Die Strasse nach Roswell

Connie Willis

Nach dem mit allen wichtigen Preisen ausgezeichneten Doppelroman „Blackout“/ „All Clear“ präsentiert die am meisten mit HUGOs und NEBULAs ausgezeichnete Autoren mit „The Road to Roswell“ einen auf den ersten Blick leichten Schwank, der mit ironischen Seitenhieben in der Tradition der Screwball Komödie nicht nur die zahlreichen Alien Theorien; die seltsamen Science Fiction Filme und mittels eines modernen Planwagens auch die Faszination der Amerikaner mit dem Wilden Westen auf die Schippe nimmt, sondern zwischen den Zeilen sich auch mit ernsteren Themen wie Vorurteile und politische Manipulation auseinandersetzt. Das Thema Screwball Komödie ist in Connie Willis Romanwerk nicht neu. Schon in der Zeitreisegeschichte „To Say Nothing of the Dog“ hat sich die Autorin vor einem ernsten Hintergrund – Zeitreise – mit dem Thema auseinandergesetzt.  Das sie die Idee einer Manipulation der Zeit nicht ganz lassen kann, unterstreicht sie im letzten Kapitel dieses umfangreichen, aber trotzdem sehr flott zu lesenden Romans.

Die Ausgangsbasis ist das klassische Fisch.aus-dem-Wasser Szenario. Francie steht mit beiden Beinen im Leben. Sie  hat einen guten Job, ist allerdings Single. Ihre ehemalige Zimmergenossin und beste Freundin hat einen schlechten Männergeschmack. Connie Willis präsentiert nebenbei einige der Exzentriker, mit denen sie sich im Laufe der Jahre eingelassen hat. Jetzt will sie heiraten. Einen UFO Jünger. Ausgerechnet in Roswell während der jährlichen UFO Convention und natürlich im Roswell Museum. Schon bei der Ankunft am Flughafen wird sie mit einigen der UFO Gläubigen konfrontiert. Sie wird nicht abgeholt, muss stundenlang auf einen weiteren Hochzeitsgast warten, der nicht kommt und leiht sich endlich einen Wagen. Kaum in Roswell angekommen, offenbart sich ihre Freundin. Sie will nicht im UFO Museum heiraten. Ihr Bräutigam kann sie zu diesem Zeitpunkt nicht heiraten, weil angeblich eine neue UFO Sichtung stattgefunden hat und alle Besucher der kleinen Stadt auf der Suche nach der Landestelle sind. Als sie aus dem Wagen ihrer Freundin etwas holen soll, wird sie von einem Etwas im Wagen erwartet und entführt. Es handelt sich um einen aus Tentakeln bestehenden kleinen runden Außerirdischen, dessen Spitzname schnell nach Indiana Jones Indy ist. Er zwingt sie, loszufahren. Dabei kennt er selbst die Richtung nicht.

Wie es sich für einen chaotischen Roadmovie gehört, müssen weitere exzentrische Charaktere an Bord geholt werden. Das beginnt mit einem jungen Tramper, der den UFO Gläubigen Entführungspolicen verkaufen will. Ein ironischer Seitenhieb auf das absurde Szenario, das Connie Willis hier etabliert.  Später kommt ein echter Gläubiger hinzu, der Angst vor der außerirdischen Invasion und Analsonden hat. Connie Willis nutzt seine verschiedenen Ausrufe, um ausführlich auf zahllose Science Fiction Filme hinzuweisen, in denen genau das hier stattfindende Szenario auf eine unterschiedliche Art und Weise durchgespielt wird. Die Fernsehserie „Roswell“ wird auch in die laufende Handlung integriert. Aber damit nicht genug. Eine spielsüchtige ältere Dame wird genauso eingesammelt wie später ein Mann in seinem hypermodernen Wohnmobil entführt. Er nennt es seinen Planwagen. In diesem Wagen findet sich ein Fernsehraum mit einem gigantischen Fernseher und allen Western – ein wenig übertrieben -, die je gedreht worden sind, auf DVD.

