Retro-Kiste

Retro-Kiste: Nennen Sie mich Snake – Die Klapperschlange

Dirty Harry (1971), Ein Mann sieht rot (1974) und seine Fortsetzungen sowie John Carpenters Assault – Anschlag bei Nacht (1976) waren die Auseinandersetzung Hollywoods mit der Angst der US-Bürger vor der wachsenden Kriminalität in den amerikanischen Großstädten. Diese Ängste waren nicht gänzlich unbegründet.

Seit den 50er Jahren begann die US-Mittelschicht in die Vorstädte abzuwandern. Die großen Metropolen hatten immer weniger Steuermittel zur Verfügung, um die städtische Infrastruktur zu erhalten. In der Folge verfielen in den 70er und 80er Jahren die U-Bahnen, Polizisten wurden entlassen, der Drogenhandel nahm stark zu und als dessen Folge stieg auch die Mordrate. Dies führte wiederum dazu, dass immer mehr wohlhabende Bürger vor der zunehmenden Kriminalität und Gewalt aus Städten wie New York in die grünen Vororte flohen.

John Carpenter griff diese Entwicklung 1981 erneut auf, verlegt aber das Problem in eine Zukunft, in welcher die Verbrechensrate immer weiter angestiegen ist. In Die Klapperschlange, im Original Escape from New York, hat man deswegen gleich ganz Manhattan in ein Hochsicherheitsgefängnis verwandelt. Dort sind die Insassen sich selbst überlassen.

Die Handlung des Films ist aus Sicht des Jahres 1981 sechzehn Jahre in die Zukunft verlagert. 1997 entführen linke Terroristen die Air Force One. Bevor die Entführer das Flugzeug über Manhattan abstürzen lassen, gelingt es dem US-Präsidenten, mit einer Rettungskapsel unverletzt auf der Gefängnisinsel zu landen. Als die Polizeikräfte mit Hubschraubern in Manhattan landen, finden sie nur noch die leere Rettungskapsel vor. Von dem Staatsoberhaupt und wichtigem Geheimmaterial, welches er bei sich führte, fehlt jede Spur.

"Holen Sie sich einen neuen Präsidenten."

Nun könnte der Sicherheitsapparat der USA dem Rat von Snake Plissken folgen, den Präsidenten abschreiben und Neuwahlen ausrufen. Aber so einfach lässt sich die Sache nicht lösen: Denn der Präsident war auf dem Weg zu Friedensverhandlungen mit China und der Sowjetunion, mit denen sich die USA in dieser fiktiven Realität im Dritten Weltkrieg befinden. Bei sich trug der Präsident eine wichtige Kassette, welche die Welt vor ihrer nuklearen Vernichtung bewahren kann.

Da die Polizei von einem Abgesandten des Duke of New York, dem Herrscher des Gefängnisses, gewarnt wurde, dass jeder Polizeieinsatz in Manhattan zur sofortigen Exekution des Präsidenten führen würde, bleibt dem verzweifelten Gefängnisdirektor Hauk nur ein Weg.

Es trifft sich gut, dass gerade der ehemalige Elitesoldat Snake Plissken nach Manhattan eingeliefert werden soll. Hauk verspricht Plissken nun die Freiheit, wenn dieser nach Manhattan fliegt, den Präsidenten findet und ihn mit samt der wichtigen Audiokassette herausholt. Plissken bleiben für die Mission dafür nur 22 Stunden.

Als zusätzliche Motivation hat Hauk ihn zwei explosive Minibomben in den Hals indiziert, die nach Ablauf der Frist detonieren. Mit einem Segelflugzeug landet Plissken unbemerkt auf dem Dach des World Trade Centers und macht sich auf die Suche. Mithilfe des Taxifahrers Cabbie und Brain, einem ehemaligen Komplizen von Plissken, gelingt es ihm schließlich, den Präsidenten aus den Händen des Dukes zu befreien.

John Carpenter gehört zu den Filmemachern, die bei ihren Projekten nicht nur die Regie übernehmen. Bei Die Klapperschlange schrieb er am Drehbuch mit und komponierte zusammen mit Allan Howarth den Soundtrack. Seine Karriere begann Carpenter 1974 mit dem satirischen Science-Fiction-Film Dark Star. Neben Die Klapperschlange machte er sich vor allen mit Halloween – Nächte des Grauens (1978) und Das Ding aus einer anderen Welt (1982) einen Namen als Science-Fiction- und Horrorregisseur.

In den 80ern folgten dann Big Trouble in Little China, Fürst der Finsternis und Sie leben!. In den 90er Jahren nahm sein Erfolg ein wenig ab, obwohl Carpenter gelungene Filme wie Mächte des Wahnsinns (1994) drehte. Zuletzt inszenierte er den Horrorfilm The Ward (2010). Immer wieder arbeitet Carpenter mit der Produzentin Debra Hill (Halloween, The Fog – Nebel des Grauens, Flucht aus L.A.) zusammen.

Das Actionkino der 80er-Jahre war geprägt von muskulösen Helden wie Arnold Schwarzenegger (Predator), Sylvester Stallone (Rambo), Dolph Lundgren (Masters of the Universe) oder Jean-Claude Van Damme (Bloodsport). Kurt Russel fällt da ein wenig aus der Reihe. Im direkten Vergleich zu den aufgepumpten Actionhelden wirkt der durchaus muskulösen Schauspieler rauer, undurchsichtiger und zwielichtiger. Er wäre eher zwischen Mel Gibson (Mad Max) und Bruce Willis (Stirb langsam) anzusiedeln, mit dem er sich auch den Synchronsprecher Manfred Lehmann teilt.

"Ich dachte du wärst tot."

Für Russel war Die Klapperschlange sein endgültiger Durchbruch als Schauspieler. Er drehte mit Carpenter noch Das Ding aus einer anderen Welt, Big Trouble in Little China und Flucht aus LA. Den Helden verkörperte Russel (Tango und Cash, Stargate) erfolgreich auch unter der Leitung anderer Regisseure. Zuletzt übernahm er sogar mal die Rolle des Schurkens (Death Proof – Todsicher, Guardians of the Galaxy Vol. 2).

John Carpenter greift gerne auf Schauspieler zurück, mit denen er bereits zusammengearbeitet hat. In Die Klapperschlange sind Adrienne Barbeau (The Fog), Donald Pleasence (Halloween, Fürst der Finsternis), Harry Dean Stanton (Christine) und Tom Atkins (The Fog) wieder mit von der Partie.

Außerdem treten Ernest Borgnine (Das dreckige Dutzend, Der Flug des Phoenix, Airwolf) als Taxifahrer Cabbie, Lee Van Cleef (Für ein paar Dollar mehr, Zwei glorreiche Halunken) als Gefängnisdirektor Hauk und Isaac Hayes (Titelsong zu Shaft, Stimme von Chefkochs in South Park) als der Duke in dem Film auf.

Die Science-Fiction-Filme der 80er Jahre haben alles zu bieten: unterhaltsame Space Operas wie Star Wars, kindgerechten Aliens in Steven Spielbergs ET, actionreiche Kämpfe gegen Weltraummonster in Aliens oder düstere Endzeitszenarien in Mad Max. Somit ist Die Klapperschlange weder ein ungewöhnlicher noch ein typischer Genre-Vertreter des Jahrzehnts.

John Carpenter wollte zwei verschiedene Weltentwürfe für seinen Film erzeugen. Einmal die glatte, helle und hoch technisierte Welt der Polizeistation. Dem entgegensetzt steht das Bild des heruntergekommenen, finsteren und halb verfallenen Stadtzentrums. Obwohl der Film in New York spielt, wurden nur die Eröffnungsszene und die Einstellungen mit der Freiheitsstatue im Hintergrund vor Ort gedreht. Alle anderen Szenen drehte man in anderen Städten oder, wie Snakes Flug mit dem Segelflugzeug, mit hilfe eines Modells.

Dieses Model wurde 1982 übermalt und kam bei den Dreharbeiten zu Blade Runner erneut zum Einsatz. John Carpenter hat mit Die Klapperschlange eine Art Anti-Blade-Runner geschaffen. Bei ihm ist alles dreckig, dunkel und kaputt. Es gibt keine Neonlichreklamen und keine fliegenden Autos, sondern nur Graffiti und brennende Autowracks. Die Gefangenen in Manhattan sehen aus, wie ein wilder Mix aus Rockerbande, zerlumpten Piraten und New-Wave-Punks.

"Sie haben jedoch die Wahl sich töten und einäschern zu lassen."

Eine Inspiration für Carpenter war Ein Mann sieht rot (Death Wish) von Michael Winner. Auch wenn er der Aussage und der zugrunde liegende Philosophie des Films nicht zustimmte, mochte er die Darstellung der Großstadt als Dschungel voller Gefahren. Winners Death-Wish-Reihe hat einen konservativen bis reaktionären Grundton, der dazu dient, Selbstjustiz zu rechtfertigen. Carpenters Werk ist da schwerer einzuordnen.

Die linken Terroristen, die zu Beginn die Präsidentenmaschine entführen, kämpfen zwar für eine bessere Welt, handelt aber selbst nicht nach ihren Idealen. Von der Welt außerhalb Manhattans bekommt der Zuschauer nur die Polizeiwachen rund um die Halbinsel zu sehen. Sie stehen eigentlich für Recht und Ordnung – aber ihre Rechtsauffassung scheint nur noch wenig mit einem demokratischen Staatswesen gemeinsam zu haben.

Die Gefängnisinsassen hingegen leben in einer archaischen Welt ohne modernen Komfort und kämpfen um die wenigen Ressourcen innerhalb der Mauern. Die Szenerie gleicht den Mad-Max-Filmen ohne Sand und Sonnenschein. Der Held selbst fühlt sich gar keiner Seite zugehörig. Snake ist alles egal – die trostlose Welt um ihn herum ertränkt er in Zynismus.

Ursprünglich gab es eine Eröffnungsszene, welche den Bankraub, die anschließende Flucht mit der U-Bahn und Snake Festnahme zeigt. Die Polizei kann ihn nur stellen, weil Snake seinem angeschossen Komplizen zur Hilfe kommt. Die Szene wurde von Carpenter aus dem Film herausgeschnitten, da sie laut dem Regisseur die Figur zu sehr vermenschlichte.

Im direkten Vergleich zu Carpenters Assault – Anschlag bei Nacht gibt es auch keine Helden, die in der Not ihre Feindseligkeiten begraben und gegen eine äußere Bedrohung zusammenarbeiten. In Die Klapperschlange ist sich jeder zunächst selbst der Nächste. Trotz der sehr ambivalenten Helden hat der Film eine eindeutige Botschaft: Nicht nur die Verbrecher in Manhattan verrohen, sondern auch der Rechtsstaat, der sich mit unmenschlichen Maßnahmen vor ihnen schützen will.

Die Klapperschlange ist ein Film mit überwiegenden männlichen Protagonisten. Adrienne Barbeau hat als Maggie meist nicht mehr zu tun, als tief de­koll­etiert durch Bild zu laufen. In der Fortsetzung Flucht aus L.A. stehen zumindest schon einmal mehr Frauen auf der Besetzungsliste.

Die Grundidee des Originals wurde 1996 wieder aufgegriffen. Flucht aus L.A. erzählt im Prinzip die gleiche Geschichte mit größeren Budget noch mal. Snake Plissken wird wieder von Kurt Russel gespielt, der diesmal in die Gefängnisinsel L.A. eindringen muss und auf dieselben Figuren (nur von anderen Darstellern gespielt) trifft wie im Original.

Die Fortsetzung kommt nicht an die Qualität des Vorgängers heran und gleicht streckenweise einer Parodie von Die Klapperschlange. Dennoch gibt es seit mehreren Jahren Pläne für einen dritten Teil. So wollten Regisseur Robert Rodriguez (Sin City) und Drehbuchautor Neil Cross (Luther) 2015 noch eine Art Prequel drehen. Diese Pläne sind jedoch vom Tisch und aktuell arbeitet Autor und Regisseur Leigh Whannell (Der Unsichtbare) an einem Reboot des Films.

Ein möglicher Reboot wird es schwer haben, einen eigenen Schwerpunkt zu setzen. Den schon die Originalstory gibt eigentlich nicht sehr viel her und die Grundidee wurde seit 1981 in Filmen wie Ghettogangz – Die Hölle vor Paris (2004) wieder aufgegriffen. Die Klapperschlange lebt von John Carpenters Art Filme zu drehen, seinem Soundtrack und den sehr guten Hauptdarstellern. Da braucht es eigentlichen keine weiteren Fortsetzungen oder Reboots, da der Film auch heute noch sehr gut funktioniert.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Embassy Pictures/International Film Investors/Goldcrest Films International

DIE KLAPPERSCHLANGE (1981) - HD Trailer Deutsch

Zombie-Kiste zu Night of the Living Dead - Als die Untoten schlurfen lernten

Im Jahr 1999 wurde Night of the Living Dead in die National Film Registry der USA eingeführt und damit als ein wichtiges, kulturelles Werk gewürdigt. Dabei entfachte der Film zahlreiche Diskussionen aufgrund seiner Gewaltdarstellung, als er 1968 erstmals im Kino lief und ist, schaut man sich ihn heute mit wachem Auge an, auch kein filmischer oder gar künstlerischer Quantensprung. Trotzdem hat er zahlreiche Generationen an (Horror-)Filmschaffenden geprägt und seine Vision der wandelnden Toten schlurft bis heute durch diverse Medien. Night of the Living Dead konnte sowohl die Vision von Zombies nachhaltig prägen, als auch mehr Geld machen, als jeder andere Independent Film bisher.

