Forever Magazine 72

Neil Clarke (Hrsg.)

Neil Clarke möchte in seinem wehmütigen Vorwort mit 2020 abschließen und hofft, dass 2021 alles besser wird. Die drei ausgesuchten Geschichten geben in dieser Hinsicht thematisch keinen Hinweis. Sie stammen alle aus „Isaac Asimov´s Science Fiction Magazine“. Weiterhin sind zwei der Texte schon mehrfach nachgedruckt worden. Robert Reeds Novelle „The Speed of Belief“ sogar online im „Lightspeed  Magazine”. In dieser Hinsicht macht es für Leser von Science Fiction Kurzgeschichten wenig Sinn, auf “Forever” zurückzugreifen.

 Rich Larsons “All that Robot…” – der Titel ist ursprünglich noch ausdrucksstärker gewesen – ist eine Postapokalyptische Geschichte um einen Schnitzer, der versucht, mit den „menschlichen Wesen“ um sich herum eine Art Tauschhandel zu organisieren. Der Hintergrund der Story wird genauso wenig entwickelt wie die Idee, das die künstliche Intelligenz plötzlich nach einer nicht bestimmbaren Zeit Emotionen zeigt. Rich Larson geht noch einen unglaubwürdigen Schritt weiter, in dem die K.I. auf der einen Seite menschenähnliche Roboter bauen und sich direkt mit den wenigen Überlebenden in Verbindung setzen kann, ihre „Kinder“ aber nicht mehr in der Lage sind, rudimentäre Wünsche gegenüber den Menschen auszudrücken. Damit baut der Autor eine Problematik auf, die künstlich erscheint.

Die zugrunde liegende Handlung wird solide entwickelt. Das gegenseitige nonverbale Helfen ist zufrieden stellend und vor allem emotional überzeugend ohne kitschig zu erscheinen entwickelt. Die Protagonistin erscheinen dreidimensional und bis auf die umständliche Kommunikationsbrücke kann der Leser ihren Vorstellungen/Wünschen und vor allem auch Zielen immer auf Augenhöhe folgen.

 Kali Wallace „The River of Blood and Wine“ nutzt im Grunde ein Westernmotiv. Der verlorene Sohn kehrt zwar nicht zum Sterben, aber zum Abschied nehmen zurück. Die Zusammenhänge sowohl seiner Flucht als auch seines abschließenden Verrats kann der Leser vorher erahnen, sie werden ihm aber drastisch am Ende vor Augen geführt. Die Zeichnung der meisten Figuren ist schwarzweiß und vor allem der Vater wirkt eher eindimensional, klischeehaft, aber handlungstechnisch absolut pragmatisch entwickelt.

 Sunan kehrt nach mehr als siebzehn auf den Kolonialplaneten zurück. Dieser wird gerade abgesiedelt. Da die Ureinwohner eine rudimentäre Grundintelligenz haben, müssen die wenigen Menschen ihre Kolonie abbauen. Das Geheimnis der Ureinwohner haben sie absichtlich vor der Konföderation verborgen.

 Ohne zu belehren oder den Leser zu erdrücken eröffnet die Autorin den Hintergrund der Geschichte sehr effektiv. Aus Sunans persönlicher Perspektive mit der ganzen Ablehnung fast aller Menschen wird dessen nachvollziehbares Motiv nach und nach überzeugend herausgearbeitet. Am Ende kann die Autorin sowohl den jungen Protagonisten als auch den Lesern einen Kompromiss anbieten. Einen Moment der Ruhe; die Chance, Erinnerungen aufzusaugen und mit sich zu einem neuen Planeten zu tragen.

 Xiva ist ein unwirtlicher, herausfordernder Planet. Die Beschreibungen erinnern an Alaska, die ersten Siedler an die von der Zivilisation verstoßenen Jäger und Traber, die sich vor allem Abgeschiedenheit und Einsamkeit wünschen.

 Wie in Michael Coneys „Der Sommer geht“ überzeugt der Hintergrund. Ohne Kitsch, ohne Pathos muss Sunan sich von einer Welt verabschieden, die er selbst „zerstört“ hat, um im Grunde Rache zu nehmen. Er war sich der Folgen bewusst, aber er wollte einem anderen Menschen wehtun. So wehtun, wie er es selbst erlebt hat.

