Ende der neunziger Jahre fasste Cemetary Dance die nicht einmal ein Dutzend Kurzgeschichten T.E.D. Kleins aus den siebziger bis in die neunziger Jahre in einer limitierten, 600 Exemplare umfassenden Anthologie zusammen. Der Klein Verlag Pickman´s Press legte diese Sammlung erweitert um eine weitere, im 21. Jahrhundert verfasste Kurzgeschichte, ein neues Interview, aber auch neuen, aber nicht extra entstandenen Zeichnungen von Gahan Wilson und Tim Kirk als Paperback neu auf.
Es lohnt sich mit den sekundärliterarischen Teilen anzufangen. T.E.D. Klein kommentiert sein eigenes, ursprüngliches Vorwort zur Cemetary Dance Ausgabe in „About those stories“. In mehrfacher Hinsicht schreibt der Autor über seine eigene literarische Arroganz dem eigenen Werk gegenüber und das die Geschichte heute – damit meint T.E.D. Klein die Zeit zwischen dem Entstehen der Texte und den beiden Nachdrucken – nicht mehr funktionieren würden. Teilweise hat T.E.D. Klein in Zeiten des Handy oder der GPS Ortung recht. Aber nicht jeder Winkel der zivilisierten Welt, in welcher die meisten seiner Geschichten spielen, ist durch Funkmasten ans Netz angebunden. Dejan Ognjanovic führte zwei Jahre vor der Neuveröffentlichung dieser Geschichtensammlung ein Interview mit T.E.D Klein, in welchem er ausführlich auf seine wenigen literarischen Arbeiten, das Herausgeben von Anthologien, die Arbeit am „Twillight Zone“ Magazin und schließlich auch seinen persönlichen Blickwinkel auf das Horrorgenre eingeht. Wie der ironisch gemeinte Titel dieser Anthologie zeigt sich T.E.D. Klein als ein sehr selbstzufriedener Mann, der mit wenig aus seiner Sicht sehr viel erreicht hat und dessen Bescheidenheit zeigt, dass er nicht gerne im Rampenlicht steht. Sein literarisches Vorbild Arthur Machen würdigt T.E.D. Klein im Reisebericht zu „The House of Souls“.
Den Auftakt der Sammlung macht natürlich „The Events at Poroth Farm“, dessen Veröffentlichungsgeschichte beginnend mit der Einsendung an ein H.P. Lovecraft Fanzines im Nachwort ausführlich beschrieben worden ist. In Deutschland ist sie unter dem Titel „Die Ereignisse auf der Poroth Farm“ im Wandler Verlag erschienen.
T.E.D. Klein hat aus der in den frühen siebziger Jahren veröffentlichten Novelle die Kernidee eines Fremden im amerikanischen Hinterland und eine Reihe von übernatürlichen Ereignissen für seinen einzigen Roman „The Ceremonies“ übernommen. Auch wenn das Korsett – der Ausdruck Grundgerüst wäre zu stark – gleich sind, unterscheiden sich die Novelle und der über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren mit Schreibblockade entstandenen Roman in vielen Details. S.T. Joshi weist in seinem in der Wandler Ausgabe nachgedruckten Anmerkungen darauf hin, dass mit Jeremy ein Gelehrter in Sachen okkulter Literatur in die Ereignisse verstrickt ist. Seine persönliche Bibel, seine literarischen Leitfäden hat er wegen seiner Vorbereitung auf den Unterricht und nicht wie im Roman der Arbeit an seiner Immatrikulation Arbeit bei sich. Und trotzdem kann er weder in „Die Ereignisse auf de Poroth- Farm“ sowie in „The Ceremonies“ sein angelesenes Wissen rechtzeitig auf die seltsamen Ereignisse übertragen.
