PR Neo 52- Eine Handvoll Ewigkeit

Rüdiger Schäfer

Rüdiger Schäfer als Arkon- Experte übernimmt mit "Eine Handvoll Ewigkeit" eine eher undankbare Aufgabe. Zum einen entwickelt er die arkonidische Gesellschaft als Mischung aus dekadentem Rom und erotischem Alptraum der "1001 Nacht" Kategorie weiter, wobei viele Zwischentöne irgendwie an Don Lawrence "Das Reich Trigan" ohne grüne Hautfarbe oder archaische Monster erinnert. Zum anderen aber muss er zahlreiche Unstimmigkeiten der letzten "Arkon" Romane weniger korrigieren als dem Leser schmackhaft machen. Die größte Unstimmigkeit ist weiterhin, dass sowohl Ernst Ellert als auch sein geheimnisvoller Auftraggeber bei der Ermordung des "Regenten" durch Atlan falsch lagen und tatsächlich nur der Doppelgänger förmlich hingerichtet worden ist. Egal wie Rüdiger Schäfer diese Idee dreht oder wendet, sie überzeugt nicht. Ein weiterer Schwachpunkt und eine gänzliche Entwertung seiner Figur ist die zweite gescheiterte Übergabe, Verleihung, Abwälzung der relativen Unsterblichkeit auf Perry Rhodan. Dieser lehnt sie - nicht zuletzt nach seiner passenden Begegnung mit einem Volk, dessen Mitglieder höchstens fünf Jahre alt werden (!!!) - ein zweites Mal ab. Seine Argumente reichen von Ehrfurcht vor dem Leben bis zu kritischen Nebengaben des unbekannten Spenders. Atlan dagegen behauptet weiterhin, den Geber nicht zu kennen und handelt quasi im unkontrollierten Blindflug. Das er seinen Auftrag nicht hinterfragt, erscheint angeasichts der Widersprüche absurd. Erst soll er einen Zellaktivator an den Regenten übergeben, den er kurze Zeit später nach der Schändung des Körpers seiner Geliebten tötet. Er muss nicht unbedingt wissen, das der Regent schon über einen Zellaktivator verfügt. Aber selbst als unwissender Bote muss ich mich fragen, ob der ganze Auftrag nicht eine einzige Falle für einen selbst ist. Eine ohne Frage komplizierte Falle, aber sie liegt im Bereich des Wahrscheinlichen. Warum kann oder sollte ein derartiger Zellaktivator angesichts des ohne Frage beträchlichen Machteinflusses des Regenten eine das Imperium zersetzende Wirkung haben? Hier fehlt ein doppelter Umkehrschluss.

Das er mehrfach Perry Rhodan den Aktivator anbietet, ist nett. Aber es wird vom Atlan die Frage ignoriert, ob dieser Aktivator nicht doch auf eine bestimmte Personen bezogen ist und warum er nicht nach dem ersten Versuch schon andere Instruktionen mittels induzierter Träume erhalten hat. Vielleicht sieht der Arkonide das Traumschweigen einer möglichen Superintelligenz als stillschweigende Zustimmung zur Planänderung, die wiederum von Perry Rhodan als Teil eines komischen "Unsterblichkeit" Spiels abgelehnt wird.

In Bezug auf die Würde/ Ehre, ein Aktivatorträger zu sein, folgt Rüdiger Schäfer den Antiheldentönen der ganzen "Neo" Serie. Nur in wenigen Szenen handelt Perry Rhodan als Anführer entschlossen. Viel öfter muss sich der Leser einen passiven, zurückhaltenden "Helden" ertragen. Hinzu kommt als Variation dieser unterdurchschnittlichen Personenentwickelung die immer wieder herunter gebetete Leier, dass Rhodan beim Vorstoss nach Arkon als unerfahrener Mensch die Hosen anhat bzw. das Kommando führt. Lässt man Tatsachen sprechen, dann "blamiert" sich der Mensch zum wiederholten Mal und muss aus auswegloser Situation mittels eines "MacGuffin" gerettet werden.  Frank Borsch versucht im Vergleich zum Original Rhodan aus den sechziger Jahren vieles anders, aber nur wenig besser zu machen. Mit dem positiven Sendungsbewußtsein eines modernen Terraners - Alleinherrscher, aber kein Tyrann; aktiv seine Heimat verteidigender Opportunist und vor allem charismatischer, modern denkender Anführer - hat der "Neo" Rhodan wenig zu tun. Wenn er wie bei Rüdiger Schäfer an seine früh verstorbene Schwester denkt oder gar Heimweh zur Erde hat, dann ist diese ambivalent gezeichnete, aber im großen und ganzen wenig überzeugende Figur Meilenweit vom Original entfernt. In dieser Hinsicht ist das kritische Hinterfragen des großzügig weiter gereichten Geschenks verständlich, alleine die Argumentation Rhodans wirkt wie die wenig überzeugte und viel schlimm wenig überzeugende Quadratur des Kreises.