 Sein Handeln ist in vielerlei Hinsicht konsequent, auch wenn die Intelligenz der Ureinwohner mehr indirekt betont als aktiv gezeigt wird. Stimmungsvoll, intensiv und spannend hat Kali Wallace einige Versatzstücke der Kolonisten Science Fiction absichtlich auf den Kopf gestellt und mit dreidimensionalen Charakteren eine intensive Familientragödie geschrieben, die den Leser über das Ende der Geschichte trotz einiger kleinerer Klischees nicht mehr loslässt.       

 Robert Reeds „The Speed of Belief“ ist eine weitere Novelle um sein großes Schiff. Wie alle Arbeiten steht sie für sich alleine, nur selten nutzt der Autor aus anderen Kurzgeschichten bekannte Protagonisten. Das verbindende Element ist das gigantische Raumschiff, das die Menschen im All treibend gefunden haben. Die Novelle ist auch eine der wenigen Arbeiten, die außerhalb des Raumschiffes teilweise spielt.

 Drei Menschen sollen auf einem Planeten mit intelligenten Flüssen – eine Idee, die Robert Reed bizarr und ambivalent zugleich behandelt – Verhandlungen aufnehmen, um einen Siedlungsdeal abzuschließen. Die drei Menschen müssen das Raumschiff mit einem unterlichtschnellen Beiboot verlassen.

 Die Dreierbeziehung zwischen Rococo, Amund und Mere ist der Schwachpunkt der Geschichte. Wie die gigantischen Dimensionen des Raumschiffes macht Robert Reed hier den Fehler, dass angeblich Rococo und Mere Amund gar nicht so gut kennen. Das kann aber nur den Beginn der Reise betreffen, denn sie sind in dem kleinen Raumschiff lange Zeit eingeschlossen. Amund ist förmlich von der deutlich älteren Mere besessen. Dabei denkt er nicht weiter als Sex mit ihr zu haben. Amunds Charakter erscheint unterentwickelt, auch sein Pyrrhussieg spricht den Leser nicht unbedingt an.

 Zu den Stärken gehört der exotische Hintergrund. Auf den ersten Blick wirken die exotischen, intelligenten Flüsse bizarr und unrealistisch, da Robert Reed auch kein abschließendes Bild von ihnen zeichnet. Rococo und Mere stehen bei ihren Verhandlungen einem wirklich fremdartigen Wesen gegenüber, das in den Sterblichen kaum adäquate Gesprächspartner sieht. Diese existentiellen Unterschiede will Amund unbedingt überwinden, um auf der einen Seite der „Flussintelligenz“ zu beweisen, dass Sterbliche ihnen ebenbürtig sind, aber auf der anderen Seite auch Mere zu beweisen, dass er ein adäquater Liebhaber ist und intellektuell mit ihr mithalten kann. Eine im Grunde unmögliche Aufgabe.

 Die vielen kleinen Details werden erst im Laufe des Plots zusammengefügt. Zu den überraschenden Momenten gehören die abschließenden Erklärungen. So wird der Verzicht auf den Tiefschlaf verständlicher, als Amund seine persönliche Situation erläutert. Die Flüsse verstehen das eingeforderte Opfer anders als die Menschen. Im Grunde erfüllen sie einem aus dem Trio eine Art Herzenswunsch, wobei das große Schiff auch von der abschließenden Lösung positiv profitiert.

 „The Speed of Belief“ – auch der Titel bezieht sich auf die zwischenmenschlichen Konflikte sowie die schwierige Verhandlung zwischen Menschen und Fluß gleichermaßen – ist eine fordernde Novelle. Keiner der Texte um das Große Schiff ist selbsterklärend. Robert Reed schenkt dem Leser nur die Hintergrundinformationen, welche er absolut notwendig braucht. Das lässt die Novellen karger und reichhaltiger zu gleich erscheinen. Auffällig ist, dass es bei seinen Novellen keine einfachen Lösungen gibt und selbst fast klischeehaft zu nennende Themen wie diese First Contact Story weitreichende Folgen für das Raumschiff haben.

Schade ist, dass die Geschichte durch die verschiedenen Veröffentlichungen im Grunde schon eine ausreichende Verbreitung gefunden hat. Zusammen mit den aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls überzeugenden anderen beiden Texten startet das „Forever Magazine“ mit einer sehr zufrieden stellenden klassischen Science Fiction Ausgabe in das Jahr 2021.   

E Book, 112 Seiten

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