Diese geistige Blockade arbeitet T.E.D. Klein im Roman besser heraus als in der Novelle. In der Novelle findet Jeremy die Anzeige in der örtlichen Zeitung, weil er kurze Zeit vorher durch diese Gegend gefahren ist. In „The Ceremonies“ wird die Anzeige umgepflanzt, gehört als wichtiger Bausteil zu einem perfiden Plan. In „Die Ereignisse auf de Poroth- Farm“ schreibt Jeremy Gilead entkommen und zwanzig Kilometer weiter in einem Hotel übernachtend in Tagebuchform die Ereignisse nieder. Das Tagebuch spielt wie die Briefe an Carol auch in „The Ceremonies“ eine wichtige Rolle, aber der Roman entwickelt sich über mehrere Ebenen auf Augenhöhe der Charaktere und damit auch der Leser. In der Novelle greift T.E.D. Klein auf Autoren wie Lovecraft, Machen, aber auch Poe zurück, die absichtlich in Form eines geschriebenen Berichts eine Distanz zwischen dem Protagonisten und dem Leser, aber auch der abgeschlossenen Handlung - nicht selten offenbart der Epilog noch einen zynischen Nachschlag – und der Erzählung aufbauen.
In der Novelle leben Deborah und Sarr ebenfalls erst kurze Zeit auf ihrer Farm. Aber T.E.D. Klein zeigt auf, das Gilead sich nicht komplett von der Außenwelt isoliert hat. Die Beiden gehören zu den Mennoniten, welche in Gilead einen gewichtigen, aber nicht ausschließlichen Teil der Bevölkerung stellen. Vor allem haben Deborah und Sarr einen Fernseher, aber wegen der Kosten kein Telefon. Sie stehen auf einer anderen Ebene mit ihrer Außenwelt (noch) in Verbindung. An einer anderen Stelle beschreibt T.E.D. Klein in der Novelle, das sie alle drei abends Poker spielen. Der Einsatz sind Streichhölzer. In „The Ceremonies“ ist es vor allem Deborah, die sich nach menschlicher und teilweise auch männlicher Gesellschaft sehnt, während Sarr immer mehr den Dogmen seiner christlichen Gemeinschaft verfällt. Hinzu kommt, dass seine Mutter als eine Art weiße Hexe in dieser Gegend lebt.
Auch wenn T.E.D. Klein im Roman „The Ceremonies“ mehr Raum für die Gestaltung seiner Figuren zur Verfügung hat, zeichnet er vor allem die beiden Sarrs von Beginn an in der Novelle deutlich zugänglicher und menschlicher als es im Roman über weite Strecken der Fall ist.
Für den Roman hat T.E.D. Klein die Idee übernommen, dass sich Jeremy der Geschichte des Schauerromans in der chronologischen Reihenfolge der jeweiligen Veröffentlichungen nähert. Der Autor hat die Autoren und Werke eins zu eins aus der Novelle für „The Ceremonies“ übernommen.
In „The Ceremonies“ ist alles Teil eines großen Plans, dessen Absicht der Leser dank dem übergeordneten Erzähler Rosie kennt. Alle wichtigen Protagonisten neben Rosie sind Marionetten. In „Die Ereignisse auf der Poroth Farm“ könnte ein Zufall der Auslöser der übernatürlichen und auch katastrophalen Ereignisse sein. Der in dieser Hinsicht literarisch geschulte Jeremy versucht in seinem Hotelzimmer basierend auf den ihm vertrauten Schauerroman Klassikern die Ereignisse vor seinem geistigen Auge zusammenzusetzen und so den Verstand zu behalten. Sein Umfeld in Form der Polizei, der Justizbehörden und einigen ungläubigen Bewohnern Gileads betrachtet die Ereignisse deutlich profaner und greift auf nicht stimmige, aber vom menschlichen Verstand nachvollziehbare Erklärungen auf Basis zwischenmenschlicher Emotionen zurück.
„Die Ereignisse auf der Poroth Farm“ ist ein Drei- Personen- Stück. Deborah und Sarr auf der einen Seite, der Städter Jeremy auf der anderen Seite. Jeremy könnte die katastrophalen Ereignisse unabsichtlich durch einen Spaziergang in der Natur ausgelöst haben. Damit ist er nur noch ein Katalysator und nicht wie in „The Ceremonies“ Jahre später ein wichtiger Bestandteil der Ereignisse.
