Die Lady mit dem 6. Sinn

Mark Phillips

Der Apex Verlag legt mit „Die Lady mit dem sechsten Sinn“ den Auftakt der „Psi Power“ Serie zum dritten Mal in Deutschland auf. . Hinter dem Pseudonym Mark Phillips verbergen sich in diesem Laurence Mark Janifer und Randall Philip Garrett. Laurence Janifer began in denf ünfziger Jahren zu schreiben und arbeitete in den sechziger Jahren mit Garrett unter anderem an der „Psi Power Series“, dessen erste Novelle „Die Lady mit dem sechsten Sinn“ gewesen ist.

Randall Garrett ist heute nicht nur durch seine „Lord Darcy“ Geschichten weiterhin bekannt, er half Robert Silverberg mit einer Reihe von Kooperationen zum literarischen Durchbruch. Garrett ist einer der einfallsreichsten Kurzgeschichtenautoren der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre gewesen, allerdings unterminierte er seine Kreativität und vor allem auch seine Produktivität durch einen eher lässig zu nennenden Lebensstil, so dass er heute nicht mehr die Beachtung findet, die er eigentlich als Autor verdient hätte.

 „Die Lady mit dem sechsten Sinn“ erschien ursprünglich unter dem Titel „That Sweet Little Old Lady“ im Analog Science Fiction Magazin – Ausgabe September/ Oktober 1959 -  Die Novelle ist für den HUGO nominiert worden.

Zwei Jahre später erweiterten sie den Plot und veröffentlichten den immer noch sehr kurzen Roman unter dem Titel „Brain Twister“. Es folgten noch die beiden Novellen „The Impossibles“ und „Supermind“ im Jahr 1963. Beide Geschichten haben vor allem einige der gestressten Charaktere gemeinsam, auch wenn sie alle inhaltlich in sich abgeschlossen sind.

 Der Roman erschien das erste Mal als Utopia Grossband 165 im Jahr 1962. Zwölf Jahre später publizierte der Ullstein Verlag das Buch noch mal als Taschenbuch mit einem für die damalige Reihe so eindrucksvollen Titelbild. Nur eine Fortsetzung „The Impossibles“ ist sowohl als Utopia Grioßband – „Die Geisterbande“  - wie auch bei Ullstein unter dem Titel „Kampf gegen die Unsichtbaren“ erschienen.

 Die PSI Power Serie stellt auch den Abschluss der Kooperation der beiden Autoren dar.

Das Grundprinzip ist ein klassischer Krimi. Ein geheimes amerikanisches Forschungsinstitut steht vor einem Rätsel. Anscheinend nutzen Spione einen der wenigen Telepathen, um die Geheimnisse auszukundschaften und außer Landes zu bringen. Das FBI schaltet nicht unbedingt seinen besten Mann, aber zumindest einen greifbaren Agenten ein, um einen anderen Telepathen zu finden und ihn auf den Spion anzusetzen.

 Auch wenn der Plot auf den ersten Blick erschein stringent, fast klischeehaft erscheint, reiht sich diese Geschichte in eine kleine Phlanax von außergewöhnlichen Telepathenstorys ein, an deren Ende bislang Robert Silverberg „Es stirbt in mir“ steht. James Blish und Katharine McLean haben in ihren Arbeiten sich wie Robert Silverberg mit den Kehrseiten dieser Fähigkeit auseinandergesetzt.

 Mark Phillips gehen aber noch einen Schritt weiter. Die Ausgangslage ist schon interessant. Zwar ist telepathische Spionage möglich, die Opfer haben aber das Gefühl, das jemand in ihrem Gehirn herumforscht und es lassen sich auch „Spuren“ in den Gehirnen der Ausspionierten mit einer komplizierten medizinischen Methode wieder finden.

 Der Gedankenfluss ist auf der anderen Seite für die wenigen Telepathen nur schwerlich zu kontrollieren und vor allem zu koordinieren. Die meisten Telepathen werden nach kurzer Zeit wahnsinnig. So verfügt auch die amerikanische Behörde über einen Telepathen, der geistig auf dem Niveau eines Fünfjährigen stehen geblieben ist. Inzwischen hat er auch seinen Verstand verloren.

 Der humorvolle Aspekt des Buches wird im Titel der Originalnovelle, aber auch bedingt in der deutschen Titelgebung widergespiegelt. Der Agent findet tatsächlich einen Telepathen, der an der Westküste in einer Pflegeanstalt lebt. Oder besser gesagt in einem Irrenhaus.

