend war.

Ich denke, dass es nicht die richtige Zeit für Daredevil in 2003 war, denn es war einfach ein anderes Klima.

Wie unterscheidet sich die Gewaltdarstellung in Daredevil zu anderen Serien wie z.B. Spartacus?

Ich denke Spartacus war ziemlich "R-Rated". Mit der Gewalt wollten wir etwas opernhaftes erreichen. Etwas Schönes in der Blutdarstellung, dass eher Comics entspricht.

Ich habe viel darüber gehört, wie brutal Daredevil ist, aber für mich ist es eher "PG-16". Ich denke nicht, dass es ein R verdient. (...) In Episode 4, als Fisk einen Kopf zerschlägt, sieht man nicht wirklich, was passiert. The Walking Dead ist ein großartiges Beispiel. Das ist "R-Rated"-Gewalt. Dort wird gezeigt, wie ein Kopf in einer Autotür zerquetscht wird. Das halte ich auch für richtig, das stützt die Geschichte. Bei Daredevil sieht man aber eher die Auswirkungen. Man erkennt zwar ab und zu einen Knochen, aber das ist nicht der Rede wert. (...)

Ich schrecke nicht vor Gewaltdarstellung zurück. Als ich in den 70ern/80ern aufgewachsen bin, waren meine Eltern eher unkonventionell und ich habe schon sehr früh R-Rated Filme gesehen, hauptsächlich Kungu-Fu und Western. Gewaltdarstellung in Filmen hat also definitiv seinen Platz und solange es nicht oberflächliche Gründe und es etwas mit der Geschichte zu tun hat, habe ich kein Problem damit.

Welche Möglichkeiten hat Netflix eröffnet, die im normalen Fernsehen undenkbar wären?

Es ist natürlich ein großer Unterschied, wenn wir die Serie im Network-Televison produziert hätten. Allerdings nicht so viel, wenn es für Kabelsender gemacht worden wäre, auch wenn es dort nur eine Folge pro Woche gegeben hätte.

Der größte Unterschied ist nicht unbedingt die Gewalt oder die sexuellen Anspielungen, es war eher die Möglichkeit, eine lange Geschichte zu erzählen. Wir mussten uns nicht beeilen. Wenn die Serie im Network-Television gelaufen wäre, wäre das Meiste der ersten Staffel bereits in den ersten drei Folgen passiert. Man hätte jede Woche mehr Charaktere gesehen. Diese Woche Bullseye, nächste Woche Gladiator. Wir waren also befreit von dieser Bürde und konnten uns auf eine Geschichte konzentrieren, praktisch einen 13-Stunden-Film. Das war sehr befreiend. Und natürlich konnten wir die Zusammenfassungen am Anfang einer Folge weglassen, denn man kann ja annehmen, dass man die letzte Episode 10 Sekunden vorher gesehen hat.

Gibt es Pläne, Daredevil in den Filmen einzubauen?

Ich weiß nichts darüber. Marvel ist wie der CIA. Es gibt eine "Need to know"-Basis. Ich verstehe natürlich warum, denn wenn etwas rauskommt, könnte es eine Milliarde Dollar Umsatz kosten.

Was ich aber weiß ist, wenn ein Schauspieler bei Marvel für eine Rolle unterschreibt, ist die Möglichkeit, in einem Film mitzuwirken, immer vorgegeben. Es ist also möglich, dass Daredevil in den Filmen auftritt oder sogar seinen eigenen Film bekommt. Ansonsten weiß ich nichts, das ist weit über meiner Gehaltsstufe. Das weiß nur Kevin Feige.

Wird es Gastauftritte in den einzelnen Serien/Filmen geben?

Ich denke, dass es eher möglich ist, Charaktere der Netflix-Serien in den Filmen zu sehen als anders herum. Natürlich ist es ein großer Unterschied, einen Filmstar zu bezahlen als einen Seriendarsteller. Wir haben die Welt von Hell's Kitchen so dargestellt, dass Superhelden so etwas wie Superstars in der echten Welt sind. Ich lebe z.B. in Los Angeles und habe nie Brad Pitt gesehen, aber ich weiß, dass es ihn gibt. Das ist das Gleiche wie in Hell's Kitchen. Jeder weiß, dass Iron Man da draußen ist, aber niemand trifft ihn wirklich. Dass einer dieser Superhelden in Hell's Kitchen auftaucht, wäre also eher hinderlich für die Geschichte.

Vielen Dank für das Interview!

Sehr gerne.

Alle 13 Folgen zu Daredevil könnt ihr euch auf Netflix ansehen.

Daredevil bei Netflix Poster

Originaltitel: Marvel's Daredevil (seit 2015)
Erstaustrahlung am
10.04.2015 bei Netflix
Darsteller:
Charlie Cox, Deborah Ann Woll, Elden Henson, Toby Leonard Moore, Vondie Curtis-Hall, Bob Gunton, Ayelet Zurer, Rosario Dawson, Vincent D'Onofrio, Jon Bernthal, Élodie Yung, Stephen Rider
Produzenten: Peter Friedlander, Allie Goss, Kris Henigman, Cindy Holland, Alan Fine, Stan Lee, Joe Quesada, Dan Buckley, Jim Chory, Jeph Loeb, Drew Goddard, Steven S. DeKnight, Doug Petrie, Marco Ramirez
Staffeln: 2+
Anzahl der Episoden: 26+

Regeln für Kommentare:

1. Seid nett zueinander.
2. Bleibt beim Thema.
3. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung.

SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

Beiträge von Spammern und Stänkerern werden gelöscht.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren.
Ein Konto zu erstellen ist einfach und unkompliziert. Hier geht's zur Anmeldung.