Neben der Novelle “Leb wohl, Mr. Chips” (1934) ist der utopische Roman um das Paradies in den Bergen des Himalaya, Shangri- La genannt, die bekannteste Arbeit des mit vierundfünfzig Jahren verstorbenen britischen Schriftstellers James Hilton. “Der verlorene Horizont” ist nicht nur durch die opulente Verfilmung Frank Capras (1937) bekannt geworden. Die Neuauflage des Werkes als Taschenbuch gilt auch als Startschuss der Revolution des Buchmarktes, da “Der verlorene Horizont” eine erste Reihe von preisgünstigen Taschenbüchern zu Beginn der dreißiger Jahre eröffnete.
James Hilton arbeitete als Journalist und publizierte seinen ersten Roman schon mit zwanzig. Die nächsten Veröffentlichungen verkauften sich eher mäßig. Unter dem Pseudonym Glen Trevor verfasste Hilton den Kriminalroman “Murder at School”. 1934 - ein Jahr nach dem Erscheinen von “Der verlorene Horizont” - wurde er mit der schon angesprochenen Novelle - sie beschreibt die Lebensgeschichte eines humorvollen englischen Lehrers mit den alltäglichen Katastrophen im Umgang mit Schülern - vor allem in den USA populär. “Der verlorene Horizont” wurde in das Blickfeld der Öffentlichkeit katapultiert und verkaufte sich anschließend sensationelle acht Millionen mal. Für den Roman ist James Hilton mit dem Hawthornden- Preis ausgezeichnet worden.
1937 zog der Autor in die USA. Hollywood adaptierte nicht nur dank des Regisseurs Frank Capra- aufgrund seiner Screw Ball Komödien galt er als erfolgreichster Regisseur Hollywoods der dreißiger Jahre - einige seiner Romane. James Hilton schrieb zahlreiche Drehbücher und erhielt 1943 den Oscar für die Adaption “Mrs. Miniver erlebt die Vorkriegszeit”. 1954 starb James Hilton als starker Raucher an Leberkrebs.
Zweimal wurde der Roman noch adaptiert. Einmal 1973 als “Lost Horizon” in einer Musicalversion, sowie ein zweites Mal 1997 als “Bridge of Time” für das amerikanische Fernsehen.
“Der Verlorene Horizont” beginnt quasi mit einem doppelten Rahmen. Alte Schulkameraden - von Freunden kann nicht gesprochen werden - treffen sich zufällig auf ihren Reisen rund um die Welt aus unterschiedlichen Gründen. Dabei lästern sie über andere Klassenkameraden. Durch einen Zufall wird auch der Name Conway, der britische Konsul in Peshawar. Anscheinend sollte er aufgrund des aufflammenden Konflikts in Peshawar per Flugzeug evakuiert werden. Die Maschine wurde mit insgesamt vier Europäern an Bord entführt und gilt seitdem als verschollen.
Zwei der drei Klassenkameraden führen am späten Abend ihr Gespräch fort. Einer der Beiden hat Conway in einem Krankenhaus in China gesehen, wo der Mann ohne Gedächtnis gepflegt worden ist. Auf der Rückfahrt in die Staaten kam es an Bord des Luxusschiffes fast zu einem Skandal, als Conway behauptete, ein bislang unbekanntes Stück eines Weltberühmten vor mehr als einhundert Jahren verstorbenen Komponisten spielte und behauptete, ein Schüler habe es ihm beigebracht.
Der Hauptteil des Romans besteht allerdings aus den Aufzeichnungen, die Conway anscheinend in der Zeit, als er für die Öffentlichkeit als verschollen galt, niedergeschrieben hat. Vor seinem erneuten Verschwinden aus einem der Häfen, in welchen der Luxusliner anlegte, ließ er die Aufzeichnungen bei seinem britischen Freund zurück. James Hilton verzichtet allerdings auf die für persönliche Aufzeichnungen fast ausschließlich verwendete Ich- Erzählebene und berichtet die Ereignisse zwischen der Entführung des Flugzeuges und Conways Auftauchen in China ausschließlich in der dritten Person.
Die an Bord befindlichen vier Europäer sind ein interessanter Schmelztiegel der europäischen Gesellschaft. Fast stoisch blickt der Welt erfahrene britische Botschafter Conway dem Schicksal entgegen. Mit 37 Jahren ist er auf der einen Seite noch jung, aber auf der anderen Seite sowohl im Krieg gestählt als auch durch seine Auslandsreisen erfahren. Sein Stellvertreter Mallinson ist Amerikaner, ein emotionaler Hitzkopf, der bald heiraten möchte. Der geheimnisvolle Barnard stellt sich später als international gesuchter Anlagebetrüger heraus, der lange Zeit an der Wallstreet ein Schneeballsystem am Laufen hatte. Miss Brinklow ist eine britische Missionarin.