Die Anfänge des Films waren dabei bescheiden: George A. Romero und sein Co-Autor John Russo sowie die Produzenten Karl Hardmann und Russel Streiner waren eigentlich Werbefilmer für Pittsburgh und seine ländliche Umgebung. Daneben wollten sie einen ordentlichen Langfilm drehen, doch worüber? Ideen mit Außerirdischen und Spezialeffekten flogen zwischen den Männern hin und her, wurden aber aufgrund des geringen Budgets, das hauptsächlich von privaten Investoren oder bestehenden Kunden der Werbefilmfirma stammte, wieder verworfen. Nur eine Idee verfing: Kannibalismus. Das schien Romero und Co. schockierend genug zu sein, um einen Markt für den Film zu schaffen. Daraus entwickelte sich dann die Handlung um die Untoten.

Die Handlung

Falls jemand Night of the Living Dead noch nicht gesehen hat: Zu Beginn besucht die junge Frau Barbara mit ihrem Bruder Johnny das Grab ihres Vaters. Dort begegnet sie einem seltsam schlurfenden Mann, der sie und Johnny anfällt. Barbara flüchtet ohne Johnny in ein Farmhaus. Dort stößt Ben zu ihr, der anfängt, Türen und Fenster zu verbarrikadieren. Barbara hingegen ist von den Ereignissen geschockt und verhält sich passiv. Zu den beiden stoßen dann Harry Cooper, dessen Frau und ihre gemeinsame Tochter sowie die beiden Jugendlichen Tom Judy, die sich allesamt im Keller des Hauses verschanzt haben. Bei einem Fluchtversuch kommen Tom und Judy ums Leben, was den Konflikt zwischen Ben und Harry anheizt. Als die Untoten versuchen, das Haus zu stürmen, überlebt nur Ben, der sich im Keller verbarrikadiert hat. Bei einer Säuberungsaktion wird Ben für einen Untoten gehalten und erschossen.

Die Dreharbeiten erstreckten sich über mehrere Monate im Jahr 1967, da der Film ja nur ein Nebenprojekt zwischen den Werbeaufträgen war. Als Kulisse diente ein altes Farmhaus, dass das Drehteam erst ordentlich herrichten musste, denn es war zum Abriss bestimmt und leergeräumt. Dafür konnte sich die Crew später dort austoben. Die Schauspieler waren zum Großteil Laien: Nur Duane Jones war ein halbwegs bekannter Theaterschauspieler aus der Gegend, arbeitete aber hauptberuflich an einer Universität. Judith O’Dea hatte nach einem erfolglosen Ausflug nach Hollywood eigentlich ihre Schauspielkarriere an den Nagel gehängt, als sie für den Film vorsprach. Die beiden brachten wenigstens etwas Schauspielerfahrung mit, anders als beispielsweise Russel Streiner (der Produzent) in der Rolle von Barbaras Bruder Johnny oder Karl Hardmann (ebenfalls Produzent), der Harry Cooper verkörperte.

Das knappe Budget von insgesamt 114.000 US-Dollar (heute wären das ungefähr 700.000 US-Dollar) merkt man am ehesten am Medium selbst: Entgegen vieler anderer Kinofilme zu dieser Zeit ist Night of the Living Dead in Schwarz-Weiß gedreht -  das war schlicht günstiger. Die Ausstattung des Hauses wirkt etwas zusammengewürfelt, das Make-Up der Zombies beschränkt sich meist auf blasse Schminke und tiefe Augen und einige Bluteffekte, ist aber kein Vergleich zum Aufwand, der heute betrieben wird. Auch der Soundtrack wurde nicht für den Film selbst geschrieben, sondern bedient sich aus einer Filmmusikbibliothek.

Vom B-Movie zum Kultfilm

Mit seinen manchmal harten Schnitten, sichtbar bemühtem Schauspiel und kaum bearbeiteten Ton vermittelt Night of the Living Dead beim ersten Sehen nicht den Eindruck eines Kultklassikers, sondern eher eines B-Movies von begabten Amateuren - und streng genommen ist er das auch. Aber der Zombiefilm war für seine damaligen Verhältnisse nicht nur sehr blutig, sondern überraschte mit unbekannten Themen und einer Mischung aus verschiedenen Horror-Elementen.

Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer war es schon revolutionär, einen farbigen Schauspieler als kompetenten Helden und nicht als witzigen Sidekick auf der Leinwand zu sehen - oder überhaupt! 1967 und 1968 waren die Höhepunkte der Bürgerrechtsbewegung erreicht, im April 1968 wurde Martin Luther King erschossen. Im Süden der USA herrschte Segregation, also die Trennung von Weißen und Farbigen. Laut Romero und seinem Team wurde der Farbige Jones zum Hauptdarsteller, weil er der Beste beim Vorsprechen war, die politischen Hintergründe spielten dabei keine Rolle. Jones hat allerdings seine Figur etwas umgeschrieben, wohl auch, weil er sich seiner Vorbildwirkung auf das Publikum bewusst war. Dass seine Figur Ben am Ende erschossen wird, geschah explizit auf Jones’ Wunsch - für Ben war eigentlich ein optimistischeres Ende geplant. Aber Jones war sich bewusst, dass die mögliche farbige Zuschauer ein Happy End, bei dem Ben von den weißen Polizisten gerettet wird, für dieses Publikum zu unglaubwürdig gewesen wäre.

Hinzu kommt, dass der Film nicht versuchte, die Ästhetik von bekannten Schwarz-Weiß-Horrorfilmen wie den Universal-Pictures-Monsterfilmen Dracula, Die Mumie oder Frankenstein zu kopieren. Stattdessen setzt Night of the Living Dead auf eine eher realistische Optik und einen konkreten Handlungsort: Eben das ländliche Pennsylvania mit bestimmten, realen Ortschaften, die in den Radiodurchsagen und TV-Berichten, die in die Handlung eingestreut sind, auftauchen.

Schließlich konfrontierte Night of the Living Dead sein Publikum mit einem so bisher unbekannten Monster: Zombies. Die werden, auch hier begründete der Film so etwas wie eine unausgesprochene Tradition - selbst gar nicht so genannt, sie heißen hier “Fleischfresser” oder Ghule. Zombies kannte man auch vorher schon: Dann waren es meist mit Hilfe von Voodoo-Magie verzauberte Menschen, die so zu willenlosen Sklaven gemacht wurden. Night of the Living Dead präsentiert aber wandelnde Untote, erstmals mit ihrem heute charakteristischen Schlurfen, Hinken und ihren steifen Bewegungen. Die Zombies tun dabei etwas bisher kaum auf der Leinwand Dargestelltes: Sie sind Kannibalen, fressen Menschen - und das sehr grafisch. Sie einverleiben sich die Überreste von Tom und Judy, zerren dabei die Fleischfetzen von den Leichen und graben ihre Zähne gierig in ihre Mahlzeit.

Zombies werden Gemeingut

Das alles wird in Night of the Living Dead gezeigt: Auch das ein Novum für diese Zeit, in der Horror und Gewalt meist eher angedeutet, als direkt dargestellt wurde. Im Oktober 1968 feierte der Film seine Premiere und wurde in verschiedenen Kinos in den Nachmittagsvorstellungen gezeigt - die damals noch für alle Altersgruppen zugänglich waren. Erst einen Monat später trat das Gesetz über die Altersfreigabe für Filme in Kraft. Night of the Living Dead war mit ein Auslöser dafür, dass sich eine landesweite Diskussion um Gewalt in Kinofilmen entwickelte.

Das hielt den Film in aller Munde, was immerhin etwas Werbung für das Werk brachte. Allerdings hatten Romero und sein Team wenig davon: Der Verleiher ließ aus rechtlichen Bedenken kurzfristig den Titeln ändern - von Night of the Flesh Eaters zu Night of the Living Dead. Dabei vergaß er aber den damals obligatorischen Copyright-Hinweis auf die Titelkarte zu setzen und gab damit den Film als unfreiwillig urheberrechtsfrei heraus. Die Folge: Jeder konnte ohne Geld an den Verleih zu geben den Film kopieren und in seinem Kino zeigen, Night of the Living Dead wurde somit im wahrsten Sinne des Wortes Allgemeingut. Das trug dazu bei, dass er eine unheimlich große Verbreitung erlangte und die Originalversion bis heute frei im Internet heruntergeladen werden kann.

Night of the Living Dead begründete also mehr oder weniger das heute bekannte Zombie-Genre und Romero selbst ist dessen bekanntester Vertreter. Die Untoten haben ihn nicht mehr losgelassen: Er drehte rund zehn Jahre später den ebenfalls zum Kultfilm avancierten Dawn of the Dead (erschienen 1978) und 1985 Day of the Dead, welche lose im selben Universum spielen. 2005, 2007 und 2009 setzte er seine Zombie-Reihe weiter fort. Night of the Living Dead aber erfuhr noch eine Neuauflage im Jahr 1990, diesmal von Romeros gutem Freund Tom Savini inszeniert, die aber weniger bekannt ist als das Original.

Mittlerweile wurde der Film auch restauriert und es gibt ihn mit zusätzlichem Material auf DVD und Blu-Ray. Wer mag, sollte ruhig ein bisschen Geld für Night of the Living Dead ausgeben, die frei verfügbaren Versionen haben meist ein eher mäßiges Bild und einen knarzenden Ton.

Vielleicht ist Night of the Living Dead nicht der beste Zombie-Film, und auch nicht der beste Romero-Zombie-Film, diese Ehre gebührt entweder Dawn of the Dead oder Day of the Dead, je nach Geschmack. Aber weil er viele Traditionen begründet hat, heute dank seiner Spannung und Atmosphäre auch noch gut anzusehen ist und schließlich ziemlich leicht zu bekommen ist, eignet sich gut Night of the Living Dead für einen Einstieg in das Zombie-Genre.

Retro-Kiste zu Brazil: Ich bin ein bisschen pedantisch, was Formulare angeht

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Brazil

Polizisten und Ärzte sind Berufsgruppen, die sehr oft in Filmen auftreten. Taxifahrer stehen immerhin in Das fünfte Element, Fletcher's Visionen und Taxi Driver im Mittelpunkt der Handlung. Und Heizungsinstallateure? Jeder, dessen Heizung einmal mitten im Winter ausgefallen ist, wird dieses Handwerks nicht hoch genug schätzen. Cineastisch wurden die Heizungsingenieure dagegen sträflich vernachlässigt – bis Terry Gilliam in Brazil den coolen und rebellischen Installateur Harry Tuttle auftreten ließ.

Der Film beginnt mit einer Explosion um 8.45 Uhr irgendwo im 20. Jahrhundert. In einer weihnachtlichen geschmückten Geschäftsstraße wird ein Laden für Fernseher zerstört. Das nächste Opfer ist dann eine Fliege, welche ein Beamter des Informationsministeriums tot schlägt. Sie fällt in eine Art retrofuturischtische Schreibmaschine und macht dort aus einen T ein B. Dieser vermeintliche kleine Fehler löst in dem von Terry Gilliam erdachten Verwaltungsstaat eine Kettenreaktion aus.

So wird statt dem illegal operierenden Heizungsingenieur Harry Tuttle der unbescholtene Familienvater Buttle von der Abteilung Information Wiederbeschaffung verhaftet. Natürlich steht der Witwe, des während des Verhörs verstorbenen Mannes, eine Entschädigung zu. Der kleine Beamte Sam Lowry bietet seinen Chef in dieser bürokratischen Notlage seine Hilfe an. Er fährt persönlich zu Mrs. Buttle, um ihr den Scheck überreichen.


Dort trifft der Beamte auf Mrs. Buttles Nachbarin Jill Layton. In ihr meint Lowry, die Frau seiner Tagträume zu erkennen. Um Jill wieder zu sehen, nimmt er die von seiner Mutter arrangierte Beförderung zur Abteilung Information Wiederbeschaffung an und stellt sich letztlich dennoch gegen das herrschende System.

Ein anderer Regisseur hätte aus so einen Stoff einen düsteren Actionfilm gemacht. Terry Gilliam geht die Geschichte hingegen mit Humor und skurrilen Ideen an. Seine Karriere begann er bei der britischen Komikergruppe Monty Python, für die er Die Ritter der Kokosnuss und Das Leben des Brian inszenierte. Später drehte er unter anderen Time Bandits (1981), König der Fischer (1991), 12 Monkeys (1995) oder The Zero Theorem (2013). Viele seiner Komödien besitzen unterhalb der Oberfläche eine ernsthafte Ebene. Dies wird besonders in den 1985 erschienenen Film Brazil deutlich.

Als Sam Lowry ist Jonathan Pryce zu sehen, der zuletzt kleinere Rollen in der Fluch-der-Karibik-Reihe und Game of Thrones übernahm. Seinen Kollegen und Widersacher Jack Lint besetzte Gilliam mit einem Freund aus der Monty-Python-Truppe. Michael Palin (Jabberwocky, Ein Fisch namens Wanda) beweist sehr schön, dass man komisch und fies zur selben Zeit sein kann.

"Ich brauche einen Heizungsingenieur hier!"

Palin hatte einen berühmten Mitbewerber. Auch Robert De Niro (Taxi Driver, Joker) wollte Jack spielen – Gilliam hatte die Rolle aber schon Palin versprochen. Da De Niro trotzdem unbedingt in Brazil mitwirken wollte, bekam er die Rolle des Heizungsingenieurs Harry Tuttle. Obwohl er nun nur eine Nebenrolle spielte, ging der Filmstar die Arbeit mit großer Liebe zum Detail an und war immer erst nach mehreren Versuchen mit einer Einstellung zufrieden – was dem Regisseur und seiner Mannschaft viel Geduld abverlangte. Später bezeichnete De Niro die Dreharbeiten als eine wundervolle Zeit und erklärte, er würde immer wieder gerne mit Gilliam zusammenarbeiten – wozu es bisher aber nicht kam.

Die relativ unbekannte Schauspielerin Kim Greist setzte sich bei der Rolle der Jill Layton gegen Rosanna Arquette, Ellen Barkin, Jamie Lee Curtis, Rebecca De Mornay und Kathleen Turner durch. Sie bekam den Zuschlag, weil Gilliam bei den Probeaufnahmen ihre noch unverbrauchte Präsenz auf der Leinwand schätzte. Nach Drehende war der Regisseur nicht sehr zufrieden von ihrer Leistung, sodass er ihre Szenen kürzte.

