Des Kaisers abgetragene Kleider - Kritik zu Das Märchen der Märchen

Spoilerfreie Kurzkritik: tolle Kostüme, opulente Ausstattung, dürftige Handlung und fehlender Spannungsbogen. Was fürs Auge, aber leider nicht fürs Gehirn.

Achtung, Spoiler

Das Märchen der Märchen erzählt drei Geschichten. Als erstes begegnen wir dem König und der Königin von Longtrellis, gespielt von John C. Reilly und Salma Hayek. Die Königin versucht seit langem, schwanger zu werden, was ihr bisher nicht gelungen ist. Doch dann verkündet ein natürlich schwarz gekleideter Hexer, dass sie das leicht ändern kann. Sie muss nur das Herz eines Seeeungeheuers essen, das von einer Jungfrau gekocht wurde. Dann wird sie sofort schwanger werden. Ganz so reibungslos läuft das nicht ab. Der König kommt bei der Jagd auf das Ungeheuer ums Leben (weshalb er es selbst jagt, verschweigt der Film), und als die Jungfrau das noch schlagende Herz in kochendes Wasser wirft, wird sie gleich mit schwanger. Am nächsten Tag gebären sie und die Königin einen Sohn. Die beiden Jungen ähneln sich mit ihren weißen Haaren und den verschiedenfarbigen Augen wie Zwillinge. Sechzehn Jahre vergehen. Die Jungen betrachten einander als Brüder, was der Königin nicht passt. Sie versucht, die beiden auseinanderzubringen.

Im exakt gleich aussehenden Königreich Strongcliff verliebt sich währenddessen der König in eine Frau, die er, als er eines Morgens rotzbesoffen durch seine Stadt taumelt, singen hört. Er will sie unbedingt verführen, ahnt jedoch nicht, dass sie alt und hässlich ist. Sie fühlt sich geschmeichelt und stachelt ihn durch die geschlossene Tür an. Doch irgendwann gibt er sich mit ihrer Stimme nicht mehr zufrieden.

Die dritte und letzte Geschichte dreht sich um den König von Highhills (Toby Jones), der sich mit seiner nörgelnden Tochter herumschlagen muss, obwohl er sich viel lieber um den Floh kümmern würde, dem er Tricks beibringt und der zu überraschender Größe heranwächst. Und ja, auch dieses Königreich sieht aus wie die anderen.

Anfangs glaubt man noch, dass Regisseur Matteo Garrone, der mit Das Märchen der Märchen seinen ersten englischsprachigen Film gedreht hat, die drei Geschichten irgendwann zusammenbringen wird, aber das tut er nicht. Bis zur letzten Szene bleiben die Figuren in ihren eigenen Handlungssträngen gefangen. Thematisch gibt es zwar Überschneidungen, denn es geht immer um Menschen, die etwas wollen, was ihnen aus unterschiedlichen Gründen verwehrt wird, aber dabei bleibt es dann auch. Ständig werden Andeutungen gemacht und nicht wieder aufgegriffen. Das fällt besonders in der Geschichte um die beiden Jungen auf, die irgendwann im Sand der süditalienischen Landschaft versickert. Diese Zerrissenheit führt dazu, dass es keinen erkennbaren Spannungsbogen gibt. Der Film plätschert auf seinen 130 Minuten so vor sich hin. Die guten Ideen, die er hat, und davon gibt es einige, kommen nur selten zur Geltung.

Das Märchen der Märchen ist hübsch anzusehen. Die Kostüme sind prächtig, die Bilder episch, aber die Welt selbst bleibt undefiniert und leer. Städte scheinen nicht mehr als  zehn Einwohner zu haben, magische Elemente sind zwar vorhanden, werden aber nicht in ihr barockes Umfeld eingebettet. Das macht sie zu Fremdkörpern, die nur dazu dienen, die Handlungsstränge voranzubringen. Das ist schade, denn in Das Märchen der Märchen steckt ein guter Film - vielleicht stecken sogar drei darin. Aber er scheitert an seiner inneren Zerrissenheit und an Märchenklischees, die er aufgreift, ohne ihnen Neues hinzufügen zu können. Er ist weder Zeit der Wölfe noch Die Braut des Prinzen. Er ist stattdessen wie eine Kutschfahrt durch eine schöne Landschaft. Man sieht sie sich gern durch das Fenster an, aber wenn man zwischendurch mal einnickt, hat man auch nichts verpasst.

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SPOILER immer mit Spoilertag: <spoiler>Vader ist Lukes Vater</spoiler>

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