Arborealität

Rebecca Campbell

„Abnormalität“ – der Titel trifft den Plot nicht ganz, denn im Grunde handelt es sich um eine Abkehr von dieser Abnormalität und eine Rückkehr zu einem Leben im Einklang mit der mehr und mehr wieder dominierenden Natur, also eine Rückkehr zur Normalität – ist ein Mosaikroman der Kanadiern Rebecca Campbell, überzeugend übersetzt durch Barbara Slawig. Die insgesamt sechs Episoden stehen bis auf das angesprochene, durchlaufende Thema und einzelne Charaktere auch für sich. Manchmal wird auf Aspekte der vorangegangenen Storys wie das „Kontrollierte Abbrennen“ – auch eher ein ironischer Titel- und deren Folgen verwiesen, aber es gibt nur die chronologisch/ zeitlich vorgegebene Reihenfolge, in welcher die Geschichten gelesen werden müssen. Wichtig ist nur, dass der Leser mit „Sondersammlungen“ anfängt und mit „Die Baumkathedrale“ aufhört. Dazwischen kann mit Einschränkungen gemischt werden, wobei die beiden längsten Texte „Ein bedeutender Fehlschlag“ und „Die Baumkathedrale“ Schlüsselnovellen sind.

 Seit einigen Jahren erscheinen die Geschichten der 1975 geborenen Rebecca Campbell in den wichtigsten Magazinen wie „Clarkesworld“ oder „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“. Sie wurde unter anderem mit dem Suburst Award ausgezeichnet und vor den vorliegenden Mosaikroman erhielt sie den Ursula K. le Guin Preis.   

 Die Auftaktepisode ist eine Art Stillleben, wobei „Sondersammlungen“ seinen abschließenden kritischen Teil nicht verhehlt. Jude ist Lehrer für Technikdesign und Kommunikation. Durch die ökologische Katastrophe, immer schlechter werdende Infrastruktur und das fehlende Bedürfnis der Studenten, zur Uni zu kommen, unterrichtet er in erster Linie online. Als er die Uni in Toronto wegen eines besonderen Buches besuchen muss, stellt er fest, dass es durch die Bücherei regnet und eine Kollegin verzweifelt bemüht ist, wichtige Bücher zu retten. Der Keller ist schon unter Wasser. Aber einige Kollegen beteiligen sich bei der Bergung von relevanten Materialien eher durch Klugscheißerei, als aktiv Hand anlegen. Die kleine Einführungsgeschichte lebt von ihren Stimmungen, der dunklen erdrückenden Atmosphäre, aber als Kontrast dem menschlichen Optimismus, eine Sisyphusaufgabe zu erledigen. Technik ist kein Ausweis, wie die Blackouts und die technikfeindliche Atmosphäre mit viel Feuchtigkeit zeigen. Das menschliche Wissen, auf Papier gebannt, muss liebevoll geborgen und auf verschiedene Standorte verteilt werden. Notfalls per Hand und mit dem privaten PKWs. Das unterscheidet „Sondersammlungen“ genau wie den Hang einzelner Universitäten, nur die Rosinen zu picken, von einer Reihe anderer dystopischer Stoffe.

 Der Titel „Kontrolliertes Abbrennen“ ist voller Ironie. Es ist die Geschichte Bernards, der letzt endlich in einer kleinen Siedlung von Häusern zurückbleibt. Nachbarn sind aus wirtschaftlichen oder Altersgründen umgezogen, haben ihre unverkäuflichen Häuser zurückgelassen. Die Natur hat sich mehr und mehr wieder Freiraum verschafft. Durch Naturkatastrophen; durch die Unterminierung bestehender Straßen, die nicht mehr gepflegt werden oder durch Menschen wie Bernhard, die sich im Gegensatz zu seinem direkten Nachbarn Jim mit dessen englischen Ziergarten mit der Natur anfreunden und wild anbauen.

 Eine Reise in die nächste Stadt, um aus der örtlichen Bibliothek sich Bücher auszuleihen, wird zu einer Expedition. Mit der Bücherei nimmt Rebecca Campbell eine Idee aus „Sondersammlungen“ wieder auf. Die Bücher aus den überschwemmten Bibliotheken wurden über die nähere Umgebung verteilt. Dabei konnte auf Themen keine Rücksicht genommen werden. Das Internet funktioniert nur noch behelfsweise, Fernsehen wie Radio gibt es nur noch lokal und das Wissen muss aus den Bücher per Hand abgeschrieben werden, da auch die Kopierer nicht mehr funktionieren. Der Strom kommt ausschließlich aus den Solarzellen auf den Dächern.