Am Hang des mehr als achttausend Meter hohen Karakal Berges finden sie mit der Karawanserei ein ideales, aber auch idealisiertes Idyll. Damit Shangri- La funktioniert, muss es auch die Bedürfnisse der ausländischen Gäste befriedigen. James Hilton geht später noch einmal auf den Punkt ein. Die Menschen können sich aus dem grünen Tal ernähren, dessen Bergwände auch noch von einer Goldader durchzogen werden. Dadurch kann von der Außenwelt mittels Trägern alles erworben werden, was weniger das Herz als den Verstand der Menschen erfreut. Neben stabilen und modern wirkenden Badewannen aus Akron, Ohio, die stetig mit heißen, fließenden Wasser gefüllt werden können, befindet sich großes Piano in einem der großen Aufenthaltsräume mit einem phantastischen Blick über die berge, an dem unzählige „Gäste“ in den letzten Jahrzehnten gespielt haben. Die Bibliothek umfasst mehr als zwanzigtausend Bücher von allen Kontinenten. Selbst Jahrgänge der „Times“ findet der Interessierte, allerdings mit deutlicher zeitlicher Verzögerung auf den Rücken der einheimischen Träger angeliefert.
Shangri- La selbst wirkt mit seinem Luxus (ihn genießen in erster Linie die Besucher und weniger die Mönche) und vor allem seinem wohlschmeckenden reichhaltigen asiatischen Essen ein fast perfektes “Hotel” am Rande der Welt, nur mit besonderen Einladungen oder als Entführte zu erreichen.
Der Adlatus des Lamas Chang ist ein guter Mittler zwischen Weste und dem mystischen fernen Osten. Er führt die vier Europäer in die Gesetzmäßigkeiten Shangri- las ein und macht ihnen die falsche Hoffnung, dass die regelmäßig kommenden Träger sie wieder nach China oder Indien bringen werden, wenn sie in einem vage bestimmten Zeitraum kommen. Chang hofft, dass die Menschen sich bis dahin an die besondere Situation in Shangri- La gewöhnt haben und nicht mehr wegwollen.
Neben den vier Europäern hält sich noch eine auf den ersten Blick junge Chinesin in der Station auf.
Die vier Menschen nehmen dieses isolierte, aber auch langweilige und statische Paradies sehr unterschiedlich wahr. Barnard gibt sich als Chalmers Bryant zu erkennen, der Millionen veruntreut hat. Im Tal stößt er durch einen Zufall auf die Goldader und will den Mönchen eine Vermarktungsstrategie schmackhaft machen. Mit dem verdienten Geld will er in Europa und den USA den „Schaden“ wieder gut machen.
Miss Brinklow beginnt sich an das Leben im Tal zu gewöhnen, weil sie den Ort nicht als missioniert empfindet und den Menschen die Idee der Sünde und damit die entsprechende Vergebung. Da sie nicht weiß, ob ihre Kirche sie noch mal in diese Gegend schickt, bleibt sie ebenfalls da.
Mallinson ist die treibende Kraft, das Tal zu verlassen. Er findet auch eine Lösung mit den Trägern, allerdings kennt er nicht alle Geheimnisse des Tals. Mallinson entspricht am ehesten dem Bild des arroganten Weißen, der jeglichen anderen Glauben ablehnt.
Conway sitzt zwischen zwei Stühlen. Er beginnt vor allem durch die Gespräche mit dem Lama das Leben im Kloster zu akzeptieren und sieht auch Vorteile für sich. Die Welt wird ihn nicht mehr vermissen, er selbst hat dort draußen auch niemanden mehr. So hat er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs die Schrecken des Krieges und vor allem die wahren Gesichter von Menschen gesehen.
Auch wenn ihn das Reisen im Namen der Krone immer noch reizt, fühlt er sich in Shangri- La auch gut aufgehoben. Allerdings gibt es aufgrund seiner aus Conways Sicht auch als Entführter fortlaufenden Vorgesetztenposition auch eine Verpflichtung gegenüber Mallinson.
Der Lama – seine mögliche Identität wird erst später durch Conway enthüllt- beschreibt nicht nur das Leben im Tal. Interessant ist, dass die Mönche trotzdem auf immer neue Impulse von außen angewiesen sind, damit die Gemeinschaft nicht erstarrt. Der letzte Freiwillige war ein junger britischer Soldat, der nicht nur die regelmäßíg stattfindenden Versorungstransporte organisierte, sondern auch eine Wache am Taleingang aufstellen ließ, damit keine Fremden unkontrolliert eindringen können. Der junge Mann ist der bis zum Eintreffen der vier Europäer letzte Zugereiste. Vorher waren es verschiedene unterschiedlich talentierte Männer vor allem aus den USA und Europa, welche die Gemeinschaft vor allem intellektuell bereichert haben.
