Kritik zu Akte X 11.05 - Ghouli

SPOILER

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Mulder und Scully in Ghouli

Tiefe Nacht auf einem Schrottkahn. Schnitt. Zwei jugendliche, bewaffnete Mädchen befinden sich an verschiedenen Plätzen auf dem Schiff, rennen scheinbar suchend umher und rufen nach einem oder einer Ghouli. Schnitt. Ihre Wege kreuzen sich unerwartet, als ein Mädchen durch die Decke kracht. Schnitt. Merkwürdiges, nicht näher zu identifizierendes Wesen. Schnitt. Wildes Handgemenge mit Messern. Schnitt. Intro.

Was im Auftakt noch wie eine handelsübliche Monster-of-the-Week-Folge von Akte X wirkt, entpuppt sich relativ schnell als getarnte Mythologie-Folge der Serie. Um den Zuschauer jedoch möglichst lange an der Nase herumzuführen, ist "Ghouli" die erste Mythologie-Folge der neuen Staffeln, die nicht den Namen "My Struggle" ("Der Kampf") trägt. Der Titel ist allerdings nicht das Einzige, mit dem das Publikum an der Nase herumgeführt wird.

Denn obwohl eigentlich klar ist, dass es sich bei dem Jungen nur um William handeln kann, wartet man dennoch auf den "Haha! Reingelegt!"-Moment. Sollte es die Macher von Akte X wirklich wagen, nach Jahren William wieder ein Gesicht zu geben? Ihn sogar zumindest auf seine leibliche Mutter treffen lassen? Schließlich hat sich die Serie darauf verlegt, aus William den großen Unbekannten zu machen, der immer aus der Schublade gezogen wird, wenn es gerade passt. Zum Beispiel, um die verletzliche Seite von Scully zu zeigen. Oder die Motivation von Mulder und Scully zu verdeutlichen - überspitzt gesagt ist William das neue 42.

Der Junge aus der Schublade

Vielleicht liegt darin auch der Grund, dass "Ghouli" nicht so recht zünden mag. Die Folge ist unrund und hätte etwas mehr Feinschliff verdient. Zugegeben, jeder X-Phile war sich eigentlich spätestens mit der Nennung des Namens Jackson Van De Kamp sicher, dass es sich bei dem Jungen nur um Scullys Sohn handeln konnte. Aber anstatt relativ schnell klare Verhältnisse zu machen, eiert das Drehbuch herum, bis Mulder schließlich bestätigt, dass die Nicht-Leiche William ist. Immerhin hat das Buch damit für einen schönen Moment zwischen Mulder und Skinner gesorgt, der zeigt, dass Skinner nicht alles egal ist und er aufrichtig betroffen ist, dass William zu den Testpersonen zum Thema Alien-Hybrid gehört. Warum aber die Entscheidung gefallen ist, nicht klarzustellen, ob Mulder auch seine DNA mit der Williams abgeglichen hat, ist ärgerlich.

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Mulder und Skinner auf der Chimera in Ghouli

So hätte man nämlich David Duchovny den erstaunlich rational agierenden Mulder eher abgekauft. Mit dem Auftakt von Staffel 11 ist bekannt, dass Mulder nicht der leibliche Vater ist und zum Großteil erweckt "Ghouli" den Eindruck, als wüsste er dies auch. Zwar gab es im Verlauf der Serie mehr als einmal Momente, in denen Mulder einen kühlen Kopf behalten hat, wenn Scully plötzlich jede Ratio hat missen lassen - aber etwas mehr Emotionen wären an dieser Stelle wünschenswert gewesen. Mulder in Tränen hätte es zwar nicht gebraucht, aber ein paar subtile Andeutungen auf sein Gefühlsleben hätten die Sache runder gemacht.

