Mission to Misenum

Sam Merwin jr.

Das erste Elspeth Mariner Abenteuer “The House of many worlds” beinhaltete zwei Reisen in Parallelwelten, die sie zusammen mit ihrem Fotografen Mack unternommen hat.  „The House of many worlds“ erschien 1951. Zwei Jahre später verfasst Sam Merwin jr. “Mission to Misenum” alias “The three faces of Time”.  Inhaltlich besteht allerdings zwischen den beiden einzigen veröffentlichten Abenteuern eine deutlich größere zeitliche Diskrepanz. Zu Beginn des Romans ist Elspeth Mariner eine sehr erfahrene Reisende, die impliziert viele Missionen der geheimnisvollen Wächter/ Watchers in verschiedene Parallelwelten erfolgreich abgeschlossen hat. Dabei ist nicht nur ihre Erfahrung gewachsen, sondern trotz des Hund- Katze Verhaltens ihrem Partner Mack gegenüber empfindet sie inzwischen mehr als kameradschaftliche Gefühle ihm gegenüber. Diese anfänglich nur blühende Romanze gegenüber dem ersten ab der Mitte des Romans auftretenden Mack ist der schwächste Aspekt des Romans. In „The House of many worlds“ überzeugte Elspeth Mariner als moderne, auch auf ihre Karriere schauende Frau, die den Schwerenöter Mack trotz ihrer eigenen Liebschaften unter anderem mit einem farbigen Offizier und einem jungen Dichter in den beiden im ersten Roman zusammengefassten Abenteuern ein wenig ironisch abfällig behandelt. Am Ende des vorliegenden Romans versinkt sie förmlich in Schwärmereien für ihren zukünftigen „Gatten“, der im Verlaufe dieses im alten Rom spielenden Abenteuers aber keine aktive Rolle einnimmt und vor allem als Charakter im Vergleich zum ersten Roman blass und eindimensional erscheint.   

Während Elspeth und Mack bislang eher selektiv Parallwelten mit Technik und Tips an den richtigen chronologischen Knotenpunkten – eine Idee, welche die Fernsehserie „Sliders“ später ebenfalls übernommen und eher klischeehaft extrapoliert hat – auf Anweisung ihrer Vorgesetzten versorgt haben und so hinter den Kulissen in „The House of many worlds“ allerdings auch augenfällig manipuliert haben, steht die neue Mission unter einem gänzlich anderen Stern. Wie in „Sliders“ und der neuen Pratchett/ Baxter Serie „The long Earth“ gibt es anscheinend eine unendliche Zahl von Parallelwelten, deren Entwicklungen unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Durch einen Zufall ist eine neue Parallelwelt entdeckt worden, die sich technologisch noch auf einem primitiven Stand – entsprechend dem römischen Reich im Jahre 80 vor Christi – befindet.  

Zu Beginn des Romans haben die Wächter beobachtet, dass eine dikatorische Parallweltkultur, die ihre eigene Erde ruiniert hat, sich anschickt, die primitive Welt zu beobachten. Sie haben durch die Sprungtore, deren Nutzen in den vorliegenden Texten eher ambivalent behandelt wird, Truppen, fliegende Panzer und schließlich auch Atomwaffen transportiert. Anfänglich sollte Elspeth die römische Kultur nur beobachten. Sie ist eine der wenigen Helfer der Wächter, welche Latein fließend spricht. Weiterhin sollte sie zum ersten Mal alleine auf Mission gehen, während Mack wo anders eingesetzt wird. Im Geheimen bringen die Wächter aber selbst Truppen in diese Welt, um für einen Erstschlag der Invasoren gerüstet zu sein. Die einzige verifizierte Information ist, dass der Angriff der Invasoren in einem engen Zusammenhang mit einem für Elspeth geschichtlichen Ereignisse am 24. August, 74 vor Christus liegt. Das Problem ist, dass sie auf ihrer anfänglichen Mission die Ereignisse unbewußt so verändern kann, dass dieses Ereignis nicht eintrifft.

