DC-Comic-Kritik: Wonder Woman 2: Zwischen Lüge und Wahrheit/Nightwing 2: Blüdhaven

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Wonder Woman Comic Cover

Wer die DC-Comic-Kritiken zu Wonder Woman 1: Die Lügen respektive Nightwing 1: Besser als Batman nachholen will, wird hier beziehungsweise hier fündig. Selbstredend muss in diesem Beitrag auf das bisherige Geschehen eingegangen werden, über Gebühr gespoilert wird jedoch - wie gewohnt - nicht.

Wonder Woman 2: Zwischen Lüge und Wahrheit

Inhalt

Diana steht neben sich, aber selbst Steve Trevor kann sich nicht so recht erklären, weshalb. Der Zeitpunkt ist allerdings mehr als ungünstig, denn Colonel Maru und ihr Team Poison sind den beiden längst auf den Fersen.

Nach diesem Blick in die Gegenwart, folgen mehrere in die Vergangenheit: Nacheinander stehen Dianas Ankunft in unserer Welt, ihr erstes Aufeinandertreffen mit Batman und Superman sowie einige wichtige Ereignisse aus dem Leben der Dr. Veronica Cale, denen eindeutig am meisten Aufmerksamkeit geschenkt wird, im Mittelpunkt der Handlung.

Greg Rucka, ein Meister des Verwebens

Origin-Storys haben unter Freunden der Popkultur mittlerweile fast schon einen schlechten Ruf. Nach all den Neuinterpretationen bekannter Stoffe, die in den letzten Jahren sehr häufig die Kinospielpläne bestimmten, kann man das auch durchaus nachvollziehen.

Und gerade weil dem so ist, muss man eigentlich noch mehr den Hut vor Greg Rucka ziehen. Von allen Rebirth-Titeln kommt sein Wonder-Woman-Run vermeintlich einem klassischen Reboot am nächsten. Dennoch ist er bei genauerer Betrachtung so viel mehr.

Bereits im ersten Sammelband Die Lügen stellte der Autor eindrucksvoll unter Beweis, dass er sich auch bei diesem Projekt nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen würde. Während der Amerikaner zu Beginn jedoch seine Figuren überwiegend im Hier und Jetzt agieren ließ, ohne dabei alle sich ergebenden Fragezeichen der Leser zu beseitigen, gibt er nun in Zwischen Lüge und Wahrheit erstmals Antwort auf sehr viele Fragen - auch auf solche, die bislang noch gar nicht gestellt worden sind.

Wonder Woman Lügen & Wahrheit Rebirth

Mit jeder Seite wird offensichtlicher, dass Rucka nichts dem Zufall überlassen hat, jedem Detail Bedeutung beimisst und es überdies versteht, ein komplexes Erzählgeflecht so zu entwirren, dass man ihm gut folgen kann. Der letztgenannte Punkt wiederum ist vor allem im Umgang-mit-Origin-Storys-vor-dem-man-den-Hut-ziehen-muss-Kontext von Bedeutung.

Der mehrfache Eisner-Award-Gewinner hat seine Rückschauen nämlich so gestaltet, dass sie als eigenständige Geschichten funktionieren, gleichzeitig allerdings das große Ganze spürbar vorantreiben. Man versteht, warum welche Episode aus Dianas oder dem Leben eines anderen Charakters gezeigt wird, hat aber nie das Gefühl, man wüsste automatisch, was als Nächstes passiert. Man bekommt folglich Schlüssiges, jedoch nie Offensichtliches geboten; ein äußerst anspruchsvoller Drahtseilakt, den man in dieser Form erst einmal meistern muss.

Dieser Band stellt eine Art Brücke zwischen dem vorherigen und dem abgeschlossenen Trade Wonder Woman - Das erste Jahr dar, der Greg Ruckas eigene Version von Dianas Vorgeschichte beinhaltet, was stark dafür spricht, dass er sich offenbar sehr bewusst dazu entschieden hat, in seinen Rückblicken die Amazonenprinzessin zwar als eine Art verbindendes Element beizubehalten, sich gleichzeitig allerdings primär um andere zentrale Akteure zu kümmern - in erster Line um Dr. Veronica Cale…

Wenn der Anta- zum Protagonisten wird

Wer erklären will, warum ein Superhelden-Abenteuer nicht zu 100% begeistern konnte, brauchte zuletzt oft nicht lange, um einen mutmaßlichen Grund zu nennen: Der Antagonist wusste nicht zu überzeugen.

