Holland im Jahr 2440

Betje Wolff

Der Verlag Dieter von Reeken legt in einer sehr kleinen Auflage den anonym veröffentlichten Briefroman der niederländischen Autorin Elizabeth Betje Wolff neu auf. Der Herausgeber hat den kurzen Text selbst aus dem Niederländischen übersetzt, wobei auch die Originalfassung in diesem kleinen sehr liebevoll gestalteten Bändchen erhalten ist.

Zwei Nachwörter runden den Text ab. Es lohnt sich mit den beiden einmal allgemein gehaltenen Anmerkungen sowohl hinsichtlich einer Schmähschrift als auch bzgl. des Lebens und der Intention der Autorin zu beginnen.

 Im Zuge der Aufklärung antwortete Elizabeth Betje Wolff literarisch auf den 1770 erschienenen Briefroman „Das Jahr 2440“ des Franzosen Jean- Sebastien Mercier. Auch die Niederländerin wählte die Briefform. Gemeinsam stellen diese beiden sich inhaltlich ergänzenden Werke die ersten Utopien da, die in die Zukunft gerichtet sind. Alle anderen utopischen Texte spielten an exotischen Plätzen auf der Erde.

 In sehr kurzen Kapiteln streift die Autorin verschiedene Themen wie Kleidung – sehr an die Mode Frankreichs angelehnt- , Lebensmittel, Rechtspflege, Religion und schließlich auch in mehreren überschneidenden Abschnitten Kultur in Form von Literatur aber auch Theater, sowie die Künste. Schule und ihr persönliches Frauenbild runden diesen Brieffroman ab.

 Beide Texte entstanden am Vorabend der industriellen Revolution. Daher muss die Betrachtung auch aus dieser Perspektive erfolgen. Neben dem Hang, das Französische zu glorifizieren und die Eigenständigkeit der Niederländer zu negieren ist interessant, dass die Autorin beginnend im Kapitel der Lebensmittel eine fast sozialistische Gesellschaft beschreibt, in welcher auf der einen Seite ein monetärer Reichtum zu Lasten der Massen nicht mehr opportun ist, auf der anderen Seite aber die schreibenden Buchhändler sehr schnell reich werden können. Diese Widersprüche wie eine gänzliche Ignoranz der armen Gesellschaftsschicht gegenüber werden nicht aufgeklärt. Interessant ist auch, dass die Autorin auf Kürze Wert legt und in der Zukunft anscheinend zwar eine gebildete Mittelschicht sieht, die aber quasi aus ihren Bibliotheken heraus geleitet werden muss. Lange Texte sind verpönt, die Auswahl personifiziert und die Menschen daher in den ihnen aufgesetzten Scheuklappen gefangen.

 Diese Kastendenken wird sich durch die weiteren Thesen ziehen. Im Gegensatz zu den mit ihrer Freundin Aagje Deken geschriebenen Texte und Romane, in denen sie zwar auch die Frau als Mittelpunkt der Familie und das schlagende Herz der Gesellschaft darstellten, bleibt Betje Wolff ausgesprochen ambivalent.

 Interessant ist aus heutiger Sicht zusätzlich, dass sie aber die Rolle der Frau nicht aktiv in der anscheinend durchgehend gehobenen Gesellschaft gesehen hat, aber zumindest als wichtiges Glied innerhalb der Familie und damit irgendwo zwischen Kirche und Küche. Sie ignoriert den schweren Stand der Arbeiterschaft oder gar der Bauern, die um ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen und konzentriert sich auf die städtische Bevölkerung. In dieser Hinsicht ist der Briefroman auch ein interessantes, wenn auch stereotypisches Zeitdokument, dessen Prophezeiungen in der Theorie innerhalb weniger Generationen und nicht fast siebenhundert Jahren hätten umgesetzt werden können, dessen pragmatische Adaption vor allem hinsichtlich der Rolle einer frei denkenden Frau aber selbst im 20. Jahrhundert nicht überall gelungen ist.

 Im Gegensatz zu vielen anderen Utopien geht es der Autorin weniger um das große Ganze, sondern sie versucht einen kleinen, verträumten Einblick nicht unbedingt in die ferne Zukunft zu geben, sondern vor allem kleine Veränderungen größer zu machen als sie wahrscheinlich sein sollten.

 Natürlich enthalten die Kapitel auch ein wenig Kritik an den damaligen sozialen Umständen. Da die Autorin aber nicht über die eigene „Schicht“ hinausschaut und sich die Veränderungen in dieser Form in keiner Gesellschaft wirklich überzeugend umsetzen lassen, fehlt ihr die politische Schärfe oder die intellektuelle Extrapolation anderer Utopien dieser Zeit.

 Es ist die Seltenheit des Originaltextes, der selbst in den Niederlanden mehr als zweihundert Jahre nicht nachgedruckt worden ist sowie das ein wenig naive, aber durchweg optimistische Bild einer zukünftig niederländisch französischen Gesellschaft am Vorabend der französischen Revolution mit seinen schrecklichen Ereignissen, der diese kleine Streitschrift um ihrer Selbst willen noch lesenswert macht.

 Unabhängig von der Tatsache, dass Herausgeber Dieter von Reeken in seiner gewohnt minutiösen wie liebevollen Art den eigentlichen Text um pointierte Bemerkungen, aber auch einige Fotos erwähnt hat und somit in der vorliegenden Form auch für literaturwissenschaftliche Studien geeignet ist.   

Holland im Jahr 2440: Die erste niederländische utopische Zukunftserzählung aus dem Jahr 1777

  • Originaltitel : Holland, in ’t jaar MM, CCCC, XL
  • Broschiert : 66 Seiten
  • ISBN-10 : 3945807573
  • ISBN-13 : 978-3945807576
  • Herausgeber : Reeken, Dieter von; 1. Edition (2. Oktober 2020)