Auch Atlans Argument, das ein freier Zellaktivator einen gesellschaftlichen Umsturz durch die Gier der Adligen einleiten könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Nur wüßte Atlan in diesem Fall es der Öffentlichkeit Preis geben. In der laufenden Heftromanserie ist ein Zellaktivator galaxisweit als Kopfgeld auf Rhodan und Bostich ausgesetzt worden, was inhaltlich sehr viel mehr Sinn macht. Stattdessen trägt Rhodan den Zellaktivatort während der Aktion in der Tasche und verliert ihn auch sogar. Dies wiederum nehmen die Überwachungskameras auf, was Sergh da Treffon wieder auf die Spur der mit primitivsten Mittels gesuchten führt. Immerhin brauchte er sich nur diese eine Szene anschauen. Teilweise trägt Rhodan den Zellaktivator auch in der Hemdtasche. Das bedeutet laut Rüdiger Schäfer nicht, das er ihn jetzt trägt. Auch diese Zwitterformulierungen sind unglücklich. Vielleicht liegt die eigentliche Kraft des Zellaktivators nicht in dem Ei, das dem Titelbild folgend  zumindest Rhodans Hemd und Hose deutlich, zu deutlich ausgebeult haben dürfte, sondern in der unwahrscheinlichen Kombination Hals/Kette/Brust. Eine bestimmte Verleihungszeremonie durch das Erscheinen einer Superintelligenz scheint es nicht zu geben. Selbst ein Rhodan erfahrener Routinier - immerhin liest er die Serie seit knapp dreißig Jahren - agiert unsicher und flüchtig sich in absolute Floskeln, während das Thema relative Unsterblichkeit und Zellaktivatorträger sowie die absurde Idee der Zersetzung der arkondischen Reiches, das auf der anderen Seite laut Ernst Ellert aber in irgendeiner Form auch erhalten werden muss. Je weiter der "Arkon" Zyklus voranschreitet, desto überdeutlicher frustriert diese Ambivalenz.

 

Die Begegnung mit dem Volk der Missk, die im Untergrund von den Arkoniden zur Reaktivierung Artheks als Bergbausklaven gezüchtet worden sind, verleiht dem Roman nicht unbedingt Tiefe. Der Austausch von gegenseitigen kulturen Aspekten inklusiv der natürlich wieder völkerverachtenden Handlungsweise der Arkoniden beschränkt sich auf einer Reihe von Plattitütden, wobei Rhodan hier zumindest die Bedeutung von kurzer Lebenszeit noch einmal drastisch vor Augen geführt wird. Später muss Rhodan seinen Freund unter den Missk retten, weil dieser den Regenten unbedingt von einer Verbesserung der Lebensqualität seines Volkes überzeugen wollte. Ab diesem Moment beginnt wie schon angesprochen eine wilde Verfolgungsjagd, in der Rhodan nicht nur seine Mission gefährdet, sondern sich in einer Zwickmühle bringt, aus der ihn nur Atlan aus dem Hintergrund wenig überzeugend retten kann. So gut die Aktionszenen in diesem Roman auch geschrieben sein mögen, sie wirken was den ganzen Plot angeht eher konträr und aufgesetzt. Die ganze Rhodanebene mit dem überraschenden Anschluss an den Tross des Regenten - zumindest hinterfragt Rhodan im Vergleich zum naiven Atlan die Möglichkeit einer weiteren Falle - trotzt vor Ungereimtheiten. Das Sergh zu einer nachvollziehbaren Art Privatjagd auf Rhodan geblasen hat, ist schon akzeptabel, aber deren Tarnungen müßten schon nach den ersten Schritten platzen und eine Verhaftung ist mehr als einmal nicht nur möglich, sondern konsequent gewesen. In dieser Hinsicht erinnert vieles an die inhaltsleeren amerikanischen Actionfilme, in denen alles geht, aber wenig logisch ist.

