Sülters Warpkernkette: Als Bervis & Braghead Star Trek (fast) getötet haben

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Sülters Warpkernkette

Als ich neulich meine Rick-Berman-Autogrammsammlung entstaubte, schoss mir plötzlich eine Frage durch den Kopf: Wie war das eigentlich damals, als Star Trek fast den Weg ins Sto’Vo’Kor angetreten hätte? Und wer war Schuld daran? Eine gute Gelegenheit, meine Arbeit kurz zu unterbrechen.

Rick nahm, sah und siegte

Zuerst einmal muss ich mich selbstmurmelnd entschuldigen. Rick Berman und Brannon Braga in der Überschrift als Bervis & Braghead zu verunglimpfen, ist wahrlich kein guter Stil. Dennoch erinnern diese Kosenamen eben stark an jene Zeit, als man in den weltweiten Trek-Foren den beiden Produzenten und Autoren den Niedergang des Franchise ankreidete. Die Vorstellung, sie würden ob ihrer teils diskutablen Entscheidungen in ihrem Büro grenzdebil wie das berühmte MTV-Duo vor sich hin kichern, brachte ihnen letztlich diesen nicht allzu freundlichen Spitznamen ein. Doch beginnen wir ganz am Anfang.
 
Rick Berman war bereits seit den sechziger Jahren im Geschäft und hatte als Independent-Produzent sowie Regisseur und Autor verschiedene Dokumentationen erstellt. Ende der Siebziger stieg er mit The Blue Marble ins TV-Geschäft ein und landete einen ersten Erfolg. 1984 dann kam er zu Paramount und wurde schon 1986 zum Vize-Präsidenten des Bereichs zur Entwicklung von langfristigen und speziellen Projekten befördert.

Nur ein Jahr später holte ein gewisser Gene Roddenberry ihn zu Star Trek: The Next Generation, wo er sich bis zur dritten Staffel vom Consulting Producer zum Executive Producer hoch arbeitete. Er galt als Ziehsohn und Nachfolger des Big Bird of the Galaxy, besonders als dessen Gesundheit sich immer weiter verschlechterte. In dieser Funktion machte er TNG zum Hit, konzipierte DS9 und Voyager und war verantwortlich für alle vier TNG-Kinofilme. Die Glanzzeiten des Franchise gehören somit genauso in seine Vita wie der schleichende Niedergang.

Der Brannon, der Brannon, der setzte immer noch einen drauf

Auftritt Brannon Braga. Dieser kam bereits im Alter von 25 Jahren als Fan zu Star Trek: The Next Generation und verdiente sich erste Meriten mit den Drehbüchern zu "Reunion" und "Identity Crisis" sowie seiner ersten eigenen Idee "The Game" (die komplette Crew verfällt einem absurden Sex-Spiel). Danach lief es lange wie geschnitten Brot. Braga sorgte oft für die außergewöhnlichen und abstrusen Episoden, von denen viele zu Fanlieblingen wurden: "Cause and Effect" (gefangen in einer Zeitschleife), "Phantasms" (Data träumt), "Timescape", "Frame of Mind" (Riker versinkt in einer Theaterrolle und wird zunehmend wahnsinnig) oder "Parallels". Doch hatte er auch immer wieder derbe Aussetzer wie "Sub Rosa" (Crusher und der sexy Geist), "Emergence" (ein Baby für die Enterprise) oder "Genesis" (Picard als Zwergpinseläffchen) am Start. Braga polarisierte.

Das änderte sich auch bei bei den Kinofilmen nicht. Generations konnte in Sachen Story nicht überzeugen, First Contact hingegen ist bis heute locker der beste TNG-Film. Und auch bei Star Trek: Voyager ging es exakt nach diesem Muster weiter. Hier lieferte er Highlights wie "Projections" (der Holodoc und seine erste Identitätskrise), "Scorpion" (die Borg und Seven of Nine entern die Serie), "Year of Hell" (Zerstörungsorgie durch Manipulation der Zeitlinie), "Living Witness" (ein Lehrbeispiel für cleveres Star Trek), "Timeless" (ein gealterter Harry Kim rettet seine Kollegen), "Someone to watch over me" (der Holdoc unterrichtet Seven in Liebesdingen) oder "11:59" (Ausflug ins Jahr 2000) und zeigte sich dabei sogar teilweise von einer sehr gefühl- und humorvollen Seite. Doch auch mit Abstürzen wie "Threshold" (Janeway und Paris zeugen Echsenbabys), "Macrocosm" (Janeway als Ripley gegen Glibber-Aliens) oder "Fury" (die traurige Rückkehr von Kes) konnte er immer noch dienen. Braga war während dieser Jahre ein absoluter Hit-and-Miss-Writer. Ohne Rücksicht auf Konventionen ging er auf ein Thema los und riskierte das totale Versagen, schuf dabei aber eben auch zeitlose Klassiker.

Zwei Brüder im Geiste in der Bürokratiefalle

Als mit dem Ende von Star Trek: Voyager schließlich direkt eine neue Serie an den Start gehen sollte, tat er sich erstmals hochoffiziell mit seinem Chef Rick Berman zusammen, um das Konzept einer Serie mit zu erdenken und gerade zu Beginn viele Drehbücher selbst zu schreiben. Ein böser Fehler, wie sich herausstellen sollte.
 
