The Promise of Tomorrow: Fazit zur 11. Staffel Doctor Who

Die elfte Staffel hielt, was die Auftaktepisode versprach: Chris Chibnall lieferte als neuer Showrunner einen überzeugenden Einstieg ab, der frischen Wind ins Fandom von Doctor Who bringt. Das schmeckt nicht jedem, muss es aber auch nicht.

Mit Feingefühl und guter Optik

Ein großer Kritikpunkt an den Folgen ist, dass die Rahmenhandlung äußerst dünn und unüberzeugend daherkommt. Durchaus richtig - wenn auch fürs Whoniverse nicht ungewöhnlich -, jedoch auch ein klarer Fall von "Geschmackssache". Die Episoden sind mit dem Fokus auf Charakterentwicklung und der Auseinandersetzung mit gesellschaftsrelevanten Fragen in sich nämlich dennoch überwiegend stimmig und rund. Die Autoren und Regisseure beweisen zudem großes Feingefühl, da die jeweiligen Botschaften zwar deutlich sind, aber nicht belehrend alles überdeckend im Vordergrund stehen.

Auch an weiteren Einstellungen hinter der Kamera wurde kräftig geschraubt. Wie schon vorab berichtet wurde, ist die filmische Qualität gestiegen. Die Verbesserung der eingesetzten CGI sowie mehr Freiheiten in der Cinematographie sorgten für eine zeitgemäßere Optik und wunderschöne Bilder.

Der Sound vom neuen Komponisten Segun Akinola mag sicherlich für manche gewöhnungsbedürftig sein, doch versteht es Akinola gut, sich an der Doctor-Who-Musikgeschichte zu orientieren und mit seinem eigenen Stil zu kombinieren. Variationen wie etwa die Version des Themes im Abspann der Episode "Demons of the Punjab" sind eine große Bereicherung für die Soundtrackbibliothek. Eher untypisch ist der Einsatz von bereits bekannten Liedern, jedoch gerade an Stellen wie etwa der Episode mit Rosa Parks, an denen jedes zusätzliche Wort zuviel wäre, genau richtig platziert.


Repräsentation ist wichtig

Es ist furchtbar ermüdend, ständig etwas davon lesen zu müssen, dass "Feministen und Gutmenschen / Social-Justice-Warrior die Serie zerstört" hätten. Nicht nur ermüdend, ein Ärgernis und meist ohne substantielle Argumente dahinter. Gerne nun auch kombiniert mit dem Vorwurf, dass die aktuelle Staffel viel zu sehr in der irdischen Geschichte spielt. Dabei ist dies eine wichtige Säule von Doctor Who von Beginn an: Kinder für Geschichte zu begeistern und unterschwellig zu unterrichten. Auch politische Kommentare und Aufgreifen  gesellschaftlich relevanter Fragestellungen war von jeher Teil der Serie.

An sich alles nur ein weiterer Beleg dafür, wie nötig der Mut zur Änderung in der Darstellerriege war. Repräsentation ist wichtig. Da sollte eine solch wichtige Instanz der Medienkultur eigentlich schon viel früher drauf gekommen sein. Gerade auch hinsichtlich der britischen Kolonialgeschichte und Bevölkerungsstruktur ein Zugewinn an Glaubwürdigkeit.

Aber selbst wenn einem das Ganze egal sein mag, so hat Vielfalt einen weiteren Vorteil: Die Geschichten werden abwechslungsreicher. So gern ich klischeehafte Darstellung des viktorianischen Londons habe, aber irgendwann ist dann auch mal gut.

Im übrigen ist die Handlung von lediglich drei von zehn Episoden in der Vergangenheit angesiedelt. Drei spielen ungefähr in der Gegenwart auf der Erde - "The Woman Who Fell to Earth", "Arachnids in the UK" über skrupellose Geschäftemacher und "It Takes You Away", in der endlich auch mal eine blinde Schauspielerin eine Blinde darstellen darf. Die übrigen vier spielen in der Zukunft und/oder nicht auf der Erde ("The Ghost Monument", "The Tsuranga Conundrum", "Kerblam!" und "The Battle of Ranskoor Av Kolos"). Ein solider Mix also.

Aus Geschichte(n) lernen

Besonders die Episode "Demons of the Punjab" vereint so viel Gutes. Die Rahmenhandlung mit den Aliens, die alleine Sterbende im Moment des Todes begleiten, ist stimmig. Innerhalb kurzer Zeit werde die gegebenen Spannungen und Emotionen überzeugend transportiert, nicht zuletzt auch wegen der familiären Verknüpfung mit Yas. Es erzählt eine in sich abgeschlossene, runde Geschichte. Darsteller und Landschaft sind für Doctor Who erfrischend neu und wie erwähnt schön eingefangen. Nicht zuletzt hat es direkt im Anschluss der Episode in den Familien Diskussionen angestoßen, denn vielen war die bedeutende Trennung von Indien und Pakistan überhaupt nicht bewußt - obwohl Großbritannien maßgeblich beteiligt war und nicht wenige Briten ihre Wurzeln in Indien beziehungsweise Pakistan haben.

