Vorgriff auf Morgen

Jörg Weigand

Herausgeber Jörg Weigand verspricht in seinem Nachwort eine interessante Mischung aus Profis und talentierten Amateuren. Einige Autoren wie Karl Michael Armer, Reinmar Cunis oder Werner Zillig aber einen nachhaltigen Eindruck in der deutschprachigen Science Fiction vor allem der achtziger und neunziger Jahre hinterlassen, andere Namen wie Eike Barmeyer oder Hendrick P. Linckens sind wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Weiterhin führt er aus, dass die Wurzeln des utopisch phantastischen Literatur trotz der gegenwärtigen Dominanz der Amerikaner immer noch in Europa gelegen haben.

 Karl Michael Armer ist mit Wissenswertes über BCO Geräte...“ in seinem Element. Als Werbetext aufgemacht werden die neusten Klonmodelle mit einem Elektronikgehirn vorgestellt. Das Elektronikgehirn ist notwendig, weil ansonsten das Klonen von Menschen verboten ist. Immer Nahe an der Irrealität der Werbung zeichnet der Autor eine Wunscherfüllung, welche Michael Crichtons Ansätze in „Westworld“ ironisch bis zynisch extrapoliert. Karl Michael Armer berührt die richtigen Tasten der Werbeklaviatur und hält seinen Lesern in einem frühen literarischen Höhepunkt dieser Anthologie den Eulenspiegel mitten ins Gesicht.

 Reinmar Cunis „Krebs“ ist eine beeindruckende Geschichte, bei welcher der Leser aber wie in einer guten Weird Fiction Story nicht weiß, ob der von der Beerdigung seines Freundes bzw. auch des von ihm betreuten Künstlers kommende Protagonist die Erlebnisse wirklich durchleben muss. Stimmungsvoll, dunkel orientiert sich Cunis an den Mad Scientist Geschichten der Pulpära im Grunde auch mit einer deutlich Hommage an H.G. Wells Doktor Moreau. Auch die Idee, das der Krebs nicht unbedingt eine Krankheit, sondern der nächste für den Menschen tödliche Schritt der Evolution sein könnte, wird durchgespielt und hinterlässt nicht nur im Protagonisten, sondern auch dem Leser ein beunruhigendes Gefühl.

Auch der nur durch den Buchstaben „C“ gekennzeichnete Protagonist in Gerd Maximovics Geschichte „Fraglos ein Zwischenfall“ erlebt eine alptraumhafte Reise in ein verlassenes Dorf, das ihn nicht mehr freigeben will. Das Problem mit dieser stilistisch gut geschriebenen Story ist das Ende, mit der inzwischen klischeehaften Frage, ob der Protagonist das Geschehen nur geträumt oder wirklich erlebt hat. Zumindest ist die Bedrohung genauso originell wie das Motiv von Reinmar Cunis wahnsinnigen Hobbyforscher. 

 „Die Reise“ von Ulrich Harbecke könnte eher an der Seite von Thomas leBlancs Miniatur „Als die Sonne unterging“ stehen als zwischen den Texten Cunis und Hasselblatts. Drei alte Raumfahrer, im Altenteil und von der jungen Menschen eine anscheinend entweder landwirtschaftlich orientierten kleinen Dorfgemeinschaft oder auf einer Erde, die technologisch generell zurückgefallen ist, tauschen ihre Erinnerungen an den gemeinsamen Flug in die Tiefen des Alls aus. Mehr und mehr wirkt die Geschichte wie eine Variation von Homers „Odyssee“, der Flug durch das Alls erinnert an das wilde Meer, die „Fremden“ an Figuren aus verschiedenen Mythologien. Die Erinnerungen scheinen weniger ineinander zu fließen als surrealistischer, phantastischer zu werden. Am Ende bleibt nur das Warten auf die abends zurückkehrenden Kinder und darüber hinaus auf den Tod. Vor allem die originellen im Weltall spielenden Passagen haben diese Geschichte aus der Masse vergleichbarer Texte positiv heraus.

  Dieter Hasselblatt präsentiert mit seiner fiktiven Reportage „Die blaue Lust- Gronchis“ einen Text, der als Hörspiel sicherlich noch besser funktionieren könnte. Ein Wissenschaftler ist verschwunden. Nur Filmmaterial seiner Begegnung mit einer seltsamen, chamäleonartigen Rasse wird gefunden. Bei der Auswertung kommt ein Professor auf den Gedanken, seinen Spuren zu folgen und das Geheimnis dieser anscheinend doch eher als Jäger und nicht als Opfer in Afrika lebenden Lust- Gronchis aufzuklären. Das Ende ist vorhersehbar, aber Hasselblatts fiktive Exkurse in den Bereich der Dokumentation machen die Geschichte dank der graphischen Exzesse trotzdem zu einer interessanten Lektüre, wobei auch hier wie bei einigen anderen Texten absichtlich auf „Beweise“ verzichtet und eher mit Implikationen als Fakten gearbeitet wird.

 Peter Schattschneider zeigt auf, dass Douglas Adams Geschichte „Per Anhalter durch die Galaxis“ auch auf eine mathematische Ebene gehoben werden kann. „Banana Streams“ erscheint anfänglich wie eine bitterböse Parodie auf die zahllosen Space Operas mit überdimensionalen wie finanziell eher bescheiden ausgestatteten Raumkapitänen auf der Suche nach dem Pott Gold am Ende des Regenbogens. Das Rätsel seiner lesenswerten Geschichte baut der Autor kontinuierlich mathematisch auf, bevor er gegen Ende seinen Formeln eine verblüffende wie originelle Pointe schenkt. Hintergründe Science Fiction immer mit einem Augenzwinkern und pointierten, aber teilweise ironisch absichtlich überfrachteten Dialogen.  

