Transmission

Jo Koren

„Transmission“ ist der zweite Roman aus der Feder Jo Koren.Ihr Erstling „Vektor“ aus dem Herbst 2016 ist unter anderem für den Deutschen Science Fiction Preis und den Kurd Laßwitz Preis nominiert worden. Hinter dem Pseudonym Jo Koren versteckt sich eine Ärztin und wie zum Beispiel in den sechziger Jahren Alan Nourse oder später dem deutlich populäreren Robert Cook ist deswegen auch der medizinische Hintergrund natürlich entsprechend extrapoliert so stimmig, wie es ein Roman per se zulässt.

„Vektor“ spielte auf einer Raumstation. Die Ärztin Dr. Alpha Novak ist eine Expertin für invasive Kybernetik und kümmerte sich vor allem um Prothesen, aber auch Implantate. An ihrer Seite ist der Bonobo Kit, der dank eines solchen Implantates nicht nur mit den Menschen sprechen kann, sondern über eine anscheinend höhere Intelligenz verfügt als seine Artgenossen. Ein Virus hat die Implantate befallen und brachte nicht nur die Arbeiter an Bord der Raumstation in eine schwierige Situation, sondern vor allem die zwischen allen Fronten stehende Dr. Novak.

„Transmission“ ist keine klassische Fortsetzung. Der Handlungsbogen ist in „Vector“ in sich abgeschlossen, auch „Transmission“ führt Jo Koren zu einem allerdings sehr hektischen und hinsichtlich seiner Auswirkungen in der vorliegenden Form auch nicht gänzlich befriedigenden Ende.

Die Autorin hat die relevanten Protagonisten übernommen. Inzwischen ist Dr. Novak zusammen mit Kit wieder auf die Erde zurückgekehrt. Sie lebt im Ruhrgebiet des Jahres 2070. Es ist nicht unbedingt notwendig, „Vector“ gelesen zu haben, aber es hilft. Durch die Kompaktheit des Plots gehen relevante Charakterzüge der in „Vector“ eingeführten, sehr lebendigen Protagonisten förmlich unter. Zwar streift Dr. Novak eher beiläufig wie oberflächlich einige der Herausforderungen aus „Vector“, über die Details inklusiv der gesetzestechnisch grauen Rückkehr Kits zur Erde schweigt sie sich aber aus.

Wie „Vector“ ist „Transmission“ ist sehr stringent erzählter Roman, der aber erstaunlich viel Platz für die kleinen amüsant erzählten „Nebenkriegsschauplätze“ des 21. Jahrhunderts hat. Das Ruhrgebiet leidet in diesem Buch nicht nur unter einer Hitzewelle. Mit Humor, aber auch sarkastischen Seitenbemerkungen karikiert die Autorin den Hang zum Produktplacement und den Drang, mittels Rabatten oder Sonderangeboten die Kunden bei der Stange zu halten. Die intelligenten selbstfahren Taxis seien hier besonders herausgestellt. Wenn die Protagonistin aber einmal einem Taxi vertrauen muss und für die entsprechende Zeit bezahlt hat, kann es nur schiefgehen.

Der Plot selbst beginnt mit einem hohen Tempo. Dr. Novak erhält einen Patienten aus der Psychiatrie überwiesen. Zusammen mit ihrer ebenfalls im gleichen Krankenhaus arbeitenden Freundin Nina stellen sie fest, dass seine Implantate nicht stimmen und der Mann anscheinend tatsächlich Gedanken lesen kann. Dr. Novak geht anfänglich noch davon aus, dass eine Mischung aus Recherche und guten Instinkten den Eindruck erwecken, als könne er tatsächlich die Gehirne seiner Mitmenschen durchforsten, aber schnell muss sie erkennen, dass aus einem nicht für die erklärlichen Grund diese besonderen Implantate bewusst oder zufällig die Fähigkeiten in dem Patienten erweckt haben.

Natürlich beginnt die Ärztin zusammen mit ihrer Programmierfreundin Laura zu recherchieren und natürlich führen die Spuren zu einer geheimnisvollen Organisation, die erstens kein Interesse hat, das die Daten dieses Implantats auf einem kurz bevorstehenden Kongress veröffentlicht werden und zweitens gibt es noch einen weiteren Interessenten, der nach anfänglicher Betriebsspionage zu handfesteren Mitteln greift, um die drei Frauen und Kit davon abzuhalten, zu viel Wissen zu erlangen.

