Im Nachwort dankt G.K. Chesterton seinem unermüdlichen Verleger, das er „Die Rückkehr des Don Quixoto“ vor dem Vergessen in den Schubladen des Autoren gerettet hat. Offiziell erschien der Roman 1928. Die Arbeiten am Manuskript müssen aber wahrscheinlich zwanzig Jahre früher begonnen worden sein. In vielen Punkten stellt „Die Rückkehr des Don Quixote“ eine indirekte Fortsetzung zu Chestertons Debüt „Der Napoleon von Notting Hill“ dar.
Die bekannte Figur aus den 1605 und 1615 veröffentlichten Geschichten Miguel de Cervantes hat keinen Auftritt in G.K. Chestertons Buch. Vielmehr sieht er den Ritter von der traurigen Gestalt, der gegen die Windmühlen des politischen wie sozialen Fortschritts kämpfte, als Metapher für seine stetig suchenden, in der Vergangenheit gefangenen Protagonisten. „Der König von Notting Hill“ spielte in einem alternativen England, in welchem verschiedene mittelalterliche Traditionen genauso erhalten geblieben sind wie der neu gewählte König mit seinen Stadtstaaten und deren Wappen/ Farben sie mit seinen absurden Gesetzen ergänzte. In “Die Rückkehr des Don Quixote“ ist es aber kein König, der mit seinen widersinnigen Gesetzen die fiktive, heroisierte mittelalterliche Welt des Adels, der Burgen und der Stände wieder aufleben lässt, sondern die Träumereien eines Bibliothekars, der widerwillig die Rolle als Troubadour in einem zweitklassigen Theaterstück übernimmt und in seiner Rolle auch nach dem Ende der Aufführung gefangen bleibt.
In seiner sozialkritischen Art versucht G.K. Chesterton allerdings mit Scheuklappen der eigentlichen Historie gegenüber seinem Großbritannien vor dem moralischen Verfall und vor allem den Gewerkschaften, mit ihren durchgehend kommunistischen Ansichten zu schützen. In „der Napoleon von Notting Hill“ war es ein einzelner Bürgermeister, der die leichtsinnig gesprochenen Worte des Königs bis aufs Blut verteidigte. Auch am Ende von „Der Mann, der Donnerstag war“, griff G.K. Chesterton auf eine blutige Auseinandersetzung als finales Mittel zurück. In „Das fliegende Wirtshaus“ reduzierte der Autor den Kampf zwischen den politischen Extremen auf ein kleines Geplänkel.
Die Handlungsführung wirkte auch wegen dem Schwenk von einer politischen Satire zu einem blutigen Gemetzel in „Der Napoleon von Notting Hill“ unausgeglichen. In „Der Mann, der Donnerstag war“ griff Chesterton wie in den anderen Büchern auf religiöse Untertöne und eine Allegorie zurück. In „Das fliegende Wirtshaus“ wurde die Doppelbödigkeit der politischen Agitatoren entlarvt. Diese Schwächen finden sich nicht im vorliegenden Buch. Sehr viel konsequenter nach einem allerdings die Geduld strapazierenden Auftakt etabliert G.K. Chesteron mittel seiner erstaunlich abgerundeten und bis auf einzelne Details auch deutlich weniger exzentrischen Figuren seinen antiquierten und ohne Beweise dargelegten Standpunkt, dass früher alles besser gewesen ist und die Welt bzw. zumindest das britische Empire Helden von der traurigen Gestalt braucht, um die gegenwärtigen Irrwege in Richtung Kommunismus und absoluter Gleichberechtigung zu verlassen. Nur eine Gesellschaft bestehend aus verschiedenen sozialen Klassen mit einer starken Monarchie ist aus Chestertons Blickwinkel erstrebenswert.
Da der Roman erst nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht worden ist, wirken die Argumente des Autoren angesichts des aufkommenden Faschismus, der Weltwirtschaftskrise (natürlich ausgelöst durch das Großkapital ) und einer Demokratisierung einzelner Nationen antiquiert und noch absurder als die Gesetze des gewählten Königs in „Der Napoleon von Notting Hill“.
