Retro-Kiste: Heute, Morgen oder Übermorgen – Die Hörspielserie Jan Tenner

Wenn man sich die allererste Jan-Tenner-Folge anhört, wundert man sich schon ein wenig, dass die Hörspielreihe in den Achtziger Jahren so erfolgreich war. In Angriff der grünen Spinnen muss sich der Held in eine Riesenspinne verwandeln, um so die Erde zu retten. Die ganze Handlung spielt eindeutig nicht in der obersten Unterhaltungsliga und man befürchtet beim Titel der zweiten Hörspielkassette Tödlicher Nebel, der Held würde sich nun in eine rosa Wolke verwandeln – was nicht der Fall ist. Aber trotz aller Schwächen zeichnen sich in der ersten Episode bereits alle Stärken ab, welche die Serie in den kommenden 45 Folgen auszeichnen sollten.

Im Jahr 1980 veröffentlichte das Hörspiel-Label Kiosk, heute Kiddinx, die erste Hörspielkassette der Science-Fiction-Serie Jan Tenner. Bis 1989 folgten unter der Regie von Ulli Herzog 45 weitere Folgen. Herzog, der in den sechziger Jahren als Radiosprecher für den Sender Freies Berlin arbeitete, übernahm in der gesamten Reihe auch die Rolle des Erzählers.

Die Serie ist, aus Sicht der achtziger Jahre, in einer nahen Zukunft angesiedelt. So gibt es Sonnenkraftwerke, Laserkanonen und Supercomputer. Professor Futura, eine der Hauptfiguren, hat zudem verschiedene Seren entwickelt, die es Menschen ermöglicht zu fliegen, unter Wasser zu atmen, Gedanken zu lesen oder die Gestalt zu verändern. Gesprochen wird der Professor von dem Theaterschauspieler Klaus Nägelen, dessen Stimme auch in den Hörspielreihen Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg zu hören ist, die ebenfalls bei Kiosk unter der Regie von Ulli Herzog erscheinen.

Der eigentliche Held der Serie ist aber der junge sportliche Physikstudent Jan Tenner. Er steht dem Professor als Versuchskaninchen für seine Seren zur Verfügung und muss ein ums andere Mal die Welt retten. Gesprochen wird er von Lutz Riedel, der auch James-Bond-Darsteller Timothy Dalton im Deutschen seine Stimme leiht. Jan Tenner steht bei seinen Abenteuern Laura, die Assistentin von Professor Futura, zur Seite. Sie wird von Marianne Groß (Synchronstimme von Phylicia Rashād als Claire Hanks-Huxtable in der Bill Cosby Show) gesprochen.

Letzte, der ständig auftretende Hauptfiguren, ist General Forbett. Der General will am liebsten alle Problem mit Bomben oder Kanonen lösen, ist im Grunde aber ein gutmütiger Mensch. Ihm leiht Heinz Giese seine Stimme, der unter anderen Yul Brynner in Die glorreichen Sieben synchronisierte.

Die ersten sechs Episoden schrieb Dick Farlow alias H. G. Francis (Die Gruselserie). Danach stammen die Geschichten aus der Feder von Kevin Hayes alias Horst Hoffmann (Perry Rhodan). Der Wechsel der Autoren macht sich in der Serie stark bemerkbar. Bei Francis gibt es immer eine Bedrohung pro Folge, die von Jan mithilfe eines Serums des Professors überwunden wird.

Mit der Folge "Finsternis über Westland" übernimmt Hoffman die Serie als Autor. Jetzt gibt es einen Folgen übergreifenden Erzählbogen, in den durch kleine Korrekturen auch die ersten sechs Episoden eingebunden werden. Den Höhepunkt bildet sicherlich die Suche nach dem Stein der Macht, welche sich über acht Kassetten erstreckt. Trotzdem ist fast jede Jan-Tenner-Episode ohne Vorwissen zu verstehen. Nicht groß weiter entwickelt werden hingegen die Figuren. So bleibt die Beziehung von Laura und Jan immer in der Flirt- und Picknick-Phase stecken.

"Nun Laura habe ich Dir zu viel versprochen, ein Picknick im Mondschein. Du und ich ganz allein im stillen Rockytal. Um uns herum die friedliche Natur und ..."
"Mein lieber Jan, ich habe Deine Einladung zu diesem Picknick nur angenommen, weil ich nach dem Aufregungen der letzten Zeit mal ausspannen wollte. Vergiss das bitte nicht!"

Jan und Laura, Folge 31 "Die Steinzeitseuche"

Jan Tenner und seine Freunde leben im fiktiven Staat Westland, welcher in den ersten Folgen von verschiedenen Aliens bedroht wird. Meist beruhen die Angriffe auf einem Missverständnis, welches am Ende der Episode aus dem Weg geräumt werden kann. Anders ist das bei den aggressiven Leonen, die an die Uranvorkommen der Erde heran wollen. Unter anderem versuchen sie ihre Pläne mit künstlichen Vulkanausbrüchen ("Red-Rock in Flammen"), geheimer Unterwanderungen der Menschheit ("Invasion der Androiden") oder Killerpflanzen ("Angriff der Weltraumpflanzen") zu verwirklichen.

In der zehnten Folge taucht mit Professor Zweistein (Klaus Miedel) zudem ein weiterer wiederkehrender Gegner auf. Mit dem gestohlenen Wissen von Professor Futura versucht der irre Wissenschaftler, die Weltherrschaft zu erlangen ("Der wahnsinnige Professor" oder "Die Zeitfalle").

"Warum sollte Zweistein Mitleid mit Euch törichten Menschen haben?"
"Zweistein, Sie sind doch auch ein Mensch."
"Ich bin ein Genie. Ich bin der erste Übermensch! Werden Sie mit den Leonen allein fertig und halten Sie mich nicht auf."