Der Plot ist vielleicht die schwächste Komponente des Buches. Jo Koren erzählt flott und die Geschichte zeichnet sich durch hohes Tempo und einige Wendungen bis zur obligatorischen, eher aus einer Reihe von statischen Krimis bekannten finalen Falle aus. Es gibt Hinweise, wer die Organisationen im Hintergrund sein könnten und die Leser erfahren auf Augenhöhe der Protagonisten noch etwas zu den Implantaten, aber dann wird man auch schon aus dem Roman katapultiert. In dieser Hinsicht ist „Vector“ deutlich vielschichtiger und vor allem auch spannungstechnisch hintergründiger angelegt.

Die Ausgangsidee mit den Implantaten und vor allem auch ihren Auswirkungen auf eine technisch orientierte Gesellschaft werden auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner nur angedeutet, aber noch nicht zufriedenstellend extrapoliert. Das ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht einmal nötig, aber ein wenig mehr Fleisch auf die Knochen hätte der Roman in dieser Hinsicht beginnend mit einer sehr guten Ausgangsbasis verdient.

Jo Korens Stärken sind allerdings weiterhin Dialoge und Charaktere. Nicht nur Dr. Novak oder der manchmal ein wenig naive, aber kindlich süße Kit haben fast immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Und sei es nur als innere Kommentar zu den Ereignissen. Da liefern sich die überzeugenden dreidimensionalen Frauen auch mal ein ordentliches Wortgefecht. Entweder untereinander und mit den Herren der Schöpfung. Krankenhausarbeit ist nichts für emotionale Mimosen.

Vor allem Dr. Novak und ihre „Freundin“ Laura überzeugen. Während Dr. Novak quasi ab einem bestimmten Punkt lange Zeit nur auf verschiedene Ereignisse – hier seien stehlende Taxen genauso wie Gehirne an unmöglichen Stellen aufgefunden genannt – reagieren kann, ist die pragmatische Laura deutlich cooler. Gut vernetzt und immer zumindest einen halben Schritt voraus. Abgerundet wird die Charakterebene wie angesprochen durch Kit, aber auch Nebenfiguren wie ihre Freundin Nina sowie ihren exzentrischen WG Kumpel. Alle Figuren strahlen eine besondere Energie aus und die Dialoge sind wie eben schon erwähnt ausgesprochen lebendig. Wahrscheinlich ist Jo Koren einige der wenigen Autoren, die ihre Dialoge auch einmal laut liest und dadurch auf eine flapsige Natürlichkeit prüft. In dieser Hinsicht können sich viele Autoren eine Scheibe von der schreibenden Ärztin abschauen.

Der Hintergrund der Geschichte dominiert nicht, aber Jo Koren nimmt sich unabhängig vom kompakten Umfang Zeit, das futuristische Ruhrgebiet mit kleinen literarischen Seitenhieben zu bereichern. Neben den allgegenwärtigen und anscheinend eine Art Eigenleben führenden Taxen sei hier nur der zerstörte Turm des Kölner Doms genannt, von einer Drohne förmlich abgeschossen. Wie Notre Damme scheint Crowdfunding nur monetäre Ziele zu erreichen.

Wahrscheinlich ist „Transmission“ nicht das letzte Buch um Dr. Novak und Kit. Es bleibt abzuwarten, ob die Autorin den Handlungsbogen fortsetzt oder vielleicht sogar zu Aspekten aus „Vector“ zurückkehrt. Beide Spannungsbögen bieten noch ausreichend Potential für weitere Hintergrundrecherchen, wobei insbesondere „Transmission“ in dieser Hinsicht ein wenig enttäuscht.

Es lohnt sich allerdings, Jo Koren erst über den besser strukturierten und ambitionierter angelegten „Vector“ kennenzulernen und ein Gefühl nicht nur für ihre Zukunftswelt, sondern viel wichtiger für ihre gut gezeichneten Charaktere zu entwickeln. Im Anschluss an „Vector“ wirkt „Transmission“ dann in vielen Punkten vertrauter, vieles setzt der Leser während der Lektüre dann unbewusst in seinen Gedanken zusammen. Gemeinsam bilden die beiden Romane aber eine trotz der angesprochenen Schwächen eine nicht nur umfangtechnisch kurzweilige, sondern auch intellektuelle stimulierende Lektüre.    

Transmission

  • Herausgeber ‏ : ‎ Atlantis Verlag (15. April 2020)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 184 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3864027179
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3864027178