Solche Aussagen waren im Zusammenhang mit Film-, jedoch ebenfalls mit Comic-Besprechungen immer wieder zu hören und unterstreichen, wie wichtig die Gegenspieler des Helden für einen Großteil der Fans sind.

Wenn man sich - diesen Fakt im Hinterkopf habend  - noch einmal all das vor Augen führt, was Rucka in seiner - man möchte fast sagen - Diana-Saga macht, erscheint einem sein Vorgehen nur noch bemerkenswerter. Dass ein Autor einen derart ikonischen Charakter wie die Amazonenprinzessin zugunsten seiner Feinde immer wieder bewusst aus dem Spiel nimmt oder zumindest lediglich situativ zweckgebunden einsetzt, ist sehr selten, weshalb es umso positiver auffällt.

Im Grunde werden alle zentralen Momente aus dem Leben der Dr. Veronica Cale nicht einfach bloß nacheinander abgehakt, sondern in Beziehung zueinander gesetzt. Wonder Woman selbst war schon vor ihrem großen Kinodurchbruch den meisten Menschen in den USA ein Begriff, ihre Gegner aber vornehmlich nur den treuen Anhängern. Und die Chefin von Empire Industries käme auch bei besagten weit hinter Hades, Cheetah oder Kirke.

Wonder Woman Lügen & Wahrheit Rebirth

Der Mann, der ebenfalls für (Noch-)Geheimtipps wie Lazarus, Black Magick oder The Old Guard verantwortlich zeichnet, erkannte allerdings das in der Milliardärin, die ungefähr in einer Liga mit Lex Luthor und Bruce Wayne spielt, schlummernde Potenzial. Er erkannte, dass sie alles mitbringt, um Schlüsselfigur seines Runs zu werden. Und man muss rückblickend sagen, dass das nicht nur eine gute, sondern eine hervorragende Idee von ihm war.

Indem Rucka dem Leser Cales Motivation für ihr Handeln schildert, macht er sie diesem Schritt für Schritt sympathischer. Die vermeintlich eiskalte Geschäftsfrau wirkt ab einem Punkt X eher wie eine bemitleidenswerte Person, der übel vom Schicksal mitgespielt wurde. Eine, die sich jedoch als Reaktion darauf nicht verkriecht. Nein, eine, die sich mit allen Mitteln wehrt, was dazu führt, dass mehr und mehr Gegner Wonder Womans erwähnt werden oder sich die Ehre geben. Auf diese Weise gewinnt Frau Dr. in einer ungeheuren Geschwindigkeit an Profil und erreicht damit mehr als manche intergalaktische Bedrohung, mit der es sonst die gesamte Justice League aufnehmen muss.

Nightwing 2: Blüdhaven

Inhalt

Das Geheimnis um Raptor wird endlich gelüftet. Nightwing und sein neuer Mentor, der Bruce Wayne entführt hat, treffen noch ein letztes Mal aufeinander.

Zudem zieht es Dick Grayson nach Blüdhaven. Er hofft, dort nach den aufwühlenden Vorkommnissen der letzten Zeit wieder etwas mehr zu sich zu finden, und zwar ohne Maske. Allerdings muss er sehr schnell feststellen, dass er in seiner neuen Heimat wohl doch nicht allzu schnell auf sein schwarz-blaues Outfit wird verzichten können.

Nightwing, oh Nightwing!

Man muss überhaupt keine Quervergleiche zu den Abenteuern anderer Helden anstellen, aber wenn man Band 1 mit Besser als Batman untertitelt (im Original: Better than Batman), dann darf man als Rezipient auch eine gewisse Erwartungshaltung an den Folgeband haben. Wird man dieser dann jedoch in mehrerlei Hinsicht nicht gerecht, sorgt das fast zwangsläufig bei vielen dafür, dass sie eine an sich recht gefällige Story als Enttäuschung empfinden. Einzig die Bilder, die erneut unter anderem auf Javier "Javi" Fernandez zurückgehen, bilden da eine Ausnahme.

