„Dunkles Spiel“ erschien drei Jahre nach dem zweiten Christopher Diecks Krimi in einem neuen Verlag. Die Neuauflage der ersten beiden Romane wurde hinsichtlich der Titelbilder diesem dritten, wahrscheinlich die Serie auch abschließenden Roman angepasst.
Wie in den ersten beiden Krimis liebt Lara Möller Prologe. Ein harmloser Fall von Vandalismus in einer Kleingartenkolonie. Neben den exzentrischen Charakteren karikiert die Autorin auch die typische Großmannssucht der deutschen Spießbürger in einer Kleingartenanlage.
Anschließend beginnt der eigentliche Fall. Wie in den ersten beiden Büchern verlaufen auf den ersten Blick zusammenhängende Ermittlungen – Einbruch mit Körperverletzung – kurze Zeit parallel, bevor sie in zwei separate Fälle auseinanderdriften, die nur über eine gemeinsame Wurzel verfügen. In diesem Fall die dunklen Flure eines ehemaligen Bunkers in der Hamburger Innenstadt.
Eine Firma betreibt seit vielen Jahren fast vierzig Bunker. Sie wurden umgebaut und stehen Künstlern oder Musikern zur Verfügung. Die Anlagen verfügen über Gemeinschaftsräume und sind modern ausgestaltet. Weit weg von dem Bunker, in dem Hans Joachim Alpers früher seine Pulpsammlung gelagert hat und den Jörg Weigand einmal aufsuchte, um gemeinsam mit dem politisch so konträren Alpers Flaschen von Rotwein zu leeren.
In den letzten Wochen ist fünfmal in einzelne Bunker eingebrochen worden. Bei den Einbrüchen wurde Equipment der Bands gestohlen, die dort Proberäume gemietet haben. Tara Oswald hat einige Zeit als Praktikantin in der Detektei gearbeitet, für die Christopher Diecks jetzt hauptberuflich tätig ist. Inzwischen arbeitet sie für das Sicherheitsunternehmen, das für den Objektschutz verantwortlich ist. Gemeinsam mit dem Betreiber der Bunker beauftragen sie die Detektei, nach den Einbrechern zu suchen. Beim letzten Einbruch wurde ein junger Musiker und enger Freund Taras Benni Wagner brutal zusammengeschlagen.
Anscheinend wollen Bennys Eltern nicht, das die Privatdetektive die Täter suchen. Die Mutter arbeitet in einer Apotheke, der Vater hat sich gerade als Fitnesstrainer selbstständig gemacht. Beide agieren auffällig, so das der Detektei nicht nur aus Neugierde nichts anderes übrig bleibt, um neben den Ermittlungen hinsichtlich der Einbruchserie auch Bennys Familie zu überwachen. Natürlich mit überraschenden Erkenntnissen.
Die Einbruchserie selbst wird relativ schnell abgeschlossen. Die Detektei wertet die vorhandenen Videos aus, konzentriert sich auf einen kleinen Preis von Personen, die unmittelbar um die Einbruchszeit oder kurz dahinter die Bunker betreten haben. Da die Bunker mit mehreren unterschiedlichen Schlössern und Sicherheitskarten abgesichert sind und nur in einem Fall die Tür zur Dachterrasse für die Raucher stetig offen steht, muss es sich um einen Insiderjob handeln.
Bis in die Mitte ihres Romans verlaufen die Ermittlungen zu den Einbrüchen und die Überwachung von Bennys Familie parallel. Das verbindende Glied ist Tara Ostwald, die ja für die Sicherheitsfirma arbeitet, aber in Bennys Band und Freundeskreis auch eine zweite liebenswerte wie außergewöhnliche Familie gefunden hat.
Ab der Mitte des Buches dreht die Autorin die Handlung auf den Kopf. Agierte Christopher Diecks bis dahin mit seinen Kollegen aktiv und konnte die Ermittlungen/ Überwachungen koordinieren und kontrollieren, wendet sich mit dem Geheimnis der Familie Wagner das Blatt.
Noch mehr als zu Beginn mit Tara vermischen sich Privates und Geschäftliches. Aus den Suchenden werden Gejagte. Zwar steigert Lara Möller die Bedrohungslage mit hinterlassenen Visitenkarten kontinuierlich, abschließend wird diese Idee allerdings inhaltlich auf den finalen Konflikt reduziert. Damit soll nicht ausgedrückt werden, das die Organisation nicht gefährlich ist und vor brutaler Gewalt zurückschreckt, aber hinsichtlich des Showdowns verfällt die Autorin ein wenig in klassische Schwarzweißmuster und vergisst, den Antagonisten mehr als ein oberflächliches Profil zu geben. Auf den letzten Seiten ist es zu spät.
