Die Seelenfresser

Colin Wilson

Im Original „The Mind Parasites“ genannt ist „Die Seelenfresser“ Colin Wilsons erste Exkursion in den Bereich der im Grunde Weird Fiction mit Science Fiction Einschlag. Zwei Jahre später folgte mit „The Philosopher´s Stone“ eine weitere semiphantastische Arbeit, die nicht übersetzt worden ist. Am Bekanntesten ist „Vampire aus dem Weltall“, der nicht nur wie „The Philosopher´s Stone“ auf Lovecrafts Mythen zurückgreift, sondern auch eine Verbindung zwischen Vampirismus und Verbrechen zieht. Das Buch ist von Tobe Hopper unter dem Titel „Lifeforce“ in den achtziger Jahren mehr schlecht als recht verfilmt worden.

 Die drei phantastischen Romane bilden aber chronologisch in der Reihenfolge ihrer Entstehung gelesen aber auch ein komplexes Bild der Mythen, des Aberglauben und schließlich wie schon erwähnt auch eine Verbindung zu Lovecrafts Cthulhu Mythos, wobei Colin Wilson immer einen außerirdischen Einfluss gesehen hat.

 Zwischen „The Philosopher´s Stone“ und „Vampire aus dem All“ sollte Colin Wilson mit einem Sachbuch zum Okkulten wieder einen literarischen Erfolg verbuchen können, nachdem sein Debütroman Anfang der sechziger Jahre die Kritiker auf den Plan rief. Bis zu seinem Tod verfasst Colin Wilson vor allem Sachbücher und Biographien zu einer Vielzahl von Themen bzw. über extrovertierte Künstler wie zum Beispiel Ken Russel oder Krimiautoren wie David Lindsay, während seine Romane sich im kriminaltechnischen Milieu bewegen.

 Bei „The Mind Parasites“ ist sich Colin Wilson nicht nur seiner Inspirationen bewusst, er nutzt sie absichtlich, um eine im Grunde phantastische, wissenschaftlich unmögliche im distanzierten Berichtstil verfasste Geschichte zu erzählen, in deren Verlauf der Autor evolutionstechnisch nicht nur eine neue kleine Gruppe von Übermenschen erschafft, sondern das Rätsel um das verschwundene Schiff Mary Celeste auf den letzten Metern einbaut.

 Während „Vampire aus dem All“ von Alfred Elton van Vogts Kurzgeschichte „Asylum“ zumindest inspiriert worden ist, könnte Jack Finneys „Invasion der Körperfresser“ in einigen Abschnitten Pate gestanden haben.

 Der erste Teil des Buches ist der beste Abschnitt. Es beginnt mit dem Selbstmord eines bekannten Forschers. Niemand kann sich dessen Tat erklären. Er hinterlässt zahlreiche Unterlagen und bittet seinen Freund, diese zu ordnen und zu veröffentlichen. Im Mittelpunkt steht die Entdeckung einer Stadt dreitausend Meter unter dem türkischen Boden. Die Sonde findet seltsame Zeichen an den gigantischen Quadern der Mauern. Diese Zeichen erinnern an Lovecrafts Geschichten von den großen Alten. Hat Lovecraft von dieser versunkenen Kultur gewusst? Stimmen seine Berichte und handelt es sich um Warnungen, die der exzentrische Amerikaner in die Gegenwart übertragen hat?

 Colin Wilson zieht ausführliche Querverweise zwischen seiner Entdeckung und Lovecrafts Werk. Aktiv bindet er auch August Darleth ein, dem er später „Vampire aus dem Weltall“ widmen sollte.

 Parallel kommt der Erzähler oder besser Koordinator dieser Berichte einer anscheinend globalen Verschwörung auf die Spur. In den Menschen haben sich die Bewusstsein- Parasiten eingenistet, die er als geistiges Krebsgeschwür sieht. Der deutsche Titel „Seelenfresser“ wird von einem anderen der Chronisten aufgegriffen. Diese Vorgehensweise irritiert anfänglich, ist aber hinsichtlich der Gesamtstruktur des Buches als in Romanform gehaltener Bericht konsequent. Diese Parasiten scheinen die Menschen seit vielen Äonen zu manipulieren und halten die Gewalt in Form von Diktaturen am Köcheln, damit sich die ganze Menschheit nicht über eine bestimmte Stufe hinaus entwickeln kann.

 Die beiden Freunde und Forscher Reich und der lange Zeit als Ich- Erzähler in Berichtsform agierende Karel Weissmann versuchen dieser globalen und unerkannt gebliebenen Bedrohung Herr zu werden.  

 Die zahlreichen Entdeckungen und Querverweise in die Geschichte kumulieren in der Zusammenarbeit mit der Sexualforscherin Weißmann, die einen Zusammenhang zwischen höherer Zivilisationsstufe und sexuellen Abartigkeiten auch gegenüber emanzipierten Frauen gefunden hat. Reich und Weissmann rekrutieren direkt an ihrer Forschungsstätte ein Team von Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen, die noch nicht von den bis dahin imaginären Seelenfressern oder Gehirnparasiten unterwandert worden sind. Die Entdeckung dieser manipulieren Mitbewohner basiert eher auf Intuition und dem Hineinhorchen in die eigene Seele als einer wissenschaftlichen Methode. Hinzu kommt, dass vor allem Weissmann paranormale Fähigkeiten in den anscheinend ungenutzten Gehirnteilen hebt, mit denen er die Parasiten schließlich aktiv zu bekämpfen sucht. Dabei muss verhindert werden, dass die Seelenfresser von diesen Aktivitäten Kenntnis erlangen.

