Chess with a Dragon

David Gerrold

Der 1987 erstmal erschienene Kurzroman „Chess with a Dragon“ reiht sich in eine Reihe von Veröffentlichungen David Gerrolds ein, die keine deutsche Übersetzung mehr gefunden haben. Das mag in diesem speziellen Fall auch am ungewöhnlichen Format liegen. In den USA als alleinstehendes Taschenbuch veröffentlicht handelt es sich weniger um einen Roman als um eine Novelle. Von den knapp einhundertsechzig Seiten sind ungefähr fünfzig bis sechzig Seiten entweder unbedruckt, kaum bedruckt oder weisen das Schachbrettmuster auf, das sich nicht nur faktisch, sondern vor allem intellektuell durch den trotzdem kurzweilig zu lesenden „Roman“ zieht.

Es handelt sich auch nicht, wie der Titel impliziert, um eine Fantasygeschichte, sondern wirkt fast wie eine Parodie auf David Brins „Uplift Serie. In beiden Fällen hat die Menschheit die Sterne erreicht und trifft auf einen Zusammenschluss unterschiedlicher Rassen. Den Menschen wird der Zugang zu einer Art intergalaktischen Datennetz gewährt. In typisch menschlicher Art beginnen die Terraner Unmengen von Daten herunterzuladen, sie irgendwo für die Zukunft zu speichern und nicht zu nutzen. Dabei haben sie auch das Kleingedruckt überlesen. Denn diese Datenmengen kosten Geld, sehr viel Geld. Und wer nicht bezahlen kann, wird versklavt.

Die Ausgangsbasis erläutert David Gerrold auf nur wenigen Seiten. Trotz seiner Kürze entwickelt der Amerikaner einen interessanten intergalaktischen Kosmos. Säugetiere finden sich nur wenige in dieser Galaxis. Die Menschheit ist damit eine Seltenheit. Sie gelten generell als minderwertig oder einfach nur dumm. So erkennt die Menschheit auch zu spät, dass diese intergalaktische Datenbank im Grunde auch keine Datenbank ist, sondern ein Mittel zum Zweck, um andere Rasse zu versklaven, zu verkaufen oder nur einfach zu goutieren.

Im Kleinen hat David Gerrold diesen Punkt schon zu Beginn des Buches markiert. Der Leser verfolgt ein Spiel zwischen Mitgliedern einer außerirdischen Rasse. Der Verlierer wird von den Gästen um den Sieger verspeist. Nachdem er ordentliche gegrillt worden ist. Allerdings hat der Gewinner geschummelt. Ein bislang unbekanntes Verhalten. Entdeckt wird es durch die von den Menschen verkauften Aufzeichnungsgeräten, ein ebenfalls bislang unbekanntes Vorgehen. Der plötzlich vom Sieger zum Verlierer auch seiner Ehre abgestempelte Außerirdische muss jetzt beweisen, dass er mehr drauf hat, als seinen Spielpartner zu betrügen. Und das steht wieder in einem engeren Zusammenhang mit den Menschen und dem besonderen Schachspiel, das die uralte Rasse der Drachen aus der Beobachterposition im Hintergrund aufzieht und sich trotz der nach außen gezeigten gepflegten Langeweile köstlich amüsiert.

Das Geschehen lässt sich am besten auf der menschlichen Ebene verfolgen. Der Botschafter hat ein doppeltes Problem. Er wird mit der Schuldenlast seiner Mitmenschen konfrontiert und muss gleichzeitig bei den anderen Völkern um Hilfe bitten. Und jedes der Angebote ist auf den ersten Blick schlimmer als unter den Schulden zusammenzubrechen und Konkurs anzumelden. David Gerrold hat ein sichtliches Vergnügen, die unterschiedlichen Hilfsangebote zu spezifizieren, wobei vieles der Phantasie des überforderten Botschafters überlassen wird.

Ein kleines Team von Spezialisten soll ihm helfen, das beste unter den schlimmen Angeboten auszuwählen und der Erde die Hiobsbotschaft zu überbringen. Aber als man in dem kleinen Team von ausgewählten Botschaftern erkennt, dass man nicht gewinnen kann, in dem man sich sklavisch an die Verträge hält, sondern aktiv in diesen intergalaktische Spiel eintreten muss, um die Seiten gegeneinander auszuspielen, nimmt der rasante Roman zwar weiter an Fahrt auf, beginnt sich aber auch von der grundlegenden Handlung zu entfernen.

