Schatten des Ichs

Andreas Brandhorst

Im Nachwort spricht der Herausgeber Hans Joachim Alpers von dem längeren Werdegang des Romans „Schatten des Ichs“. In der Zwischenzeit hat Andreas Brandhorst teilweise mit Horst Pukallus alleine 1984 mehrere Romane bei unterschiedlichen Verlagen wie Ullstein, Goldmann und schließlich auch im Pabel Verlag veröffentlicht.

Durch diese frühe Phase eines Schaffens abgesehen von seinen Heftromanen zieht sich die Suche nach entweder der eigenen Identität seiner Protagonisten oder der Versuch, die bisherige vertraute und doch nicht heimisch erscheinende Umgebung zu verlassen und die eigenen Wurzeln zu finden. Während dieser Reisen wachsen die Protagonisten immer über sich heraus, reifen und finden meistens eine neue Heimat. Je nach Plot sind die Hintergründe ihrer Reisen immer exotisch. Im Gegensatz zu seinen reinen Science Fiction Büchern des 21. Jahrhunderts legte Andreas Brandhorst in seinem Frühwerk eher Wert auf einen Science Fantasy Plot, in dem nicht selten Geisteskräfte oder „magische Fähigkeiten“ überlegene Technik zumindest zurückdrängen, wenn nicht besiegen konnte. Nicht umsonst wurde er zu Beginn seiner Karriere gerne mit Philip Jose Farmer verglichen. Andreas Brandhorst fehlt aber gänzlich der subversive Humor des Amerikaners, so dass „Schatten des Ichs“ eher in den Bereich der frühen Jack Vance Roman fällt, ohne dessen Tempo oder Tiefe zu erreichen.

Übergeordnet besteht der Roman aus vier großen Kapiteln. Es ist aber auch heute noch klar erkennbar, dass Andreas Brandhorst einige Zeit braucht, um sich inhaltlich frei zu schwimmen. Im Grunde beginnt der Roman erst mit dem Tod eines der tragenden Charaktere zu leben. Über den ganzen Handlungsbogen wird es nicht die letzte sympathische Figur sein, die teilweise sich selbst opfernd stirbt. Diese Unvorhersehbarkeit wichtiger Ereignisse erhöht ohne Frage die Spannung. Auf der anderen Seite ist es schwer, ein vergleichbares Buch mit einem relativ schnell unsympathisch werdenden Charakter zu finden, der sich immer wieder selbst im Weg steht. Positiv ist, dass Andreas Brandhorst irgendwo diese „Schwäche“ auch erkannt haben muss, denn fatalistisch führt er den Weg seines Protagonisten zu einem bitteren, aber auch konsequenten Ende und schenkt der Figur auf den buchstäblich letzten Seiten die Emotionen und die Tragik, welche der Leser vor allem in der ersten Hälfte so sehr vermisst.

Annym lebt auf einem im Grunde idyllischen Planeten. Er gehört einem kleinen primitiv lebenden Stamm der Traumsänger an.  Seit frühester Kindheit wird er aber immer wieder von einem Fernweh geplagt. Deswegen haben ihn die Stammesälteren auf eine Schule der Sternreisenden geschickt. Erst im Laufe der Handlung wird Andreas Brandhorst mehr Hintergründe hinsichtlich der verschiedenen Raumfahrenden Völker anbieten, wobei sich diese anscheinend von den legendären Ersten an nicht nur unterschiedlich entwickelt haben, vielmehr haben sie sich ausschließlich in den eigenen technologischen Nischen bewegt.

Bei Annym von Fernweh zu sprechen ist zu schwach. Es ist ein Ferndrang, der ihn und schließlich seine Freundin und potentiell neue Stammmutter Senaide aus den Dichtwälder aufbrechen lässt. Anscheinend hat die in ihm wohnende Traumstimme ein sehr konkretes Ziel.

Der erste Teil des Buches besteht leider aus einer Aneinanderreihung von Klischees. Kaum in der Zivilisation angekommen werden sie mehrfach beraubt. Nicht nur von einer Kinderbande bedroht, sondern angesichts ihres Reichtums bestehend aus Traumpollen und zwei schwarzen Saphiren in einer Kneipe betäubt und sogar als Sklaven auf einem der Piratenraumschiffe verkauft. Im Arenakampf kann Annym einen übermächtigen Gegner besiegen, will ihn aber nicht töten. Das macht die beiden zu Verbündeten.  