Dass es etwas unglücklich wirkt, dass Nightwing 2: Blüdhaven zunächst den Arc rund um Raptor zu Ende bringen muss, kann man an dieser Stelle erwähnen, ist allerdings zu vernachlässigen, da wir es bei Sammelbänden schließlich immer mit zusammengefassten Einzelfheftausgaben zu tun haben. Auf diese Weise fällt der inhaltliche Kontrast zur nachfolgenden Geschichte jedoch zweifelsfrei noch mehr ins Gewicht.

Nightwing Rebirth 2

Diese setzt nämlich an einem Punkt ein, wo sehr viel ungewiss und in der Schwebe ist. Außerdem hat man erfahren, dass neben dem Rat der Eulen noch eine weitere Geheimorganisation bei Nightwings letzter Mission im großen Stile mitgemischt hat. Diese offenen Fragen hätte man noch nicht direkt beantworten, es hätte dafür aber wenigstens etwas kommen müssen, dass die aufgebaute Spannung zumindest hält - immer mit der Prämisse im Hinterkopf, dass der Plan war, besser als Batman sein zu wollen. Denn selbst ein kurzer Blick auf Tom Kings aktuelle oder Scott Snyders vergangene Batman-Serie genügt, um zu realisieren, dass beide die Grundspannung eigentlich nie haben abflachen lassen.

Blüdhaven macht genau das allerdings beinahe mustergültig. Dick Grayson, der zwar viel außerhalb Gothams im Einsatz war, jedoch stets dorthin zurückgekehrt ist, zieht es nun in eine nur unweit entfernte Stadt, um wieder zu sich selbst zu finden, und das am besten ohne nächtliche Einsätze. Dass das nicht so wirklich funktioniert, liegt auf der Hand. Das Warum beziehungsweise das Wie sind aber wenig überzeugend geraten.

Innerhalb kürzester Zeit setzt sich der ehemalige Robin an die Spitze einer Gruppe ehemaliger Superschurken in Ausbildung, um deren Unschuld zu beweisen. Diese werden nämlich fälschlicherweise beschuldigt, Verbrechen begangen zu haben und rückfällig geworden zu sein, obwohl sie mit ihrer Vergangenheit eigentlich längst endgültig abgeschlossen hatten.

Besagter Fall, der darüber hinaus etwas halbherzig um eine Romanze angereichert wird, ist schlicht viel zu unspektakulär. Man lässt sich viel zu wenig Zeit, um die neuen - zum Teil durchaus sympathischen - Charaktere zu etablieren, lässt Dick viel zu schnell zum “Posterhero von Blüdhaven“ werden und beendet die Angelegenheit zudem derart abrupt, dass es fast an eine Filler-Folge erinnert. Die angesprochenen Anknüpfungspunkte existieren allerdings immer noch. Und zudem waren davor umgesetzte Ideen so gut, dass man ihm ohne Weiteres zutrauen sollte, mit Nightwing 3 vielleicht nicht unbedingt etwas abzuliefern, dass das Prädikat Besser als Batman verdient, jedoch etwas, das wesentlich runder als dieses Trade daherkommt.

Nightwing Rebirth 2

Fazit

Wonder Woman 2: Zwischen Lüge und Wahrheit macht beinahe alles anders als Die Lügen, aber trotzdem im Grunde genommen alles richtig. Greg Ruckas Rebirth-Erzählungen gehören nicht nur zum Besten, was die Wiedergeburt des neuen DC-Universums hervorgebracht hat, sondern müssen auch den Vergleich mit dem, was Verlags- und Genre-übergreifend an Qualitätstiteln aktuell publiziert wird, nicht scheuen.

Das Fehlen von Liam Sharps fantastischen Zeichnungen merkt man aber zugegebenermaßen schon, obwohl sich sogar mehrere seiner Kollegen (unter anderem die junge Bliquis Evely) kreativ austoben durften.

Nightwing 2: Blüdhaven löst nicht das Versprechen ein, das der Vorgängerband zumindest in den Raum gestellt hat und liefert primär lediglich nette Unterhaltung für zwischendurch.  Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass Autor Tim Seeley zuzutrauen ist, noch große Nightwing-Geschichten zu erzählen - das letzte Panel unterstützt in jedem Fall diese Annahme.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Panini Comics/ DC Comics

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