Supermind

Mark Phillips

„Supermind“ ist der dritte und die „Braintwister“ Serie abschließende Roman aus der Feder Randall Garrett und Laurence M. Janifer. Im Gegensatz zu den ersten beiden Teilen, die insgesamt drei deutsche Veröffentlichungen durchliefen, ist diese relevante Roman nicht übersetzt worden. Nach der Erstveröffentlichung in „Analog“ unter dem Titel „Occasion for Disaster“ ist die Geschichte überarbeitet, ausgeweitet und teilweise grundlegend für die Buchveröffentlichung unter dem einfach zu glatten Namen „Supermond“ überarbeitet worden.

Heute ist das Buch entweder billig als E- Book oder teuer in mehreren Kleinverlagsdrucken erhältlich.

Die beiden Autoren greifen zwar einzelne Bezüge wie die Fähigkeit der Teleportation aus „Kampf gegen die Unsichtbaren“ auf, der Plot konzentriert sich aber auf die Ereignisse des ersten Buches „De Lady mit dem 6. Sinn“ und relativiert einige auf den ersten Blick damals außergewöhnliche Aspekte.

Zwar steht im Mittelpunkt die Verschiffung von drei russischen Agenten mit den passenden Namen Brubitsch, Borbitsch und Garbitsch inklusiv Garbitsch attraktiver Tochter in die UdSSR unter der Leitung Malone, aber dieser Teilaspekt wirkt wie rückblickend eingeführt. Die Entdeckung der möglicherweise mit PSI Fähigkeiten ausgestatteten Spione ist genauso vom Zufall abhängig wie deren stumme Geständnisse und schließlich ihr Unwillen, nach Russland abgeschoben zu werden.

 Zwar können sich Mark Phillips eine Reihe von sarkastischen Kommentaren dem Klassenfeind gegenüber nicht verkneifen, aber der Hauptplot zeigt, dass es viel leichter ist, im Kastendenken der Russen für Unruhe zu Sorge als Chaos in den USA zu stiften. Ist aber der Stein erstmal angestoßen, ist das Chaos in den USA viel interessanter als die stupide vor sich hin schlurfende Maschinerie der Planwirtschaft.

 Ausgangspunkt ist das beginnende Chaos in den USA. Reden werden vertauscht, Umfragen anscheinend falsch abgelegt, Dokumente nicht weitergeleitet und die Bürokratie droht zum Erliegen zu kommen. Anscheinend manipuliert eine PSI begabte Agentengruppe das öffentliche Leben. Bislang sind nur die Fähigkeiten der Telepathie – jeder Telepath wird über kurz oder lang wahnsinnig – und die Teleportation bekannt, die Malone im zweiten Band der Trilogie quasi nach Handbuch lernen konnte. Suggestoren sind eine unbekannte Bedrohung und so schickt das FBI nicht nur seinen besten Mann Malone auf die Suche, er erhält Unterstützung von „Queen Elizabeth, der 1.“, einer der wahnsinnigen Telepathen aus dem ersten Band und gleichzeitig eine sympathische alte Frau mit einem entsprechenden Knacks. Sie begleitet Malone auch nach Russland. Aber auch sie kann keine neuen PSI Fähigkeiten entdecken.

 Wie im ersten Buch der Serie setzen die beiden Autorin die alte Dame effektiv ein. Malone braucht sie quasi als Resonanzbord. Sie weiß, wenn jemand lügt und kann auch bis auf die wenigen abgeschirmten und damit sofort verdächtigen Menschen in deren Gedanken einbringen. Dabei reicht ein Telefonat, das sie mithört. Das hilft ihr nur bedingt bei den Agenten.

 Allerdings gibt es auch Einschränkungen. Im ersten Buch hat sie einen der verdeckt operierenden feindlichen Telepathen entdeckt und quasi durch die Wand auf ihn gedeutet. Im dritten Teil „Supermind“ nimmt Mark Phillips diese Szene wieder auf und zeigen, dass sie recht und gleichzeitig auch Unrecht hatte. Diese Entdeckung kommt während des paranoiden Finales, in dem die beiden Autoren Bücher oder Filme wie „The President´s Analyst“ oder „Der Philadelphia Clan“ vorwegnehmen und aufzeigen, dass die Ordnung gleichzeitig das Chaos bedingt. In diesem Abschnitt überspannen die beiden Autoren auch den Bogen, in dem sie Malone nicht nur die Fähigkeit der Teleportation weiter zuschreiben, sondern einigen Thesen des ersten Buches widersprechen und eine der besten Prämissen der „Lady mit dem 6. Sinn“ negieren. In dieser Hinsicht ist es sinnvoll, die Serie mit dem vorliegenden dritten Band zu beenden. Sonst wäre der töfflige, aber abschließend glücklich verliebte Malone irgendwann zu einer amerikanischen FBI Version des Guckys aus der Perry Rhodan Serie geworden. Natürlich ohne Nagezahn und Fell.