Eine weitere hervorstechende Folge der Staffel ist "Rosa". Vorab bestand durchaus die Angst, dass die Beteiligung von The Doctor und ihrer Crew den mutigen Widerstand von Rosa Parks überschattet. Dies war zum Glück nicht der Fall. Lediglich das Einwirken eines anderen Zeitreisenden, der aus rassistischen Gründen diesen wichtigen Punkt in der Zeit verhindern will, wurde vereitelt. Zusätzliche Tiefe bekam die Episode durch die Tatsache, dass der Doctor und seine Companions nicht nur als Besucher und von Tardis-Timey-Wimey in gewisser Weise in der Geschichte geschützt sind, sondern selbst die harten Auswirkungen des Rassismus ohne Erbarmen zu spüren bekommen und wider ihres Gerichtigkeitsempfinden nicht eingreifen dürfen. Dabei stellt "Rosa" klar dar, dass es keine überwundene Problematik ist, sondern auch heute noch nicht -weiße Menschen alltäglich Rassismus ausgesetzt sind. All das in einer Stunde gut erzählter TV-Unterhaltung.

Die Doctorin und die Quoten

Ja, The Doctor ist jetzt eine Frau. Kommt klar. Auch das muss niemanden gefallen, aber weder inhaltlich noch serienhistorisch spricht irgendetwas dagegen und war längst überfällig. Ich wiederhole: Repräsentation ist wichtig! Viel weiter muss das nun eigentlich echt nicht mehr ausgeführt werden.

Faszinierend ist, wie von mancher Fraktion auf einmal sinkende Quoten geradezu gefeiert und auch falsch verbreitet werden. Meist kombiniert mit dem direkten Hinweis an die BBC, dass sie einsehen sollen, dass die ganze Sache ein Fehler war und doch bitte zurück zu den Wurzeln kehren sollen (welche auch immer damit gemeint sind).

Dabei wird sich die BBC sicherlich nicht über die Quoten beschweren. Es kursieren diverse Zahlen. Der Einfachheit halber halte ich mich hier an die Auflistung im Episodenguide von Wikipedia, die den gängigen "Live-Zuschauer+7 Tage"-Quoten entsprechen. Durch die zunehmende Verbreitung von Streamingangeboten verliert die unmittelbare Live-Zuschauerschaft zum ersten Ausstrahlungszeitpunkt an Bedeutung.

Was will man vergleichen? Auftaktepisode eines jeden Doctors der neuen Generation? Nine mit "Rose" 10.81 Millionen, Ten mit "The Christmas Invasion" 9.84 Millionen, Eleven mit "The Eleventh Hour" 10.09 Millionen, Twelve mit "Deep Breath" 9.17 Millionen und schließlich Thirteen mit "The Woman Who Fell to Earth" 10.96 - und somit höchste Zahl in erster Folge. Sinkende Zuschauerschaft binnen der ersten Staffel? Bei Nine ging es auf 6,81 Millionen runter, bei Ten auf 6,08 Millionen, bei Eleven auf 6,44 Millionen, bei Twelve auf 6,71 und bei Thirteen 6,42. 

Wenn man jetzt bedenkt, dass die vorherige zehnte Staffel noch mit Peter Capaldi und Steven Moffat durchweg unter 7 Millionen blieb und teils auf niedrige 4,73 fiel, kann der Wechsel hin zu Jodie Whittaker und Chris Chibnall auch zahlenmäßig nicht als Verlust gewertet werden.

Fazit

Doctor Who erfährt dringend nötigen frischen Wind, was der Serie sehr gut tut. Natürlich ist nicht alles perfekt, dennoch kann fast jede Episode der Staffel überzeugen. Da sich, abgesehen vom Special an Neujahr, mit weiteren Episoden bis 2020 Zeit gelassen wird, besteht die Hoffnung, dass auch an spannenderen Rahmenhandlungen und Monstern gearbeitet wird. Onwards!

Resolution | First Look - New Year's Special | Doctor Who | BBC America

Doctor Who - Alle Doctors

Originaltitel: Doctor Who
(klassische Serie 1963–1989, TV-Film 1996, seit 2005)
Erstaustrahlung am
23.11.1963 auf BBC One
Aktuelle Hauptdarsteller:
Peter Capaldi (12. Doctor), Jenna-Louise Coleman (Clara Oswald)
Frühere Doktoren:
William Hartnell (1. Doctor, 1963-1966), Patrick Troughton (2. Doctor, 1966-1969),  Jon Pertwee (3. Doctor, 1970-1974), Tom Baker (4. Doctor, 1974-1981), Peter Davison (5. Doctor, 1981-1984),  Colin Baker (6. Doctor, 1984-1986), Sylvester McCoy (7. Doctor, 1987-1989), Paul McGann (8. Doctor, 1996), Christopher Eccleston (9. Doctor, 2005), David Tennant (10. Doctor, 2005-2010), Matt Smith (11. Doctor, 2010-2013), John Hurt (Kriegsdoktor, 2013)
Produzenten: diverse, Steven Moffat (seit 2015)
Staffeln: 35+
Anzahl der Episoden: 826+


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