In weiteren Rollen sind Katherine Helmond (Time Bandits), Ian Holm (Das fünfte Element, Der Herr der Ringe), Ian Richardson (Dark City), Peter Vaughan (Das Dorf der Verdammten) und Bob Hoskins (Hook, Super Mario Bros.) zu sehen.


Die erste große Inspirationsquelle, die einen beim Betrachten von Brazil in den Kopf kommt, ist sicher 1984. So war als Titel zuerst auch 1984 ½ vorgesehen. Die Idee scheiterte jedoch am Einspruch der Erben George Orwells. Gilliam benannten seinen Film schließlich nach einem Schlager des spanischen Sängers Xaver Cugat, den er zufällig an der Küste Wales hörte, wie er in dem Making Of zu Brazil berichtet. In einer anderen Version bezieht sich der Titel auf den Samba Aquarela do Brasil von Ary Barroso aus dem Jahr 1939. Das Stück ist im Film in verschiedensten Variationen zu hören, welche dabei oft den gezeigten Schrecken entgegenwirkt.

Die Behördenwillkür und der Verwaltungswahnsinn erinnern noch an eine weitere literarische Vorlage: Der Prozess von Franz Kafka. Auch dort sieht sich der Protagonist mit einer bedrohlichen staatlichen Behörde konfrontiert, deren Forderungen ihm bis zum Ende des Romans rätselhaft bleiben.

Stilistisch besitzt der Film noch einige andere Vorbilder. So erinnern die Kulissen und die realen Drehorte (gefilmte wurde unter anderen in einer alten Getreidemühle, in dem Kühlturm eines stillgelegten Kraftwerks und dem französischen Gebäudekomplex Espaces d'Abraxas) an Fritz Langs Filmklassiker Metropolis (1927). Die deutschen Stummfilme der zwanziger Jahre arbeiteten viel mit Licht und Schatten. Diese Technik verwendet auch Gilliam, wenn sein Held durch die nächtlichen Straßen wandert.


Der Stil des deutschen Expressionismus wurde in den 40er Jahren im Film noir übernommen – und auch dieses Genre zitiert der Regisseur in Brazil. So erinnert Sam Lowrys Kleidung mit grauem Anzug, Mantel und Hut stark an Humphrey Bogarts Outfit als Privatdetektiv in Die Spur des Falken (1941) oder Tote schlafen fest (1946). Verstärkt werden diese Anleihen an den Film noir wiederum in den kunstvoll ausgeleuchteten Szenen und dem Spiel mit dem Schatten.

Gegen Ende zitiert Gilliam eine Szene aus dem russischen Stummfilmklassiker Panzerkreuzer Potemkim (1925) von Sergei Eisenstein. Im Original wird bei der Niederschlagung des Matrosenaufstandes eine Frau auf einer großen Freitreppe erschossen. In einer Großaufnahme sieht man, wie ihr Kinderwagen die Stufen herunter rollt. Nicht so in Brazil: Hier wird bei einer Schießerei im Foyer des Informationsministeriums eine dort tätige Reinigungskraft nieder geschossen. Anders als bei Eisenstein rollt nun aber kein Kinderwagen die Treppe hinab, sondern ein Staubsauger. Unverkennbar bleibt der Film bei allen ernsthaften Themen, das Werk eines Regisseurs, der seine Karriere bei Monty Python begann.

So spart Gilliams in Brazil auch nicht an Humor, Satire und Slapstick. Da kämpft Lowry im Büro mit seinen Zimmernachbarn um den Schreibtisch, eine Sekretärin erfasst während der Folter jeden Schmerzensschrei des Opfers im Protokoll und die Schönheitsoperationen nehmen im Laufe des Film immer skurrilere Formen an.

Der Staat ist in Brazil ein bürokratisches Unrechtssystem, in dem die Unschuldigen die Kosten für ihre Folter selber zahlen müssen. Diese bizarre Atmosphäre aus Schrecken und Spaß wird durch die Kulissen unterstützt. Der altmodische Eindruck der Zimmer und Büros wird von den überall sichtbaren übergroßen Heizungsrohren und den retrofuturistischen Bildschirmen gebrochen.


"Erzählen Sie mir gerade, dass das illegal ist?"


So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Filmstudio mit dieser düsteren Mischung aus Humor und Dystopie wenig anfangen konnte. Der damalige Chef der Universal Studios Sid Sheinberg, wollte eine eigene Fassung des Films in die Kinos bringen. Die von Gilliam herausgenommenen Szenen mit Kim Greist fügte Sheinberg für ein Happy End wieder ein.

Die folgenden Streitigkeiten führten dazu, dass Brazil vorerst nicht veröffentlicht wurde. Allerdings hatte der Regisseur schon einige Kopie seiner Version auf Videokassette in Hollywood im Umlauf gebracht. Manche Filmkritiker fragten nun, ob ein fertiggestellter, aber noch nicht veröffentlichter Film, für einen Oscar nominiert werden könnte. Um dieser, für das Studio recht peinlichen, Situation aus dem Weg zu gehen, gab Sheinberg nach und Brazil wurde ohne Happy End veröffentlicht.


Als Resultat der Unstimmigkeiten veröffentlichte Universal aber dennoch zwei unterschiedlichen Schnittfassungen. Die in Europa gezeigte Version ist mit 142 Minuten ein wenig länger als die in den USA gezeigte Fassung. Bei der Oscar-Verleihung 1986 war der Film in den Kategorien bestes Originaldrehbuch und bestes Szenenbild nominiert – ging aber leer aus.


"Sie wissen ja, wir haben Weihnachten und so."


Dank des gelungenen Szenenbildes ist Brazil optisch sehr gut gealtert. Die Mischung verschiedener Kino-Epochen und Genres verleihen dem Film etwas Zeitloses. Auch inhaltlich funktioniert die Geschichte heute genauso gut wie 1985. Trotz all seiner überdrehten Ideen zeigt der Film das Böse sehr realistisch. Die Menschen im Film dienen der Verwaltungsdiktatur nicht um ihre eigene Herrschaft auszubauen oder geniale Weltherrschaftspläne zu verwirklichen. Sie halten sich einfach an die Regeln und Vorschriften.

Manche aus Trägheit, manche dienen dem System, weil ihnen Ordnung wichtig erscheint. Wer sich nicht an die aufgestellten Regeln hält – und mögen sie auch noch so unsinnig sein – wird mit Gefangenschaft, Folter und Tod bestraft. Reale Vorbilder für solche Diktaturen gab es im 20. Jahrhundert viele. Terry Gilliam gelingt es, eine solche Schreckensherrschaft darzustellen und mit seinem ganz eigenen Humor aufzulockern. Und es gibt Hoffnung in Person von Harry Tuttle, dem rebellische Installateur, der auch an Weihnachten gegen das Unrechtssystem und kaputte Heizungen kämpft.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Embassy International Pictures / Universal Pictures

Brazil (1985) Official Trailer - Jonathan Pryce, Terry Gilliam Movie HD

Retrokiste: Charmanter Hightech-Diebstahl mit Sneakers – Die Lautlosen

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Sneakers

Im Jahre 1992 steckte das Internet und der große Techboom, wie wir ihn heute kennen, quasi noch in den Kinderschuhen. Erst langsam hielt der Personal Computer auch in jedem Privathaushalt als Arbeitswerkzeug, aber auch als Spiel- und Spaßutensil seinen Einzug. Ein idealer Zeitpunkt für einen Film wie Sneakers – Die Lautlosen, der in vielerlei Hinsicht damals fast visionär wirkte und gleichzeitig in der Gestalt einer leichtfüßigen Heist-Thrillerkomödie daherkam, die zudem mit einer großen Starbesetzung aufwarten konnte. 

Zu viele Geheimnisse

Martin Bishop (Robert Redford) hat eine interessante Nische für sich geschaffen: Zusammen mit seinem wild zusammengewürfelten, aber äußerst cleveren Team bestehend aus Crease (Sidney Poitier), Whistler (David Strathairn), Mother (Dan Akroyd) und Carl (River Phoenix) testet er verschiedenste Hochsicherheitssysteme, indem er zum Beispiel in Banken einbricht. Was seine Kunden und Partner jedoch nicht wissen, Bishop hat eine dunkle Vergangenheit: Zusammen mit seinem Studienkollegen Cosmo (Ben Kingsley) betätigte sich Martin nämlich zu Studienzeiten als eine Art Cyber-Aktivist/Robin Hood, der das Vermögen der Reichen an die Armen beziehungsweise gemeinnützige Vereine via Computer umverteilte. Das ging zumindest solange gut, bis es nicht mehr gut ging, Cosmo von der Polizei geschnappt wurde und später im Gefängnis starb. Martin konnte gerade noch so davonkommen und musste seine Identität ändern. 

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Sneakers

Die NSA-Agenten, die Martin eines Tages in seinem Büro aufsuchen, scheinen jedoch bestens darüber Bescheid zu wissen. Anstatt ihn jedoch an die zuständigen Behörden zu übergeben, beauftragen sie ihn und seine Mitarbeiter damit, eine mysteriöse Blackbox von einem Mathematiker zu stehlen. Schon bald müssen Bishop, seine Crew und seine Ex-Freundin Liz (Mary McDonnell) jedoch feststellen, dass mehr hinter dem Auftrag steckt und sie es mit einer völlig anderen Art von Gegner zu tun haben, als sie zunächst gedacht haben. 

Die Menschen hinter der Technik

Regisseur und Co-Autor Regisseur Phil Alden Robinson konnte bis dato schon eine illustre kleine Filmkarriere vorweisen und hatte bereits eine Oscar-Nominierung für das Drehbuch für Feld der Träume in der Tasche. Mit Sneakers versammelte er ein sympathisches Team zusammen, das seine Probleme mit Köpfchen und Witz löst, was eine nette Abwechslung zu mittels Crossfit aufgepumpten Actionhelden vieler Populärfilme darstellte, die Ihre Probleme lieber vermöbeln. Dass der Film trotz seiner veralteten Technik auch heute noch gut funktioniert, ist unter anderem der charmanten Figurenzeichnung und der herzlichen Chemie zwischen den verschiedenen gut aufgelegten Darstellern zu verdanken. Diese möchten sich keinesfalls zu ernst nehmen, nur weil sie es mit Regierungsverschwörungen, Kryptologie und anderen Gefahren zu tun haben. 

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Sneakers

Alden Robinson, der zusammen mit Laurence Lasker und Walter F. Parkes auch das Drehbuch schrieb, hat dafür Stars aus den 50ern, 60ern, 70ern, 80ern und 90ern zusammengetrommelt, und weiß sie effektiv einzusetzen: Robert Redford besticht mit seinem typischen Charme und analysiert mit wachem Auge und kommentiert ironisch das Geschehen. Gleichzeitig hat er kein Problem damit, sich buchstäblich auf die Schnauze zu legen; Sidney Poitier als sorgenvoller, aber hochkompetenter ehemaliger CIA-Agent Crease im adretten Anzug wittert an jeder Ecke Gefahr; Dan Akroyd spielt den gemütlichen und technisch begabten Mother, der vor allem Crease mit seinen Verschwörungstheorien auf die Nerven geht; der inzwischen leider verstorbene River Phoenix ist zu diesem Zeitpunkt ein vielversprechendes Jungtalent, der zwar nicht unbedingt viel zu tun oder zu sagen bekommt, aber trotzdem mit jugendlichem Charme bestens in das erwachsene Ensemble passt.    

David Strathairn konnte bis dato bereits eine vielseitige Karriere unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung aufweisen und kann sich selbst als blinder Hacker Whistler innerhalb einer hochkarätigen Besetzung wie dieser mühelos behaupten; Mary McDonald verdiente sich mit ihrer Hauptrolle in Der mit dem Wolf tanzt zwei Jahre zuvor ihre erste Oscar-Nominierung und stellt einen sowohl interessanten als auch einen angenehm erwachsenen Gegenpol zur überwiegend männlichen Besetzung dar. Dabei schafft sie es problemlos, ein Teil des allgemeinen Spaßes zu sein. 

High-Tech-Probleme verlangen nach Low-Tech-Lösungen (ab hier Spoiler!) 

Was einst High-Tech war, kann in der Gegenwart immer ein wenig albern wirken. Ein weiterer Grund, warum aber Sneakers wunderbar gealtert ist, liegt in den Low-Tech-Lösungen für die High-Tech-Probleme, die das Bishop-Team immer wieder findet: Das beginnt äußerst humorvoll mit Robert Redford, der eine Tür eintritt, die von einem elektronischen Schloss geschützt wird, nachdem er über Funk ausführliche Instruktionen erhalten hat, um eben dieses Schloss zu umgehen; eines der zentralen Geheimnisse wird mithilfe eines Scrabble-Spiels gelöst; Bishop findet das geheime Quartier der Verschwörer nur dank seines guten Gehörs; außerdem trickst er einen modernen Bewegungsmelder aus, indem er den wahrscheinlich langsamsten Einbruch aller Zeiten vollführt. Auch den großen McGuffin, nämlich die ominöse Blackbox, erhalten die Helden letztendlich nur durch eine Art altmodischen Taschenspielertrick. Ein Trick, der – gutes Drehbuchschreiben sei Dank! – auch noch auf den Beginn des Films anspielt.

 

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Technik, insbesondere Computertechnologie ist ein wesentlicher Bestandteil des Films, aber auch eine Quelle großer Zukunftsängste. Sie ist allerdings weder der Anfang noch das Ende aller Weisheiten. Tatsächlich steht das Team und seine Menschen im Vordergrund, die sich letztendlich auf Freundschaft und Loyalität verlassen können, so kitschig das vielleicht auch klingen mag. 