 Bernhard hat sich an die Einsamkeit gewöhnt, auch wenn er immer wieder hofft, dass seine Tochter Octavia irgendwann über dem Horizont erscheint. Das Ende der Geschichte bezieht sich auf den Titel der Story. Es ist ein dunkler Moment, eine melancholischer Note in einer hinsichtlich der Evolution der Menschheit nihilistischen Sammlung von Geschichten, die im Gegenzug den langsamen, aber stetigen Siegeszug der wiederkehrenden Natur feiern. Wie in „Der Wald kehrt zurück“, vor mehr als einhundertvierzig Jahren erscheinen. Alle Texte machen deutlich, dass der Fussabdruck des Menschen angesichts der langen Erdgeschichte endlich und vielleicht sogar vernachlässigbar ist, solange er nicht zum finalen Werkzeug greift- den Atomwaffen.

 Auch „Ein bedeutender Fehlschlag“ vergleicht die Ära der Menschen mit der stetig zurückkommenden Natur. Aber es gibt bei dieser längsten und besten Geschichte der Sammlung noch einen weiteren Aspekt. Mason ist der Gehilfe des Geigenbauers Eddie. Heimlich fällt Mason einen entsprechenden Baum, um aus dem Holz neue Geigen zu bauen. Alleine das Reifen des frisch geschlagenen Holzes dauert fünfzehn Jahre. Im Vergleich zum Tod eines gesunden Baumes mit mehr als vierhundert Jahren bisherige Lebensdauer ein Augenblinken. Ausführlich beschreibt Rebecca Campbell, aus welchen Bestandteilen eine gute Geige bestehen muss. Aber selbst der Bau reicht nicht, denn bis sie die perfekte Klangqualität erreicht, muss mit ihr gearbeitet werden. Und viele Geigenbauer und Künstler, für die das Instrument bestimmt ist, erleben diesen Moment nicht mehr. In der Natur und beim Bau von Instrumenten ist Zeit relativ und die Aufgabe eher für Generationen als für Wochen bestimmt.

Während Mason an seiner Geige heimlich baut, wird sein Meister Eddie älter und kränker. Wie in „Sondersammlungen“ und „Ein bedeutender Fehlschlag“ breitet sich die Natur stetig weiter aus. Die Zivilisation bricht zusammen, die Welt wird für die Menschen immer kleiner, weil die Wege ohne Autos oder Flugzeuge länger werden; weil die Wege unbeschwerlicher wirken und schließlich der ganze Zivilisationsmühl nicht mehr verwendbar ist. Nicht nur der Bau der Geige; das Überreichen an eine nicht mehr so junge Frau, welche ihre musikalische Karriere zu Gunsten einer Musiklehrerstelle aufgegeben hat und schließlich der fast kitschig wirkende Epilog zeigt, wie schnell und doch langsam die Zeit vergeht.

 Mason ist ein Einzelgänger wie Bernhard in „Kontrolliertes Abbrennen“. Sie sind keine Autisten, aber konzentriert auf eine bestimmte Aufgabe – das Anpflanzen und das Geigenbauen – engt sich die einstürzende Welt für sie noch weiter ein, bis kaum noch etwas Anderes übrig bleibt. Mason hat allerdings seinen dickköpfigen Meister Eddie, der Masons Enthusiasmus im Stillen bewundert, offen ihm aber keine echte Unterstützung gibt.

 Mit dem Tod eines erhabenen Baumes für eine einzige Geige zeigt sich auf der einen Seite die Sinnlosigkeit des menschlichen Vorgehens, dessen Zeit unabänderlich abläuft. Auf der anderen Seite kann wahre Schönheit nur durch den Tod etwas Schönen, etwas Mächtigen entstehen. Diese Widersprüche arbeitet Rebecca Campbell in dieser Novelle wunderschön heraus, ohne auf kitschige Klischees zurückzugreifen. 

Mit „Reiser und Wurzelstöcke“ wird im Grunde das Zeitalter der humanistischen Rückentwicklung abgeschlossen. Kit George wird 2055 während eines Starkregens geboren. Später schließt er sich der Truppe Bennos an, die Müll rercyclen, bevor das kontrollierte Abbrennen der Häuserreste beginnt. Zusammen mit einem Teammitglied entdecken sie eine Oase, in welcher Obstbäume wachsen; der Boden noch nahrhaft zu sein scheint, die nächsten menschlichen Siedlung erreichbar, aber nicht zu nah sind. Rebecca Campbell lässt sich ihre Protagonisten am Ende der Geschichte fragen, ob Mensch in diesen unruhigen Zeiten überhaupt zur Ruhe kommen darf. Ob Sesshaftigkeit wieder ein Thema für eine Gemeinschaft und nicht Individuen ist?

 Diese Ideen extrapoliert die Autorin angesichts der simplen Idee eines Geburtstagskuchen in der folgenden Episode „Kneipenessen“. Wie schwer es ist, angesichts des vielschichtigen Nahrungsmangels auch Kichererbsen und wenigen anderen Zutaten einen Kuchen anlässlich eines wichtigen, vielleicht auch letzten Geburtstag zu zaubern, zeigt der kurze Text auf. Es ist der erste Schritt zur Rückkehr der Normalität.