Zwanzig Jahre nach seinem Entstehen – von den fast einhundert Jahren seit der Erstveröffentlichung ganz zu schweigen – scheint das Buch wie „Der Napoleon von Notting Hill“ – in einer Parallelwelt zu spielen. Den Hintergrund seiner Geschichte erläutert G.K. Chesterton nur in den Punkten, die für seinen sehr fokussierten Plot notwendig sind. In „Der Napoleon von Notting Hill“ reduzierte der Autor im Laufe der Handlung den Blick auf London und seine kleinen Stadtstaaten. „Der Mann, der Donnerstag war“ begann in London, führte die kleine Gruppe von Mitgliedern des anarchistischen Führungskreises in Richtung Frankreich und wieder zurück. „Das fliegende Wirtshaus“ reiste mit seinem markanten Wappen durch den Süden Englands. In „Die Rückkehr des Don Quixote“ spielt der ganze Plot in einem sehr kleinen Umfeld. Wie bei den britischen Satiren eines Oscar Wilde und weniger eines George Berhard Shaws werden die verschiedenen Standpunkte vor allem verbal ausgetauscht. Über die Welt außerhalb der eigenen Wände und damit auch der eigenen Vorstellungen wird nur diskutiert.
Am Ende schlägt G.K. Chesterton aber einen rasanten Bogen zum Beginn von „Der Napoleon von Notting Hill“. Diese Geschichte wird sich nicht wiederholen, aber sie trägt den gleichen gesellschaftlich absurden „Keim“ in sich. G.K. Chesterton macht deutlich, dass der mittelalterliche Narr nichts von seinem Einfluss verloren hat und noch immer mehr das Geschehen lenkt als die vielen Adligen, die sich als Herrenmenschen sehen. Vielleicht nur innerhalb der Grenzen ihrer eigenen Ländereien.
Mitglieder der gehobenen gesellschaftlichen Ebene beschließen, ein Amateurtheaterstück über Richard, den Löwen, aufzuführen. Chesterton beginnt seine Geschichte auch beim talentfreien Kulissenmaler, der sich immer wieder beschwert, dass niemand mehr die alten kräftigen Farben herstellt, die im Mittelalter benutzt worden sind. Für eine freie Rolle überreden sie den Bibliothekar Herne. Er lebt in einer Bücherwelt. Während Chestertons Vorbild Don Quixote vor allem romantische Geschichte gelesen und deren Inhalte angenommen hat, fühlt sich Herne in der Welt der mittelalterlichen Gesetze und generell historischen Sachtexten wohler. Nach der Aufführung weigert sich Herne, in seine Realität zurückzukehren. Er behält das Kostüm an, wird zu einer Art Bettlerkönig und beginnt sein Umfeld mit seinen vor allem in der Gegenwart haltlosen Thesen zu beschämen. Dabei geht es nicht nur um einen verklärten Blick zurück. Wie in “der König von Notting Hill” ist auch der indirekte Blick aus der glorreichen Vergangenheit auf die in Chestertons Sicht enttäuschende Gegenwart mit ihrem sittlichen Verfall, der politischen Korruption und schließlich auch der Verweichlichung von Zucht und staatliche Ordnung bemerkenswert. Herne wird zu einem Alter Ego Chestertons, der mit seinem aufbrausenden Wesen und seiner altertümlichen Bekleidung - er liebte weite Mantel und einen breiten Hut, dazu trug er immer einen Degen mit sich -, der sich beschämt in einer vor allem in seinem Unterbewusstsein bessere Zeit zurückzieht. Lange Zeit wurde Hernes innere Isolation von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, dass Theaterstück öffnete seinen Menschen widerwillig die Augen, weil sie ausgerechnet den Exzentriker Herne auch öffentlich auf der Bühne “ausstellen”. Und mehr ist seine kleine Rolle auch nicht.