Zu den Stärken nicht nur dieses Romans bis auf die finale, nicht abgesprochene Exkursion gehört die ausführliche Schilderung klassischer, vielleicht in den Augen mancher Krimifans sogar klischeehafter Privatdetektivarbeit. Zwar wird moderne Technik genutzt, aber der größte Teil der Zeit wird mit Warten an den Observierungspunkten tot geschlagen. Handarbeit sozusagen.
Die einzelnen für die Handlung relevanten Punkte hat die Autorin detailliert und minutiös herausgearbeitet. Wer sich in Hamburg auskennt, wird diese Detailbesessenheit noch mehr schätzen als Auswärtige, denen zumindest eine funktionierende literarische “Karte” mit an die Hand gegeben wird.
Der Plot ist wie angedeutet geradlinig aufgebaut. Die Einbruchsserie wird im letzten Drittel des Buches nebenbei aufgeklärt und abgeschlossen. Hier ist es abschließend neben der Beobachtung ein Zufall, der auf die Spur der Täter führt. Aus der schweren Körperverletzung hat sich ein anderer, deutlich gewichtigerer Fall entwickelt. Dabei agieren die Privatdetektive ab einem bestimmten ohne echten Auftraggeber und die Regeln der Gesetze zumindest biegend. Auch diese Vorgehensweise ist aus den ersten beiden Christopher Diecks Büchern bekannt, wobei die Autorin dieses Mal deutlich weniger auf einen tragischen Antihelden setzt, sondern das gesamte Team der Kleemeyer Agentur einschaltet. Diese Vorgehensweise ermöglicht es der Autorin, den Plot auf mehreren teilweise parallel laufenden Ebenen überzeugender voranzutreiben und Christopher Diecks arbeitstechnisch zu entlasten.
Zusätzlich schenkt die Autorin den aus den ersten Büchern bekannten Kollegen sowie dem erstaunlich zugänglichen und in jeglicher Hinsicht auch flexiblen Chef Martin mehr Aufmerksamkeit. Die Interaktion mit den Kollegen funktioniert. Selbst Tara als ehemalige Praktikantin, gute Freundin Bennys, Mitarbeiterin bei der Sicherheitsfirma und schließlich auch Mutter des “Glücksbringers” der Band wird gut in die Handlung integriert. Sie ist nicht nur Mittler zu Benny und damit auch indirekt zu seinen Eltern, sondern übernimmt im kleinen Rahmen Aufgaben.
Die Motive der Antagonisten sind klar vorgezeichnet. Ihre Vorgehensweise effektiv , ohne bis auf das Ende mit dem durchdrehenden Anführer auf Klischees zurückzugreifen. Der Roman bezieht ab einem bestimmten Punkt seine Spannung weniger aus dramatischen Situationen, sondern der Vorgehensweise der Detektive und der Spur, die sie schließlich zu einer Art Ausgangspunkt der Anabolika führen soll. Auf dem Weg werden die letzten offenen Flanken wie das Verschwinden eines bisherigen Darknet Dealers aufgeklärt.
Es ist nicht unbedingt notwendig, die ersten beiden Christopher Diecks Bücher gelesen zu haben, um dem Fall zu folgen oder die Hintergründe der einzelnen Charaktere zu verstehen. Bezüge zu den ersten beiden Romanen werden kurz, pointiert und prägnant erläutert. Allerdings lebt die Geschichte nicht nur alleine von ihrer Spannung. Neben Hamburg mit seinen verschiedenen Vierteln spielen viele Nebenfiguren aus den ersten beiden Büchern kleine, aber nicht zu unterschätzende Nebenrollen. Da wird Diecks früherer Chef – ein Umzugsunternehmer – um Hilfe gebeten.
Mit Gerrit taucht eine wichtige Figur aus „Unter dem Eis“ wieder auf. Gerrit hat Christopher Diecks bei der Suche nach dem vermissten Mädchen, Gerrits Freundin, sehr geholfen. Dabei hat er - um ein Menschenleben zu retten - die Grenzen der Gesetzmäßigkeit überschritten. Daher droht ihm immer noch eine Gefängnisstrafe. Christopher Diecks revanchiert sich vielleicht mit einigen Zufälligkeiten zu viel und will ihn auf dem kleinen freundschaftlichen Dienstweg wieder zu Asphalt unter den Füßen verhelfen: Ein Zimmer in einer WG, die ihn aus seinem bisherigen drogenabhängigen Umfeld herausführt; ein neuer Job und schließlich auch den Wink mit dem Zaunpfahl in Bezug auf eine junge Frau, die ihn interessant findet.