 „Die Baumkathedrale“ ist Rückblick und Ausbruch zugleich. Viele Ideen/ Ansätze aus den ersten fünf Texten werden noch einmal aufgenommen. Die lebendige Natur, das Formen von neuen Häusern aus entsprechenden Gewächsen ist schon in „Kontrolliertes Abbrennen“ und mit Einschränkungen in „Ein bedeutender Fehlschlag“ als Kontrast zum Bau der Geige angedeutet worden. Hier entsteht nicht nur eine lebendige Brücke, sondern eine Baumkathedrale, ein neuer Mittelpunkt der kleinen Siedlung. Fertig wird sie erst in hunderten von Jahren sein, aber sie ist das Symbol der Hoffnung.

 Die Bewohner des kleinen Dorfes erhalten außerdem Besuch aus Kanada. Eine Reisegruppe voller Studenten mit Aufzeichnungsgeräten will eine lebendige Chronik erstellen. In Kanada ist die Zivilisation nicht so weit wie in den USA zusammengebrochen. Allerdings scheuen die älteren Bewohner – der Leser hat sie in den ersten Geschichten teilweise kennen gelernt - diesen Schritt zurück, wobei ihnen klar ist, dass verbal von einer Generation zur Nächsten übertragenes Wissen vergänglich und fehlerhaft ist.

 Anlässlich des Buches der Kanadier soll auch ein Tanzabend mit Livemusik veranstaltet werden. Ohne zu kitschig zu werden, beschreibt die Autorin diese kontrollierte Rückkehr zu einer Art mittelalterlicher Normalität. Der Versuch, in einem größeren Stil der harten alltäglichen Arbeit zu entkommen. Gleichzeitig wird allerdings der Konflikt der Lebensarten angesprochen. So vertrauen die Amerikaner in erster Linie ihrer symbiotischen Beziehung zur Natur mit der lebendigen Brücke aus Holz oder der im Entstehen begriffenen Baumkathedrale als wuchtiges Symbol menschlichen Überlebenswillen, aber auch Respekt vor der Natur. Die Kanadier verfügen über mehr Technik und sind an einem Austausch interessiert.

 Am Ende fallen viele Elemente an einem Abend zusammen. Auch die Geige wird gespielt. Es ist ein melancholisches, nachdenklich stimmendes Ende voller Zweckoptimismus, aber auch Angst vor dem Kommenden. Rebecca Campbells Menschen haben aus dem Wenigen, was ihnen von der Zivilisation geblieben ist, ausgesprochen viel erreicht. Das zeigen sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Stolz. Daher muss der Leser um diese Menschen auch nicht wirklich bange sein, auch wenn ihr Weg ein gänzlich anderer sein wird.

 „Arborealität“ ist ein auf den ersten Blick schmales Bändchen ökologischer Science Fiction mit einer besonderen Note. Im Gegensatz zu vielen dystopisch pessimistischen Romanen und Kurzgeschichten schwingt bei der Autorin immer eine kleine Note des individuellen Optimismus der Menschen mit. Ihre Charaktere handeln manchmal gegen alle Logik, sind sturköpfig, aber auch fokussiert. Manchmal können sie sich ihr Handeln auch nicht selbst erklären, aber das ist die besondere Note insbesondere der längeren Texte, während die kürzeren Verbindungselemente wie „Kneipenessen“  den Charakter von Füllmaterial haben. Mit diesen Sammlung folgt Rebecca Campbell als eigenständige Stimme den breiten Spuren, die Kim Stanley Robinson beginnend mit seinem ersten Roman „Das wilde Ufer“ hinterlassen hat. Originell, nachdenklich stimmend, natürlich auch absichtlich den gegenwärtigen Zivilisationsüberlass in Kombination mit einem rücksichtslosen Umgang mit der Natur kritisierend. Konsequent wirkt zusätzlich, dass die globale Erwärmung durch den Zusammenbruch der Zivilisation nicht gestoppt wird und ihre Menschen unter dem Damoklesschwert einer weiterhin unbewohnbarer werdenden Erde leben müssen. Gegen diese Entwicklung ist kein menschliches Kraut gewachsen und so wirken Geschichten wie „Die Baumkathedrale“ auch nur als nachdenklich stimmende Pyrrhussiege auf dem Schlachtfeld der ökologisch unkehrbaren globalen Veränderung.     

 

 

Arborealität: Erzählungen (Carcosa)

  • Herausgeber ‏ : ‎ Memoranda / Carcosa Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 18. März 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 197 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3910914306
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3910914308
  • Originaltitel ‏ : ‎ Arboreality