 Der erste direkte Gegenschlag hat fatale Folgen für das kleine Team. Ab diesem Moment zerfällt der Roman auch. Die Spannungskurve beginnend tief unter der türkischen Erde wird breiter aufgestellt. Die Parasiten scheinen nur in einer begrenzten Zahl vorhanden zu sein. Sie wollen jetzt mittels eines afrikanischen Generals einen globalen, aber keinen atomaren Krieg auslösen, um die Menschheit wieder auf die Spur zu bringen.

 Auf der anderen Seite scheint die einzige Möglichkeit zu sein, in den Tiefen des Alls die eigenen geistigen Kräfte zu sammeln und ein mögliches Zentrum auf der abgewandten Seite des Mondes auszuschalten. Colin Wilson beginnt mit dieser Exkursion die bislang mystischen, aber glaubwürdigen Thesen zu unterwandern und präsentiert eine Art PSI Lösung, an deren Ende mindestens Weissmann zu einem neuen Supermann wird, der Gefahr läuft, selbst zu einem Diktator zu werden.

 Die grundlegende Idee, bislang ungenutzte Teile des Bewusstseins quasi zu aktivieren und so die Parasiten zu vertreiben, ist vielleicht nicht unbedingt originell, aber konsequent. Bei der parasitären Symbiose wie auch der über Lovecrafts Mythen hinausgehenden Historie der Bewusstseins- Krebse bleibt der Autor vage und bezieht sich fast ausschließlich auch Sekundärquellen, um die Authentizität seines Werkes zu unterstreichen. Damit folgt er Lovecraft und seinen Epigonen.

 Die erste Hälfte mit den großen Alten und der seltsamen Stadt mit seinen riesigen, aber auch normalen Bewohnern wird allerdings eher abrupt abgebrochen und einer der Forscher impliziert, dass die Parasiten vielleicht erst seit wenigen hundert Jahren unter den Menschen weilen. Wie sie den potentiellen Sprung vom Mond allerdings zur Erde geschafft haben, wird nicht weiter erklärt. Stattdessen beginnt Colin Wilson die UFO Mythologien in die Handlung einzustreuen. Diese Idee kommt für den ganzen sehr kompakten Roman im Kern zu spät, weil zu diesem Zeitpunkt Weissmann eine radikale, aber auch die Struktur der Erdoberfläche komplett verändernde Vorgehensweise anstrebt. Diese wirkt so absurd, dass der Leser angesichts des bislang verschwörungstechnisch interessanten Handlungsverlaufes nur den Kopf schütteln kann. Mit dieser unnötigen Exkursion unterminiert der Autor die erste sehr gelungene Hälfte des Buches.

„Die Seelenfresser“ baut auf der im Erdreich verborgenen Vergangenheit auf. Auch in seinem zweiten phantastischen Roman „The Philosopher´s Stone“ muss die Erde eine Geheimnis freigeben, auf dessen Basis der Autor seine weitere Geschichte extrapoliert. Aber der weitere Handlungsverlauf wirkt wie eine Art Paralleluniversumgeschichte.

 Interessant, aber nicht befriedigend herausgearbeitet ist die Idee, das der Rationalismus des größten Teils der Menschheit die radikale Vorgehensweise der Parasiten quasi beflügelt und der Menschheit die Augen gegenüber dem Übernatürlichen verschlossen hat. Statische Zahlenkolonien aller möglichen Themen beginnend bei Schwerverbrechen und endend bei der Dominanz des Großkapitals sind ein fruchtbarer Boden für die Seelenfresser, um ihre eher ambivalent beschriebenen Ziele heimlich auszubauen. Sollte das Ziel die Kontrolle der Menschheit und damit vielleicht auch ein erneuter Sprung in die anscheinend im All liegende Heimat sein, so haben die Seenfresser im Grunde vor allem im 20. Jahrhundert aber Jahrzehnte verschlafen und werden erst wieder auf eine teilweise doch panische Art und Weise aktiv, als ihre möglicherweise geheime Herkunftsstelle durch einen Zufall entdeckt wird. Stephen King hat sich dieses Themas in dem unterschätzten Roman „Tommyknockers“ auf eine bessere, aber auch paranoidere Art und Weise angenommen.

 „Die Seelenfresser“ ist ein über weite Strecken sehr ambitionierter Roman mit zahllosen mystischen Querverweisen, eingebettet vor allem in das von Lovecraft erschaffene, aber nur als Sprungbrett benutzte Cthulhu Universum, der wie manches Erstling – zumindest für Colin Wilson in diesem Sektor – abschließend vor unzureichend umgesetzten Ideen überfließt und deswegen auch unfertig erscheint. Aber die erste Hälfte des Buches ist vor allem auch als Grundlage für die beiden folgenden, nicht in einem engeren Zusammenhang stehenden phantastischen Bücher aus Colin Wilsons Feder auch heute noch wie manche andere PSI Romane der sechziger Jahre – siehe unter anderem Frank M. Robinsons ebenfalls verfilmter „The Power“ – dank der Paranoia Ansätze  lesenswert und wieder entdeckenswert.       

Die Seelenfresser

  • Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch Verlag. (1. Dezember 1986)
  • Broschiert : 244 Seiten
  • ISBN-10 : 3888800196
  • ISBN-13 : 978-3888800191