Zuflucht Erde

Conrad Shepherd

1967 veröffentlichte Konrad Schaef als Terra Heftroman 509 „Zuflucht Erde“. Das Heft ist 2019 als E Book nachgedruckt worden. Der Roman erschien unter dem Pseudonym Conrad Shepherd.

Wie bei einigen Terra Heftromanen wird der Plot inklusiv der Pointe direkt unter dem Titel zusammengefasst.  Die Grundidee wird dem Leser aus einer sehr populären deutschen Science Fiction Serie bekannt vorkommen. Aber selbst dort wirkte sie wie eine Extrapolation verschiedener Pulp Ideen.

Lange Zeit könnte „Zuflucht Erde“ bis auf ganz wenige Einschübe auch als utopischer Thriller durchgehen. Durch einen Zufluss kommt der amerikanische Geheimdienst einem russischen Schläfer auf die Spur. Eine junge attraktive Forscherin scheint dort nach Geheiminformationen hinsichtlich eines Sternenmotors zu suchen, welche sie über Umwege in ihre Heimat leitet. Angeblich arbeitet sie nicht alleine. Dr. James Dundee ist in dieser Hinsicht ein herausragender Wissenschaftler am Institut für Quantenlehre und war kurze Zeit auch der Freund/ Geliebte dieser Agentin.

Während diese sich auf die Reise zum Mond begibt, wacht Dundee mit einem Gedächtnisverlust von mehreren Stunden in seinem Appartement auf. Kein Wunder, dass die Geheimdienstler ihn als Verbündeten sehen und festnehmen wollen.

Ihm gelingt die Flucht. Verzweifelt versucht er sich an die fehlenden Stunden zu erinnern und kann nicht glauben, dass die junge Frau wirklich die Agentin einer fremden kommunistischen Macht sein könnte.

Das Ende wird vom Klappentext wie eingangs erwähnt verraten. Es nimmt im ganzen Buch auch nur einen sehr kleinen Stellenwert auf den letzten Seiten ein, wobei Konrad Schaef hier in mehrfacher Hinsicht auch den Zufall bemüht.

Auf der einen Seite steht die Theorie mit der Entwicklung des Sternenmotors, der quasi praktisch am Objekt nicht nur ausprobiert, sondern in eine fremde Technik integriert werden kann. Anscheinend haben die Besucher wider Willen so lange gewartet, bis es Menschen gibt, die sich das theoretische Wissen angeeignet haben. Diese sollen aber auch die Theorie gleich in die Praxis umsetzen.

Der nächste Punkt scheint zu sein, dass die Fremden die Menschen übernehmen können, um so an deren Wissen zu kommen.  Hier bleibt Konrad Schaef ausgesprochen vage. Wird nur der Willen gebrochen, deren Wissen aber erhalten? Müssen nicht Willen und Erfahrung in Einklang gebracht werden, damit die Menschen forschen?  Ab welchem Moment sind es keine Menschen mehr, sondern nur noch Fremde? Hinzu kommt,  das der Autor den Band unbedingt aus einer cineastischen Note schließen möchte und das Finale nur einen Sinn ergibt, wenn die Persönlichkeit der Menschen aufhört zu existieren.

Der Leser erfährt diese Informationen auch nicht aus erster Hand.  Die Geheimagenten unter ihrem ausschließlich reagieren Vorgesetzten versuchen die Fakten zuzuordnen. Das sie dabei keine Kinder von Traurigkeit sind, zeigt das Verhör unter einer Psychohaube, welche beim Opfer – in diesem Fall James Dundee –  schwere Schäden im Gehirn hinterlässt. Und das bei einem Menschen, dessen Wissen hinsichtlich des Sternenantriebs unersetzlich ist.