 

Die Reise nach Russland inklusiv der überstürzten Rückkehr ist der Wendepunkt des Buches. Bis dahin haben sich die beiden Autoren auf pointierte Dialoge und entsprechende Kritik an dem kapitalistisch überdrehten Leben in den USA; aber auch der fehlenden roten Farbe am entsprechenden Platz in Moskau konzentriert. Nicht jeder der Witze war in den sechziger Jahren nach aktuell und Malone findet im Grunde selbst am Institut, das außergewöhnliche Phänomene untersucht, keinen einzigen überzeugenden Hinweis.

 In „Die Lady mit dem 6. Sinn“ hat Malone den Fall nur durch einen Zufall gelöst. In „Kampf gegen die Unsichtbaren“ lockte er die Teleporter in eine Falle. In diesem Roman waren dem Protagonisten die Leser weit voraus. In „Supermind“ fühlt sich für Malone, aber nicht für den Leser die Auflösung falsch an. Immer wieder gibt es Hinweise, dass die Tageszeitungen die Geheimnisse offen ansprechen, aber niemand die Puzzlestücke zusammensetzt.

 Auch die finale Reise zum Ursprung der Verschwörung findet quasi für die Leser im Off statt. Über keine Informationen verfügend sind die Betrachter verblüfft, wer hinter dem organisierten Chaos steckt. Die Erklärungen sind langwierig und wirken nicht überzeugend. Vor allem, weil die Methode ja mit den angesprochenen sehr unterschiedlichen Erfolgen sowohl in den USA wie auch der UdSSR angewandt worden ist.

 Die Idee hinter diesem organisierten Chaos wirkt auch bemüht. Akzeptiert der Leser diese im Grunde absurde Erklärung, wird deutlich, warum öffentliche Stellen niemals effektiv funktionieren können. Eine planmäßige Vorgehensweise würde ihrem grundlegenden Charakter widersprechen. Daraus allerdings abzuleiten, dass es quasi eine Art Probelauf ist, um weitere Mutanten mit eher ambivalenten Fähigkeiten zu finden, wirkt weit hergeholt. Die paranoide Idee einer sich selbst kontrollierenden Behörde mit Allmachtsphantasien in der Hand von doppeldeutigen Amtsträgern und einer Geschichte, die mit Irrungen und Wirrungen Jahrhunderte umfasst, entspricht den Illuminati Exzessen.

 Vor allem fehlt der finale Bogenschlag. Selbst wenn die im Titel der Romanfassung angesprochenen „Superminds“ die Kontrolle übernommen und das Chaos organisiert haben, sind sie nicht grundlegend böse oder Amerika feindlich. Das Gegenteil ist der Fall. Sie scheinen die Dekadenz des alten Roms ausschalten zu wollen. Der Niedergang von mächtigen Reichen unabhängig von ihren politischen Strukturen soll dank einer wohlwollenden Elite verhindert werden. Ob vertauschte Reden oder falsche Auswertungen; das Blamieren von naiven Politikern oder die Sammlung übernatürliche Phänomene ausreichend ist, mag hier hinterfragt werden.

 Es ist bezeichnend, dass Malone abschließend nur einer älteren Dame mit einem Königinnenkomplex trauen kann.

 „Supermind“ wirkt deutlich ernster als die ersten beiden Bücher, in denen die Bedrohungen der telepathischen Spionage und einer „unsichtbaren“ Bande jugendlicher Diebe, eher wie MacGuffins für eine Reihe von originellen Dialogen wirkten. Die Idee, das die Öffentlichkeit von einer kleinen Gruppe selbst wohlwollender Mitglieder eines paranormalen Thinktanks manipuliert werden, hat Potential für weitere Geschichten. Malone akzeptiert diese Idee zu schnell und reagiert angesichts seiner bislang patriotischen Haltung der USA gegenüber zu einfach auf diese Erkenntnisse.

 Aber der Weg über ein wie eine Karikatur erscheinendes Russland mit einer ungewöhnlichen Herzlichkeit der Russen und einem ewig sprudelnden Quell von Alkohol liest sich auch heute als nicht bitterböse, sondern augenzwinkernde Parodie auf eine Reihe von Kalter Krieg Thrillern. Malone als Agent ist eine James Bond Parodie. Er scheitert regelmäßig bei Frauen, obwohl er sich als sehr attraktiv und abschließend auch übernatürlich befähigt ansieht und seine Missionen sollten zwar die USA retten, wirken aber derartig absurd, dass es zwei sehr überzeugenden Autoren gebührt, diese Geschichten bis auf die Dialoge mit dem notwendigen „Ernst“ zu entwickeln.

 Fast sechzig Jahre nach der Erstveröffentlichung der Geschichten handelt es sich bei allen drei Romanen immer noch um kurzweilige und belustige Science Fiction Agenten Erzählungen, die Ron Goulart anscheinend mit beiden Händen als Vorlage für seine verschiedenen Serien wie die Abenteuer des Wild Talents Jack Conger in den siebziger und achtziger Jahren genommen hat. 

Supermind (English Edition)

  • Herausgeber : CHIZINE PUBN (24. Mai 2017)
  • Sprache: : Englisch
  • Gebundene Ausgabe : 244 Seiten
  • ISBN-10 : 1374868183
  • ISBN-13 : 978-1374868182