Player Piano

Kurt Vonnegut

In einer neuen ungekürzten Übersetzung im Vergleich zur ersten Veröffentlichung unter dem Titel „Das höllische System“ legte der Heyne Verlag nach „Die Sirenen des Titans“ und „Galapagos“ Kurt Vonneguts Debütroman neu auf.

Das Buch erschien in den USA 1952 und wirkt wie eine seltsame Mischung aus Vonneguts Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg; dem Einfluss von George Orwells „1984“ mit einer sehr geordneten Gesellschaft und Vonneguts eigenen Erfahrungen bei General Electric. Nicht umsonst hat sich der Autor nach eigenen Angaben bemüht, diese seltsame Welt der Ingenieure als die neuen treibenden Götter des Fortschritts in den Mittelpunkt der Geschichte zu  stellen.

Während in zahlreichen Dystopien die Menschen inzwischen in ihren sterilen Lebensräumen förmlich erdrückt worden sind, zeigt sich Kurt Vonnegut gegen Ende seiner Geschichte als Maschinenstürmer, welcher den negativen Einfluss einer kontinuierlichen Mechanisierung und damit auch den schwinden Einfluss menschlicher Arbeit auf die Produktionsprozesse zu stoppen sucht. Schaut sich ein Leser die Realität gute siebzig Jahre nach der Erstpublikation an, dann hat Kurt Vonnegut in einigen Punkten recht, aber in zahlreichen Ansätzen auch Unrecht. Der menschliche Einfluss auf zahlreiche mechanisierte Vorgänge ist verschwindend gering geworden. Kurt Vonnegut ist noch weit von der Robotik entfernt, welche Arbeitsvorgänge vor allem auch mit der zeitlichen Vorgabe von 24/7 übernommen hat. Die Lebensumstände der aus der Produktion vertriebenen Menschen haben sich nicht verbessert. Auf der anderen Seite gibt es immer noch zu viele unterbezahlte Produktionsabläufe, die in der Dritten Welt Menschen in Hungerlöhnen beschäftigen. Da Kurt Vonneguts Geschichte eindeutig in den USA spielt und der Amerikaner nicht über den eigenen Horizont hinausschauen möchte, wirkt „Player Piano“ mit fortschreitender Lesedauer weniger wie eine klassische Satire, sondern eine Geschichte, die in der nicht selten falsch dargestellten Idylle der amerikanischen Vorstädte spielt. Mit ihren strengen Sitten und Gebräuchen; ihrem Hang zur hässlichen Mittelmäßigkeit, abseits der Ghettos, aber auch weit entfernt von den Superreichen.

Für einen Debütroman finden sich neben dem angesprochenen Klassenkampf zwischen der Bürgerschicht - die Manager und Ingenieure sind der Ansicht, nur aufgrund ihrer technischen Fähigkeiten und bei den Managern Führungsqualitäten läuft die Maschine rund -  und den Arbeitern – Vonnegut präsentiert immer wieder einzelne Exkurse zu den aus Lohn und Brot verdrängten Arbeitern, aber sie stehen an keiner Stelle wirklich im Mittelpunkt der Geschichte – viele Aspekte, welche Kurt Vonneguts kommendes Werk auszeichnen, charakterisieren aber auch in den späteren Jahren ein wenig stereotypisieren. Mit einer falschen sentimentalen Note nutzt Kurt Vonneguts noch nicht die gänzlich bitterböse Ironie, um seine Kritik anzubringen.

Zahlreiche Romane Kurt Vonneguts zeichnet ein roter Faden aus. In diesem Fall sind es die Namensschildern, welche in der ersten Zeile Titel, Vor- und Nachname tragen. In der zweiten Zeile folgt der Hinweis, den Betreffenden mit Vornamen anzusprechen oder ihm fünf Dollar in die Hand zu drücken. In einer wichtigen Sequenz machen sich zwei Protagonisten einen Spaß daraus, eine fünf Dollarnote zwischen sich hin- und herwechseln zu lassen.