An seiner Seite steht mit Douglas “Monkey” Murrell, der entgegen Sancho Panza nicht nur fest in der Realität verankert ist, sondern das Geschehen hintergründig manipuliert. Unbewusst. Er ist bescheiden, ohne es zu wollen. Er trifft die richtigen Entscheidungen, ohne das königliche Sendungsbewusstsein auf sich zu vereinen. Murrell ist kein Gelehrter. Murrell ist ein Mensch mit vielen Tugenden, aber keiner herausragenden Fähigkeit. Im Grunde ist er besser in der Gegenwart aufgehoben als der in sich selbst versunkene Herne. Und trotzdem braucht Herne Murrell mehr als andersherum.
Immer mehr Menschen aus Hernes direktem Umfeld beginnen, dessen Verhalten zu imitieren und einen Hofstaat in mittelalterlicher Tradition zu bilden. Während in “Der Napoleon von Notting Hill” der gewählte König zumindest ganz London, vielleicht auch das ganze Land mit seinen absurden Gesetzen und seiner Sprunghaftigkeit zu verändern sucht, ist nicht ganz klar, wie weit der Einfluss dieser neuen ritterlichen Enklave geht. Chesterton beschreibt an keiner Stelle, dass das ganze Land befallen worden ist. Am Besten geht der Leser von dem kleinen Land um das reiche Landgut aus. Herne wird zum König gewählt, da er erstens die mittelalterlichen Traditionen am besten kennt, zweitens die notwendige Ernsthaftigkeit mitbringt und drittens die reichen Leute sich anfänglich einen Spass daraus machen, einen Narren auf den Thron zu setzen. Und wenn es auch nur ein kleines Landgut ist.
Sowohl Herne als auch Murrel sind sich ihrer literarischen Vorbilder bewusst, wie die finalen Gespräche zeigen. Interessant ist Hernes Theorie, dass Don Quixote das falsche Ziel angegriffen hat. Statt der Windmühlen wäre es besser gewesen, den Müller anzugreifen und vielleicht symbolisch zu töten. Es ist nicht die Technik, sondern der Mensch hinter den Erfindungen, welcher das goldene mittelalterliche Zeitalter mit seiner Romantik zerstört hat.
Auch wenn sich Murrel als Sancho Panza im Schatten Don Quixoto/ Herne ansieht, ist er mehr als nur ein williger Helfer. Im Laufe des allerdings auch stellenweise selbstverliebten und damit handlungstechnisch stellenweise phlegmatisch ablaufenden Romans etabliert er mit Dennis Braintree einen Sozialisten an den neuen Schaltstellen der Macht. Braintree kann sich mit den Adligen auf Augenhöhe unterhalten. Wenige Augenblicke später entlarvt er deren Verhalten als gekünstelt, gestelzt und im Grunde die hohle Fassade, mit welcher sich intellektuelle Zwerge mit Geld gerne umgeben. Aber auch die sozialistische Politik Braintrees wird als Farce entlarvt. Als Vertreter des einfachen Volkes ist er nicht in der Lage, in deren natürlichen “Lebensraum” - dem Pub - mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen. Braintree fühlt sich unwohl und fliegt.
Auch das damalige System führt Murrel und nicht Herne an der Nase herum. Es gelingt ihm, den Bühnenmaler vom Beginn der Geschichte vor der Irrenanstalt zu retten, indem er die Verantwortlichen erst verwirrt und dann selbst in ihre Anstalt bringt. Murrel argumentiert, dass eine einzige auf den ersten Blick verrückt erscheinende Handlung ausreicht, um einen unanpassten alten Mann in die Anstalt zu bringen. Was muss ein Psychiater unternehmen, um der Welt zu beweisen, das er nicht mit den eigenen Ansichten verrückt erscheint ?