Die Zitate aus zahllosen Science Fiction Filmen werden durch Anspielungen und Hinweise aus einer vergleichbaren Zahl von Western ersetzt.

Die bunt zusammengewürfelte Truppe muss nicht nur unter sich klar kommen, was angesichts der verschiedenen Charaktere nicht einfach ist. Vielmehr wandelt sich die unfreiwillige Mission von einer klassischen Entführung zu einer Hilfsmission. Anscheinend braucht der kleine außerirdische Hilfe, weiß aber selbst nicht, wie er vorgehen soll. Als Francie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch den Fremden vor einer Klapperschlange rettet, sind die Fronten geklärt.

Was die Entführten aber nicht wissen, zumindest aber ahnen können, ist, dass nicht nur Außerirdische in der Nähe von Roswell real sind, sondern es eine geheime Behörde geben muss, die ihre „Men in Black“  mit dem FBI zusammen schickt. Und vielleicht gibt es in der isolierten Gemeinschaft auch einen Verräter. 

Connie Willis ist eine der wenigen Science Fiction Autoren, die gerne mit den Klischees des Genres spielen und akzeptierte Prämisse mit einem ironischen Lächeln auf den Schriftstellerlippen auf den Kopf stellen. Ihre inzwischen zahlreichen, hintergrundtechnisch verbundenen Zeitreiseromane und die entsprechenden Novellen bzw. Kurzgeschichten unterstreichen diese These. Keine Zeitreise bleibt ohne Folgen und für die Zeitforscher ist es nicht selten unabhängig von den gefährlichen Orten, an denen sie forschen (London während der nächtlichen Bomberangriffe; das Zeitalter der Pest) , noch gefährlicher, sich in der Vergangenheit richtig zu bewegen.

„Die Straße nach Roswell“ ist in dieser Hinsicht eine deutlich einfachere Lektüre, aber geschickt setzt sie sich mit dem Thema Kommunikation auseinander. Der Außerirdische Indy sieht aus wie ein Steppenläufer, mit zahlreichen Tentakeln, die er wie Peitschen schwingen lässt. Er kann sie scheinbar fast unbegrenzt ausdehnen und unsichtbar machen. Der Begriff von Fesseln bekommt in  diesem Roman eine neue Bedeutung. Er kann aber nicht sprechen und versucht anfänglich, seinen Willen mit einem Wink des Tentakels in die von ihm gewünschte Richtung auszudrücken. Ausführlich beschreibt Connie Willis, wie die Menschen mit Indy trotz zahlreicher Missverständnisse schließlich eine interessante Kommunikation aufbauen. In den letzten Kapiteln mit einigen weiteren Hintergrundinformationen relativiert die Autorin diese Kommunikation mit Hand und Tentakel ein wenig und nimmt der Geschichte etwas von ihrem scheinbar naiven, aber pointierten erzählten Flair.  Im Laufe der Reise rund um Roswell – die im Titel genannte Straße nach Roswell ist nicht gerade – werden Zeichen am Himmel; John  Wayne Western und schließlich auch Untertitel eine wichtige Rolle spielen. Die Kommunikation nimmt einen breiten, für einige Leser vielleicht angesichts der eigentlichen Handlungsarmut im mittleren Abschnitt zu breiten Raum ein. Aber Connie Willis hat sich in ihre Protagonisten verliebt und fokussiert sich auf diese. Vor allem besteht die Interaktion zwischen der kleinen Gruppe Menschen und ihrer jeweiligen Umwelt aus einer Reihe von wirklich lustigen Szenen.

In der Tradition der Screwball Komödie will der Außerirdische irgendwann auf der Reise Francie auch einen Gefallen tun.  Leider kennt er den Unterschied zwischen Braut und Brautjungfer nicht, so dass er auf einer Hochzeit zwischen Francie und dem ebenfalls entführten, Versicherungspolicen verkaufenden Wade natürlich in Las Vegas besteht. Die Hochzeit soll schnell gehen. Daher stehen nicht viele Möglichkeiten zur Verfügung. Connie Willis nimmt diesen Faden inklusive der fehlenden Papiere wieder auf. Romantik pur, ein wenig am Rande des Kitsches mit einer charakterlichen Wandlung einer wichtigen Figur.