Der Roman erschien sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Kurt Vonnegut zeigt auch die Schwierigkeiten auf, eine Kriegswirtschaft vor allem auch mit zahlreichen Frauen in produktionstechnisch relevanten Positionen wieder auf Frieden zu trimmen.  Bei Kurt Vonnegut haben viele Amerikaner im dritten Weltkrieg gekämpft. Dessen Auswirkungen werden aber nicht beschrieben. Es gibt immer wieder Hinweis auf militärisch hierarchische Positionen, aber eine Glorifizierung des Krieges findet nicht statt. In den USA haben die amerikanischen Ingenieure die Wirren des Krieges genutzt, um die Mechanisierung voranzutreiben. Immer weniger Arbeiter werden benötigt. Damit extrapoliert Kurt Vonnegut die schon angesprochenen Entwicklungen in den USA während des Zweiten Weltkriegs.

Der Dritte Weltkrieg lag zehn Jahre in der Vergangenheit, bei Kurt Vonnegut der Zweite Weltkrieg, sieben Jahre bis zum Erscheinen des Buches. Inzwischen arbeiten die Maschinen perfekt und die zurückströmenden amerikanischen Arbeiter werden nicht mehr benötigt. Höchstens als Konsument. Aber diesen Kreislauf ignoriert Vonnegut erstaunlich pragmatisch. Die Handlung spielt in der Kunststadt Ilium, die im Bundesstaat  New York liegt. Die Stadt ist in drei Teile aufgeteilt. Im Norden befinden sich die Maschinen, in deren Nähe die Ingenieure und die wenigen nützlichen Arbeiter leben. Zwei Drittel des Stadt.  Dazu gibt es noch das stetig wachsende Viertel, in dem die inzwischen kommerziell nutzlosen Menschen leben. Die ehemaligen Arbeiter, die Angestellten und ihre Familien. Es sind keine Slums, aber die Lebensbedingungen sind natürlich deutlich niedriger als im industriellen Norden. Diese Ausgangsbasis etabliert Kurt Vonnegut in seinem schwungvollen Prolog, bevor er den Plot auf zwei Handlungsebenen teilt. Das verbindende Element des Auftakts und des Endes ist ein  Mitglied der industriellen Oberschicht: Dr. Paul Proteus. 35 Jahre alt und Manager bei den Ilium Werken.  Sein inzwischen  verstorbener Vater war quasi einer der Gründungsväter dieses Industriekomplexes, auch wenn der Sohn kein reiner Steigbügelhalter ist.

Die zweite Handlungsebene passt besser zu den späteren Werken Kurt Vonneguts. Der Schah von Bratpuhr besucht die USA. Er ist das religiöse und politische Oberhaupt von mehr als sechs Millionen in Armut lebenden Menschen. Auch wenn die Lebensverhältnisse zwischen den USA und Bratpuhr nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie auf eine unangenehme Art und Weise ein Klassensystem, das aufs Wesentliche reduziert aus zwei Kasten besteht: den Habenichte und der vordergründig kapitalistischen, in Bratpuhrs Fall auch religiösen Elite. Im Laufe der für einen Kurt Vonnegut ungewöhnlich stringent erzählten Geschichte werden die gegenseitige Abhängigkeiten dieser beiden Kasten überdeutlich.

Besser als sein Protagonist Dr. Paul Proteus könnte niemand ins System passen. Sein Vater ist eine Art technischer „Anführer“ gewesen, dessen allerdings eher theoretische Kontrolle über das ganze industrielle Produktionswesen auf seinen Sohn abfährt. Es ist eher eine Art legendärer Ruf, dem Paul nicht gerecht werden kann und auch nicht gerecht werden wird. Kurt Vonnegut fokussiert sich in seinem Roman auf wenige Charaktere und muss deswegen auch hinsichtlich ihrer Arbeit im System Kompromisse eingehen. Daher wirken einzelne Abschnitte des Romans ausgesprochen ambivalent und bleiben hinsichtlich der technischen Details vage. Das ist ein schwieriger Balanceakt, da der Leser zusammen mit dem privilegierten Paul Proteus auf ein Ganzes schaut, das es in dieser Form im Roman nicht gibt.

Dr.  Paul Proteus fühlt sich  hinsichtlich seiner Rolle im System unwohl. Dieses Gefühl betont der Autor immer wieder, ohne das es Beweise gibt. Aber der Absolutismus des Systems wird sowieso in dem Augenblick aufgebrochen, in welchem Pauls guter Freund Ed Finnerty ihm mitteilt, dass er seine Ingenieurposition aufgibt und wegzieht.