Dieses Verhör ist auch der späte Wendepunkt des Buches. Die Agenten erfahren, dass es noch eine fremde Macht gibt und „James Dundee“ kennt plötzlich sein Ziel. Handlungstechnisch muss er allerdings schon vorher einmal dagewesen sein, sonst könnte das Finale nicht so ablaufen.

Bis zu dieser Schlüsselszene handelt es sich um einen soliden utopischen Thriller. Konrad Schaef spielt die Paranoia der Behörden gut aus. Der Unglaube, dass in diesem kleinen Kreis von Spezialisten wirklich eine „Anwerberin“ und ihr Partner sitzen, welche die Geheimnisse direkt an Russland weiterleiten.

Konrad Schaef spielt seine Karten geschickt aus und würden Titel sowie Klappentext nicht zu viel verraten, wäre „Zuflucht Erde“ ein früher über weite Strecken packender Roman. Viele offene Flanken, Andeutungen und vermuten inklusiv sehr gut geschriebenen Dialogen und einem guten Gefühl für die richtige Balance aus Hintergrundinformationen und spannungsreichen Tempo überzeugt vor allem die ersten Hälfte.

Hinsichtlich der Struktur des allerdings archaisch Sternenmotor betitelten Antriebs muss Konrad Schaef allerdings auch Kompromisse eingehen. Wie in seinem Debüt „Die unheimlichen Kegel“ ist es nur ein Mann, der überwiegend in seinem Kopf über die Informationen und Theorien verfügt. Während bei „Die unheimlichen Kegel“ die Ausgangsbasis ein im Grunde simpler, aber auch sehr effektiver Einfall ist, erscheint es unwahrscheinlich, dass nur ein Mann Dreh- und Angelpunkt sein könnte. Aber ohne diese Einschränkung funktioniert der Plot nicht.

Konrad Schaef deutet aber an, dass er Clifford D. Simaks Roman „Waystation“ gelesen hat und diesem Meisterwerk die Idee entnommen hat, sich in den Weiten des amerikanischen Hinterland zu verstecken.  Mit diesem auf einer vagen Bemerkung basierenden abschließenden Schwenk verlässt der Autor das Spionagegenre und konzentriert sich auf die wenigen aber auch nachvollziehbaren utopischen Elemente seiner Geschichte.   

Als Ganzes variiert der Autor keine gänzlich neue Idee. Er fügt einige Thrillerelemente hinzu. Versucht den Spannungsbogen mit drei inneren Monologen differenzierter darzustellen und lässt lange Zeit den Leser zusammen mit den wie vor den Kopf geschlagenen James Dundee im Dunkel stehen.  Aber nicht nur James Dundee tappt im Dunkel, die Agenten müssen mehr und mehr erkennen, dass ihr Scheuklappendenken nicht funktioniert. Vor allem als man einen der potentiellen Verdächtigen an einem gänzlich anderen Ort aufspürt. Hier stellt sich dem Leser allerdings die Frage, ob Konrad Schaef den Roman instinktiv geschrieben hat oder absichtlich für die Leser eine falsche Fährt legen wollte., Die erste Szene am Raumbahnhof zu Luna macht den ganzen Plot betrachtend dann wieder keinen Sinn.

 Das Ende ist zwar in der  nicht immer in sich logischen Theorie konsequent folgend, wirkt aber hektisch. Zu Beginn des Romans hat sich Konrad Schaef zu viel Platz genommen, um eine Reihe von Details inklusiv einer langen Barsequenz zu erzählen. Der Platz fehlt ihm am Ende spürbar.  Aber trotzdem endet das Abenteuer auf einer positiven Note und erstaunlich „friedlich“. 

Vor allem, weil die Amerikaner beruhigt sein können. Die Geheimnisse des Sternenmotors sind zumindest nicht den Russen in die Hände gefallen und den Amerikanern steht stellvertretend für die ganze Menschheit der Weg zu den Sternen offen, wo sie impliziert erwartet werden. Von wem auch immer.   

Terra Heftroman 509

Moewig Verlag