Geheimwaffe Mensch

Wilson Tucker

Wilson Tucker veröffentlichte seinen Telepathenroman „Wild Talent“ 1953. In den USA erschien das Buch unter dem ein wenig irreführenden Titel „Man from Tomorrow“  ein zweites Mal, denn erstens beinhaltet die Pointe einen Hinweis auf den Status seines Protagonisten und zweitens stammt er nicht aus der Zukunft. Vielleicht könnte er irgendwann den nächsten Schritt auf der Evolutionsleiter darstellen. Entsprechende Vergleiche werden immer wieder in der laufenden Handlung angesprochen.

In Deutschland erschien das Buch bislang zweimal. Einmal als „Der Unheimliche“ im Rahmen der Terra Sonderbände; bei Ullstein in einer neuen Übersetzung mit dem ebenfalls neuen Titel „Geheimwaffe Mensch“.

Der erste Titel „Wild Talent“ ist wahrscheinlich am meisten passend. Paul Breen entdeckt durch einen Zufall, dass er die Gedanken von Menschen lesen kann. Spannungstechnisch hat Wilson Tucker den Roman mit einem Rahmen umzogen, in dessen Verlauf Paul Breen ruhig seinem Mörder gegenübersteht. Den roten Faden nimmt Wilson Tucker abschließend wieder auf.

In Rückblenden erzählt der Autor beginnend in den dreißiger Jahren über den Zweiten Weltkrieg und endend in den Fünfzigern, wie Paul Breen erst im Stillen seine Fähigkeiten für sich entwickelt und schließlich durch zwei Briefe mit Hinweisen auf die Ermordung eines Geheimagenten, dessen Zeuge er während der Weltausstellung in Chicago in den 30er Jahren geworden ist, die Aufmerksamkeit des Militärs auf sich lenkte. Neben zwei Sachbüchern hat Paul Breen die meisten Informationen über seine telepathischen Fähigkeiten aus einem Science Fiction Roman. Wilson Tuckers „Die letzten der Unsterblichen“, den Tucker wie „Wild  Talent“ 1953 verfasste.

Der Roman wird ausschließlich aus der Perspektive Paul Breens erzählt. Mit fast kindlicher Naivität und Urängsten berichtet er davon, wie er diese Fähigkeit mittelbar eher erfahren als erlernt hat. Er fand immer Arbeit bei Menschen, die auch Arbeit zu vergeben hatten. Er wusste, dass am Bahnhof der Mann in Zivil ein Polizist ist. Der Codenamen des erschossenen Agenten hat er von ihm sterbend erfahren. Aber es sind vor allem Fragmente, die er vor allem in den ersten Jahren empfängt und zusammensetzt.

Nach seiner „Entdeckung“ wird er zu einer Art Faktotum. Die verschiedenen Geheimdienste der USA können noch nicht so richtig etwas mit ihm anfangen. Einen Teil seiner Fähigkeit versteckt er auch misstrauisch vor den Vorgesetzten, die er nicht mag. Später erwächst/ erwacht in ihm eine zweite Fähigkeit, welche das Militär forderte, er aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht konnte: Telekinese. Diese Veränderung ist Schlüssel zur Pointe der Geschichte, wirkt aber auch nicht ausreichend genug vorbereitet. Auf der einen Seite ist sie notwendig, um Paul Breen im Grunde zu retten, auf der anderen Seite hebt Wilson Tucker seinen Protagonisten zum zweiten Mal nicht mehr aus der Masse der Menschen, sondern auch aus einer besonderen Elite heraus. Ohne abschließende Not.

Unabhängig von dieser erzähltechnischen Glättung ist der Plot über lange Zeit ausgesprochen intensiv und auf einer zwischenmenschlichen Ebene spannend. Wie später Robert Silverberg, James Blish oder Katherine MacLean zeigt Wilson Tucker für einen Roman der fünfziger Jahre außergewöhnlich früh nachhaltig auf, wie stark ihn diese Fähigkeit auf der einen Seite isoliert, da er immer wieder auch unbewusst mit den Gedanken der Mitmenschen konfrontiert wird und ihn auf der anderen Seite vor allem zu einem Spielball der Militärs als Mitglied der Armee während des Zweiten Weltkriegs und darüber hinaus macht.

Im Unterschied zu anderen Telepathen Romanen entwickeln sich die Fähigkeiten nicht wie eine Art Wasserfall mit einer Flut von Gedanken. Dadurch „merkt“ der Protagonist selbst es nicht wirklich. Es scheint eher wie eine Art Gefühl zu sein, dass er von seinen Gegenseiten empfängt und entsprechend intuitiv handelt. Später arbeitet er an seiner telepathischen Fähigkeit, in dem er beginnt, geistige Abwehrschirme beiseite zu räumen oder auf weitere Entfernung zu espern.

Wilson Tucker beschreibt zusätzlich, wie schwierig es für einen schüchternen Mann ins Militär am Ende des Zweiten Weltkriegs eingezogen ist, mit seinen Mitmenschen zu leben. Anfänglich verliebt er sich in eine auf ihn angesetzte Frau, die sich einige Zeit von ihm abschirmen kann, bevor in mehrfacher Hinsicht ihre Fassade fällt.

Kaum ist der Geheimdienst auf ihn aufmerksam geworden und hat ihn quasi an einen sicheren Ort gebracht, zeigt Wilson Tucker ambivalent, das auch beim Militär nicht alles schwarzweiß ist. Er schließt Freundschaften mit zwei Agenten, die trotz seiner Fähigkeiten in ihm einen Menschen sehen.  Es gibt aber auch den Abteilungsleiter, der in Paul Beene Chance und Risiko zu gleich sieht. Auch wenn es überambitioniert erscheint, soll ein neues Agentennetz vor allem gegen Russland und angesichts des bevorstehenden Koreakrieges  auch China aufgebaut werden, das quasi einseitig durch ihre Gedanken Botschaften über Paul Breene an das Hauptquartier leitet. Damit wird der Telepath zu einem Schlüsselspieler in diesem Netz, was bei einigen Militärs paranoide Ängste hervorruft.