Der erste Titel des Romans lautete "The three faces of Time" und trifft den Inhalt eigentlich sehr gut. Der Leser weiß immer noch nicht, ob Elspeths Startwelt seine Erde ist. Viele Hinweise deuten darauf hin, aber angesichts der erstaunlich parallelen Entwicklung der Kulturen kann man sich nicht sicher sein. Die zweite Welt ist die von einer Diktatur herunter gewirtschaftete Welt. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt sich Merwin zumindest impliziert das untergegangene Nazireich als Vorbild und spinnt die Theorie, dass sich ein vergleichbarer Diktator nach dem ultimativen Krieg in eine Kultur absetzen konnte, die seinen Machtstrukturen am ehesten entspricht. Auch über dessen Welt erfährt der Leser verhältnismäßig wenig, so dass Tür und Tor für Interpretationen offen stehen.  Die dritte Welt wird allerdings sehr ausführlich beschrieben. Es ist das dekadente Rom, das sich in einer der wenigen Phasen des Friedens ums eigene Vergnügen kümmerte. Elspeth fühlt sich anfänglich sehr wohl und wird - wie im letzten Band - von Männern umgarnt. Sie hat einen eigenen kleinen Sklavenhaushalt und etabliert sich als erstaunlich unabhängige Frau in dieser Männergesellschaft. Für Ausflüge benötigt sie zwar die Flugwagen der inzwischen im Hintergrund gelandeten Truppen und ihr Auftrag wird immer vager, aber spätestens mit dem Aufschlafgen Macks in dieser Zeit nehmen die Actionszenen zu. In dieser letzten von Sam Merwin verfassten Mission geht es um das Schicksal einer ganzen Welt. Trotzdem fehlt dem Roman eine innere Dynamik. Wie schon angesprochen nimmt die Romanze einen sehr breiten Raum ein. Dazwischen finden sich sehr lange Passagen, in denen der Autor ohne Frage gut recherchiert, aber auch ein wenig zu bunt, zu cineastisch extrapoliert das Leben in einem Rom beschreibt, das eher in den letzten dekadenten Zügen auf der Suche nach einem starken Kaiser liegt. Die fiktive Atmosphäre ist überzeugend und die vielen kleinen, eher blumig geschriebenen Dialoge runden das dreidimensionale Bild dieser so realen und doch parallelen Welt ab. Während sich Elspeth ohne Probleme auf einem sehr gehobenen Niveau akklimatisiert hat, dient Mack eher als Identifikationsfigur der männlichen Leser. Auch er beginnt sich in eine junge hübsche Frau zu verlieben, wobei der Verlust von Juanda am Ende von "The House of many worlds" noch nicht gänzlich kompensiert worden ist. Mack ist ein wenig polterig, aufbrausend, zu direkt und zu wenig diskret. Auch wenn sich am Ende Elspeth in ihren Mack verlieben wird, herrscht keine offensichtliche Chemie zwischen den beiden so unterschiedlichen Partnern. Intellekt trifft auf Muskel, wobei bis auf einige wenige spektakuläre Aktionen das Hirn immer gewonnen hat. In Macks Weltenretterkarriere findet sich der Tiefpunkt am Ende dieses Romans, wenn er beim Abschneiden von einem Baum in ein Erdloch fällt und sich die Schulter verstaucht, während Elspeth bangend daneben steht. Diese Beschreibung wirkt angesichts des Plotverkaufs überzogen.

Obwohl wie schon angesprochen es dieses Mal noch mehr um das Schicksal eines ganzen Planeten, eine Parallelwelterde geht und im hier und jetzt entsprechende Gegenmaßnahmen notwendig sind als in den letzten beiden beschriebenen Abenteuern, in denen es eher um den Ausgleich von Langzeitentwicklungen geht, wirkten die beiden in "The House of many worlds" zusammengefassten Abenteuer deutlich packender und intensiver, für die damalige Zeit wahrscheinlich sogar innovativer.  Sam Merwin hat versucht, zu viele Pulp Aspekte wie die Invasion einer technologisch überlegenen Macht sogar mit Atomraketen in einem Roman zu verarbeiten, zumal die Parallelweltreisenden sich zu schnell akklimatisieren und vor allem hinsichtlich des Höhepunkts zu viele Puzzleteile zusammenfallen. Auch fehlt dem Roman der teilweise subversive Humor des ersten Bandes, während die Figuren mit den angesprochenen Einschränkungen – das gilt auch für die sehr zugänglichen historischen Protagonisten – dreidimensional und interessant charakterisiert worden sind. Es ist schade, dass der Autor diese Reihe nicht fortgeführt hat, denn Potential haben sowohl „The House of many worlds“ als auch die schwächere Fortsetzung geboten.  

                

  • Format: Kindle Edition

  • Dateigröße: 286 KB

  • Verlag: PageTurner (19. Juni 2005)

  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.

  • Sprache: Englisch

  • ASIN: B000FCK7JM