Neil Clarkes schreibt ausführlich über den Post Worldcon Blues und vor allem die vielen Gespräche, die er dort geführt hat. Es sind diese Rückblicke auf die persönlichen Begegnungen innerhalb des Genres, welche den finanziell gebeutelten Herausgeber treiben, das Projekt weiterzuführen.
Douglas F. Dluzen schreibt über eine Tasse Kaffee, welche zumindest im Rahmen wissenschaftlicher Forschung in der Schwerelosigkeit den Menschen helfen kann. Wieder werden griffige Beispiele mit plausiblen Erklärungen verbunden. Ein guter Artikel zu einem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Thema.
Arley Sorg führt zwei Interviews mit Thomas Ha und Martin Cahill. Thomas Ha ist in erster Linie als Herausgeber bekannt geworden. Nebenbei schreibt der auf Hawaii geborene Thomas Ha seit einigen Jahren Kurzgeschichten. Er geht ausführlich auf die Selbstzweifel, aber auch den Beharrungswillen ein, immer weiterzumachen. Martin Cahill arbeitet unter anderem im Marketing und Vertrieb für verschiedene Buchverlage. Daher hat er einen Einblick in die kommerziellen Mechanismen des Marktes.
Claire Jia- Wens „Abstraction is When I Design Giant Death Creatures and Attraction ius When It do it for you” ist eine Geschichte um Monster, aber vor allem wie der Titel deutlich macht eine intensive Liebesbeziehung. Dabei gelingt es der Autorin, auf den wenigen Seiten einen nicht nur überzeugenden Hintergrund zu entwickeln, sondern vor allem auch dreidimensionale Protagonisten. Fiona entwickelt Kaiju Hybride, die beliebten japanischen Monster, die einen Bioengineering Prozess durchlaufen und als Mongos gegen menschliche Piloten wie in den beliebten japanischen Filmen zur Belustigung des Publikums kämpfen sollen. Die Einnahmen dieser in der ganzen Galaxis populären kämpfe dienen der Finanzierung einer ganzen globale Ökologie. Ihre jüngere Schwester Alyssa ist gegen diese Ausnutzung von künstlichen Figuren. Der Pilot Val ist im Grunde ein vergleichbar den Monstren benutztes menschliches Wegwerfprodukt.
Natürlich ist die allgemeine Anklage gegen sinnfreien Konsum, das Befriedigen niederer Instinkte auf einer ausschließlich kapitalistisch unmenschlichen Basis und schließlich die Frage, ob die gezüchteten Monstren nicht zumindest oberflächliche Rechte haben dominant. Während Fiona und Val eher reaktive Charaktere sind, ist die kleine Schwester mit ihrem radikalen, aber auch progressiven Vorgehen die wichtigste Figur der Geschichte. Viele kleine Ideen fließen neben den schon angesprochenen interessanten Charakteren und der liebevollen Hommage an die japanischen Monsterfilme in die Geschichte ein, so dass sich auch Nichtfans dieses Genres im stringenten Plot wohlfühlen.
Sheri Singerlings „Wireworks“ ist eine klassische Familiandrama und Coming of Age Geschichte, in den allerdings originell präsentierten Science Fiction Mantel eingewickelt. Nach dem Selbstmord ihrer Mutter und entsprechenden Schuldzuweisungen an den Vater schließt sich die junge Calista einem Wanderzirkus oder besser „Cyber Circus“ an, wo ihr ein Roboter einen entsprechenden Chip implantiert. Viele Versatzstücke funktionieren mit einer emotionalen Note versehen, wobei die finale Wendung mit einer weiteren heimlichen Implantation eines Chips sehr drastisch erscheint. Die grundlegenden, zu Beginn angesprochenen Probleme werden auf diese Art und Weise nicht gelöst, sondern nur mittels eines Chips überdeckt.
Auch in der nächsten Geschichte „Four People i Need to Kill Before the Dance begins” von Louis Inglis Hall geht es um Künstler. In diesem Fall Tänzer. Der Spannungsaufbau ist langsam, aber nicht phlegmatisch. Der Leser wird ausführlich in deren Welt eingeführt und dieser minutiöse Aufbau wird gegen Ende der Novellette auch belohnt. Eine Enklave in einer postapokalyptischen neuen Eiszeit mag auf den ersten Blick nicht originell oder umwerfend sein, ist aber generell ausgesprochen interessant gestaltet und dient als Kontrast zu den außerirdischen Besuchern, welche sich in dieser unwirtlichen Umgebung einen Vergnügungspalast bauen. Im Gegensatz zu den japanischen Monstren aus der ersten Geschichte werden dieses Mal Tänzerinnen gezüchtet, deren Leben wie Fliegen nur wenige Monate anhält. Sie haben keine Münder und sind extrem zart gebaut. Natürlich ist das „System“ nicht perfekt und die Herrschenden fühlen sich viel zu sicher. Der Titel impliziert eine Rachegeschichte und Louis Inglis Hall agiert zielstrebig. Allerdings benötigt er auch einige Drehungen und Wendungen, die rückblickend konstruiert erscheinen und nicht aus sich selbst heraus entstanden sind. Das macht die zweite Hälfte des längeren Textes deutlich dynamischer, aber auch schematischer. Es sind aber die zahlreichen künstlichen Kreaturen und deren Schicksal, welches den Leser von Beginn an berühren und deren Aufstand man nicht nur emotional, sondern auch direkt auf Augenhöhe verfolgt. Dabei verzichtet Louis Inglis Hall auf Klischees, sondern präsentiert eine dunkle, nicht gänzlich nihilistische, aber teilweise auch verstörend Geschichte, welche die im Auftakttext beschriebenen Kämpfe zwischen den liebevoll gezüchteten Monstren und den Piloten weit in den Schatten stellt.
