Die Frequenz

Die Frequenz, Jennifer Foehner Wells, Titelbild, Rezension
Jennifer Foehner Wells

Jennifer Foehner Wells "Die Frequenz" ist einer der Science Fiction Romane, die ein alt bekanntes, aber immer wieder gern gelesenes Thema mit Respekt zu den Vorlagen - selbst Carl Sagans "Contact" wird erwähnt - neu aufbereiten, ohne über die charakterliche Ebene hinweg allerdings wirklich neue Ideen anzubieten. Das offene Ende verspricht mehr intergalaktisches Abenteuer, aber bis dahin ist Jennifer Foehner Wells Erstling ein Buch, das vor allem in zwei Teile zerfällt. Da wäre die Hintergrundgeschichte der einzelnen Astronauten und anschließend die Begegnung mit dem gigantischen unbekannten Raumschiff, das in den Tiefen des Sonnensystems anscheinend seit langer Zeit unbeweglich relativ zu den Planeten im All schwebt. Jennifer Wells verbindet die Geschichte mit dem Absturz eines Raumschiffs 1947 in Roswell. Dabei handelt es sich um ein Tochterschiff dieses Schiffes. Es ist einer der Aspekte des Buches, der eher im Hintergrund gehalten zu wenig extrapoliert wird. Auch eine andere, spannungstechnische klischeehafte, aber vielleicht notwendige Idee wird abschließend zu wenig in die laufende Handlung eingebaut. Das Raumschiff befindet sich in der Flugbahn eines Meteoriten. Die Menschen haben nur die Möglichkeit, diese Expedition auf den Weg zu schicken und bei interessanten Funden das Raumschiff mit einer zweiten Mannschaft aus der gefährdeten Zone zu ziehen. Effektiver wäre es gewesen, wenn das erste Raumschiff schon über diese Ausrüstung verfügt hätte, denn ein fremdes, technologisch überlegenes Zeugnis außerirdischen Lebens ist unter fast allen Umständen interessant. Aber bevor dieser Spannungsbogen handlungstechnisch zu relevant wird, hat die Autorin ihre persönliche, stark konstruierte Antwort parat.  

Wie bei einigen anderen Romanen mit vergleichbaren Themen - siehe "Paradox- Am Abgrund der Ewigkeit" - ist die eigentliche Reise in einem kleinen Blecheimer interessanter als die Ankunft. Jennifer Foehner Wells verzichtet zwar im Vergleich zum im Bastei Verlag veröffentlichten Roman auf zu viele Details und ausführliche Beschreibung dieser als Expedition zum Mars von den amerikanischen Behörden getarnten Reise, aber die wenigen Rückblicke bringen die Leser auf den neusten Stand. Mit dem Eindringen in das Objekt ändert sich der Plotverlauf. Die Astronauten sind nicht alleine an Bord. Ohne die Alien Klischees in den Vordergrund zu bringen und die fremde Intelligenz Ei´brai vor allem sehr ambivalent darstellend baut Jenniger Foehner Wells ohne Frage ausreichend Spannung auf. Die Position des Fremden ist nicht eindeutig. Ist er nur ein klassischer und damit auch klischeehafter Beobachter? Ist es kein Zufall, dass er alleine an Bord zurück geblieben ist, während seine Kameraden in Richtung ihrer Heimat aufgebrochen sind? Immer wieder deutet Jennifer Foehner Wells Antworten an, die sie aber nicht extrapoliert. Diese Vorgehensweise ist im mittleren Abschnitt des Buches interessant und vielleicht auch nachvollziehbar, aber mit ihrer Rückkehr zu Erde, dem Absetzen der Crew und der Idee, nicht nur den Amerikaner, sondern der ganzen Menschheit diese fremde Technik zur Verfügung zu stellen, erhebt sie sich als Persönlichkeit aus der Masse. Dabei agiert die Autorin allerdings auch ein wenig proklamierend und vor allem leider auch belehrend. In "Paradox" ist das Ende folgerichtig, in "Die Frequenz" dagegen deutet zu viel auf die wahrscheinlich während des Schreibens schon gedanklich konzipierten Fortsetzungen hin.

Technisch hält sich die Autorin zurück. Das fremde Raumschiff ist eine interessante Spielwiese, eine Mischung aus verschiedenen in erster Linie cineastisch bekannten Flugkörpern. Es bürgt natürlich entsprechende Gefahren, aber immer wieder wird der unfreiwillig an Bord befindlichen Crew auch geholfen. Dazu hat Jennifer Wells eine interessante Balance gefunden. Die irdische Technik ist plausibel und das gegenwärtige Niveau nur ein wenig extrapolierend beschrieben worden. Die fremde Technik ist in erster Linie praktikabel. Die Autorin macht nicht den Fehler,  in die Details zu gehen und jeden Aspekt zu beschreiben. Es geht ihr vor allem um den Nutzen. Dadurch wirken die Szenen erstaunlich plausibel, auch wenn sie als Ganzes betrachtend nicht zu sehr die Handlung vorantreiben, sondern wie eine Art MacGuffin wirken. Manchmal übertreibt sie ein wenig und vor allem die anfängliche Gefahr für das Raumschiff wird aus dem Nichts heraus eliminiert. Hier fokussiert die Autorin sich zu sehr auf ihre wichtigste Protagonisten.

