Interview mit Daredevil Charlie Cox

Charlie Cox verkörpert die aktuelle Inkarnation von Marvels Daredevil. Wir hatten die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen und unter anderem herauszufinden, was er von der kommenden Staffel erwartet.

Wie schwer war es, einen blinden Helden zu spielen?

Es war nicht so einfach. Hauptsächlich ist es schwierig mit Matt Murdock, denn er hat so viele Faszetten. Er hat die Blindheit eines Mannes, der besser "sehen" kann als eine normale Person. Gleichzeitig muss er die Illusion aufrecht erhalten, eine "normale" blinde Person zu sein.

Das Schwierigste ist, ohne Augen zu schauspielern. Ich habe unterschätzt, wie wichtig Augen dabei sind, außer natürlich zum Sehen. Ich habe intensiv mit einem Blinden-Berater gearbeitet, der bereits 20 Jahre blind ist. Ich habe oft geübt, Videos gmacht und sogar versucht, meine Augen während der Szenen zu schließen, um wirklich blind zu sein. Das hat sich aber als zu schwierig herausgestellt.

Als du die Black-Ninja-Maske getragen hast, musstet du wie ein Power Ranger übertreiben? Man sieht dort nur die Hälfte deines Gesichts und die Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, ist sehr eingeschränkt.

Nein, nicht wirklich. Man setzt sich immer der Gefahr aus, zu übertreiben. In den Comics sieht man häufig einen großen Bildausschnitt von Daredevils Zähnefletschen, wenn er wütend ist. Aber das würde lächerlich auf dem Bildschirm aussehen. Also haben wir gelegentlich Großaufnahmen von meinem Kiefer oder meiner ballenden Faust gemacht, um das darzustellen; häufig hat das funktioniert.

Aber wenn man spricht, kann man viele Emotionen durch die Stimme vermitteln. Aber das war natürlich auch nicht einfach.

Wurdest du vom Erfolg von Daredevil überrascht?

Ich wusste, das die Serie etwas Anderes war. Als ich das Skript gelesen habe, war ich wie weggeblasen von der Qualität und Dunkelheit des Skripts. Und wie erwachsen es war. Mir wurde schnell klar, dass es gut für Daredevil funktioniert. Wenn man die Comics liest, ist das natürlich auch die richtige Wahl. Ich wusste bereits während des Drehs, dass die Show gut ist und sogar richtig gut werden könnte.

Aber ich habe nicht mit diesem positiven Feedback gerechnet. Das hätte ich mir nicht vorstellen können, es war überwältigend. Jetzt müssen wir das für die zweite Staffel wiederholen, denn die Erwartungen sind sehr hoch.

Ist Daredevil wirklich ein Superheld, wenn man andere Marvel-Charaktere in Betracht zieht?

Er ist ein Superheld, aber auf seine eigene Art. Er ist kein Superheld, als dass er bestimmte Superkräfte hätte, außer seiner erhöhten Wahrnehmung, die ihm all das auf eine Weise ermöglicht, die wir nicht begreifen können. Aber er hat natürlich keine Superkräfte oder kann fliegen. Er kann auch nicht das Universum retten. Er ist ein "Street-Level-Hero", reinigt also die City eine Straße nach der anderen. Aus Schauspielersicht ist es eine wundervolle Ausgangsposition, denn man kann nicht nur einen Superhelden spielen, sondern auch die verletzliche und fehlbare Seite zeigen. All das hilft, einen Charakter zu erschaffen, mit dem man mitfühlen kann und einen Superhelden sieht, der in seinem Kern sehr menschlich ist.

In deinem ersten Casting hast du Daredevil sehr anders, sehr unerwartet gespielt. Wie haben die Produzenten reagiert und wie hat es die Rolle beeinflusst?