An einer anderen Stelle gerät ihr Fluchtplan inklusiv Befreiung der Freundin zu einem Fiasko, da fast nebenbei jemand die Spur aufgenommen hat.  Diese Abfolge aus bekannten Szenen anderer Science Fantasy Werke endet mit einer Menschenjagd. Das kleine Team hat im Grunde gegen die Sklavenjäger und vor allem den brüskierten, eitlen und narzisstischen Anführer der Sklavenbande keine echte Chance.

Auch hier verhält sich Annym stellenweise und spannungstechnisch nicht unbedingt nachvollziehbar überheblich und eitel. Zumindest räumt der Autor diese Charakterschwäche seines Protagonisten sogar ein. Am Ende steht die Flucht in ein geheimnisvolles Reich hinter den Bergen. Nur erreichbar, weil eine Verpuppungsphase bei einem der Mitstreiter rechtzeitig zu Ende ist. Niemand ist aus dieser Region je zurückgekehrt.

Da Annym aber nicht irgendjemand ist und seine eigene Vergangenheit noch nicht kennt, öffnen sich ihm die Tore. Ab diesem Moment beginnt der Plot ein wenig interessanter zu werden, auch wenn seine Ablage bei den Traumfängern in den Dichtwäldern auch eher einem Märchen entnommen erscheint als entwickelt.

Der Rest des Weges bis zu seinem „Schatten des Ichs“ ist eher eine Hetzjagd durch den ohne Frage allerdings interessantesten und am meisten exotischen Teil dieses Universums. Das Ende erscheint fast surrealistisch, wobei angesichts der ganzen Plotentwicklung die finale Konfrontation fast zu schnell vorbei geht.

Während wie angesprochen die Handlung zwar lange Zeit aus Versatzstücken bestanden hat, welche der Autor allerdings mindestens lesenswert zusammensetzte, wirkt er bei der Charakterisierung der handelnden Protagonisten zu unsicher. Nicht selten greift er auf bekannte Klischees zurück und reduziert fast pragmatisch einige Figuren eher auf ihre vorhandenen Kräfte denn Charakterzüge. Hinzu kommt, dass der Romantiker Andreas Brandhorst seinen Helden eine Frau verschleißen lässt, während mit der Kampfgefährtin und Amazonen Alleeta anfänglich eine ihm nicht an Erfahrung überlegene Frau an die Seite gestellt wird, die der Autor aber schließlich zu einem Frauchen reduziert, das ihre ganze Kampferfahrung über Bord wirft und dem eher ambivalent mit seinen aus dem Nichts hervorgezauberten Kräften agierenden Anymm zu viel vertraut.

 Andreas Brandhorst versucht einen inneren Wandel in Anymm zu beschreiben, der ihn mehr und mehr zu einer Art ferngelegten Statue macht, die nichts mehr den Kameraden gegenüber empfinden kann oder darf. Diesen Weg führt er konsequent zu Ende, aber dann hätte er die Begleiter wie zum Beispiel den überdimensionalen Streiter dreidimensionaler entwickeln müssen.

Brandhorsts Talent zeigt sich vor allem bei den exotischen Science Fantasy Welten, die er entwickelt. Nicht selten verfängt er sich in den Beschreibungen zu Lasten der Handlung und bremst den Spannungsbogen aus. Vergleicht man den Roman mit anderen deuten Science Fiction dieser Epoche zeigt Brandhorst eine erstaunliche Reife bezogen auf seine Welten. Im Laufe der Jahrzehnte wird er diese Fähigkeit weiter ausbauen. „Schatten des Ichs“ ist in dieser Hinsicht aber auch ein frühes Meisterwerk, das vor allem an der anfänglich unbewusst vertrauten, später sich dann doch interessant entwickelnden Handlung und wie angesprochen den eher eindimensionalen Charakteren krank.

Auf der einen Seite Klischees vor allem der Abenteuerliteratur nutzend sind es die mutig exotischen Beschreibungen inklusiv der fremdartigen Sexszenen, welche den Roman aus der Masse anderer Werke trotz der angesprochenen Schwächen hervorheben. Wer gerne die Entwicklung Andreas Brandhorsts als Autor kennenlernen möchte, kommt an „Schatten des Ichs“ positiv gesprochen nicht vorbei.

 

 

9783811836235: Schatten des Ichs

  • Broschiert 300 Seiten
  • Verlag: Moewig, A; Auflage: Orig.-Ausg. (April 1985)
  • ISBN-10: 3811836234
  • ISBN-13: 978-3811836235