Während die handlungstechnische Ebene zumindest unterhält ohne wie eingangs erwähnt wirklich neue Wege zu gehen, sind es die Protagonisten, welche das Interesse des Lesers länger auf sich ziehen. Obwohl der größte Teil der Handlung in den abgeschlossenen Räumen an Bord der beiden Raumschiffe spielen und dadurch nur eine eingegrenzte Anzahl an Charakteren möglich ist, differenziert Jennifer Wells ein wenig zu stark. Es gibt zu viele eindimensionale, leider auch zu klischeehafte gezeichnete Figuren, die in den Actionszenen als Kanonenfutter missbraucht und entsorgt werden. 

 Im Mittelpunkt stehen mit Dr. Jane Holloway, dem Mitglied der Crew Alan Bergen und schließlich der fremden Inkarnation Ei´Brai drei sehr unterschiedliche Intelligenzen. Am Schlechtesten gezeichnet ist Alan Bergen. Vom ersten Augenblick ihrer Begegnung verliebt sich Bergen in Holloway. Er benimmt sich wie ein Schuljunge immer am Rand des ultimativen Orgasmus. Kaum zu vernünftigen Unterhaltungen fähig träumt er wie auch später Holloway vom ultimativen Sex. Die Autorin macht es ihrem „Mann“ auch nicht leicht. Er kann sich Holloway nicht so nähern wie der Außerirdischen Ei´Brai im metamorphischen Sinne und versucht seinen Außenseiterstatus durch verschiedene Handlungen zu kompensieren. Das in dieser Hinsicht ein wenig kitschige Ende entschädigt nicht unbedingt für die eher einem Heimatroman entsprechende emotionale Handlungsebene. Dr. Jane Holloway wird dagegen ein wenig dreidimensionaler beschrieben. Unglaublich sprachenbegabt ist sie die natürliche Auslese für die Expedition. Nur ist sie keine Indiana Jones. In den Dschungel ist nur eingedrungen, weil ihre Kollegin schwanger geworden ist, ihren Job hat fahren lassen und Holloway die Forschungsgelder nicht verlieren wollte. Dort stand sie allerdings wie im All ihren Mann. Jennifer Wells setzt sich mit dem harten Training genauso auseinander wie den teilweise intimen Details- Windeln immer beim Betreten von fremden Raumschiffen unter den Raumanzug ziehen – der gegenwärtigen Raumfahrt. Ihre Holloway ist eine entschlossene, aber keine nur resolute junge Frau, die ihre Intelligenz nicht wie einen Panzer vor sich her trägt. Sie wirkt ein wenig überzeichnet, wenn sie sich auf Gebieten bewegt, die eigentlich die Spezialgebiete ihrer Mannschaftskollegen sind. Ab der Mitte des Romans bewegt sich die Autorin auf einem sehr schmalen Grat, da die immer stärker werdende Verbindung zwischen Ei´Brai und ihr auch die Idee erweckt, sie ist nicht mehr sie selbst und wird von dem Fremden manipuliert. Trotzdem ist sie eine Bereicherung dieses Buches. Sie ist eine interessante Frau, die wie im Dschungel an den Herausforderungen wachsen muss, ohne dass das ganze Szenario unglaubwürdig erscheint.  Wenn am Ende das potentielle Schicksal der ganzen Erde auf ihre Schultern gelegt wird, droht die sorgfältige, allerdings auch teilweise phlegmatische Exposition an diesem zusätzlichen Gewicht zu zerbrechen. Auch wie sie schließlich mit dem Fremden umgeht, wirkt wie eine Mischung aus exotisch interessant, dann wieder klischeehaft. Auch hier gehören die ersten Passagen zu den stärksten Abschnitten des ganzen Buches.

Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich diese inzwischen mehrere Romane umfassende Saga entwickelt. Alt bekannte Ideen stehen wie die unterschwelligen Töne als erste Kommunikationsidee neuen Variationen teilweise konträr gegenüber. Die Zeichnung der Charaktere schwankt zwischen eindimensional klischeehaft bis überzeugend. Der außerirdische Aspekt hat ohne Frage erst die Spitze des Eisbergs angerissen. Schade ist allerdings, dass dieser ansonsten unterhaltsam und sanft/ leicht zu lesende Roman durch die zu oberflächliche, zu gefühlslose und auf der Dialogebene wenig zufriedenstellende Übersetzung deutlich entwertet wird.     

 

 

  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (14. Dezember 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453316924
  • ISBN-13: 978-3453316928
  • Originaltitel: Fluency