Der Schlusspunkt der zufriedenstellenden Kapitel ist die Begegnung mit den Ratten. David Gerrold holt alle Vorurteile heraus. Es gibt aber für die Menschen ein anderes Problem. Die Ratten sind intelligent, länger in der intergalaktischen Gemeinschaft und vor allem sind sie liquide.

David Gerrold ist ein Meister der Dialoge. Vor allem im Original zeigt sich, dass er sein literarisches Handwerk beim Fernsehen gelernt hat. Und natürlich Stark Trek mit seiner legendären Folge „Trouble with Tribbles“. Das intergalaktische Chaos erinnert auch am meisten nicht nur an den humorvoll subversiven Unterton dieser Folge, sondern die chaotisch Abfolge in seiner Kooperation mit Larry Niven „Die fliegenden Zauberer“. Auf jede noch nicht unspektakuläre Aktion folgt umgehend eine Art Reaktion.  

Während „Die fliegenden Zauberer“ aber durch eine überzeugende Balance aus pointierten Dialogen und ausführlichen Beschreibungen der subjektiv betrachtet nur Missverständnisse funktionierte, streicht David Gerrold in diesem Buch die ausführlichen Hintergrundbeschreibungen und konzentriert sich fast ausschließlich auf zwischenmenschliche bzw. intergalaktische Beziehungen,  bei denen nicht nur gutes, eben noch lebendiges Essen, sondern eine kontinuierliche Fortpflanzung unter anderem durch Eierlegen sehr wichtig ist.

Damit ein solcher Roman funktioniert, muss der Autor den Regeln der Slapstick Komödie folgen. Bis zum Ende darf der Leser nicht das ganze Bild sehen. Im Grunde werden die einzelnen Puzzleteile im Off zusammengefügt und dem Leser präsentiert. Bei einer zweiten Lektüre sind die Hinweise deutlicher erkennbar, aber es gibt keine abschließende zufriedenstellende Auflösung. Viel mehr nutzen die Menschen die von den Fremden gerissenen Lücken in deren Geschäftssystem aus, in dem sie rücksichtsloser Huckepackdeals abschließen und dabei in diesem intergalaktischen Strategie- und weniger klassischen Schachspiel eine Pattsituation erzwingen, die ihnen nicht nur die Schulden nimmt, sondern zu einem lukrativen Geschäft wird. Natürlich mit einem Kern, den die Menschen gerne geben.

Zu den Schwächen mag gehören, dass sich David Gerrolds unsympathische und teilweise oberflächlich gezeichnete Außerirdische wie die insektoiden KI!  abschließend zu menschlich Verhalten. Natürlich wollen die Insekten gerne Menschen als Nahrung haben, was wiederum unmenschlich ist. Aber in ihren Dialogen und vor allem ihrer Vorgehensweise ist es für David Gerrold schwierig, auf nur wenigen Seiten wirklich ein gänzlich fremdartiges Volk zu erschaffen. Auch diese intergalaktischen Datenbank als Sprungbrett für eine Art Galaxisweites Pontischema kann nur funktionieren, weil die Fremden eben nicht unendlich fremd sind. Aber diese kleinen Schwächen werden nicht nur durch das hohe Tempo und die pointierten Dialoge, sowie die verschiedenen exzentrischen Alternativen ausgeglichen, welche die fremden Völker der Menschheit gerne und mit umgewandelten Dollarzeichen in den Facettenaugen als letzten Strohhalm vor der Vernichtung anbieten.

Kurzweilige humorvolle Unterhaltung mit einer Reihe von durchaus satirischen Anspielungen auf die so genannte ernstzunehmende Space Opera und einer Lösung, die im Grunde ein perfektes Perpetuum Mobile der intergalaktischen Handelsbeziehungen darstellt.      

  • Herausgeber : Avon Books; Reprint Edition (1. November 1988)
  • Sprache: : Englisch
  • Umfang: 162 Seiten
  • ISBN-10 : 0380706628
  • ISBN-13 : 978-0380706624