Die Beziehung zu seiner Freundin Romy erreicht vor allem in der ersten Hälfte des Buches eine neue Dimension. Zusammenziehen wird diskutiert, vielleicht auch Kinder. Diese Liebe hat Lara Möller vom schüchternen Anhimmeln aus der Distanz mit viel Einfühlungsvermögen, aber auch einem Gespür für die kleinen Details kontinuierlich über die drei Romane weiterentwickelt. Dabei geht nicht alles geradlinig zu und die Verbindung zwischen Diecks Ermittlungen sowie seinem privaten Umfeld verdichten sich im vorliegenden „Dunkles Spiel“ wieder.
Alleine auf die Lektüre des dritten Christopher Diecks Roman fokussiert sind diese Feinheiten angenehmes Beiwerk. Über die drei Romane betrachtet fallen die kleinen Szenen wie Puzzlestücke ineinander und ergeben ein deutlich komplexeres, dreidimensionales Bild des Detektivs und seines Umfelds. Zu Beginn des ersten Romans „Die Spur des Todes“ arbeitete Diecks ja nur nebenberuflich für die Detektei, schleppte Möbel und jobbte als Aushilfe im italienischen Restaurant des von ihm geliebten wie verehrten Stiefvaters. Diese Entwicklung lässt sich nur an den zahlreichen Details ablesen, wenn alle drei Christopher Diecks Romane in der richtigen chronologischen Reihenfolge gelesen werden.
Neben den sich allerdings auch selbst in Schwierigkeiten gebrachten Opfern des “dunklen Spieles” überzeugt vor allem als Randfigur Denno. Rausschmeißer oder besser gesagt Türsteher in einem Hamburger Club auf der Reeperbahn, in dessen Nähe Christopher Diecks ja auch wohnt. Ein Mann mit einer kriminellen Vergangenheit, der sich wie Gerrit aus dem Loch herausgearbeitet hat. Er hilft den Detektiven, kennt aber auch seine Grenzen.
Es sind diese dreidimensional beschriebenen Protagonisten, welche neben den angesprochenen und in allen Büchern auftretenden, sich kontinuierlich weiterentwickelnden Hauptfiguren der Christopher Diecks Serie ihren Reiz geben.
Während die ersten Romane die Stadt Hamburg vor allem von seinen dunklen Seiten vorstellten, fügt Lara Möller dieses Mal eine ironische Seitenhiebe des bizarren Lebens in der Nähe des Kiezes hinzu. Ein Autoscooter irgendwo auf dem Gehweg wird zu einem fotografischen Objekt der Begierde; in Blankenese schieben sich die Touristenschwärme die engen Treppen an der Elbe jedes Wochenende hinauf und hinab. Wie bei Christian von Ditfurths in Berlin spielender “Dornröschen” Trilogie ist für die Protagonisten ein Stammlokal wichtig, in dem sie dem Viertel passend versorgt werden. Lara Möller konzentriert sich in ihren Beschreibungen Hamburgs auf das Wesentliche. Das Titelbild mit dem Blick auf die Binnenalster ist vielleicht irritierend, denn keines der Bücher ist ein Touristenführer durch das Venedig des Nordens. Den Kontrast zwischen arm und reich; arrogant und unterwürfig, zwischen dem billigen Vergnügen und den mondänen Wohnpalästen beschreibt die Autorin lieber als das sie in Superlativen schwelgt. Aber ihr Hamburg lebt. Und da können St. Pauli und HSV Fans friedlich zusammenarbeiten. Einige Kritiker könnten diese These in den Bereich der Fiktion versetzen.
“Dunkles Spiel” ist ein solider Krimi, der in einem zufriedenstellenden, sich stetig steigernden Tempo erzählt wird. Die Autorin legt mehr Wert auf Authentizität als typische Action. Das Ende ist zwar konsequent und stringent, wirkt aber ein wenig zu cineastisch, zu sehr wie ein Kompromiss an die klassischen Sehgewohnheiten der Massen. Natürlich wäre eine intellektuelle deduzierende Lösung nicht angemessen, aber da die beiden Ermittler genau wie die Leser zum ersten Mal direkt mit den Verbrechern konfrontiert werden, wirkt es zu hektisch und die Antagonisten erscheinen auf Klischees reduziert.

- Publisher : dp Verlag (21 Oct. 2022)
- Language : German
- Paperback : 440 pages
- ISBN-10 : 3986378693
- ISBN-13 : 978-3986378691