Das führt allerdings auch zu einigen inhaltlichen Kompromissen. „Die Straße nach Roswell“ ist kein „Alf“, obwohl es ausreichend Ansätze für einigen sarkastische Querverweise gäben würde. „Alf“ endet schließlich auf einer eher dunklen Note. Connie Willis umschifft diese Klippe, in dem sie inhaltlich in die metaphorische Enge getrieben, den Plot komplett auf den Kopf stellt; einige militärisch- politische Fronten verrückt und das Finale deutlich größer macht.  Hier finden sich einige Ideen und Ansätze, welche die Leser aus eher klassischen Pulp Geschichten schon kennen. Nicht nur die irdischen Gesetze können extrem kompliziert sein. Auch bei den Außerirdischen geht es streng zu. So streng, dass Connie Willis die Regeln fast zu einer Farce macht.

Auch wenn es sich um eine klassische, aber absichtlich von der Grundausrichtung nahe an die Klischees des Genres gesetzte Alien- First Contact Geschichte handelt, relativiert sie vieles und macht aus Schurken Helden, denen mit der entsprechenden Beugung der Gesetze vieles, vielleicht alles verziehen werden kann. Das finale Kapitel trägt dann wieder einen eher anarchistischen Unterton, dessen Reiz den langen Mittelteil der Geschichte dominiert hat.

Die Handlung lässt sich eigentlich in wenigen Worten zusammenfassen. Aber das ist nur ein Teil des Reizes dieses Buches. Wie schon angesprochen sind es beginnend mit dem ersten Auftreten Francies am Flughafen Roswell die Protagonisten, welche trotz ihrer jeweiligen Exzentrik so liebenswert dreidimensional in Szene gesetzt worden sind. Geduldige Leser, deren Fokus nicht auf Action liegt , könnten ihnen wahrscheinlich noch Tage oder Wochen weiter auf diesem seltsamen Roadtrip folgen. So viele kleine Ideen hat Connie Willis nicht nur in die laufende Handlung eingebaut. Routiniert greift die Autorin sie immer wieder auf; verfeinert sie und treibt ihre wenigen menschlichen Protagonisten zur Verzweiflung.  

 Nach dem Chaos am Flughafen und während der Hochzeitsvorbereitungen im UFO Museum trägt Francie ein neongrünes Brautjungfernkleid, während sie von Indie entführt wird. Kleidung ist dem Außerirdischen unbekannt, was zu einigen lustigen Szenen führt. Vor allem, als Indy Francis in normaler Straßenkleidung – ok, nicht ganz normal – nicht wiedererkannt.

Der nächtens aufgesammelte Versicherungsjünger Wade ist neben Francie der einzige Vernünftige in dem Haus. Das kristallisiert sich erst im Laufe der Stunden bzw. Tage im Wagen heraus. Connie Willis schiebt eine entsprechende Erklärung nach und schließt damit einen weiteren inhaltlichen Kreis der Geschichte. Im Gegensatz zur immer am Rande des Wahnsinns reagierenden, aber selten wirklich agierenden Francie ist Wade schwieriger zu charakterisieren. Das liegt nicht nur an seinem später offenbarten Hintergrund, sondern den verschiedenen plottechnischen Wendungen, die Connie Willis einführen muss, damit die Geschichte nicht in zu dunkle Sphären abgleitet. Die Hochzeit in las Vegas ist auch für Wade ein bizarrer Höhepunkt, gleichzeitig absehbar auf der romantischen Ebene auch der entsprechende Wendepunkt der Geschichte. Wade ist final der einzige Charakter, der nicht selten unauffällig agieren muss, während alle anderen Protagonisten durch Indys Auftauchen wie schon erwähnt reagieren müssen.   