Technologie allein macht nicht glücklich

Hierin liegt auch letztendlich der fundamentale Unterschied zwischen Bishop und Cosmo. Wie sich später im Film nämlich herausstellen soll, ist Bishops alter Freund doch nicht im Gefängnis verstorben und hat sich durch mal mehr und mal weniger fragwürdige Mittel zu einem erfolgreichen Akteur in der Tech-Branche hochgearbeitet. Die Zukunft sieht er geradezu prophetisch nicht im Geld, sondern in Informationen, Daten, Nullen und Einsen. Doch mit allen seinen technischen Spielereien, seinem Erfolg und seinen ambitionierten Plänen wünscht er sich jedoch am Ende vor allem seinen alten Freund zurück, der an seiner Seite stehen soll. 

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Ben Kingsley als älterer Cosmo stellt dieses Bedürfnis insbesondere ihn seiner letzten Szene mit Redford äußerst mitfühlend und empathisch dar. Er ist kein Schnurrbart-zwirbelnder Bösewicht, sondern ein Mensch, der wahrscheinlich einen Großteil seines Lebens einsam verbracht hat und weiß, dass es an der Spitze seines erträumten Datenimperiums noch einsamer sein wird. 

Wie um diesen Punkt zu untermauern, stellt Alden Robinson Cosmos ambitionierten Plänen in einer amüsanten Schlussszene die ”bescheidenen“ Wünsche unserer Helden gegenüber. Denn gelegentlich reichen ein Wohnwagen, eine Europareise mit der Ehefrau, Weltfrieden oder die Telefonnummer einer attraktiven NSA-Agentin mit einer Uzi in der Hand schon aus, um glücklich zu sein.

Retro-Kiste: Keine Anzeichen von Todesstarre – Nächte des Grauens

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Nächte des Grauens

Bei Hammer Films denkt man zunächst an Frankenstein, Dracula und vielleicht noch an diverse Mumien – aber nicht an Zombies. Aber lange vor The Walking Dead und auch knapp vor George R. Romeros Die Nacht der lebenden Toten (1968) kam mit Nächte des Grauens ein Zombiefilm aus dem Hause Hammer in die Kinos. Es sind aber noch nicht die lebenden Toten, welche Romero mit seinem legendären Horrorfilm etablierte.

Die Zombies, welche die Zuschauer 1966 zu sehen bekamen, orientieren sich noch an Vorbildern wie White Zombie (1932) und den haitianischen Voodoo-Mythos im Allgemeinen. Trotzdem bildet der Film eine Art Übergang hin zu den untoten Kreaturen, welche heute die Filme, Serien, Computerspiele und Comics bevölkern.

"Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?"

Hammer hat die Handlung seines Zombiestreifens ins viktorianische England mit alten Gutshäusern, Fuchsjagden und romantischen Landschaften verlegt. So erinnert Nächte des Grauens eher an eine klassische Gothic Novel als an einen modernen Horrorfilm.

Zu Beginn des Films hört man Trommeln, und der Zuschauer wird Zeuge der Vorbereitungen eines unheimlichen Voodoo-Rituals. Dramatische Musik setzt ein, und man sieht Blut in eine Schale tropfen. Schnitt auf eine junge Frau im Bett, die schreiend erwacht. So endet der Vorspann, und nach einem weiteren klaren Schnitt setzt die Handlung in einem gediegen englischen Landhaus ein.

Der Arzt Sir James Forbes bekommt von seiner Tochter Sylvia einen Brief überreicht. Sein ehemaliger Schüler Dr. Thompson bittet ihn um Hilfe. In einem kleinen Dorf in Cornwall sind mehrere Einwohner an einer mysteriösen Krankheit gestorben. Zusammen mit seiner Tochter reist Sir James nach Cornwall, um seinem ehemaligen Schüler bei der Suche nach der Ursache beizustehen.

Dort angekommen, werden Vater und Tochter Zeuge, wie eine Gruppe rücksichtsloser Jäger durch einen Trauerzug galoppiert. Dabei fällt der Sarg um, und das letzte Opfer der mysteriösen Seuche rollt heraus. Damit beginnen die merkwürdigen Ereignisse für die beiden aber erst. Dr. Thompson freut sich sehr über das Erscheinen seines Mentors – aber seine Ehefrau Alice verhält sich gegenüber Sir James und Sylvia recht abweisend.

Sir James rät, das zuletzt verstorbene Seuchenopfer zu exhumieren. Weil die Angehörigen einer Untersuchung nicht zustimmen, machen sich die beiden Ärzte nachts heimlich auf zum Friedhof. Zu ihrer Überraschung müssen sie feststellen, dass die Leiche nicht mehr in ihrem Sarg ruht. Mithilfe zweier Polizisten überprüfen die anderen Gräber der Seuchenopfer, welche ebenfalls alle leer sind.

Währenddessen beobachtet Sylvia, wie sich Dr. Thompson Ehefrau aus dem Haus schleicht. Sie folgt ihr zu einer alten Mine, wo die junge Frau auf einen Zombie stößt, welcher die tote Alice in den Armen trägt. Die Polizei verdächtigt zunächst den Bruder des Verstorbenen, der betrunken am Tatort angetroffen wurde. Aber auch der reiche Grundbesitzer Clive Hamilton und seine Jäger scheinen in die Sache verwickelt zu sein.

Sir James, Dr. Thompson und Sylvia versuchen, mithilfe eines Priesters die Geschehnisse aufzuklären. Dabei scheint ihnen der geheimnisvolle Gutsherr Hamilton, welcher erst vor kurzem aus Haiti zurückgekehrt ist, immer einen Schritt voraus zu sein.

"Wir graben eine Leiche aus."

Gegründet wurde Hammer Films in den 1930er Jahren. Zunächst drehte man Filme aus unterschiedlichen Genres. Erste Erfolge erlangte das Unternehmen durch die Quatermass-Reihe (Schock 1955, Feinde aus dem Nichts 1957) von Regisseur Val Guest. Ihren großen Durchbruch hatte Hammer Films allerdings erst, als der Regisseur Terence Fisher für das Filmstudio die ersten Farbversionen von Frankenstein (1957) und Dracula (1958) drehte und damit den Grundstein für viele weitere Horrorfilme legte.

Die Hauptrollen in Hammers Dracula- und Frankenstein-Film spielten Christopher Lee und Peter Cushing, die anschließend auch in vielen weiteren Fortsetzungen wie Frankensteins Rache, Blut für Dracula, Frankenstein schuf ein Weib oder Dracula jagt Minimädchen zu sehen waren. Aber auch andere Monster wie der Yeti (Yeti, der Schneemensch 1957), Mumien (Die Rache der Pharaonen 1959), Werwölfe (Der Fluch von Siniestro 1961) und Dinosaurier (Eine Million Jahre vor unserer Zeit 1970) hatten in den Hammer-Filmen ihre Auftritte.

"Der Herr wird die Sünder strafen."

In Nächte des Grauens verzichtete Hammer auf seine beiden berühmten Stammschauspieler. Dafür ist André Morell (Die Brücke am Kwai, Ben Hur) als Sir James Forbes zu sehen. Er vermittelt in der Rolle stets die richtige Balance zwischen Gemütlichkeit, Autorität und britischer Gelassenheit. Es ist eine große Freude, ihm bei seinen Nachforschungen zuzuschauen, da Morell auch in recht trashigen Szenen als sehr guter Schauspieler zu erkennen ist.

Daneben bleiben Diane Clare (Bis das Blut gefriert) als seine Tochter Sylvia, Brook Williams (Agenten sterben einsam) als Dr. Peter Thompson und Jacqueline Pearce (Ist ja irre – Nur nicht den Kopf verlieren) als Alice Thompson im Vergleich ein wenig blass.

John Carson (Wie schmeckt das Blut von Dracula?) spielt den Gegenspieler Clive Hamilton. Ihm gelingt es gut, oberflächliche Freundlichkeit und abgrundtiefe Boshaftigkeit in seiner Rolle zu vereinen. Allerdings fehlt ihm zu einem wirklich guten Schurken das Charisma von Christopher Lee oder Peter Cushing.

Nicht unerwähnt soll der Auftritt Michael Ripper als Sergeant Jack Swift bleiben. Ripper war einer der meist beschäftigten Schauspieler von Hammer Film, spielte aber meist nur Nebenrollen (XX unbekannt, Bestien lauern vor Caracas oder Dracula – Nächte des Entsetzens).

Peter Bryan, der für Hammer schon die Drehbücher zu Dracula und seine Bräute sowie Der Hund von Baskerville verfasste, schrieb auch die Vorlage für Nächte des Grauens. Die Regie bei Hammers ersten Zombiefilm übernahm John Gilling, der sich im Laufe seiner Karriere auf günstige Produktionen von zumeist Abenteuer- und Horrorfilmen spezialisierte hatte. Für Hammer inszenierte er auch Piraten am Todesfluss, Die scharlachrote Klinge, Der Fluch der Mumie und Das schwarze Reptil.

Das schwarze Reptil dreht Gilling 1965 zeitgleich mit Nächte des Grauens in denselben Kulissen und teilweise mit denselben Schauspielern. Das war Teil des neuen Sparkonzeptes des Filmstudios. Mit beiden Horrorstreifen sollten zudem auch neue Monster jenseits von klassischen Vampiren oder Mumien beim Publikum erprobt werden.

"In der Mitte des Lebens sind wir des Todes"

Nächte des Grauens kam im Januar 1966 als Doppelvorstellung mit dem Hammer-Film Blut für Dracula in den britischen Kinos. Später im selben Jahr war der Horrorstreifen, der im Original passend The Plague of the Zombies heißt, auch in Deutschland zu sehen – wobei der deutsche Verleih zunächst plante, den Film unter dem Titel Striptease des Grauens herauszubringen. Nackte Haut gibt es, trotz dieser obskuren Titelidee, in dem Film allerdings nicht zu sehen.

Auch Splatterfreunde kommen nicht auf ihre Kosten. Hammer hatte sich zwar in den frühen 60er Jahren den Ruf erworben, wesentlich brutalere und gruseligere Filme zu drehen als Universal in den 30er und 40er Jahren. Dies bezog sich aber in erster Linie darauf, dass man sich nicht scheute, Leichen und jede Menge Blut zu zeigen – weitere Horroraspekte blieben der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Vergleicht man Nächte des Grauens mit dem nur zwei Jahre später erschienen Die Nacht der lebenden Toten wird dies besonders deutlich. Georg R. Romero scheute sich nicht, Gewalt und ekelerregende Handlungen explizit darzustellen. John Gillings Film bevölkern hingegen noch die bis dahin vorherrschenden Voodoo-Zombies, die durch magische Rituale erschaffen werden. Romeros wandelnde Tote haben mit den traditionellen Zombies außer ihren langsamen schlurfenden Gang nicht mehr viel gemeinsam.

"Erzählen sie niemanden, dass der Sarg leer ist!"

Die brutale Gewalt, welche heute im Horrorgenre oft vorherrscht, ist Nächte des Grauens noch fremd. Es ist wohl der letzte gemütliche Zombiefilm. Bis auf einen Zombie und zwei Leichen gibt es in der ersten Filmhälfte nicht wirklich etwas Gruseliges zu sehen. Aber Spannung wird dennoch permanent aufgebaut. Dafür sorgen die rücksichtslosen Jäger, gespenstische Szenen auf dem Friedhof und mysteriöse Geheimnisse. Das Ganze erinnert bis dahin aber eher an einen Krimi.

Auch wenn die Zombies später in größerer Anzahl und öfter ihre Auftritte bekommen, geht der Horror weniger von den Untoten selbst aus. Es ist die Tatsache, dass man in einen verwandelt werden könntet, welche die Angst auslöst. Auch bei The Walking Dead möchte niemand von einem Untoten gebissen werden. In Nächte des Grauens gibt es aber den Voodoo-Meister im Hintergrund, der lediglich ein wenig Blut seiner Opfer braucht, um sie in willenlose Sklaven zu verwandeln.

Diese Sklaven lässt der Bösewicht des Films in seinen Minen schuften. Er übt seine dunklen Ritualen nicht für irgendwelche obskuren Welteroberungspläne oder Rachefantasien aus, sondern wird von kapitalistischen Interessen angetrieben. Diese Tatsache schafft dann wieder eine Verbindung zu Romeros späteren Filmen: In Dawn of the Dead beobachten die in der Shopping Mall eingeschlossenen Helden, wie die Untoten frühere Verhaltensweisen wieder aufnehmen und als Parodien ehemaliger Konsumenten durch die schöne Einkaufswelt schlurfen.

"Was ich denke, steht morgen in meinen Bericht."

Mit seinen 86 Minuten Laufzeit besitzt der Film keine Längen und unterhält die Zuschauer auch heute noch sehr gut. Optisch kommen die Zombies nicht an das moderne Make Up und die aktuellen Spezialeffekte heran. Deswegen wirkt der Film auf den ersten Blick ein wenig verstaubt. Aber die gut erzählte Geschichte und der perfekt besetzte Hauptdarsteller machen Nächte des Grauens auch heute noch sehenswert. Wer also eine Pause von Splatterfilmen braucht und auf seine geliebten wandelnden Toten nicht verzichten will, sollte sich Hammers nostalgischen Zombiestreifen anschauen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Hammer Films/Seven Arts Productions

Nächte des Grauens (1966) German Trailer

Retro-Kiste: Jahr 2022 … die überleben wollen – Soylent Green

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Soylent Green

In den 70er Jahren ging die Welt für die Kinozuschauer mehrfach unter – und wenn schon nicht der gesamte Planet dem Untergang geweiht war, dann bebte die Erde, brannten Hochhäuser oder zombieartige Horden eroberten die Städte. Klassische Beispiele für die Welle dieser Katastrophen- und Weltuntergangsszenarien sind Airport (1970), Der Omega-Mann (1971), Erdbeben (1974), Flammendes Inferno (1974), Dawn of the Dead (1978) und Meteor (1979).