Professor Zweistein und Oberst Anderson, Folge 17 Zweisteins Falle

1984 führt Hoffmann in "Zweisteins Falle" die beiden Gegner der Menschheit in einer Geschichte zusammen. Jan Tenner, Laura, Professor Futura und General Forbett fliegen mit dem Raumschiff Silbervogel ins Weltall. Nachdem sie die Machenschaften Zweisteins verhindert haben, können sie nicht nach Hause zurückkehren. Die Leonen haben den Planeten besetzt und abgeriegelt. Die einzige Hoffnung zur Befreiung der Erde, ist der sagenhafte Stein der Macht – doch auch Zweistein ist längst hinter dem Artefakt her.

So beginnt ein Wettlauf durch das All auf der Suche nach dem Planeten der 1000 Wunder. Die Helden landen auf einem Planeten mit Vogelmenschen, einer Wasserwelt ("Der Schatz von Lurya"), einen Waldplaneten ("Die grüne Hölle") und auf einem Totenschiff – die wohl gruseligste Folge der Serie. Während der Weltraumodyssee zeigen sich deutlich die Stärken der Reihe. Zum einen der Senses of Wonder, der sich deutlich näher an Flash Gordon als an Star Trek orientiert.

Außerdem wird an Bord des Silbervogels das Zusammenspiel der vier Helden untereinander vertieft und weiter ausgebaut. Mit dem Bordcomputers Mimo (Wilfried Herbst) kommt auch eine neue ständig wiederkehrende Figur hinzu. Der General erhält in Mimo einen Gegenpart, der ihn ständig in Auseinandersetzungen und Streitereien verwickelt.

"General, General, verscherzen Sie sich nicht meine Sympathie, die ich gerade eben für Sie entdeckt habe."
"Ach, Du kannst mich mal!"

Mimo und General Forbett, Folge 17 "Zweisteins Falle"

Nachdem die Erde befreit wurde, folgen ein paar Hörspielkassetten, in denen sich die Helden mit den Hinterlassenschaften der Leonen ("Explosion der Sonne") und den irren Plänen Zweisteins ("Die Steinzeitseuche") herumschlagen müssen. Erst 1986 treten in der Folge "Planet der Puppen" neue dauerhafte Feinde aus einem anderen Universum auf. Jan Tenner muss schließlich im dunklen Imperium gegen das Nichts kämpfen.

Zum Ende der Reihe gibt es jeweils zwei Doppelfolgen mit neuen Bedrohungen. Wobei die beiden Kassetten über das Unterseevolk der Azzarus sicher die bessere Geschichte erzählen. "Invasion der Ginnicks" und "Krieg der Planeten" bieten mit den niedlichen Aliens allerdings die unterhaltsameren Gegner. Auch die 45. Episode "Zweisteins Rückkehr" war 1989 als Doppelfolge geplant. Die Fortsetzung kam aber nicht in die Läden und die Serie wurde von Kiosk im selben Jahr ohne Angaben von Gründen eingestellt. Erst im November 2000 erschien mit "Mimo, der Rächer" die Abschlussfolge der Serie.

Unter den Kinderhörspielen der Achtziger Jahre war Jan Tenner eine der wenigen Science-Fiction-Reihen. Die Serie erfindet das Genre nicht neu und bietet – gerade beim Wiederhören als Erwachsener – zum Teil recht trashige Unterhaltung. Im puncto Emanzipation war die Serie ihrer Zeit sicherlich nicht voraus, was man an Laura sieht. Sie begleitet Jan zwar auf all seinen Abenteuern, es ist aber immer die Frau, welche sich fürchtet und von den Helden gerettet werden muss. Laura ist auch die einzige Figur, außer dem Bordcomputer, die nur einen Vornamen besitzt.

Etwas moderner ist die Rolle des Militärs dargestellt. Gerade an den gegensätzlichen Auffassungen von General Forbett auf der einen und Jan, Laura und Professor Futura auf der anderen Seite, wird immer wieder gezeigt, dass friedliche Lösungen im Konflikt mit Fremden besser sind. Obwohl, gerade Jan Tenner gerne auch einmal seine Fäuste für sich sprechen lässt.

"Die Pistolen kann ich besser gebrauchen als Sie, Commander. Dafür schenke ich Ihnen diesen Kinnhaken."

Jan Tenner, Folge 43 "Invasion der Ginnicks"

Neben den Geschichten, den Helden und ihren Sprechern ist es auch die Musik von Jutta Stahlberg, die den Charme der Hörspiele ausmacht. Diese war in der Neuauflage der Serie Jan Tenner – Die neue Dimension aus dem Jahr 2001 nicht mehr zu hören. Die neue Reihe war Fortsetzung und Reboot zugleich. Die Figuren wurden zum Teil leicht verändert, so ist Laura nicht mehr die Assistentin Futuras, sondern eine Computerspezialistin. Die gravierendsten Änderungen beim Neustart waren wohl die Sprecher, die für Jan Tenner – Die neue Dimension neu besetzt wurden.

Die Zeit für Jan Tenner war 2001 aber abgelaufen. Der Erfolg der neuen Serie blieb aus und so wurde sie nach nur elf Folgen wieder eingestellt, obwohl noch mindestens drei Episoden geplant waren. Ein Held, der mit Hilfe verschiedener Seren die Welt rettet und sich bei Bedarf auch einmal in eine grüne Riesenspinne verwandelt, war nicht mehr zeitgemäß.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Kiddinx

Jan Tenner | Folge 01 - Angriff der grünen Spinnen - HÖRSPIEL IN VOLLER LÄNGE

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