Als ich die erste Audition hatte, hat sich niemand Daredevil so vorgestellt, wie ich ihn dargestellt habe. Ich habe gedacht, wenn sie mich als Daredevil casten sollten, dann sollte ich anders sein. Denn ich bin nicht groß oder muskulös genug. Ich hatte eine andere Vorstellung von Daredevil. Sie haben die idee gemocht, es war aber nicht das, was sie sich vorgestellt hatten. Am nächsten Tag haben wir darüber geredet und es gab einfach ein Element, das gefehlt hat. Wir wussten nicht, was es war, aber ich sollte einfach so weiter machen, wie ich es getan hatte. Für mich war das Wichtigste, dass ein kleiner Teil von Matt Murdock psychopatisch ist. Er lebt eine Lüge sein ganzes leben lang und niemand weiß, wer er wirklich ist, bis er dann jemanden mit 28 Jahren trifft, dem er alles erzählt. Das ist nur schwer vorstellbar. Ich denke, dass Matt Murdock einen guten Job gemacht hat, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass er ein normaler Mensch ist. Es sollte etwas in ihm geben, das wirklich wütend, verängstigt und verwirrt ist und er nicht genau weiß, wie er das heraus lassen soll. In der ersten Staffel lässt er dann den Teufel heraus und versucht dann, ihn unter Kontrolle zu bringen. 

Außerdem musste Matt Murdock 30 Jahre mit seiner Übersensibilisierung leben und ich habe mir gedacht, dass er eine komplette Ruhe in einen Raum bringt, wenn er ihn betritt, damit andere Personen nicht überreagieren und seine Sinne überlastet werden.

Hättest du lieber einen Daredevil Film gehabt als eine Serie?

Das konnte ich natürlich nicht entscheiden. Ich habe in den ersten sieben Jahren meiner Karriere mit Filmen und Theater angefangen und war nie interessiert an Fernsehen. Ich habe immer nur Sport im Fernsehen geschaut. Dann durfte ich bei Boardwalk Empire mitspielen und ich habe gedacht, dass ich es nicht so lieben würde, immer den gleichen Charakter zu spielen. Aber es war großartig und im aktuellen goldenen Zeitalter des Fernsehens gibt es auch keinen Unterschied mehr im schauspielerischen Bereich zwischen Filmen und Fernsehen. Es behindert nicht mehr. (...)

Nach Boardwalk Empire habe ich gehofft, weiter im Fernsehen zu arbeiten, denn man ist natürlich länger angestellt. Als Schauspieler hat man monatelang keine Arbeit, also war eine Show, die einen für mehrere Jahre beschäftigen kann, nur willkommen.

Hast du den Film von 2003 gesehen?

Ja, als ich mich für die Rolle vorbereitet habe. Ich denke, Ben Affleck hat einen guten Job gemacht. Die Stimmung im Film ist allerdings ein bisschen verwirrend. Es wurde zuviel versucht. Wir haben den Luxus, die Geschichte in 13 Stunden zu erzählen. (...) Ich denke, dass genau das leider das Problem war. 

Was sind deine Erwartungen für Staffel 2? Gibt es etwas, das du anders machen möchtest?

Natürlich weiß ich nichts über die Pläne. Ich würde aber gerne eine Welt sehen, in der Matt Murdock verletzlicher wird, vielleicht sogar mit einer Frau an der Seite, also Karen Page. Ich weiß nicht, ob das der Fall sein wird, aber es gibt eine wundervolle Comic-Reihe von Jeph Loeb, "Yellow". Es klingt komisch, aber die Liebesgeschichte ist wie ein Roman verfasst. Es ist wirklich schön. Es wird über einen Rückblick über Briefe erzählt und ich erinnere mich, dass ich von der Geschichte wie weggeblasen war. Aber die Autoren unserer Serie haben alles so geschrieben, dass man weiß, wie es weitergeht, aber dann doch in eine andere Richtung geht. 