Die beiden Freunde besuchen auf einem letzten Ausflug noch einmal die Arbeitersiedlungen, in die faktisch arbeitslosen Menschen in ihren gleichförmigen Häusern unausgefüllt vor sich hin vegetieren. Sie treffen dort auf ein Mitglied der „Ghost Shirt Society“, welcher ihnen aufzeigt, dass sie  von dem höllischen System profitieren und sich an den Menschen bereichern. Im Laufe der Geschichte wird erst Finnerty, später der zweifelnde Proteus an einer potentiellen Revolution gegen die Maschinen teilnehmen.

Allerdings ist Paul Proteus noch nicht so weit. Er kauft sich eine Farm auf dem Lande. Inklusive eines Verwalters, der darauf besteht, dass sich nichts  ändern darf. Die Gespräche zwischen Paul Proteus und dem eher einfachen Menschen wirken teilweise bizarr. Er nimmt keine Befehle entgegen, sondern nur Wünsche. Größere Änderungen darf es nicht geben. Später kommt heraus, das dessen Vater die Farm verkaufen musste. Wie vieles wirkt diese Exkursion in die Landwirtschaft eher aufgesetzt und künstlich, um eine entsprechende Theaterbühne für die eigentliche Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine zu schaffen, die getreu der Idee der satirischen Übertreibung nicht stattfinden wird.

Dabei greift Kurt Vonnegut auf einige Klischees zurück und entwirft im Grunde auch eine Antithese zu „1984“. In Orwells Roman werden die Abtrünnigen vor Gericht gestellt und schließlich auch verurteilt. Auch in Vonneguts Roman gibt es einen entsprechenden Prozess mit ausführlichen, für einen Debütanten erstaunlich pointierten und doppeldeutigen Dialogen. Aber zu diesem Zeitpunkt brennt im metaphorischen Sinne schon die Bude und die Menschen wenden sich zumindest kurzzeitig gegen die Maschine.  Wobei die ersten Ansätze mit einem mechanisierten Klavier, auf das ein Mensch eher verzweifelt hämmert oder die Aufzeichnung der Bewegungen eines Maschinisten für die Maschinen schon die Richtung andeuteten. Der nächste Schritt wäre die Symbiose von Mensch und Maschine zu einem neuen Wesen, an dem Kurt Vonneguts kleine Welt allerdings nicht genesen kann.

Bei Kurt Vonnegut handelt es sich aber um einen Sturm im Wasserglas. Die ganze Handlung spielt ja nur in einer Superstadt von eher ambivalenten Ausmaßen. Anscheinend gehört auch ein wenig Land zu dieser Stadt. Dr. Paul Proteus Fall aus dem väterlichen Pantheon in die „Hölle“, aber auch innerlich die Rückkehr zu einem emotionalen Menschen spielt sich auf wenigen Quadratkilometern ab. Daher beschreibt Kurt Vonnegut auf der einen Seite eine potentielle Revolution, die sich auf der anderen Seite aber nicht ausbreitet und somit vom ersten Augenblick an auf verlorenem Posten steht.

Kurt Vonnegut beschreibt nicht nur den sozialen Horror einer ganzen Generation von Menschen, die nicht mehr benötigt werden. Für welche der intellektuelle Wandel, das Streben nach neuem Wissen und damit anderen Tätigkeiten zu spät kommt. Nicht umsonst gibt es in „Player Piano“ auch keine Alternativen.  Politisch rückt Kurt Vonnegut sein Werk nahe an die sozialistischen Utopien an, in welchen die Menschen in Paradiesen von Luft und Liebe (zum jeweiligen kommunistischen Anführer natürlich) gut leben können. Der große Unterschied liegt in der Betrachtung. So hasst Pauls Frau diese Menschen, weil sie ohne die Ehe mit dem privilegierten Paul Proteus ebenfalls zu diesen gesichtslosen Massen gehören würde.   

Der ausländische Besucher wirkt wie ein störendes Element. Aus einer anderen, rücksichtsloseren Gesellschaft kommend sieht er die Amerikaner in ihrem theatralischen Hang zur Übertreibung eher als dekadent an. Über sein Volk erfährt der Leser zu wenig, um sich ein Urteil zu bilden. Aber der Blick von außen – Paul Proteus schaut von oben zusätzlich – ist zu eng, zu wenig überdreht, als dass er wirklich überzeugen kann. In seinen späteren Romanen werden deutlich exzentrische Figuren ganz anders auf die amerikanische Gesellschaft schauen und deutlich härter urteilen.