“Die Rückkehr des Don Quixote" ist vielleicht eher ein adaptiertes Bühnenstück als ein klassischer Roman. Die Dialoge sind pointiert, die Beschreibungen ausführlich, aber auf der Bühne in dieser Dichte auch nicht unbedingt notwendig. Einzelne, vor allem verbale Höhepunkte werden durch im Grunde Passagen miteinander verbunden, die wie eine frühe Version von “Warten auf Godot“ mit Henre in der Rolle des Franzosen erscheinen. Immer wieder werden aus dem Bühnenhintergrund einzelne Requisiten auf die literarische Bühne gezogen. So gibt die Pferdekutsche nur als Bindeglied einen Sinn. Sie ist weit entfernt von dem überfüllten Wagen, mit dem der kleine Führungskreise der Anarchisten ihren Anführer Sonntag jagten (“Der Mann, der Donnerstag war) oder dem fliegenden Wirthaus, bestehend aus dem Schild, dem Käse, dem Fässchen Rum und dem abgewrackten Pferdegespann, das die beiden Freunde in ihrer Not billig erworben haben, um den islamistisch orientierten Politikern eine Pferdelänge voraus zu sein. Das Pferdefuhrwerk erinnert vielleicht am ehesten an den ersten Trick, den Wayne in “Der Napoleon von Notting Hill” ausgeführt hat. Seine Freunde haben überall in London Droschken in die Pumpenstraße bestellt. Angekommen wurden die Pferde freigelassen und weggeführt. Die Kutscher sinnbildlich vor die Tür gestellt und die annektierten Droschken wurden zu Barrikaden, mit welcher der Status Quo geschützt werden sollte.
“Die Rückkehr von Don Quixoto” ist eine weitere “Was wäre, wenn…” Geschichte, die Chesterton in ihrer Struktur nutzt, um seinen Landsleuten in Form von zynischer Satire die Inhaltslosigkeit ihres Lebens vor Augen zu halten. Seine Antihelden sind Narren, welche durch ihre absurden Handlungen die inneren Strukturen der britischen Gesellschaft erschüttern. Aber es sind gutmütige Narren, die sich an Regeln halten, die vor hunderten von Jahren aufgestellt worden sind. Zumindest in ihrem festen Glauben. Am Ende wendet sich Chesterton stellvertretend für seine Protagonisten christlichen Symbolen zu. Damit macht es sich der Autor ein wenig zu einfach, denn vor allem Hernes bodenständige Ansichten sind zeitloser und pointierter als die Flucht in verschiedene Bibelstellen oder die finalen Auftritte der aus der Bibel entnommenen “Figuren”. Nicht umsonst wird die Seawood Abbey schließlich wieder zu einem Gotteshaus, das es vor Jahrhunderten gewesen ist. Damit hat Don Quixotos Auftritt in dem kleinen Landgut zumindest eine Person glücklich gemacht.
Wie ein Prophet verkündet G.K. Chesterton keine bessere oder andere Zukunft. Sondern mit seinen beträchtlichen literarischen Fähigkeiten, seinem stellenweise bitterbösen Humor und vor allem den pointierten, ein wenig überzogenen erscheinenden Zwiegesprächen verteidigt er mit dem Mittelalter eine Zeit, die längst untergegangen ist und in keiner Form zurückkommen wird. Er verteidigt diese Epoche aus der Perspektive eines naiven Dichters, welche die Not der einfachen Bevölkerung im Kontrast zum Reichtum der Adligen nicht sehen will oder nicht sehen kann. Der Romantiker in ihm verteidigt im Grunde die Legende. Und das in einem Land, das auf dem König Artus Mythos aufgebaut ist. Zeitloser kann kaum ein Erzähler sein und vor allem ein fantastischer Satiriker. So fließt sehr viel Weisheit in “Die Rückkehr des Don Quixoto”. Auch wenn nicht jeder Leser den Gedanken des lange Zeit in seinem Traum gefangenen Herne folgen will oder kann.

- Herausgeber : Arnshaugk Verlag; Lizenzausgabe Edition (17. Juli 2020)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 360 Seiten
- ISBN-10 : 3959302185
- ISBN-13 : 978-3959302180
- Originaltitel : The Return of Don Quixote