Ein weiteres in den 70er Jahren sehr beliebtes Subgenre waren Verschwörungsthriller wie Zeuge einer Verschwörung (1974), Die drei Tage des Condors (1975), Die Unbestechlichen (1976) oder Unternehmen Capricorn (1978). Der Regisseur Richard Fleischer griff in seinen Film Soylent Green – Jahr 2022 ... die überleben wollen (1973) beide Strömungen auf.

Sein Film über eine Zivilisation am Rande des Zusammenbruchs beginnt idyllisch. Zu harmonischer Musik sieht man Bilder vom Landleben des frühen 20. Jahrhunderts. Fotos von Menschen, erste Automobile und Fluggeräte wechseln sich ab. Dann schreitet die Zeit voran, und man bekommt immer mehr Menschen und Maschinen zu sehen. Schließlich wird die Musik immer schriller und unter die gezeigten Menschenmassen mischen sich Bilder von Müllbergen und Fabrikschornsteinen. So gelangt der Zuschauer schließlich ins New York des Jahres 2022.

Die Stadt hat 40 Millionen Einwohner und bietet nicht mehr genug Wohnraum für alle Menschen. Viele schlafen in den überfüllten Hausfluren oder leben in Autowracks auf den Straßen. Die Ernährung der Stadtbevölkerung kann nur durch synthetische Nahrungsmittel der Soylent Cooperation sichergestellt werden, welche gerade das neue Soylent Green auf den Markt gebracht hat. Alte und Kranke können Euthanasiezentren aufsuchen. Ihre Verwandten erhalten für die eingeschläferte Person wahlweise Geld oder Nahrungsmittel.

Der Polizist Thorn und sein Mitbewohner Sol gehören in dieser Welt schon zu den Privilegierten, die sich eine kleine Wohnung teilen. Aber auch auf ihren Tisch kommt oft nur Soylent Red, Yellow oder Green. Thorn kennt ein anderes Leben nur aus den Erzählungen des alten Sols, der sich aus seiner Jugend noch an frische Luft, gutes Essen und kühle Sommer erinnern kann.

"Und sein Beruf?" "Reich."

Wie gut es den wirklich privilegierten Menschen geht, erfährt Thorn, als er die Ermordung des Vorstandsvorsitzenden der Soylent Cooperation aufklären soll. Mr. Simonson lebte im luxuriösen Chelsea Tower West. Dort sieht der Ermittler, was seinem eigenen relativ guten Leben fehlt: eine Klimaanlage gegen die Hitze, frische Lebensmittel, saubere sanitäre Einrichtungen und echter Bourbon Whiskey. Bei seinen Ermittlungen in der Luxussuite lernt er auch Shirl kennen, welche als "Inventar" zur Wohnung gehört und darauf hofft, vom Nachmieter übernommen zu werden.

Obwohl Thorn schnell erkennt, dass es sich bei den Verbrechen nicht um einen einfachen Raubmord, sondern um eine Art Hinrichtung handelt, bedient er sich zunächst großzügig bei den Luxusgütern des Opfers. Zu Hause bereitet der alte Sol ihm damit seine erste Mahlzeit aus frischen Lebensmitteln.

Doch auch an seinen Ermittlungen bleibt Thorn dran, selbst als sein Chef ihm vom Fall abzieht. Der Polizist ist einer Verschwörung auf der Spur: Die Politiker hüten ein Geheimnis, das Thorns ohnehin schon schreckliche Welt in einem noch viel grausameren Licht erscheinen lässt.

Richard Fleischer wurde durch die Jules-Verne-Verfilmung 20.000 Meilen unter dem Meer (1954) und den Science-Fiction-Film Die phantastische Reise (1966) bekannt. Soylent Green ist sein wohl politischster und kritischster Film. Danach drehte er noch mehrere Western und die beiden Fantasyfilme Conan der Zerstörer (1984) sowie Red Sonja (1985).

Sein Hauptdarsteller hat im Laufe seiner Karriere mehr Katastrophen und Apokalypsen (Der Omega Mann, Planet der Affen, Erdbeben) überlebt als die meisten anderen Schauspieler. Deswegen war es für das Publikum der 70er Jahre nicht verwunderlich, dass gerade Charlton Heston als Polizist in einer kaputten Zukunftsstadt ermittelt. Zu Beginn seiner Schauspielkarriere spielte er in vielen Western mit. Früh war Heston auch in erfolgreichen Antikfilmen wie Die Zehn Gebote (1956) und Ben Hur (1959) zu sehen. Außerdem übernahm er die Hauptrolle in Orson Welles' Thriller Im Zeichen des Bösen (1958).

An seiner Seite ist Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle zu sehen. Der Schauspieler erlag seinem Krebsleiden, noch bevor Soylent Green in die Kinos kam. Robinson spielte in vielen Gangsterfilmen (Der kleine Caesar, Frau ohne Gewissen) mit. Zusammen mit Heston trat er bereits 1956 in Die zehn Gebote auf. Weiteren Rollen übernehmen Leigh Taylor-Young (Picket Fences: Tatort Gartenzaun), Chuck Connors (Flipper), Joseph Cotten (Der dritte Mann) und Brock Peters (Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart, Star Trek VI: Das unentdeckte Land).

Die Vorlage für den Film schrieb der Science-Fiction-Schriftsteller Harry Harrison (Stahlratte-Serie, Todeswelt-Trilogie, Bill, der galaktische Held), der heute ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Am bekanntesten ist heute noch sein Roman New York 1999 (Make Room! Make Room!), welcher als Vorlage für Fleischers Film diente.

Allerdings baut der Film eine fundamentale Änderung ein, welche der 1966 erschienene Roman nicht enthielt: Das Ende, welches hier nicht gespoilert werden soll, gibt es in der Form im Buch nicht. Es schildert dieselben katastrophalen Lebensbedingungen, aber der Polizist deckte keine vergleichbare Verschwörung wie im Film auf. Der Autor selbst meinte, dass das neu hinzugefügte Ende der Geschichte nicht gut tut und von den wesentlichen Aspekten des Romans ablenkt.

"Ich hätte mich längst einschläfern lassen sollen."

Die Vorliebe des damaligen Hollywoods für Katastrophen, Verschwörungen und dystopische Zukunftsentwürfe hatte etwas mit dem gesellschaftlichen und politischen Klima in den USA der 70er Jahre zu tun. Die wirtschaftliche Rezession, die Ölkrise, wachsende Kriminalität in den Städten, der Vietnamkrieg sowie der Watergate Skandal lösten Sorgen und Ängste in der Bevölkerung aus.

Zusätzlich desillusionierte das enttäuschende Ende der 68er-Bewegung viele der junge Amerikaner, und auch der Bericht des Club of Rome über Das Ende des Wachstums sorgte nicht dafür, dass die Menschen optimistisch in die Zukunft blickten. Der 1972 veröffentlichten Bericht warnte vor einer globalen Katastrophe, sollte die Menschheit in den nächsten hundert Jahren die großen Probleme, wie Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen, nicht in den Griff bekommen.

Die unterbewussten Ängste ihrer Zuschauer griffen unterschiedlichste Regisseure in ihren Thrillern, Horror- und Science-Fiction-Filmen wieder auf. Auch Soylent Green ist ganz klar ein Produkt seiner Zeit und behandelt viele Themen, die in Das Ende des Wachstums angesprochen wurden.

"Also ist es richtig?" "Richtig ist es nicht, aber notwendig."

So ist das zentrale Thema des Films die Nahrungsmittelknappheit – welche nur durch die synthetischen Soylent-Produkte gelindert werden kann. Außerdem wird die Erwärmung erwähnt, wenn Thorn sich darüber beschwert, dass es nachts noch 32 Grad sind. Die Folgen der Umweltzerstörung werden prägnant in Szene gesetzt, wenn der Gouverneur von New York sich in den Resten des Central Parks erholt – ein Zelt mit wenigen verkrüppelten Bäumen.

Aber nicht nur die zerstörte Natur wird im Film thematisiert. Gezeigt wird auch, wie die Gesellschaft durch die verschlechterten Umweltbedingungen verroht. Die Polizei geht bei Unruhen während der Nahrungsmittelverteilung mit Schaufelbaggern gegen die aufgebrachte Bevölkerung vor. Überall in den Hausfluren sitzen schwer bewaffnete Wachen, die dafür sorgen, dass die Wohnungslosen nicht weiter in die Häuser eindringen. Junge Frauen werden in den Luxuswohnanlagen als "Inventar" bezeichnet und auch so behandelt. Und für die Kranken und Alten gibt es keine Fürsorge, sondern Euthanasiezentren.

Als Polizist bewegt sich Thorn durch beide Welten. Von der Luxuswohnung, in der er fasziniert fließendes Wasser und ein Stück Seife bestaunt, verschlägt es ihn in der nächsten Szene auf die Straße, wo der Polizist ein verwaistes Mädchen findet, welches mit einer Schnur noch an seine tote Mutter gebunden ist.

Dystopien sind auch heute wieder in Mode – aber im Gegensatz zu den aktuellen meist jugendlichen Helden (Die Tribute von Panem, Hüter der Erinnerung, Maze Runner), die erfolgreich gegen Despoten kämpfen, kann Thorn nicht gewinnen. Das liegt zum einem daran, dass die Hintermänner für ihn nicht greifbar sind. Und sollte er dennoch erfolgreich sein und die Bevölkerung über die wahren Missstände aufklären, würde es langfristig nichts ändern. Das Hauptproblem - die zerstörte Umwelt der Erde und die sich daraus ergebenden katastrophalen Folgen - wären nicht einmal ansatzweise gelöst.

Soylent Green ist heute Teil der Popkultur. Mehrere Metalbands benannten sich nach dem Film und die Vorläufer Gruppe Die Ärzte hieß Soilent Grün. Auch in mehreren Folgen der Serien Futurama tauchen verschiedene Soylent-Produkte auf. Vielleicht ist der eigentlich dystopische Charakter des Films im Laufe der Zeit darüber ein wenig in den Hintergrund gerückt.

"Als du jung warst, da waren die Menschen besser." "Ach Quatsch, die Menschen waren immer schlecht. Aber die Welt war wunderschön."

Man kann sich nach dem Film zurücklehnen und denken, so schlimm, wie sie sich die Zukunft 1973 ausgedacht haben, ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Aber ein Jahr, bevor Soylent Green in die Kinos kam, veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht Die Grenzen des Wachstums. Die darin angesprochenen Probleme sind auch heute noch aktuell.

Der Bericht des Club of Rome bezog sich 1972 auf die nächsten hundert Jahren. Richard Fleischer hat die Handlung seines Films vielleicht zu früh angesetzt. Soylent Green bleibt trotzdem eine bedrohliche Warnung, denn von den hundert Jahren sind heute nur noch 54 Jahre übrig.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Metro-Goldwyn-Mayer

Soylent Green (1973) Trailer

Retro-Kiste: Bei Zeus, so etwas habe ich noch nie gesehen – Jason und die Argonauten

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Jason und seine Argonauten

Zwischen 1950 und 1965 erlebte der Antikfilm eine zweite Blütezeit nach den 1920er-Jahren. In diesen Jahren kamen Ben Hur (1959), Spartacus (1960) und Der Untergang des Römischen Reiches (1964) in die Kinos. Neben diesen historisch inspirierten Klassikern gab es auch Sandalenfilmen, welche Stoffe der antiken Sagen und Mythen aufgriffen und oft die Grenze zur Fantasy öffneten. 1963 wagte sich Regisseur Don Chaffey an eine Adaption von Jason und die Argonauten – einen Film, der sich vor allem durch die fantastischen Kreaturen des Trickspezialisten Ray Harryhausen auszeichnet.

Jason und die Argonauten beginnt mit dem griechischen Feldherrn Pelias, der kurz vor der Eroberung Thessaliens steht. Sein Seher prophezeit ihm dem Sieg, doch eines der drei Königskinder soll ihn einst wieder von dem Thron stürzen. Pelias gewinnt die Schlacht und versucht, die drei Kinder des Königs zu töten. Doch mithilfe der Göttin Hera bleibt das Baby Jason vor ihm verborgen.

20 Jahre später kehrt der erwachsene Jason nach Thessaliens zurück, um sich seinen rechtmäßigen Thron zurückzuerobern. Pelias erkennt die Bedrohung, und mit einer List überredet er Jason, zunächst von seinen Racheplänen Abstand zu nehmen und nach Kolchis zu fahren, um dort das sagenumwobene Goldene Vlies zu rauben.

"Die Götter antworten noch nicht einmal denen, die an sie glauben."

Vom Olymp aus betrachten die Götter das Geschehen, und Zeus gewährt seine Gattin Hera, dass sie Jason fünfmal auf seiner Abenteuerfahrt beistehen darf. Jason und seine Argonauten müssen auf ihrer Fahrt gegen Monster antreten, gefährliche Meerengen durchqueren und einen Verräter in den eigenen Reihen bezwingen, bevor sie mithilfe der Priesterin Medea nach Kolchis gelangen. Doch dort warten nur noch mehr Gefahren auf die Abenteurer.

Genau wie der britische Regisseur Don Chaffey (Mit Schirm, Charme und Melone, Drei Engel für Charlie, MacGyver) haben auch die meisten Darsteller von Jason und die Argonauten im Laufe ihrer Karriere überwiegend fürs Fernsehen gearbeitet. Für Todd Armstrong (Rauchende Colts, Hawaii Fünf-Null) war es die einzige größere Kinorolle. Auch Nancy Kovack, welche die Medea spielt, war später lediglich in verschiedenen Rollen in Die bezaubernde Jeannie, Solo für O.N.C.E.L. oder Raumschiff Enterprise zu sehen.

Wesentlich bekannter dürfte die Hera-Darstellerin Honor Blackman durch ihre Rolle der Pussy Galore in dem James-Bond-Film Goldfinger sein. Bevor er mit der Tardis durch Zeit und Raum reiste, gehörte auch der zweite Doctor-Who-Darsteller Patrick Troughton zur Besatzung der Argo.