Ich weiß nicht, ob ich etwas anders machen würde, aber ich würde gerne sehen, wie Matt sich weiterentwickelt. Am Ende von Staffel 1 fängt er an, wirklich zu verstehen, wer er ist. Die emotionale Anstrengung, die er bisher hatte, sich mit Gott und sich selbst zu beschäftigen, was er kann und wer er selbst ist und ob es von ihm erwartet wird, einen Unterschid da zu machen, wo er es kann, oder ob es sein Job als Katholik und Anwalt ist, genau das nicht zu tun. Er fängt jetzt erst an, Daredevil zu sein und ein bisschen Zurückhaltung zu lernen. Ich würde also gerne sehen, wo ihn das hinführt.

Vielleicht gibt auch ein bisschen Freude in Matt. In der ersten Staffel ist er so belastet, dass man vielleicht sehen kann, dass er endlich ein bisschen die fröhlichere Seite von Daredevil findet.

War der katholische Hintergrund wichtig für die Rolle? Es gibt nicht viele Marvel Charaktere, die religiös sind.

(...) Die Unruhe in Matt Murdock ist großartiges Material für einen Schauspieler. Wenn man eine Show macht, die actionreich ist und jede Episode Actionszenen hat, muss es eine Bedeutung haben. Jeder Tritt muss etwas bedeuten. Wenn man die katholische Schuld und Scham benutzen kann und die moralische Doppeldeutigkeit, ob sein Auftritt als Rächer falsch oder richtig ist, fügt das einen emotionalen Tritt zum wirklichen Tritt hinzu. Ich denke, dass genau das die Actionszenen so gut macht.

Wir müssen 13 Stunden füllen und können nicht dauernd Action bieten. Es ist für einen Schauspieler eine großartige Gelegenheit, einen Charakter zu spielen, der in fremden Augen etwas Gutes leistet, aber dann nach Hause kommt und seiner Schuld und Einsamkeit überlassen ist.

Wie gleich sind sich Wilson Fisk und Daredevil wirklich?

Später in der Serie besorgt sich Daredevil Informationen durch Drohungen von Personen, die nicht unbedingt kriminell sind. In Staffel Eins versteht Daredevil, dass man kein Omelett machen kann, ohne Eier zu zerbrechen. Er ist in dieser Hinsicht sehr ähnlich zu Wilson Fisk. Es verhält sich ein bisschen wie in der Politik: Manchmal ist man so weit links, dass man fast schon rechts ist. Beide sind so weit voneinander entfernt, dass sie fast ähnlich sind. 

Das war etwas, das so intelligent in die Show geschrieben wurde. Es fühlt sich echter an, denn die Grenze zwischen Gut und Böse ist sehr verschwommen. Es ist ein grauer bereich. Es ist so eine roßartige Idee, dass man zwei Feinde hat, die als gegenteilig gelten, aber doch dasselbe Ziel haben. Beide glauben, ihre Methoden seien die Richtigen. Sogar wenn man als Zuschauer nichts über Daredevil weiß, gibt es Zeiten, in der man Daredevils Einstellung für falsch hält. Und ich denke, das ist sie auch manchmal. Manchmal treibt er es zu weit.

Gibt es eine geheime Marvel Superheroes WhatsApp Gruppe?

(lacht) Ja, wir schreiben uns regelmäßig.

Dann richte bitte schöne Grüße an Thor von uns aus.

Werde ich machen!

Alle 13 Folgen zu Daredevil könnt ihr euch auf Netflix ansehen.

Daredevil bei Netflix Poster

Originaltitel: Marvel's Daredevil (seit 2015)
Erstaustrahlung am
10.04.2015 bei Netflix
Darsteller:
Charlie Cox, Deborah Ann Woll, Elden Henson, Toby Leonard Moore, Vondie Curtis-Hall, Bob Gunton, Ayelet Zurer, Rosario Dawson, Vincent D'Onofrio, Jon Bernthal, Élodie Yung, Stephen Rider
Produzenten: Peter Friedlander, Allie Goss, Kris Henigman, Cindy Holland, Alan Fine, Stan Lee, Joe Quesada, Dan Buckley, Jim Chory, Jeph Loeb, Drew Goddard, Steven S. DeKnight, Doug Petrie, Marco Ramirez
Staffeln: 2+
Anzahl der Episoden: 26+

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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