Daher wirken einzelne Abläufe erstaunlich gesittet. Vor allem in der vorliegenden ungekürzten Fassung, die sowohl Kurt Vonneguts satirisch stilistischen Blick auf die elitäre Sprache der Ingenieure hervorhebt wie auch das Klassendenken dieser kleinen Könige der Maschine. Für diesen teilweise ausführlichen Blick vernachlässigt Kurt Vonnegut manchmal auch einzelne Handlungsfäden, so dass der Leser nach einem guten Auftakt erstaunlich viel Geduld im relevanten mittleren Abschnitt mitbringen muss.

Zurückkehrend zur Ausgangslage ist „Player Piano“ heute eher schwer als erster satirischer Bick auf die fortschreitende Industrialisierung und vor allem das seltsame Gehabe innerhalb der amerikanischen Großfirmen anzusehen. In diesem Punkt ist die Geschichte gealtert, da Kurt Vonnegut seinen Mitmenschen über Generationen und nicht nur in der Gegenwart der fünfziger Jahre keine intellektuelle Entwicklung und damit auch keinen technisch- sozialen Fortschritt zutraut. Damit der Roman funktionieren kann, muss alles so bleiben, wie es ist. Nur mit höhere Produktivitätsleistung und damit mehr Menschen, die keine einfache Arbeit haben. Diese inzwischen kritisierten Transformationsprozess der Wirtschaften der ersten Welt weg von der reinen Fließbandproduktion in den Dienstleistungssektor und anschließend auch die entsprechende Verlagerung der Produktion in die Billiglohnländer konnte Kurt Vonnegut noch nicht erkennen und konzentrierte sich in dieser falsch als Science Fiction titulierten Satire auf die reine Verdrängung von einfachen Jobs durch die fortschreitende Technisierung der Großindustrie. In den fünfziger Jahren muss sich Vonnegut angesichts des mit einiger zeitlicher Verzögerung beginnenden Weltwirtschaftswachstum inklusive neuer billiger Haushaltstechnologien wie ein Rufer in der Wüste vorgekommen sein.  In den USA war das Ersetzen der einfachen Arbeiter durch die immer schneller laufenden Fließbänder zwar im vollen Gange, aber die generelle Arbeitslosigkeit sehr niedrig. Ein Jahr nach der Veröffentlichung des Romans erreichte sie mit 2.5 Prozent ihres niedrigsten Stand, in den ganzen fünfziger Jahren lag sie durchschnittlich bei 5.2 Prozent. Und das trotz der zurückkehrenden Soldaten Generation. Dagegen steht ein Wirtschaftswachstum von fast vierzig Prozent in den fünfziger Jahren. Die Kaufkraft der Arbeiter stieg überdurchschnittlich, so dass Kurt Vonneguts auch heute noch als Frühwerk zu lesende Warnung vor der Entmenschlichung der Arbeit 1952 als Science Fiction zur Überraschung des Autors veröffentlicht worden ist. Jahrzehnte später sind einige Ideen Vonneguts von der dunklen Realität eingeholt worden, aber niemals hat ein Autor eine Revolution von innen so diszipliniert und trotzdem satirisch erkennbar beschrieben wie Vonnegut in „Player Piano“.  Und niemals lag ein in der Theorie Science Fiction Autor mit seinen Visionen so abseits des Zeitgeists wie Kurt Vonnegut mit diesem Buch, als er es 1952 veröffentlichen konnte. Aber Phantasie und Realität werden in den nächsten Jahren immer wieder aufeinandertreffen.

Generell ist die ungekürzte Veröffentlichung dieses Frühwerks allerdings ein wichtiger Meilenstein, um Kurt Vonnegut weniger als Generautor, sondern als Satiriker und damit auch Prophet der dunklen Zeiten, basierend auf den Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs, besser einordnen zu können.

 

Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag

  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 14. Mai 2025
  • Auflage ‏ : ‎ Neuausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 464 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453322665
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453322660
  • Originaltitel ‏ : ‎ Player Piano

Player Piano: Roman