Wo bei Mulder die Emotionen fehlen, darf Gillian Anderson für Scully einmal die komplette Palette bedienen. Vielen dürfte der Moment, in dem Scully sich bei Williams Leiche für das, was war, entschuldigt, unter die Haut gehen. Aber einige dürften auch ein Problem mit genau dieser Szene haben - denn an dieser Stelle war sie einfach zu viel des Guten. Man kann noch so viel in die Waagschale werfen und das Argument "Mutter" noch verdoppeln - es wirkt letztlich doch zu dick aufgetragen, der Moment hätte leiser unter Umständen stärker gewirkt als so mit dem Holzhammer präsentiert. Die Serie war es nimmermüde, William als Scullys Achillesferse zu darzustellen, sodass es jeder mittlerweile locker verstanden hat und nicht noch so plakativ sehen müsste.

"Aus dem Hintergrund müsste das Drehbuch schießen!" - Verpasste Chancen

Nicht nachvollziehbar ist auch, wie "Ghouli" gekonnt Bögen zu anderen Episoden schlägt, aber offensichtliche Chancen verpasst. Auf dem Weg zum Tatort zitiert Mulder den sogenannten "schlafenden Propheten" Edgar Cayce: "Dreams are today's answers to tomorrow's question." Damit gibt es einen ziemlich holprigen Bezug auf das Thema der Schlafparalyse und den Visionen. Eleganter wäre es aber gewesen, hätte Mulder sich selbst aus der Folge "Aubrey" ("Böse geboren") von Staffel 2 zitiert: "I've often felt that dreams are answers to questions we haven't yet figured out how to ask." Dafür war der Bogen auf die vorangegangene Episode "The Lost Art of the Forehead Sweat" ("Der Mandela-Effek") mit dem Bezug auf Mulder in einem Paralleluniversum elegant und passend amüsant.

Ebenso amüsant gestaltet sich der kleine Throwback mit der Sequenz in Skinners Büro. Wie unzählige Male in der Serie gezeigt, telefoniert er mit Mulder, während sich im anschließenden Schnitt zeigt, dass der Krebskandidat während des Gesprächs anwesend war - hier hat man es sich nicht nehmen lassen, wieder erst das Profil und das Entzünden einer Morley zu zeigen, bevor der Krebskandidat einen Kommentar zu Telefonat abgibt.

Den elegantesten Kniff nimmt man zuerst gar nicht war. Der fleißige Poster auf der Seite Ghouli.net (die man hier in alle Ruhe durchlesen kann) nennt sich "Rever" und entpuppt sich letztendlich als William. Er hat seinen Usernamen nicht ganz zufällig gewählt: rêver ist das französische Wort für träumen.

"Ghouli" hebt sich seinen stärksten Moment aber für den Schluss auf und beweist, dass eine leise Herangehensweise die wohl bessere Entscheidung gewesen wäre. Als Mulder und Scully auf dem Überwachungsvideo erkennen, dass es William war, der da mit Scully gesprochen hat, legt Mulder ihr schweigend die Hände auf die Schultern, um ihr Halt zu geben. Ebenso schweigend greift Scully nach Mulders Hand. Unterlegt ist die Szene mit dem Dialog des Zusammentreffens. Und sorgt damit in wenigen Sekunden für Emotionen, die "Ghouli" in der gesamten Folge nicht geschafft hat ...

Fazit

Ruhe. Eine große Portion mehr Ruhe wäre notwendig gewesen, um aus "Ghouli" eine herausragende Folge zu machen. So springt die Episode teils unnötig in der Atmosphäre umher und versucht, zu viel in eine Folge Akte X zu packen. Der starke Schlussmoment rettet die eher unrunde Episode und stimmt versöhnlich.

Akte X: Der Film
Originaltitel:
X-Files: The Movie
Kinostart:
19.06.98
Laufzeit:
121 min
Regie:
Rob Bowman
Drehbuch:
Chris Carter, Frank Spotnitz
Darsteller:
David Duchovny, Gillian Anderson, Mitch Pileggi, William B. Davies, Martin Landau
Schwarze Blut, das aus der töten Kreatur austritt, sammelt sich und kriecht am Körper des Wilden hinauf.

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