 Der Herausgeber selbst greift mit „Bellinda Superstar“ der virtuellen Generation vor. Einige Jahre vor der kurzlebigen Fernsehserie „Max Headroom“ und mit den Kenntnissen aus seiner eigenen Tätigkeit für das Fernsehen zeichnet Jörg Weigand ein nachdenklich stimmendes, sehr Zeit deutlich vorauseilendes Bild der Ausnutzung von naiven jungen Menschen zur Schaffung neuer virtueller Superstars, die anschließend die menschlichen Vorlagen überflüssig machen. Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, wie gut und prägnant die „technische“ Umsetzung der Adaption beschrieben wird und welche Entwicklung diese Bildbearbeitung inzwischen genommen hat.

 Auch wenn streng genommen "Ferdinand Rotkorffs Träume" keine offensichtlich phantastischen Elemente beinhaltet ist es die subversive Vorgehensweise, mit welcher der Autor in der Pointe die Erwartungshaltung nicht nur der Leser, sondern auch des Vorgesetzten auf den Kopf stellt. Ferdinand Rotkorff empfängt seit vielen Jahren Botschaften, die eher Impulse in ihm wecken als das er ein klassischer Befehlsempfänger ist. ER sieht sich zu etwas Höherem bestimmt, wobei die Begegnung mit anderen Menschen, die ebenfalls diese fokussierten Träume durchleben, vieles anfänglich relativiert. Es ist der ein wenig ironische Ton in Kombination mit der in mehrfacher Hinsicht pragmatischen Pointe, welche die Geschichte aus der Masse herausheben. 

 Von Herbert W. Franke oder Thomas leBlanc steuern eher Miniaturen als Kurzgeschichten zur Sammlung bei. Während Herbert W. Frankes „Ferngelenkt“ sich mit der Manipulation von Tieren und darüber hinaus Menschen auseinandersetzt, dem Thema aber keine neuen Impulse verleihen kann, hat Thomas leBlanc mit seiner Weltuntergangsstory „Als die Sonne unterging“  in wenigen Absätzen eine intensive, eine auf der einen Seite melancholische, aber auf der anderen Seite den Leser nur mit der Gefahr konfrontierende Geschichte abgeliefert. Der Uranus ist in eine Art Loch verschwunden, die Sonne als nächstes betroffen und wird quasi für die Bewohner eines kleinen Bergdorfes über Nacht verschwinden. Die Folgen werden angedeutet, aber Thomas leBlanc konzentriert sich auf das fast fatalistische Ausharren, das an den letzten Sonnenstrahlen kleben.   

 Zu den eher unbekannten Namen gehört wie eingangs erwähnt Eike Barmeyer. In „Die hast die Wahl, Junge“ setzt er sich mit der wenig erbaulichen Arbeitswelt der Zukunft auseinander. Natürlich hat der jugendliche Protagonist keine echte Wahl und landet schließlich wieder da, wo er gerade herkommt. Aber der Aufbau der Geschichte mit seinen pointierten Dialogen ist auch heute noch lesenswert, wobei selbst in der hoch technisierten Welt des 21. Jahrhunderts die dunklen Perspektiven (noch) nicht eingetreten sind.

Hendrick P. Limckens „Zu einer Zeit so fern wie gestern“ setzt sich mit der perfektionierten Involution des Menschen auseinander. Im Gegensatz zu den klassischen Evolutionsmotiven.  Stilistisch ansprechend exzentrisch geschrieben hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als wenn der Autor überambitioniert zu viele Ideen auf zu wenig Platz im Rahmen der Kurzgeschichte präsentieren möchte. Anfänglich entfremdet er nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch seinen Leser vom Geschehen, um relativ spät den Bogen schlagend wieder zurückzukehren und bizarre Erklärungen nachzuschieben.

Ulrich Weises „Tangente aus Chaos“ benötigt einige Zeit, um den Leser in die Handlung anscheinend einer Gruppe von religiösen Fanatikern in einem nicht näher bestimmten, aber räumlich eingrenzten Umfeld vertraut zu machen. Das Ende greift einem bekannten Comic und der exzentrisch Adaption voraus. Es lohnt sich aber, Ulrich Weises ein wenig überambitionierten Beschreibungen bis zum dann allerdings ein wenig zu ambivalenten, zu plötzlich aus dem Nichts pragmatischen Ende zu folgen, das in letzter Konsequenz auch ein wenig an Brian W. Aldiss „Starship“ erinnert.

 Selbst fast vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung im DTV Verlag mit einem allerdings sehr unscheinbaren Titelbild lohnt sich die Lektüre der Anthologie mit „Science Fiction- Stories aus der Bundesrepublik Deutschland“ in mehrfacher Hinsicht. Viele der hier vorgestellten Autoren standen mit ihren Karrieren noch am Anfang. Karl Michael Armer hat erst seine zweite Kurzgeschichte an „Vorgriff auf Morgen“ verkauft, zwei Handvoll sollten noch folgen. Die Themenauswahl ist breit, die literarische Qualität der Texte mindestens solide bis nachdenklich stimmend. Wie die zu der Zeit im Goldman Verlag erscheinenden von Thomas le Blanc herausgegeben „Sternenanthologien“ bieten Jörg Weigands zahlreiche Zusammenstellungen eine gute Einstiegsmöglichkeit in die damalige und bislang nicht wiedergekehrte thematisch sehr breite Blüte deutschsprachiger Science Fiction und sind eine Wiederentdeckung wert.      

 

 

 

  • Verlag: DTV Deutscher Taschenbuch
  • Umfang: 166 Seiten
  • ISBN-10: 3423018739
  • ISBN-13: 978-3423018739