Viel interessanter ist der zweite Handlungsbogen, in dem Rüdiger Schäfer hinter die plötzlich nicht mehr so fremden Kulissen des arkonidischen Imperiums schaut.  Kurtisanen spielen schon seit vielen Jahrhunderten eine wichtige Rolle am arkonidischen Hof. Die Kurtisane Ihin konnte immerhin drei Imperatoren als Liebhaber gewinnen. Darauf hilft sie auch dem eher orientierungslosen Rhodan mit einer Verkleidung - warum die kleine Truppe nicht vorher auf diese Idee gekommen ist, bleibt unbeantwortet - aus. Gibt ihm aber den guten Rat, mit dem schönen Schiff von Atlans alter Geliebten relativ schnell zu verschwinden. Sie versorgt aber nebenbei nicht nur den Regenten mit Mädchen, sondern organisiert durch Rhodans Hilfe eine Art doppeltes Spiel. Den Rhodan jagenden Sergh versorgt sie mit einem jungen Mädchen, das mit einer Mischung aus hilfloser Kindfrau und Lolita den deutlich älteren Mann nicht nur in ihre Fänge bekommt, sondern ablenkt. Ihr gelingt es, das Sergh sich in sie verliebt, obwohl das Extrahirn ihn warnt. Diese Szenen mit einer Mischung aus Schmalz und einer eindimensionalen, aber zumindest äußerlich ausgesprochen attraktiven Kurtisane beschreibt Rüdiger Schaefer eher klischeehaft und wenig einfallsreich. Sittsam bemüht keine Grenze zu überschreiten wirkt der Sinneswandel Sergh - sofern nicht im nächsten Roman irgendwelche Medikamente oder Endorphine als Erklärung auftauchen - stark konstruiert. Die Pläne der Herrin aller Kurtisanen bleiben bislang im Hintergrund. Ansonsten erfährt der Leser eher Vertrautes über die arkondische Kultur. Eine prunkvolle und interessanterweise wenig dekadent erscheinende archaisch moderne Kultur, die so konträr nur auf dem Papier entstehen kann. Auf der einen Seite ein zu menschlicher - das reicht bis zur Ersatzkleidung der Beamten in Kleiderschränken an ihren Dienststellen, die in einer modernen Informationsgesellschaft überflüssig sind - Aspekt, dann wieder eine Tyrannei des Militärs gegenüber den schwachen und fremden Völkern. Eine auf dem Recht des Stärkeren aufgebaute Gesellschaft, deren Technik anscheinend gänzlich ausgesourct ist. Das vom gegenseitigen Misstrauen geprägte Gefälligkeitssystem bildet dabei einen starken Kontrast zum Robotregenten der Originalserie, der eine für die damalige Zeit faszinierende Schöpfung gewesen ist. Dagegen wirken die „Neo“ Arkoniden als Kultur zu sehr nach dem Faktor Zufall und Anlehnungen an die Pulpzeiten konstruiert. Auch dem Regenten fehlt bislang jegliches Charisma, während Sergh als sadistischer Planer jetzt in den Fängen einer schönen Kindfrau zu einer Marionette hoffentlich sich bald zeigender Hintermänner oder – frauen wird. Die Bedrohung durch die Methanatmer - ein weiterer MacGuffin ? - wirkt eher aufgesetzt und die Pläne des Regenten insbesondere nachdem er erkannt hat, das die Pläne der Konverterwaffe nicht in dem Glassarg lagen unausgegoren.

Am Ende des Romans beginnt der Regent mit seinem ideentechnisch zumindest nachvollziehbaren Ausflug auf die Bergbauwelt die Rückreise nach Arkon, wobei Rhodan bis auf diese billige Einschleusetaktik strategisch seine schon fragile Position aufgegeben und sich in die Überwachung mehrerer interessierter Parteien begeben hat. Für das Voranschreiten der Handlung spielt der vorliegende Roman keine große Rolle. Die angesprochenen Pläne wirken an allen Fronten konstruiert und wenig nachhaltig.  

Zusammengefasst macht Rüdiger Schäfer mit seinem bodenständigen Stil das Beste aus einem Expose, das mehr und mehr inhaltliche Fronten frustrierend öffnet als die Handlung zumindest in Ansätzen voranzutreiben.

Pabel, Taschenheft, 160 Seiten

Erschienen im September 2013

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