Ein Problem, welches der Film mit allen anderen Vertretern seines Genres teilt, sind die Gewänder. Nicht alle Darsteller besitzen die nötige Ausstrahlung, auch in einer knappen Toga oder Tunika Würde auszustrahlen. So muss man leider feststellen, dass vor allem Laurence Naismith als Bootsbauer Argo in den Szenen auf dem Schiff aussieht, als ob er eine große Windel tragen würde.

Auch Hauptdarsteller Todd Armstrong macht keine allzu gute Figur in seiner knappen Tunika, was er auch nicht durch sein schauspielerisches Talent ausgleichen kann. Es ist nicht verwunderlich, dass ihm die große Hollywood-Karriere verwehrt blieb. Eine bessere Figur in ihren Kostümen und eine gelungene Darstellung bieten Douglas Wilmer als Feldherr Pelias und Nigel Green als Herkules. Letzterer verkörpert den bekannten Helden als eigenwillige Mischung aus Kumpel von nebenan und urigen Neandertaler – welche im Kontext des Filmes gut funktioniert.

Naismith, Wilmer und Jack Gwillim, der Darsteller des Königs Aertes, machten im Laufe ihrer Karriere (Gwangis Rache, Sindbads gefährliche Abenteuer und Kampf der Titanen) nochmals die Erfahrung, wie schwer es ist, gegen die fantastischen Kreaturen von Ray Harryhausen an zu spielen. Die eigentlichen Stars des Films sind nämlich der stählerne Titan Talos, die zwei fliegenden Harpyien, die siebenköpfige Hydra und die Skelettkrieger, welche Harryhausen für den Film erschaffen hat.

Seine lebenslange Liebe für Filmmonster jeder Art begann, als Harryhausen King Kong und die weiße Frau von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack im Kino sah. 1949 durfte er dann als junger Tricktechniker zusammen mit Willis H. O'Brien, der bereits 1933 den Riesenaffen zu Leben erweckte, an den Spezialeffekten zu Panik um King Kong mitarbeiten.

Wie auch in allen weiteren von Harryhausens Filmprojekten, kam hier die Stop-Motion-Technik zum Einsatz. Bei dieser Methode werden einzelne Bilder von unbewegten Modellen aufgenommen, welche anschließend im Film in schneller Folge abgespielt werden, womit die Illusion einer Bewegung entsteht.

Nach dem Riesengorilla ließ Harryhausen noch einen Dinosaurier auf New York (Panik in New York 1953), einen Riesenkraken auf San Francisco (Das Grauen aus der Tiefe 1955) und ein außerirdisches Wesen auf Rom (Die Bestie aus dem Weltenraum 1957) los. Neben gigantischen Monstern schuf er 1956 Raumschiffe, die in dem Invasionsfilm Fliegende Untertassen greifen an vierzig Jahre vor Interdependence Day Washington in Schutt und Asche legten.

Viele weitere fantastische Abenteuerfilme der späten 50er- bis frühen 80er-Jahre veredelte Harryhausen mit seinen Spezialeffekten. So erweckte er auch für die Jules-Verne-Adaption Die geheimnisvolle Insel, seinen drei Sinbad-Filmen und sein letztes Projekt Kampf der Titanen Riesenbienen, Säbelzahnkatzen, Zyklopen und antike Götter zum Leben. Wie auch bei Jason und die Argonauten werden auch hier die Darsteller von den künstlichen Monstern in den Schatten gestellt. So ist es nur allzu verständlich, dass Harryhausen Name bereits im Vorspann groß genannt wird.

Die erste gigantische Kreatur, die in Jason und die Argonauten ihren Auftritt hat, ist der Titan Talos, welcher die Helden an der Flucht von einer Insel hindern will. Da dieser Riese komplett aus Metall besteht, hat der Trickspezialist bei diesen Szenen die Effekte absichtlich nicht perfekt umgesetzt. So erhält der Titan einen eckigen ungelenken Gang, den man von einer lebenden Metallstatue erwarten würde. Unterstützt wird der optische Eindruck von metallisch klingenden Soundeffekten, die bei jeder Bewegung Talos' zu hören sind.

Die eindrucksvollsten Kreaturen bekommt der Zuschauer aber zum Ende des Films zu sehen: die siebenköpfige Hydra und die von König Aertes zum neuen Leben erweckten Skelettkrieger. Diese Szenen stellten selbst für einen Profi wie Harryhausen eine große Herausforderung da. Allein an der Einstellung mit den Skeletten arbeitete er viereinhalb Monate. Den Kampf mit der Hydra dreht er nur nachts, da Harryhausen ansonsten bei jeder kleinen Störung schnell vergessen konnte, welcher der sieben Köpfe der Hydra sich gerade nach oben, unten oder zur Seite bewegt hatte.

Die Musik zum Film stammt von Bernard Herrmann, der auch den Soundtrack zu Sindbads siebente Reise und Die geheimnisvolle Insel schrieb. Weltbekannt wurde Herrmann drei Jahre bevor Jason und die Argonauten in die Kinos kam. 1960 komponierte er die Filmmusik zu Psycho von Alfred Hitchcock.

Während man also bei den Spezialeffekten und der Musik keine Mühen scheute, gab man sich an anderer Stelle oft nicht so viel Mühe. Jason und die Argonauten wurde in der Umgebung von Neapel gedreht. Das kommt den Film bei den Naturaufnahmen vom Meer, Strand oder Felsformationen zu Gute.

Im Film sind aber immer wieder alte Säulen oder antike Mauerreste zu sehen. Während des Kampfes mit den beiden Harpyien dient zum Beispiel der halb verfallene Tempel bei Paestum als Kulisse – was ein wenig den Eindruck erweckt, schon die antiken Griechen hätten in Ruinen gehaust. Nur die Szenen in Kolchis und die Schlacht um Thessalien zu Beginn wurden in künstlichen errichteten Kulissen gedreht.

Während der zweiten Blütezeit des Monumentalfilms drehte nicht nur Hollywood jede Menge antike Abenteuerfilme. Auch in Italien erfreute sich das Genre bei den Produzenten großer Beliebtheit. In der ersten Hälfte der 60er-Jahre kam es dort zu einer wahren Massenproduktion, in deren Mittelpunkt muskulöse Helden wie Herkules oder Samson standen. Viele dieser sogenannten Muskelprotzfilme scheuten sich auch nicht, verschiedenen antike Sagengestalten mit Mythen anderen Zeiten und modernen Elementen zu vermischen.

So drehte Mario Bava 1961 den Film Vampire gegen Herkules, der noch optisch aus der Masse der oft billig produzierten italienischen Sandalenfilme herausstach. Auch Jason und die Argonauten hätte mit den Jahren leicht in der Masse untergehen können – zumal das Genre bis zu dem Erfolg von Ridley Scotts Gladiator (2000) nahezu tot war und die antiken Helden ab Mitte der 60er-Jahre auf der Leinwand Cowboys und Weltraumhelden weichen mussten.

"Die Götter kennen kein Erbarmen. Wir Menschen müssen lernen ohne, sie auszukommen."

Jason und die Argonauten erzählt eigentlich nur die Hälfte der antiken Sage nach. Das Schicksal, welches Jason und Medea in ihrer Heimat erwartet, wird nicht mehr erzählt. Am Ende des Films gibt es im Olymp ein Gespräch zwischen Hera und Zeus, welches eine Fortsetzung andeutet. Diese wurde aber trotz eines finanziellen Erfolgs des Films in England nie gedreht.

Es ist wohl Ray Harryhausen und seine fantastischen Schöpfungen zu verdanken, dass Jason und die Argonauten nicht in Vergessenheit geraten ist. Obwohl oder gerade weil man heute viel bessere Computereffekte gewohnt ist, besitzen Harryhausen Kreatur einen ganz eigenen Charme. Dadurch bietet der Film auch heute noch gute Unterhaltung mit großartigen Schauwerten.

1992 erhielt Harryhausen für seine Trickeffekte bei der Oscar-Verleihung für Wissenschaft und Technik den Gordon E. Sawyer Award. Gastgeber Tom Hanks würdigte sein Werk mit den Worten "Einige sagen, Citizen Kane oder Casablanca. Ich sage, Jason und die Argonauten ist der größte Film, der je gedreht wurde." Das ist vielleicht ein wenig übertrieben – aber unter den vielen klassischen Antikfilmen hat sich der Film seinen Platz im Olymp verdient.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Charles H. Schneer Productions/Columbia Pictures

JASON UND DIE ARGONAUTEN - Trailer (1963, German/Deutsch)

Retro-Kiste: Ich habe es selbst gesehen, ein Ungeheuer aus der Jurazeit – Godzilla

Seit 65 Jahren taucht Godzilla immer mal wieder auf und zerstört Tokio oder den Rest der Welt. Egal, ob er dabei als lebendige Naturkatastrophe durch die Städte stapft oder auf Seite der Menschheit gegen feindliche Ungeheuer kämpft – seine Filme erfreuen sich nicht nur in Japan anhaltender Beliebtheit. Regisseur Ishirō Honda schaffte 1954 mit seinem Monsterfilm das, was anderen gigantischen Filmmonstern wie King Kong oder Tarantula verwehrt blieb: Er begründete ein eigenes Filmgenre.

Noch bevor die treibende Filmmusik von Ifukube Akira einsetzt, hört man bereits während des Vorspanns Godzillas ikonische Schreie. Dann dauert es ein wenig, bis man das Monster wieder zu hören oder gar zusehen bekommt, denn Godzilla macht sich, wie jedes gute Ungeheuer, in der ersten Hälfte des Films rar.

Der Monsterstreifen beginnt mit einer friedlichen Szene auf See – doch plötzlich wird das Schiff durch etwas, was wie eine Unterwasserbombe anmutet, versenkt. Als weitere Fischerboote und Passagierdampfer verschwinden, beschließt die Regierung in Tokio eine wissenschaftliche Expedition auf die abgelegene Insel Oto zu senden. Professor Yamane und sein Team sollen herausfinden, was hinter den mysteriösen Ereignissen steckt.

Die Fischer der Insel schreiben die Vorfälle dem legendären Seeungeheuer Godzilla zu, dem sie früher noch eine Jungfrau als Opfer darbrachten. Was zunächst als Märchen abgetan wird, bestätigt sich, als Godzilla zum ersten Mal bei Tag das Meer verlässt und die Bewohner der Insel angreift.

Während sich das Monster nun dem Festland nähert, muss sich die Tochter des Professors zwischen zwei Männer entscheiden. Sie liebt Ogata, der für den japanischen Seenotdienst arbeitet. Von ihrem Vater wurde Emiko allerdings schon Dr. Serizawa versprochen. Dieser scheinbar nebensächlichen Handlung kommt große Bedeutung zu, nachdem Godzilla Tokyo angegriffen hat – denn nur Dr. Serizawa hält ein Mittel bereit, welches Japan vor weiteren Angriffen des gigantischen Ungeheuers retten könnte.

"Ihre Angst könnte sich bewahrheiten. Aber Godzilla ist bereits Realität."

Für Regisseur Ishirō Honda war Godzilla sein erster Monsterfilm. Zuvor hatte er als Regieassistent von Akira Kurosawa gearbeitet und eigenständig einige Dokumentar- und Kriegsfilme gedreht. Seit 1954 ist sein Name mit dem Kaijū-Genre verbunden.

Er drehte nicht nur viele der Godzilla-Fortsetzungen, sondern auch Filme mit anderen Ungeheuern wie Die fliegenden Monster von Osaka (1956) sowie die Science-Fiction- und Horrorfilme Das Grauen schleicht durch Tokio (1958), Ufos zerstören die Erde (1962) und Matango (1963). Seine Godzilla-Ära endete 1975 mit Die Brut des Teufels, Konga, Godzilla, King Kong.

Auch die Darsteller von Godzilla traten alle in späteren Teilen der Reihe wieder auf. Professor Yamane wird von Takashi Shimura (Rashomon – Das Lustwäldchen) gespielt, der seine Rolle in Godzilla kehrt zurück wieder aufnimmt. Als seine Tochter Emiko ist Momoko Kōchi zu sehen, die zuletzt 1995 in dem Kaijū Godzilla gegen Destoroyah mitwirkte.

Akira Takarada (Half Human: The Story of the Abominable Snowman), der Darsteller des Ogatas, sollte eigentlich einen Cameo-Auftritt im US-Remake aus dem Jahr 2014 erhalten. Die Szene schaffte es letztlich nicht in den fertigen Film. Dr. Serizawa wurde von Akihiko Hirata (Mothra bedroht die Welt, Sanjuro) gespielt und der Reporter Hagiwara wurde von Sachio Sakai (Die Rückkehr des King Kong, Yojimbo – Der Leibwächter) verkörpert.

Zwei Darsteller, die man in dem Film nie zu Gesicht bekommt und trotzdem im Zentrum der Kamera standen, sollen nicht unerwähnt bleiben: In das Godzilla-Kostüm schlüpften nicht zum letzten Mal Haruo Nakajima, der auch in einer Nebenrolle in Die sieben Samurai zu sehen ist und Katsumi Tetsuka, welcher als Schauspieler in U 2000 – Tauchfahrt des Grauens sowie Godzilla und die Urweltraupen mitspielte.

Das Gummikostüm konnten die Darsteller wegen der Hitze, dem Gewicht und der schlechten Luft nur wenige Minuten am Stück tragen. Deswegen stampften Nakajima und Tetsuka abwechselten durch die Miniaturkulissen. Für die damalige Zeit funktioniert die Tricktechnik aus Monsterkostüm, Modellbauten und Schnitten auf die real gefilmten Szenen sehr gut.

Im Gegensatz zu manch späteren Monsterkloppereien wirkt der Auftritt Godzillas nie lächerlich, sondern hat etwas Bedrohliches. Das mag auch daran liegen, dass der Film, im Gegensatz zu vielen anderen Kaijūs, das Leid der Opfer nicht ausspart und deutlich in Szene setzt.

