Glühsterne

Axel Kruse

Es lohnt sich, Axel Kruses 2015 veröffentlichten Episodenroman „Glühsterne“ mit dem Nachwort zu beginnen. Nicht nur geht der Autor auf die verfremdete Herkunft der in allen Episoden mindestens erwähnten kleinen Fischersiedlung auf dem Planeten Daria ein – Vorbild ist eine kleine Siedlung in Kroatien, wo Axel Kruses Eltern mit den Kinder mehrfach Urlaub gemacht haben-, auch die Identität einer Nebenfigur aus der mittleren den Titel bestimmenden Story „Glühsterne“ wird enthüllt. Sie steht in einem engen Zusammenhang mit Tim & Struppi Comics, aber auch dem schon erwähnten Urlaub an der Adria. Und H. Beam Piepers „Fuzzy“ Geschichten haben auch einen wahrscheinlich indirekten Einfluss auf die Entstehung der Glühsterne gehabt. 

„Glühsterne“ spielt im gleichen Universum wie die im Atlantis Verlag veröffentlichten Abenteuer des Schmugglers und Raumkapitän Samuel Kors. Auch mehrere andere Kurzgeschichten spielen in diesem Universum. Axel Kruse verweist auch noch auf eine weitere später angesiedelte Geschichte in diesem Universum. Auffällig ist, das der immer wieder beschworene Konflikt zwischen Terra und den Nichtmenschen in der letzten Story „…wo noch niemand zuvor gewesen ist“ eher wie eine Art Gewitter – kurz und heftig – erscheint, aber nicht der große beschworene Konflikt/ Krieg.

Alle drei Geschichten lassen sich unabhängig voneinander lesen, sind aber durch die unmittelbare oder mittelbare Präsenz der Glühsterne, aber auch den urwüchsigen Planeten Daria miteinander verbunden. Sowohl in „Ein Job in Sreser“ wie auch „Glühsterne“ legt der Autor Wert auf eine interessante Pointe. In „Ein Job in Sreser“ und „…wo noch niemand zuvor gewesen ist“ spielt die Maskerade in unterschiedlicher Form auch eine wichtige Rolle. Zusammenfassend handelt es sich aber um kurzweilige Space Opera Geschichten, in denen ein zeitloser politischer Hintergrund mit dem Krieg gegen die Andersartigen eine wichtige, aber in den ersten beiden Texten noch keine elementare Rolle spielt.

Ein Mann mit seinem Hund – eine unbekannte Spezis – strandet auf Daria und nimmt schließlich einen Job in der Fischfabrik an. Immer mehr schwelen die Konflikte zwischen den Stummen (die Ureinwohner des Planeten) und den wenigen Menschen auf. Es kommt zu bestialischen Überfällen und Morden. Lange Zeit baut Axel Kruse auf ein klassisches Szenario. Die Fronten scheinen geklärt, die als Sklaven gehaltenen Stummen müssen die Täter sein. Der Mann mit seinem Hund gerät eher zufällig zwischen die Fronten. Am Ende sind zumindest Teile dieser Prämissen auf den Kopf gestellt und Axel Kruse präsentiert eine solide, auch hinsichtlich der Handlungsführung überraschende, aber auch pragmatische Lösung.

„Glühsterne“ ist vielleicht die beste Geschichte dieser Sammlung. Der Beamte Marek t‘ Larien verliert durch einen Anschlag seine Frau und seine beiden Kinder. Der Täter kommt von Daria. Als Beamter der Kolonialverwaltung erwartet  Marek t´Larien Hilfe. Als die Behörden sich stur stellen, resit er selbst nach Daria. Er reist mit einem eher abgebrannten Prinzen und seiner natürlich weiblichen Besatzung. Auf Daria muss er erkennen, dass die Verhältnisse bei weitem nicht mehr so sind wie in seinen Berichten. Die Glühsterne stellen eine wichtige Einkommensquelle dar. Auch wenn die Welt nach Jahrhunderten des Vergessens inzwischen wieder entdeckt worden ist, kann man sie nur über einen Clarke betreten, den von Arthur C. Clarke so meisterlich entwickelten Fahrstuhl zu den Sternen. Dieser ist wie vieles auf dem Planeten nur halbfertig. Am Ende muss Marek t´Larien nicht nur seinen inzwischen zum Freund gewordenen Prinzen retten, sondern erkennen, dass die einheimischen Stummen von Menschen in der Tradition Karl Mays und seines Schuts versklavt und ausgenutzt werden.

Die Pointe beinhaltet auch das Motiv für den Anschlag. Zu diesem Zeitpunkt ist der aus der persönlichen Sicht chronisch überforderte Beamte schon lange aufgewacht und hat erkannt, das auch seine eigenen Entscheidungen in der Behörde für einen Teil der Zustände verantwortlich sind.