Beide schienen die neue Serie als Wohlfühloase zu verstehen und erkannten nicht, dass sie das jahrelang praktizierte Storytelling nur auf eine andere Crew stülpten und ihrem Prequel jegliche Eigenständigkeit und Treue zum Kernkonzept abging. Dass hier ein großer Faktor die Differenzen mit UPN waren, möchte ich an dieser Stelle gar nicht leugnen. Es wäre unter diesem Gesichtspunkt jedoch besser gewesen, eine gänzlich andere Serie zu erschaffen, als ein halbgares Prequel, das gar keins sein durfte. Nebenbei hätte man aber auch im Rahmen dessen, was man Berman und Braga erlaubte, noch durchaus die Chance gehabt, frischere Geschichten zu erzählen.
 
Kurz gesagt: Die beiden Kollegen haben zwar den Schlüssel zum Süßwarenladen erhalten, sind aber nie über den ersten Grabbeltisch hinausgekommen - schade. Warum Braga dabei vom Start weg zudem vollkommen die Fähigkeit für seine abgehobenen Stoffe verlor und offenbar nur noch in eng gesteckten Bahnen vor sich hindümpelte, ist kaum zu erklären. Franchise-Müdigkeit? Oder ein nicht funktionierendes Team-Gebilde mit dem oft sehr vorsichtigen Berman? Es bleibt ein Rätsel.
 
So schleppte sich die Serie von Beginn an nur auf mittlerem Niveau scheintot ihrem Ende entgegen. Für Euphorie und neue Fans war das zu wenig - letztlich sogar für die alten Fans. Und als schließlich Manny Coto übernehmen durfte, um endlich doch noch ein Prequel aus dem festgefahrenen Konstrukt zu machen, war es längst für alles zu spät.
 
Rick Berman hat definitiv großen Anteil daran gehabt, Star Trek wieder zu einer starken Marke zu machen und danach als Kulturgut zu etablieren. Zunehmend fand er jedoch auch nicht den Mut, mit der Zeit zu gehen und sich dabei auch selbst zu überprüfen. Nummer sicher statt notwendiges Risiko? Berman war sicher nie ein großer Visionär, eher eine Art Verwalter, der lieber das bewahren wollte, was immer funktioniert hatte. Im Sinne von Roddenberry? Vielleicht. Doch auch Roddenberry hätte gegebenenfalls seine Herangehensweise dem Zeitgeist angepasst. Ein Urteil über Bermans Wirken ist somit schwer zu fällen.
 
Brannon Braga hat den verschiedenen Serien viele Impulse durch seine oft nicht alltäglichen Konzepte verpasst und somit für einen ganzen Haufen Glanzpunkte gesorgt. Doch auch er schaffte es zum Ende hin zunehmend nicht mehr, aus festgefahrenen Mustern auszubrechen und steuerte nur noch auf Autopilot.
 
Seit dem Ende von Star Trek: Enterprise sind nun bereits zwölf Jahre vergangen. Unglaublich eigentlich. Rick Berman ist inzwischen 71 Jahre alt und seit 2005 auch nicht mehr wirklich in Erscheinung getreten. Brannon Braga blieb zumindest im Geschäft, wenn auch mit gemischtem Erfolg. Threshold, Fast Forward und Terra Nova scheiterten früh, bei 24 war er eine Weile Produzent und Autor und Salem lief immerhin drei Jahre. Beide haben in ihrer Karriere viel für Star Trek geleistet – das sollte man nicht vergessen. Wünschen wir ihnen für die Zukunft alles Gute.

Das Gras wird gebeten, über die Sache zu wachsen. Das Gras, bitte!

So war es also damals. Mit Star Trek: Nemesis schleppte sich die einst ruhmreiche TNG-Crew mit einem Kinodebakel (aber ohne Braga) ins Ziel und erhielt keinen angemessenen Abschied. Star Trek: Enterprise siechte noch zweieinhalb Jahre weiter, bevor man entnervt den Quotenstecker zog.
 
Sieben Jahre Kinopause und zwölf Jahre TV-Pause vergingen zwar gefühlt wie im Flug, dennoch boten sie offenbar auch ausreichend Raum, das Franchise wieder zu beleben. Im Kino gelang dies dem freundlichen Herrn Abrams (der bestimmt auch irgendeinen gemeinen Spitznamen hat), im TV wird uns in Kürze ein neues Team mit Abenteuern beglücken. Berman & Braga jedoch wird man aller Voraussicht nach nicht mehr in die Nähe neuer Trek-Produkte lassen – ihre Zeit bei Star Trek ist schlicht und ergreifend nur noch Teil der Geschichte.
 
So bleibt es am Ende bei einer ganz simplen Erkenntnis: Wären Rick Berman und Brannon Braga in ihrer Funktion als Trek-Verwalter nicht irgendwann vor Selbstzufriedenheit eingeschlafen, hätten sie vielleicht noch länger den fetten Rahm vom Trek-Kuchen naschen können - oder einen besseren Abgang erhalten. Sie wären den Fans damit vermutlich in besserer Erinnerung geblieben.
    
Hätte, hätte, Warpkernkette. Bis zum nächsten Mal.

Björn Sülter ist als freier Redakteur unter anderem bei Onlinepublikationen wie Quotenmeter, Serienjunkies und auch Robots & Dragons aktiv. Der Autor und Musiker ist Fachmann in Sachen Star Trek. Seit 20 Jahren schreibt er über das langlebige Franchise.

Für Robots & Dragons wird er exklusiv die Entstehung der neuen Trek-Serie mit seiner Kolumne Sülters IDIC begleiten und sobald die Serie startet auch für ausführliche Kritiken zu den Episoden sorgen. Der Name der Kolumne steht stellvertretend für das, was uns Trekkies auszeichnet: Einen offenen Geist zu behalten und die Vielfalt als etwas Wertvolles zu schätzen. Infinite Diversity in Infinite Combinations.

Björns Homepage und somit viele seiner Artikel und Trek-Rezensionen erreicht ihr unter www.sülterssendepause.de

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