Und der Lama sucht einen Mann, der eine besondere Aufgabe übernehmen soll. So utopisch perfekt die kleine Anlage in dem abgeschiedenen, seine Bewohner mit allem lebensnotwendigen versorgenden Tal auch sein mag, sie ist nicht perfekt. Die Menschen können dort lange leben. Im Epilog wird allerdings auch davon gesprochen, das Langlebigkeit unter den tibetischen Mönchen keine Seltenheit ist. Sie können ihren Geist auf der einen Seite entspannen, auf der anderen Seite auch fordern, ohne mit den alltäglichen Herausforderungen konfrontiert zu werden. Es gibt keine Kriege, Krankheiten können dank der im Tal wachsenden Kräuter geheilt werden; Arbeit scheint eher eine freiwillige Aufgabe der im Tal wohnenden Einheimischen zu sein, während die Mönche oben in der Karawanserei – im Epilog wird von 50 Mönchen gesprochen, nur vier erwähnt Conway in seinem Bericht mit Namen – sich dem eher im Hintergrund versteckten Glauben und den Studien hingeben.
Es stellt sich die Frage, ob ein solches, vor allem sehr langes Leben abschließend befriedigender ist als die Herausforderungen der Welt da draußen. Mallinson spricht es deutlich an. Lieber wäre er in einem Schützengraben und hätte das Gefühl, zu Leben und der Gefahr zu trotzen, als in dem Tal lebendig begraben zu sein.
Das Ende wirkt fast überstürzt und Conways Entscheidung, seiner Pflicht und seinem Eid zu folgen, auch wenn er in Mallinson einen Konkurrenten um die Liebe der schönen jungen Chinesin sieht, deren Geheimnis er, aber weder Mallinson noch sie wirklich kennt. Mit dem offenen Ende kehrt die Handlung wieder zum Rahmen und in die Realität zurück.
Auch die verschiedenen Konflikte innerhalb der Gruppe der vier Europäer sowie zwischen ihnen und den Gastgebern werden eher auf einer intellektuellen Basis gelöst. Frank Capra hat in seiner Verfilmung mehr auf Erotik - so fliegt keine Nonne, sondern eine schöne Frau an Bord mit - und Action gesetzt. So ist einer der fünf Flüchtlinge in der Verfilmung bewaffnet und setzt auch die Waffe ein, während es in James Hiltons Buch sehr viel ruhiger, aber auch philosophischer zugeht. Selbst Mallinson kann sich nicht gänzlich dem Zauber dieses Orts verschließen, wobei Frank Capra aus Shangri- La viel mehr als einen Handelsstützpunkt in den Bergen gemacht hat. Es wirkt viel paradiesischer, exotischer und der Welt entfremdet. Viele Fragen bleiben offen; nicht alle Informationen aus Conways Bericht/ Roman sind überprüfbar; andere Fakten eher vage. Zurück bleibt die offene Frage, ob Shangri- La aktiv gesucht und gefunden werden kann oder ob die kleine Gemeinschaft nach Conways Abgang zusammenbricht.
Natürlich bleibt auch die Frage offen, ob die Geschichte wahr ist. Augenzeugen aus dem Lazarett, in welches Conway gebracht worden ist, bestätigen zumindest einen kleinen Teil der Geschichte.
„Der verlorene Horizont“ ist eine noch heute wunderbar in der Tradition Henry Rider Haggards ohne dessen martialische Untertöne zu lesende Geschichte, in welcher der Autor seine unterschiedlichen Protagonisten über den Zustand der Welt philosophieren lässt, ohne dass sie eine allgemein gültige Lösung finden. Shangri- La ist vielleicht eine Art Zwischenschritt für eine sehr kleine Gruppe von Menschen. Aber kein Allheilmittel für den Weltschmerz. Es ist auf die Stimulation von außen durch neue verbleibende Gäste oder die literarischen/ musikalischen Werke der normalen Welt angewiesen. Für sich alleine würde die Gemeinschaft auch irgendwann zusammenbrechen. James Hilton ist ein guter Erzähler, der trotz seines ruhigen Handlungsaufbau eine intellektuell befriedigende, den Zeitgeist treffende Geschichte erzählt hat. Frank Capra hat dieses Buch in seinem heute unterschätzten Meisterwerk eindrucksvoll adaptiert und der Mächtigkeit des Himalayas ein Gesicht gegeben. Es lohnt sich, den Roman zuerst zu lesen und sich dann von Frank Capras Bildern einfangen zu lassen.

- Herausgeber : Arche Verlag (1. Januar 2001)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 256 Seiten
- ISBN-10 : 3716022861
- ISBN-13 : 978-3716022863