 Es handelt sich um eine ältere Dame, deren Fähigkeiten erstaunlich sind. Allerdings hält sie sich für Königin Elizabeth die Erste und denkt, sie ist in den USA nur auf Besuch. Die verzweifelten FBI Agenten müssen sie nicht nur gegen den Willen der Ärzte mitnehmen, in Kostüm treten sie auf der Reise zurück zur Forschungsanstalt als ihre LEIB FBI Garde auf. Natürlich in den entsprechenden Kostümen.

 Der Inhalt des kurzweilig zu lesenden Romans lässt sich im Grunde in zwei kleinere und einen größeren humorvollen Abschnitt einteilen. Der Auftakt mit der Mission und schließlich das zu hektische Finale in der Forschungsanstalt entsprechen eher einem klassischen Agententhriller mit wenigen eingefügten übernatürlichen Noten.

 Es ist die Reise zurück, welche die Novelle aus der Masse heraushebt. Die Lady ist keine unsympathische Figur. Sie hat sich in diese Traumwelt geschlichen, um nicht auch den Verstand zu verlieren. Dabei kann sie in einigen Phasen zwischen der Irrealität und einer ihr fremden Realität gut unterscheiden. Mit ihren kleinen Marotten treibt sie die Agenten trotz der natürlich blonden und attraktiven Krankenschwester als Begleitung in den Wahnsinn.

 Höhepunkt ist ein Abstecher nach Las Vegas, wo sie auf Steuergeldern zu spielen beginnt. Gleich in den ersten Minuten verliert sie 5000 Dollar. Die Auseinandersetzung am Pokertisch lösen die beiden Autoren erstaunlich gut auf und zeigen auf, das alles eine telepathische Fähigkeit nicht zwangsläufig das Glück in die Richtung des Mutanten zu wenden weiß.

 Dazwischen finden sich nur wenige, eher hektische Actionszenen, von denen eine im Epilog quasi pragmatisch rückblickend noch zusätzlich erläutert wird.

 Der Humor der Geschichte ist selbst in der gut gesetzten, aber ein wenig sperrig wirkenden deutschen Übersetzung nicht kindisch oder voller Klamauk. Randall Garretts Stärke ist in vieler seiner Kurzgeschichten die Erschaffung einer absurd wirkenden Ausgangssituation und eine anschließende konsequente wie bodenständige Auflösung des Problems. Diese Wechselwirkung treiben die beiden Autoren auf die Spitze, ohne das tragische unabwendbare Schicksal der Telepathen gänzlich aus den Augen zu verlieren. Es ist ein Balanceakt, der vor allem auf der Reise durch das amerikanische Hinterland am Besten funktioniert.

 Die Autoren legen einige falsche Spuren, wobei die finale Auflösung ein wenig zu konstruiert erscheint. Denn sie bringen im Grunde die Gefahr erst auf die Basis, obwohl der Prolog deutlich macht, das die Spionage schon sehr viel länger stattgefunden hat. Diese konstruiert erscheinende Wendung ist der Tatsache geschuldet, das der Kreis der Verdächtigen sich ja auf die insgesamt sechs in den USA jetzt bekannten Telepathen beschränken muss und ausländische Kräfte von Beginn an ausgeschlossen worden sind. Hinzu kommt, das die Lady mit einem grundsätzlich richtigen, aber falsch interpretierbaren Hinweise einen weiteren Verdächtigen hinzufügt, der aber nicht über die telepathischen Fähigkeiten verfügt.

 Es ist schade, dass die abschließende Novelle nicht auch übersetzt worden sind. Eine Neuauflage der Eingangsgeschichte mit den beiden neuen Texte hätte vielleicht noch mehr Leser auf diese ohne Frage empfehlenswerte Neuausgabe aufmerksam gemacht. Im Rahmen der oft verschmähten, sich aber der Science Fiction vor allem auch der fünfziger und sechziger Jahre widmenden Ullstein Science Fiction Reihe ist der Text wahrscheinlich in den siebziger Jahren förmlich untergegangen und verdient selbst isoliert grundsätzlich die Neuveröffentlichung, wie auch der Bastei Verlag vor vielen Jahren die beiden Kolonistenromane Silverbergs und Garrett in einem Sammelband unter dem Titel „Planet der Dämmerung“ neu veröffentlichte.

 „Die Lady mit dem sechsten Sinn“ bringt wie die angesprochenen Arbeiten von James Blish, Robert Silverberg und Katherine McLean auf jeden Fall neue wieder entdeckenswerte Aspekte in der Subgenre Telepathie ein, welche diese Menschen eher zu Opfern als zu Helden machen.

GALAXIS SCIENCE FICTION: Geschichten aus der Welt von Morgen - wie man sie sich gestern vorgestellt hat.

  • Herausgeber : Apex Verlag (27. Mai 2020)
  • Sprache: : Deutsch
  • Taschenbuch : 168 Seiten
  • ISBN-10 : 3752956283
  • ISBN-13 : 978-3752956283