"Vergessen Sie ihren Plan den Godzilla töten zu wollen, erforschen sie lieber an ihm die Geheimnisse des Lebens."

In der Fortsetzung aus dem Jahr 1955 tritt erstmals ein zweites Monster auf. Godzilla kämpft in Godzilla kehrt zurück gegen Angilas – eine Mischung aus Ankylosaurier und einem Igel. Die vielen unterschiedlichen gigantischen Kaijūs sind aus den weiteren Godzilla-Filmen nicht wegzudenken. So tauchen in den folgenden Abenteuern der japanischen Riesenechse der Flugsaurier Rodan, die Riesenmotte Mothra, der dreiköpfige Drache King Ghidorah, der Roboter MechaGodzilla und viele weitere riesige Ungeheuer auf.

Die bisher erschienen japanischen Filme lassen sich in mehrere Perioden einteilen. 1954 begann mit dem ersten Godzilla-Film die Showa-Reihe, die 1975 mit Hondas Die Brut des Teufels, Konga, Godzilla, King Kong endete. Dann gab es neun Jahre lang keine neuen Filme mehr. Erst 1984 startete mit Godzilla – Die Rückkehr des Monsters der erste der sieben Filme der Heisei-Reihe – welche 1995 mit Godzilla gegen Destoroyah ihr Ende fand.

Aber Godzilla war nicht tot zu kriegen und nur vier Jahre später startete die aus sechs Filme bestehende Millennium-Reihe. Godzilla 2000 kann man als Antwort auf Roland Emmerichs US-Godzilla-Film (1998) sehen, der in Japan nicht so gut ankam. Emmerichs Riesenechse taucht 2004 in Godzilla: Final Wars wieder auf und wird dort von seinem japanischen Pendant im Zweikampf besiegt.

Obwohl Warner Bros. und Legendary Pictures 2014 mit einem weiteren US-Remake ihr eigenes MonsterVerse starteten, veröffentlichte das Filmstudio Toho 2016 mit Shin Godzilla einen weiteren in Japan äußerst erfolgreichen Kaijū-Streifen. Zudem produzierte das Studio 2017 mit Godzilla: Planet der Monster einen Animationsfilm, der eine düstere Zukunft der Erde voller riesiger Ungeheuer zeigt. 2018 folgten zwei Fortsetzungen des Animes.

Warner Bros. hat derweilen seinem MonsterVerse mit Kong: Skull Island um eine berühmtes westliches Filmmonster erweitert. 2020 sollen die beiden dann in Godzilla vs. Kong aufeinandertreffen. Zuvor kommt Godzilla 2: King of the Monsters von Regisseur Michael Dougherty (Krampus) in die Kinos.

Die deutschen Varianten der alten japanischen Godzilla-Streifen zeichnen sich nicht nur durch ihre zum Teil recht eigenwillige Übersetzung der Originaltitel, dem häufig irgendwas mit Frankenstein zugefügt wird, aus. Ishirō Honda erster Monsterfilm kam in Deutschland zunächst nur in einer gekürzten Version heraus.

Der in schwarz-weiß gedrehte Film ist in der japanischen Fassung 92 Minuten lang. Die gekürzte Version lässt viele Szenen weg, in denen man die verletzten Opfer, die Flucht vor dem Monster oder Diskussionen der Regierung über den Einsatz Atomwaffen zu sehen bekommt.

Auch Dr. Serizawa Beweggründe für sein Handeln werden durch zusätzliche Rückblenden wesentlich plausibler erklärt. Ohne diese Szenen fragt man sich, wieso der Wissenschaftler seinen Oxigenzerstörer überhaupt entwickelt hat, wenn er doch solche Skrupel hat, seine Waffe einzusetzen.

Godzilla lief 1956 in den amerikanischen Kinos an. Allerdings hatte der dortige Verleih ein paar zusätzliche Szenen mit dem US-Schauspieler Raymond Burr gedreht. Als amerikanischer Reporter wurde er in den Film hinein geschnitten, um den Zuschauer als Identifikationsfigur zu dienen.

Vielleicht wollte man so auch ein wenig auf Distanz gehen, zu den nicht zu übersehenden Anspielungen auf die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Die Szenen, nachdem Godzilla Tokyo zerstört hat, dürften insbesondere beim japanischen, aber auch beim weltweiten Publikum, Erinnerungen an die schrecklichen Folgen der beiden Nuklearwaffenangriffe geweckt haben.

"Es dürfen keine Atombomben zu diesem Zweck eingesetzt werden!"

Godzillas Radioaktivität spielt noch auf einen weiteren Vorfall an: Im März 1954 wurde ein japanischen Fischkutter durch einen amerikanischen Atomwaffentest im Pazifik radioaktiv verstrahlt. Dies wird im Film wieder aufgegriffen, indem erklärt wird, dass Godzilla durch Atombombentest im Pazifik geweckt wurde und das Ungeheuer daraufhin begann, japanische Fischkutter zu versenken.

Unverkennbar war auch der Hollywoodfilm Panik in New York aus dem Jahr 1953 ein Vorbild für Godzilla. In beiden Streifen greift Urzeitsaurier, die durch einen Atombombentest geweckt wurde, eine Großstadt an. Oftmals schlägt der amerikanische Monsterfilm der 50er Jahre aber einen gegensätzlichen Weg ein.

Ein gutes Beispiel ist Jack Arnolds Trantula aus dem Jahr 1955. In dem Horrorfilm erschafft ein fehlgeleiteter Wissenschaftler eine Riesenspinne, die am Ende nur mit Hilfe des Militärs besiegt werden kann - in den japanischen Monsterfilmen ist es meist genau umgekehrt.

Auch wenn die meisten Kaijūs reine Unterhaltungsfilme sind, greifen sie auch hin und wieder ernste Themen auf. So muss Godzilla unter anderen gegen das aus atomarem Müll bestehen Ungeheuer Hedorah antreten.

In seinen ersten Kinofilm ist Godzilla gewiss kein Friedensmonster. Die Unterhaltung steht bei den Monsterattacken eindeutig im Vordergrund. Dennoch beinhaltet Godzilla einen klaren Appell gegen Atomwaffen - diesen fast am Ende des Films Professor Yamane noch einmal eindringlich in wenigen Worten zusammen.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Toho

Godzilla (1954)

Retro-Kiste: Expedition Adam ’84 – Die Besucher

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Die Besucher

In den 80er Jahren waren Zeitreisen noch einfach – man braucht einfach das richtige Auto: einen DeLorean DMC-12, wie in Zurück in die Zukunft, oder einen Lada Niva. Auf dem ersten Blick scheint der DeLorean mehr herzumachen, aber der Lada ist unauffälliger, bietet genügend Platz für vier Zeitreisende samt Ausrüstung und ist bei der Rückreise nicht auf einem Blitzschlag angewiesen. Denn wenn man aus der Zukunft zurück in das Jahr 1984 reist, ist Unauffälligkeit das oberste Gebot, um den Lauf der Vergangenheit nicht zu verändern.

"Vor allem nicht auffallen!"

Eigentlich sind Zeitreisen im Jahr 2484 streng verboten und es braucht schon einen wichtigen Grund, damit der Weltenrat zustimmt, vier Wissenschaftler 500 Jahre in die Vergangenheit zuschicken. Als der Zentraldenker der Menschheit errechnet, dass sich ein Meteorit auf Kollisionskurs mit der Erde befindet, bleibt keine andere Möglichkeit, um die Menschheit und die Delfine zu retten.

Der rettende Vorschlag kommt von dem Akademiker Filip, der seit langen das Leben und Werk Adam Bernaus studiert. Dieses große Genie des 20. Jahrhunderts hatte schon in seiner Kindheit eine Formel errechnet, mit der man ganze Welten verschieben kann. Leider wurde das Heft mit der Berechnung im Jahr 1984 bei einem Brand im elterlichen Wohnhaus vernichtet. Als Feuerwehrleute getarnt soll nun eine Expedition aus der Zukunft beim Brand auftauchen und im Chaos der Löscharbeiten unauffällig das verschollene Heft an sich nehmen.

Die Besucher würden, wenn alles nach Plan läuft, nur wenige Stunden bleiben und nur minimal in den Lauf der Vergangenheit eingreifen. Natürlich läuft nicht alles glatt und Filip, der Arzt Dr. Noll, der Techniker Karas und die Historikerin Katja müssen länger in der Vergangenheit bleiben als geplant, um so ein zweites Heft mit Adam Bernaus Berechnungen an sich zu bringen.

Für die vier Besucher hält das Leben in der Kleinstadt Kamenice viele Überraschungen bereit. Der Umgang mit Geld, archaische Ernährungsweisen und ihre generelle Unwissenheit über das alltägliche Leben im 20. Jahrhundert drohen ständig, sie auffliegen zu lassen, bevor es ihnen gelingt, die Erde vor ihrer Vernichtung zu retten.

"Genau darüber wundern sich die Leute ja, dass wir nur Apfelsinen und Eier essen."

Die Science-Fiction-Serie Die Besucher war eine Koproduktion des tschechoslowakischen Fernsehens mit dem WDR, dem Bayerischen Rundfunk und der Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft. Die 15 Folgen wurden Ende 1983 zuerst in der Tschechoslowakei und Anfang 1984 in der ARD ausgestrahlt. In der DDR war die Serie später unter dem Namen Expedition Adam '84 zu sehen.

Hinter der Produktion steckt das Filmstudios Barrandov. Einen ersten Namen machte sich das Studio mit den Filmen Das Geheimnis der Burg in den Karpaten, Auf dem Kometen und Das Geheimnis der stählernen Stadt nach Motiven von Jules Verne. Außerdem war das Studio Barrandov für die Märchenverfilmung Drei Haselnüsse für Aschenbrödel mitverantwortlich.

In den 1970er und 1980er Jahren drehte das Filmstudio in Zusammenarbeit mit dem WDR und dem damaligen tschechoslowakischen Fernsehen auch mehrere Kinderserien – darunter Pan Tau, Die Märchenbraut, Luzie, der Schrecken der Straße und Der fliegende Ferdinand.

Wer als Kind die ein oder andere der Serien gesehen hat, dürfte viele Schauspieler in Die Besucher wiedererkennen. In kleineren Nebenrollen sind Otto Šimánek (Pan Tau), Jiří Lábus (Der Zauberer Rumburak in Die Märchenbraut) und Vladimír Menšík (Die Märchenbraut, Der fliegende Ferdinand) zu sehen.

Unter den vier Besuchern aus der Zukunft ist besonders Josef Bláha (Das Mädchen auf dem Besenstiel) in der Rolle des Akademikers Filip hervorzuheben. Er versteht es gut seine Rolle ernsthaft zu verkörpern und nur mit wenigen Blicken Situationskomik herzustellen, die nie ins Alberne abzurutschen droht. Jiří Datel Novotný (Luzie, der Schrecken der Straße) spielt den Expeditionsarzt Dr. Noll ein wenig inkonsequent. Seine Wandlung vom strengen Hüter der Regeln zum Playboy, der Kontakt zu den Frauen des Jahres 1984 sucht, wirkt nicht glaubhaft – was zum Teil auch am Drehbuch liegen mag.

Im Gegensatz dazu liefert Josef Dvořák (Die Märchenbraut) als Techniker Karas eine sehr überzeugende Darstellung eines Besuchers aus der Zukunft, der sich neugierig vor allem auf kulinarische Experimente einlässt. Dagmar Patrasová (Die Märchenbraut) spielt die einzige weibliche Besucherin Katja Jandova. Leider wird sie zu oft auf ihr Äußeres reduziert und hat es schwer ein eigenes Profil zu entwickeln.

Wenig Entwicklung gibt es auch beim jungen Adam Bernau, was aber nicht ins Gewicht fällt. Viktor Král (Der fliegende Ferdinand) nimmt man das junge Genie, welches sich eigentlich nur für Fußball, Unsinn und seine Freundin Ali interessiert, immer ab. Vlastimil Brodský (Das Geheimnis der Burg in den Karpaten) als Adams „Lehrmeister" Alois Drchlík macht vielleicht die größte Entwicklung durch. Spätestens, wenn er mit den Besuchern in direkten Kontakt tritt, zeigt Brodský, dass er mehr als nur den lustigen Trinker spielen kann.

Der Regisseur Jindřich Polák (Pan Tau, Ikarie XB 1) und der Drehbuchautor Ota Hofman (Unterwegs nach Atlantis, Die Tintenfische aus dem zweiten Stock) waren ebenfalls in der tschechoslowakischen Serienlandschaft keine Neulinge. Auch wenn einen der Name Karel Svoboda nichts sagt, kennen die meisten seine Melodien aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Svoboda schrieb auch die Musik zu Die Besucher. Seine Titelmelodie erinnert wage an den deutschen Captain-Future-Soundtrack von Christian Bruhns.

"Das ist wohl Krieg?" "Nein, nein so haben die Menschen sich amüsiert."

Natürlich ist ein modern klingendes Intro wichtig, um die Zuschauer glaubhaft in die Zukunft zu führen. Dort spielen die ersten beiden Folgen der Serie, der Zeitsprung in die Vergangenheit findet erst in der dritten Episode „Kontakt" statt. Positiv fällt auf, dass sich viele Fakten über das Leben im Jahr 2484 nur aus der Handlung erschließen lassen oder später in scheinbar unwichtigen Nebensätzen fallen. So erfährt man nebenbei, dass der Mars besiedelt wurde, ein Raumschiff nach Alpha Centauri gestartet ist, die Menschheit das Wetter beeinflussen kann, Delfine im Weltenrat vertreten sind und 2324 per Volksabstimmung das Bier abgeschafft wurde.

Die Vorstellungen der Erdbewohner der Zukunft über die grausame Vergangenheit mit brutalen Kriegen, ansteckenden Krankheiten und ungesunden Essgewohnheiten stehen im starken Kontrast zum später gezeigten gemütlichen Kleinstadtleben im Jahre 1984 – auch wenn die Besucher Campingplätze für Armensiedlungen halten. Allerdings können sie auch nicht Kühe von Schafen unterscheiden.