Die Charaktere sind dreidimensionaler herausgearbeitet. Damit soll nicht ausgedrückt werden, das die Protagonisten der anderen beiden Geschichten Stereotype sind. Das Gegenteil ist der Fall, aber da „Glühsterne“ die längste Story der Sammlung ist, kann sich Axel Kruse mehr Zeit nehmen, um die Figuren positiv wie negativ zu entwickeln. Auch über den Hintergrund Darias erfährt der Leser in dieser Story am meisten.  Marek t´Larien muss erkennen, dass Terra mit seiner wiedererwachten Expansionspolitik inklusiv des rassistischen Gedankenguts nicht reif für die Sterne ist. Ansätze dieser Thematiken finden sich schon in „Ein Job in Sresa“, aber Axel Kruse baut diese Prämisse aus. In der letzten Story hebt der Autor vor dem Hintergrund einer Schnitzeljagd diese Idee noch auf eine universellere Ebene.

In „…wo noch niemand zuvor gewesen ist“ kehrt der Antiquar Bruno wegen eines Klassentreffens zur Erde zurück. Der Konflikt zwischen Menschen und Nichtmenschen verschärft sich. Auf dem Klassentreffen trifft er auf eine alte Klassenkameradin Rica, die gleich mit ihm ins Bett geht.  Sie treffen auch auf Enno, einen Frauenschwarm, dem Rica damals auch erlegen ist. Eine Liebesnacht in Ricas Wohnung rettet Bruno vor einem Bombenanschlag, der bis auf Enno anscheinend alle anderen Klassenkameraden tötet. Die Erde erlässt Gesetze gegen die Nichtmenschen, zu denen Bruno wegen seines Aufenthalts auf einem Kolonialplaneten auch gehört. Rica und Bruno fliehen zu erst nach Ceres, wobei Enno ihnen eine Statue und kryptische Hinweise hinterlassen hat.

Die Spur könnte zum Absturzort eines alten, verschollenen Kolonialraumschiffes führen. Seit mehr als dreihundert Jahren ist die Legende um die Hauke Haien eine gängige, in der Schule gelernte Ballade. Wie in den Alex Benedict Abenteuern aus der Feder Jack McDevitt ist lange Zeit die Suche nach der Hauke Haien in Kombination mit der Flucht vor den irdischen Polizeikräften der Mittelpunkt der Geschichte. Spannend und auf Augenhöhe der Leser setzt Axel Kruse das abschließende Puzzle zusammen. Eine vergessene Textzeile aus dem ursprünglichen Text zusammen mit einigen Fundstücken von Bord der abgestürzten Kolonistenraumschiffs führt schließlich zu einem mittelbaren Erfolg. Während des Finals fallen die Masken. Axel Kruse hat eine Überraschung eingebaut, wobei die Argumentationskette hinsichtlich der Wichtigkeit der Legende um die Hauke Haien und nicht mehr des eigentlichen Raumschiffs ein wenig bemüht erscheint.

Im Hintergrund brandet der Krieg zwischen Menschen und Nichtmenschen deutlich mehr auf. Diese Szenen baut Axel Kruse allerdings nicht live, sondern in Form von Nachrichten und Berichten in die Handlung ein. Der Leser wird vielleicht angesichts der langen Vorbereitung enttäuscht sein, das der militärische Konflikt zumindest vorläufig sich wie das angesprochene Gewitter entlädt. Mit den nachhaltigen politischen Folgen kann sich der Autor in weiteren in diesem Universum spielenden Storys ohne Frage auseinandersetzen.

Geschickt schließt sich am Ende von „…wo noch niemand zuvor gewesen ist“ der Kreis. Allerdings ist der Titel nicht ganz richtig. Denn es sind welche vorher dort gewesen. Ansonsten würde die Schnitzeljagd zu keinem Erfolg führen. Und der Aufenthaltsort der Hauke Haien erscheint auch ein wenig konstruiert, denn immerhin stellt diese Welt hinsichtlich eines einzigartigen „Gegenstands“ wenn auch spärlich besiedelt und über einen Clarke verfügend einen wichtigen Eckpfeiler dar. Schon in der ersten Geschichte hätte der Fremde mit seinem Hund über diese galaxisweit berühmte Legende stolpern können. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Axel Kruse wahrscheinlich noch kein abschließendes Konzept für die finale Handlungsführung.

Diese kleinen konstruktiven „Fehler“ wirken sich aber nicht auf das Lesevergnügen aus. Die Balance aus der Länge der Geschichten bzw. dem Umfang des Fugenromans und den jeweiligen Themen stimmt. Axel Kruses in  den letzten Jahren veröffentlichte Romane wirken in dieser Hinsicht manchmal zu kompakt, zu sehr auf das Wesentliche reduziert, wodurch einzelne Szenen nicht ausreichend geschmeidig und eher konstruiert erscheinen. Die Charaktere sind wie in den meisten von Axel Kruses inzwischen mehr als zwei Dutzend Romanen gut gezeichnet. Der Hintergrund mit dieser Mischung aus realistischer alltagstauglicher zukünftiger Technik und den mystischen Legenden des Universums; der jederzeit nachvollziehbaren Vorgehensweise der Charaktere und vor allem einer im positiven Sinne klassischen Erzählstruktur seiner Plots überzeugt auch in „Glühsterne“. Hinzu kommen nicht nur mit dem Thema Rassismus, aber auch dem Scheuklappendenken mancher in ihren Berufen einbetonierter Protagonisten wie Maren t`Laurien zwei weitere zeitlose Facetten, welche „Glühsterne“ aus den in diesem Universum spielenden Storys zusätzlich positiv heraushebt.