Spannungstechnisch braucht Wilson Tucker einen Antagonisten. Dabei verzichtet er lange auf Klischees, auch wenn der Autor am Ende nur die Klaviatur des Genres spielt. Opportunistisch gewinnt Paul Beene in diesem Fall quasi aus dem Nichts und ohne eine weitergehende Erklärung fast zwanzig Jahre nach der Telepathie eine weitere übernatürliche Fähigkeit hinzu, die er dann im entscheidenden Moment einsetzen kann. Diese ist dann derartig stark ausgeprägt, dass er einen Menschen gegen seinen Willen steuern kann. Diese Drehung wirkt konstruiert, auch wenn sie konsequent fatalistisch den zu Beginn eröffneten Rahmen zufriedenstellend abschließt.

Paul Beene reagiert ausschließlich. Anfänglich ist er ein naiver junger Mann, der nur das Gute auch für sein Land machen möchte. Erst später reift in ihm die Erkenntnis, dass die USA irgendwo vielleicht auch mit der Entwicklung und Nutzung der Atombombe ihre Unschuld verloren haben. Die Jagd nach Verrätern und die Gegenspionage in Russland kostet ihn auch einige Vertraute, die absichtlich vom Abteilungsleiter abgezogen worden sind, um Beene in der Ausbildungsanlage zu isolieren und damit williger zu machen.

„Geheimwaffe Mensch“ ist ein im Kern ambitionierter Roman, der die Anfänge eines neuen Menschentypus beschreibt. Bewundert und gleichzeitig gefürchtet kann dieser „Mensch“ nur überleben, wenn er entweder dominiert; sich trotz seiner überlegenen Fähigkeiten der Masse anpasst oder sich schließlich irgendwo isoliert, um alleine sich weiterzuentwickeln. 

Der Kontrahent ist in diesem Fall nicht das gewöhnliche Individuum, sondern der gesichtslose Geheimdienst.  Interessant ist, dass einzelne Mitglieder des Geheimdiensts Paul Beene als Gleichberechtigten anerkennen, zwar Respekt vor seinen Fähigkeiten haben, aber aus den Bewachern Freunde werden. Statt Beene weiterhin zu bestärken, versucht der Abteilungsleiter natürlich aus niederen Motiven, die sich erst während des doppelten Showdowns offenbaren, ihn zu destabilisieren und dadurch auch zu irritieren. Obwohl dank der Telepathie von Beginn an „geistig“ überlegen, wächst Paul Beene auch als lebensfähiger Mensch an diesen Herausforderungen.

Ein wichtiger Schritt sind zwischenmenschliche Beziehungen zum anderen Geschlecht.  Zusätzlich zu den ihn lange Zeit bewachenden und zu Lebensbegleitern werdenden Agenten begegnet Paul Breene zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die in ihm kein gefährliches Monster sehen, sondern einen Mann. Die Liebesgeschichten wirken ein wenig aufgesetzt und vor allem das Happy End scheint aus dem Nichts zu kommen, aber es gibt dieser vor allem im mittleren Abschnitt dunklen, fast paranoiden und dem amerikanischen Militär der fünfziger Jahre besonders kritisch gegenüberstehenden  Geschichte einen positiven Ausklang.

Trotz seiner Kürze spielt die Geschichte über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. Die Depression; der Zweite Weltkrieg und schließlich der beginnende Kalte Krieg spielen historisch wichtige Rollen und werden effektiv in die Handlung eingebaut. Durch den Blick zeitlich zurück im Gegensatz zu vielen in der Zukunft spielenden Science Fiction Romanen wirkt das Geschehen realistischer und stimmt nachdenklich. Paul Beene ist durchgehend ein sympathischer Protagonist, dessen Coming of Age Geschichte plausibel beschrieben worden ist. Die Dialoge sind auch in der deutschen Ullstein Verlag Übersetzung ausgesprochen gut und pointiert. Wie später Tom Hanks Forrest Gump erzählt er anfänglich den Militärs immer die Wahrheit, auch wenn die Aussagen in deren Augen unglaubwürdig erscheinen. Erst später passt er sich deren Verhalten an, bevor er im letzten Viertel die Initiative übernimmt, weil er sonst wiederholt sein Leben in Gefahr sieht.

Um Paul Beene herum hat Wilson Tucker eine Reihe von zweidimensionalen, pragmatisch agierenden Protagonisten platziert, welche nicht zu sehr von der Hauptfigur ablenken, aber auch eine gute Chemie zu ihm ausbilden können. 

„Geheimwaffe Mensch“ ist ein weiterer Roman aus der Feder Wilson Tuckers, der unterstreicht, dass der Amerikaner gut die schon in den fünfziger Jahren etablierten Kernthemen wie übernatürliche Fähigkeiten in diesem Roman oder Unsterblichkeit – siehe „Die letzten der Unsterblichen“ und „Time Bomb“ - oder Post Doomsday Storys wie „die Unheilbaren“ -  variieren konnte.  Dieses Mal als paranormaler Agententhriller aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den anschließenden kalten Kriegs.   

    

  • Herausgeber : Ullstein GmbH,; TB 3030 , Edition (1. Januar 1974)
  • ISBN-10 : 3548030300
  • ISBN-13 : 978-3548030302
  • Taschenbuch, 126 Seiten