Die alte Dame mit dem Hang zu Casinos und der Affinität für das positive Brechen von Wahrscheinlichkeiten ist eine Art ausgleichende Element. Sie findet Indy als Alien niedlich, aber ist viel mehr daran interessiert, ihre Spielleidenschaft auszuleben. Angesichts der Tatsache, dass die Gruppe kaum Bargeld hat und keine Kreditkartenspur hinterlassen möchte, ein überlebenswichtiges Element.  

Der alte Herr in seinem gigantischen Outlaw Wohnmobil – der Planwagen – nimmt offiziell eine Auszeit von der Familie und seinem stressigen Job. Auch hier gehen die Erwartungen der Gruppe an der Realität vorbei. Er liebt Western und will auf seiner Tour durch den Südwesten die legendären Drehorte einer Reihe von Klassikern besuchen. Er ist auch der erste, welcher die Zweckgemeinschaft mit dem berühmten Western „Stagecoach“ vergleich, in welchem auch eine bunte Gruppe von Menschen in einer Postkutsche den gefährlichen Westen durchqueren. Dabei kommt es zu herrlichen Vergleichen. Seine gigantische Filmothek hilft bei der Kommunikation. Seine Vergleich mit verschiedenen Western – begleitend von den entsprechenden Zitaten zu Beginn eines jeden Kapitels – sind für Fans eine Herausforderung, die keine Western kennen. Positiver Höhepunkt ist in dieser Hinsicht der Moment der Erkenntnis, dass sich Indy „The Wild Bunch“ vorgenommen hat.

Natürlich muss zu einer solchen Gruppe aus der lebensunfähige Alienjünger und zweite Nerd stoßen. Bei einer Handvoll Personen auf engem Raum zwei Nerds zu haben – Western und Science Fiction/Aliens/ UFOs – ist für die Gruppendynamik und Balance schwierig. Es könnte hinsichtlich der Balance aus pointierten Dialogen und Action bzw. Handlung zu einem Ungleichgewicht führen. Aber Connie Willis geht geschickt vor. Zuerst sind die Science Fiction Filme bzw. die zahlreichen Klischees um die Landung von UFOs, die kleinen grünen Männchen und die Analsonden dran.  Alles Spinnkram und doch steckt in allem bis auf die Analsonden sogar ein Hauch Wahrheit, der so  unglaublich erscheint, dass der Ufo Jünger als einziger keine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben muss. Denn die neuen Erkenntnis, die echte Wahrheit glaubt ihm sowie keiner und im Grunde verhält er sich wie immer. Mit dem Auftreten des Outlaw Wohnwagens verschiebt sich die Perspektive, die Zitate Freudigkeit von der Science Fiction zum Western. Das tut der Geschichte gut, auch wenn die Reaktionen Wades und Francies auf einige Behauptungen des UFO Jünger in der neuen Konstellation wegfallen.

„Die Straße nach Roswell" ist vieles. Alien Invasionsgeschichte (auch diesen Aspekt gibt es), Alien- Entführungs Story, klassisches amerikanisches Road Movie, teilweise eine romantische Screw Ball Komödie und vor allem der Beweis, dass trotz aller Unterschiede Freundschaft ein wertvolles Gut ist.  Auf dem Road Trip begegnet die Truppe neben Klapperschlangen natürlich Elvis Imitatoren, den üblichen Touristenfallen in und um Roswell, den Hinterlassenschaften der Indianer und schließlich auch den „Men in Black“ auf eine besondere Art und Weise.  Diese Vielschichtigkeit in Kombination  mit einer wunderbaren Erzähler Gabe (immer am Rande des Kitsches, aber keinen Zentimeter drüber) macht nicht nur „Die Straße nach Roswell" zu einem weiteren Höhepunkt in Connie Willis umfangreichen Schaffen, sondern unterstreicht zusätzlich, dass sie als Schriftstellerin vielseitiger ist als ihre schwermütigen Zeitreise/ Weltkriegs bzw Pest Geschichten um die Oxforder Forscher der Zukunft bislang bewiesen haben.

Die Straße nach Roswell

  • Herausgeber ‏ : ‎ Cross Cult Entertainment (4. März 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 536 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3986664262
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3986664268