An einer kleinen Stelle fällt auf, dass die Produktion aus einem Land des ehemaligen Ostblocks stammt. Wenn die Expeditionsteilnehmer zur Vorbereitung einen Lehrfilm über das 20. Jahrhundert anschauen, sind demonstrierende Arbeitslose zu sehen. Deutlich zu erkennen ist auf den Schildern der Demonstranten der Schriftzug „We want Jobs", sodass jedem klar ist, auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs die Arbeitslosigkeit herrscht.

"Flaschen! Die zahlen hier mit Flaschen!"

Die Gestaltung des Jahres 2484 kann sich auch heute sehen lassen – auch wenn sie sicher hinter den üblichen Hollywoodproduktionen der damaligen Zeit zurückbleibt. Das Filmstudio Barrandov setzte auf Minimalismus und zeigt bei Szenen, die in der Zukunft spielen, oft grüne Wiesen, Meere und Schneelandschaften. Aber das Design der Kleidung, der Station des Zentraldenkers und der Raumschiffe ist auch knapp dreißig Jahre später noch sehr überzeugend.

Während Tricks wie die Zubereitung der futuristischen Speisen gut funktionieren, waren andere Spezialeffekte, wie die Maulwurfsfahrt, sicher schon damals nicht auf der Höhe der Zeit. Für eine tschechoslowakische Fernsehproduktion aus dem Jahr 1984 gehen sie aber durchaus in Ordnung – gerade wenn man im Hinterkopf behält, dass die Serie für Kinder gedreht wurde.

Interessant ist neben der Zukunft auch die Gegenwart im Jahr 1984. Hier wird deutlich, wie sich die wirklichen 80er-Jahre von der heutigen 80er-Retrowelle unterscheiden. Es dominieren nicht grelle Farben, schrille Klamotten und alte amerikanische Popsongs das Geschehen. Die 80er waren oftmals spießig und für die Zeitgenossen recht unspektakulär. Dies wird in der Szene während der Feier im Hotelrestaurant sehr deutlich.

"Auch bei meiner Urgroßmutter hat es dreimal wöchentlich Algen gegeben."

Ein Wiedersehen mit den Besuchern lohnt sich für alle, welche die Serie als Kind geliebt haben. An dem Charme und der Nostalgie Die Besucher kann man sich auch als Erwachsener erfreuen – und gerade das Design der Zukunft ist gut gealtert. Vielleicht wäre eine Neuauflage der Serie eine gute Idee für eine erste potenzielle tschechische Netflix-Produktion. Bis dahin sei die Originalserie auch neuen Zuschauern ans Herz gelegt.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Ceskoslovenská televize Praha/WDR/BR/SRG/Barrandov

Expedition Adam 84 (Die Besucher) - Intro Folge 2 mit Rückblende auf Folge 1

Retro-Kiste: Ich vernichte nur, was mich vernichten will – Gefahr aus dem Weltall

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Gefahr Weltall

Ziemlich zu Beginn von Gefahr aus dem Weltall sieht man ein Raumschiff auf die Erde abstürzen. Für das damalige Kinopublikum muss die Bruchlandung ziemlich eindrucksvoll ausgesehen haben – zumindest beeindruckender als für heutige Fernsehzuschauer. Regisseur Jack Arnold drehte 1953 nämlich mit Gefahr aus dem Weltall den ersten 3D-Film für das Filmstudio Universal – und so krachte das UFO zu Beginn scheinbar mitten in die Kinozuschauer.

Gut, 3D-Filme gibt es heutzutage wieder im Kino zu sehen und die Effekte sind sicher noch spektakulärer geworden als 1953. Auch Science-Fiction-Filme, in den Aliens die Erde besuchen und zur Bedrohung für die Menschen werden, hat es in den letzten 66 Jahren viele gegeben. Was also soll heute noch an einem alten schwarz-weiß Film sehenswert sein? Wenn einen nicht die Atmosphäre und die Nostalgie reichen, ist es vielleicht die gut erzählte Geschichte wert, sich Gefahr aus dem Weltall auch heute noch anzusehen.

An einem Sommerabend beobachten der Amateurastronom John Putnam und seine Freundin Ellen Fields einen Meteoriten, der in ihrer Nähe in der Wüste einschlägt. Als sie an der Absturzstelle eintreffen, klettert Putnam allein in den Krater. Unten stellt er fest, dass es sich bei den vermeintlichen Meteoriten um ein Raumschiff mit außerirdischer Besatzung handelt. Bevor seine Entdeckung dem Sheriff und einem befreundeten Wissenschaftler zeigen kann, verschüttet ein Erdrutsch das UFO.

"Als Wissenschaftler muss ich Beweise haben." "Nicht nur Beweise, auch Fantasie. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir noch nichts wissen."

Ohne Beweise will niemand Putnam seine Geschichte von den außerirdischen Besuchern glauben. Doch in der abgelegenen Kleinstadt Sand Rock verschwinden im Laufe der Handlung immer mehr Menschen, die kurz darauf unheimlich verändert und ohne menschliche Gefühle im Ort wieder auftauchen.

Als der Sheriff Putnam endlich Glauben schenkt, ist es bereits zu spät. Die Aliens haben auch Ellen entführt und dem Amateurastronomen ein Ultimatum gestellt. In einer verlassenen Mine nahe der Absturzstelle kommt es zum Showdown zwischen den Menschen und den Besuchern aus dem All.

Zugegeben, wenn man den Inhalt kurz zusammenfasst, und versucht die Wendungen und das Ende des Films nicht zu verraten, hört sich die Geschichte nicht besonders originell an. In den 50er Jahren gab es eine regelrechte Welle von Kinofilmen über die Landung von Aliens auf der Erde. Da wären zum einen die Filme, welche einen kriegerischen Angriff der Außerirdischen zeigten. Beispiele hierfür sind Kampf der Welten (1953) oder Fliegende Untertassen greifen an (1956).

Andere Werke griffen die Angst vor der kommunistischen Unterwanderung auf und schilderten die schleichende Invasion durch fremde Wesen aus dem All, wie in Die Dämonischen 1956, Invasion vom Mars (1953) oder Das Ding aus einer anderen Welt (1951) zu sehen.

Friedliche Kontaktaufnahmen von Außerirdischen waren außer in Der Tag, an dem die Erde stillstand (1951) von Robert Wise selten Thema im Kino der 50er Jahre. Hier setzt Arnold mit Gefahr aus dem Weltall an, auch wenn eine schleichende Unterwanderung der Menschen in dem Wüstenstädchen im Film eine große Rolle spielt.

Jack Arnold beziehungsweise Autor Ray Bradbury ging es nicht so sehr um die Moral wie Wise. Bradbury hat nur einen wirklich überzeugenden Grund gesucht und gefunden, warum die Außerirdischen die Erde ansteuern. Die Motivation für den Besuch der Aliens, soviel sei verraten, liegt irgendwo in der Mitte zwischen wir müssen die Menschheit ausrotten oder retten.

Auch wenn Harry Essex das endgültige Drehbuch zum Film verfasste, stammt die Grundidee von dem damals berühmten Science-Fiction-Autor Bradbury (Fahrenheit 451, Die Mars-Chroniken, Der illustrierte Mann). Er schrieb einen ersten Entwurf von dem es neben der Haupthandlung auch noch viele Dialoge in den fertigen Film schafften.

Der Regisseur Jack Arnold konnte also bei seinen ersten Science-Fiction-Film auf professionelle Hilfe zurückgreifen. Er blieb anschließend dem Genre treu und drehte für Universal in den nächsten Jahren die Science-Fiction- und Horrorfilme Der Schrecken vom Amazonas (1954), Tarantula (1955), Die unglaubliche Geschichte des Mister C. (1957) und Der Schrecken schleicht durch die Nacht (1958). Nachdem sein Vertrag bei dem Filmstudio beendet war, wurde es stiller um den Regisseur. In Großbritannien drehte noch die Filmsatire Die Maus, die brüllte (1959) und war danach größtenteils fürs Fernsehen tätig.

"Euer Leben werden wir nicht antasten. Wir nehmen euch auch nicht eure Seele, dass braucht ihr nicht zu befürchten. Aber wir brauchen euch beide."

Für einige der Schauspieler war Gefahr aus dem Weltall ein guter Karrieresprung. Hauptdarsteller Richard Carlson, der als Hobbyastronom John Putnam zusehen ist, wurde von Jack Arnold für Der Schrecken vom Amazonas in einer ziemlich ähnlichen Rolle wieder besetzt. Seiner Filmpartnerin Barbara Rush gelangte zwar nie die große Kinokarriere, aber für ihre Rolle in Gefahr aus dem Weltall wurde sie 1954 mit einem Golden Globe Award als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet. Danach spielte sie in unterschiedlichen Fernsehserien wie Batman oder Flamingo Road mit.

In den Nebenrollen sind Charles Drake (Die Spur des Falken, Mein Freund Harvey), Joe Sawyer (Die Rechnung ging nicht auf) und Russell Johnson zu sehen. Letzter spielt 1955 auch in Metaluna IV antwortet nicht mit, bei dem Jack Arnold die Regie für die Nachdrehs übernahm, dafür aber im Abspann nicht genannt wurde.

Die Außerirdischen sind in Gefahr aus dem Weltall oft in ihrer menschlichen Tarngestalt zu sehen. Diese Tatsache spart der Produktion zum einen Geld für die Effekte, führt aber auch zu einer paranoiden Grundstimmung im Film, da man nie sicher sein kann, wer Mensch oder Alien ist. Ursprünglich wollte Arnold die Besucher im Film gar nicht in ihrer wahren Gestalt zeigen. Doch das Filmstudio bestand darauf, dass die Aliens im Film zu sehen seien.

So wird der Zuschauer gleich zu Beginn ins rechte Bild gesetzt. In den ersten Minuten wird klar, dass der Meteor in Wirklichkeit ein Raumschiff ist und dann bekommt man auch schon das erste Besatzungsmitglied zu sehen. Die einäugigen Außerirdischen gehen für die damalige Tricktechnik in Ordnung, wirken aber aus heutiger Sicht nicht mehr wirklich bedrohlich.

Für den Film wurden zwei unterschiedliche außerirdische Kreaturen geschaffen. Universal entschied sich für die einäugige Variante. Das andere Design, ein Wesen mit einem übergroßen Gehirn, fand zwei Jahre später als versklavte Mutantenrasse in den Film Metaluna IV antwortet nicht doch noch seinen Weg auf die große Leinwand – und ist heute vielleicht das bekanntere Wesen.

Ein schöner Effekt im Film ist der Perspektivwechsel, in dem man die Welt durch die beziehungsweise das Auge der Aliens sieht. Immer wenn das Bild am Rand etwas unscharf wird, begleitet der Zuschauer die fremden Besucher bei ihren Erkundungsgängen durch die Wüste. Unterstützt wird diese Optik durch den Einsatz der Filmmusik.

Klingt der Soundtrack während der Eröffnungsszene mit Putnam und Ellen noch nach klassischer Hollywood-Musik der 50er Jahre, wandelt er sich beim Auftritt der Aliens oder bei Gefahr schnell. Herman Steins Musik würde heute nur noch in einer Parodie funktionieren, so sehr haben seine schrillen Töne das Science-Fiction-Genre geprägt. Damals waren es aber experimentelle und für das Jahrzehnt neuartige Klänge. Stein komponierte die Musik für viele weitere von Arnolds Filmen. Sie fiel später aber wesentlich konventioneller aus, als die fremdartigen Töne in Gefahr aus dem Weltall.

"Ihr seid noch nicht reif für unsere Freundschaft"

In den 50er Jahren waren im Kino viele Außerirdische zu sehen. Jack Arnolds Film Gefahr aus dem Weltall zeigt nicht die unheimlichsten Kreaturen, besitzt kaum Kampfszenen und die Probleme der Erde bringen die Besucher auch nicht in Ordnung. Es sind keine grausamen Wesen, welche die Welt unterwerfen wollen – aber befreundet wie mit E.T. will man mit ihnen auch nicht sein. Auch wenn Steven Spielberg den Film, als eines der Vorbilder für Die Unheimliche Begegnung der dritten Art nennt, sind Arnolds Aliens anders – selbstbezogen, ein wenig arrogant und stets darauf bedacht ihr Ziel zu erreichen.

Die Menschen hingegen sind voller Misstrauen, Angst und reagieren mit Gewalt. Aber sie besitzen auch Einsicht, Liebe und mehr Sachverstand, als die Besucher ihnen zutrauen. Arnold zeigt auf interessante Weise, was passiert, wenn Fremde in die gewohnte Lebenswelt der Menschen eindringen – hier die Aliens in die US-amerikanische Kleinstadt. In seinen nächsten Film griff der Regisseur die Thematik noch einmal auf. Nur sind es in Der Schrecken vom Amazonas die Menschen, welche in das Territorium des urzeitlichen Amphibienwesens eindringen.

Die Begegnung mit Fremden zieht sich als Subthema durch den ganzen Film. Selbst der Astrom Putnam wird als Zugezogener von den Einheimischen noch als Fremder angesehen. Umso erstaunlicher ist es, dass die Besetzung des Films nur aus weißen US-Amerikanern (darunter drei Frauen) besteht. Selbst im Hintergrund laufen keine Afroamerikaner oder spanischstämmige Darsteller durchs Bild. Die Darstellung des alltäglichen Rassismus hätte sich für den Film durchaus angeboten.

Dennoch ist der Film mit seiner Botschaft heute noch sehenswert und sticht durch seine kluge Handlung aus der Masse der 50er-Science-Fiction-Streifen heraus.

zusätzlicher Bildnachweis: 
© Universal Pictures

It Came From Outer Space (1953) Official Trailer Movie HD

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