Der zweite längere Text „Aperture“ von Alexander Jablokov weist eine Reise von technischen Schwächen auf. Die Charakterisierung ist zufriedenstellend, der wissenschaftliche Hintergrund auch überzeugend entwickelt und trotzdem will der Funke nicht auf den Leser überspringen. Das liegt in erster Linie an den schon angesprochenen Schwerpunkten. Immer wieder unterbricht der Autor die sich auch sehr langsam und nicht zufriedenstellend entwickelnde Handlung um Prosper, der auf einem zum Habitat umgebauten Asteroiden lebt. Wer gehört zu einer Crew, welche den Asteroiden zur erneuten Besiedelung vorbereiten sollen. Trotz einiger interner Konflikte gelingt die Mission und Teile der Crew bleiben als Siedler auf dem Asteroiden zurück. Es ist nicht ganz klar, warum die Crew so vorgeht. Die einzelnen Episoden formen keinen zufriedenstellenden Plot und die Aktionen der Protagonisten sind im Kern irrelevant, weil sie keine nachhaltigen Auswirkungen haben. Dabei bietet die Grundidee ausreichend Potential für mindestens eine zufriedenstellende Novelle, wenn nicht sogar einen Roman. Leider die schwächste Geschichte dieser „Clarkesworld“ Ausgabe.
David McGillverays „The Fury of the Glowmen“ geht in Richtung Cyberpunk. Die eine Hälfte der Menschheit ist wired durch ein riesiges neurales Netz, was zu der Rache einer K.I. führt, nachdem Malaysis Politiker und Militärs sie zerstören wollen. So entstehen die glühenden Menschen des Titels. Die Folgen der Angriffe dieser glühenden Menschen verfolgen sowohl der Politiker, welcher die Befehle zum Angriff gegeben hat, sowie eine nicht angeschlossene Studentin. Die Botschaften gehen in den zahllosen Actionszenen unter. Nicht ganz klar ist, ob der Autor vor einer sich immer mehr im Netz isolierenden und damit abhängig machenden Gesellschaft warnen wollte und warum ausgerechnet in Malaysia der Angriff auf die K.I. erfolgte. Die Motive bleiben im Dunkeln, was es nicht ganz einfach macht, den Hintergründen zu folgen. Allerdings bieten die glühenden Menschen und ihre perfide Methode, die „Feinde“ zum Durchbrennen zu bringen, ausreichend Stoff für schaurige Unterhaltung.
„Five Impossible Things“ (Koji A. Dae) ist eine weitere Virtuel Reality Geschichte. In dieser Second World – da die Geschichte aus dem Bulgarischen übersetzt worden ist, heißt sie „Vtora Syiat“) -, die nicht wirklich funtktioniert. Mittels langer Interviews werden die Kandidaten aussortiert. Es geht vor allem um eine schnelle Adaption hinsichtlich der Kunstwelt. Die Protagonistin Alice ist in der Realität schon bettlägerig und jedes Angebot hat ihren Preis. Die Story überzeugt weniger durch die Idee, wie Menschen für die virtuelle Realität ausgesucht werden, sondern dank der Hindernisse, welche sich ihnen in den Weg stellen. Sie bedeuten schwere menschliche Entscheidungen, die sehr gut in dieser originellen Story herausgearbeitet worden sind.
Die siebente und letzte Story stammt von Robert Falco. In „A World of Their Own“ hat die Klimakatastrophe inklusive der starken Stürme schweren Schaden angerichtet. Die Wesen – die Geschichte spielt nicht auf der Erde – haben ihren Planeten inzwischen verlassen und mechanische Hausmeister zurückgelassen, welche sich um die biomechanischen Versionen von längst ausgestorbenen Tiere kümmern sollen. Einer dieser Hausmeister Reco 2 wird an einem Arbeitstag begleitet. Natürlich sind nicht nur der Hausmeister, sondern auch der Tag ungewöhnlich, so dass sich der Leser kein vernünftiges Bild über die wahren Zustände auf diesem allerdings storytechnisch sehr konstruierten Planeten machen kann. Angesichts der technischen Voraussetzungen erscheint es schwer zu glauben, dass der Aufwand für die Hinterlassenschaften und die Kunsttiere nicht progressiver hätte eingesetzt werden können. Im Grunde handelt es sich wie bei „Aperture“ nur um eine sachliche Betrachtung von Vorgängen und keine klassische Geschichte.
„Clarkesworld“ 228 ist eine solide Sammlung von Geschichten mit den Schwerpunkten virtuelle Welten und Apokalypse. Einige der Texte leiden weniger unter den guten Ideen als der zu pragmatischen oder manchmal zu konstruiertem Umsetzung. Nur wenige Texte ragen sowohl inhaltlich wie auch stilistisch in dieser Ausgabe heraus. Das Titelbild ist allerdings wieder eine Augenweide.