In beiden Geschichten ist sich Jeremy klar darüber, dass etwas Unerklärliches passiert. Er findet den an einer Wunde, die von innen nach außen geschlagen worden ist, den verstorbenen Kater Brawda, welchen Sarr mit in die Ehe gebracht hat. Er verschweigt seinen Fund. Am Abend kommt Brawda schwer angeschlagen, aber lebendig zurück ins Haus. Stephen King wird dieses unheimliche Gefühl in seinen späteren Romanen immer wieder beschwören. Aus heutiger Sicht fällt dem Leser zuerst „Pete Sematary“ ein. T.E.D. Klein war aber mit dieser 1972 veröffentlichten Novelle Erster und der Text kann Stephen King inspiriert haben. Vergleichbare Passagen finden sich auch nicht in den von Jeremy von T.E.D. Klein zitierten Klassikern der Gruselliteratur.
In „The Ceremonies“ ist Brawdas Schicksal ein weiteres unheilvolles Zeichen. In der vorliegenden Novelle ist es schließlich der Katalysator der viel zu schnell ablaufenden Ereignisse. Die Veränderungen Deborahs nach einer Attacke Brawdas werden nicht weiter erläutert. Im Roman greift T.E.D. Klein auf eine vor allem in den achtziger Jahren inzwischen antiquierte Erklärung zurück. Das Finale mit dem Schritt über den Abgrund in den Bereich des Wahnsinns wirkt vor allem aus einer Distanz von mehr als fünfzig Jahren seit der Erstveröffentlichung klischeehaft und hektisch. Aber T.E.D. Klein wollte seine Hommage an das Grauen von Jenseits der Dimensionen nicht auf eine gekünstelte Spitze treiben, sondern den Lesern der siebziger Jahren zumindest ein wenig „Fleisch“ anbieten. Auch „The Ceremonies“ wirkt trotz eines Umfangs von mehr als siebenhundert Seiten in der ungekürzten englischen Originalfassung plötzlich ein wenig hektisch abgeschlossen.
Viele Züge der drei in beiden Arbeiten auftretenden Personen sind schon in der Novelle angelegt. Jeremy ist ein Bücherwurm, der in diesem Sommer auf der Farm dreißig Jahre alt wird. Auch wenn er seine Klassiker liebt, steht er ihnen teilweise auch kritisch gegenüber. Sie sind zugleich Vergnügen und Arbeit zugleich. In der Novelle fehlt das platonische Begehren Deborah gegenüber. Es ist eher so, als wenn die abendlichen Stunden vor dem antiquierten Fernseher die beiden Welten – Land und Stadt – im Äther wieder ein wenig zusammenbringen. Sarr ist strenger Christ, gefangen in den Dogmen seines Glaubens, ist schon komplett in der Novelle angelegt. Im Roman kommt hinzu, dass Jeremy anscheinend unter seinen Studentinnen, aber auch dank der Zufallsbegegnung mit Carol dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt ist und aktiv das zumindest kurzweilige Vergnügen sucht. Die zugeknöpfte, aber sehr attraktive Deborah passt zwar in sein Beuteschema, ist aber in der Novelle noch eine Kragenweite zu groß für ihn. Seine Abneigung gegen Insekten bis auf Glühwürmchen wird immer dominanter, ohne dass in psychologischer Hinsicht der Autor etwas aus diesem Punkt macht. Alleine die Erklärung, dass das Insektenspray nur draußen eingesetzt werden soll, ist unzureichend. Im Roman steht die Durchsuchung seiner kleinen Hütte – Saki hilft ihm in beiden Geschichten auf die Spur – in einem direkten Zusammenhang mit den folgenden Ereignissen. In der Novelle kommen nur Sarr und Deborah als neugierige Besucher in Frage. Dieser Handlungsform verläuft allerdings im ungeklärten Nichts.
Die Tagebuchform – konsequent bis zum Finale durchgehalten – distanziert auf der einen Seite den Leser von der Ereignissen. T.E.D. Klein kontrolliert in dieser Hinsicht deutlich mehr das Tempo. Das Finale wird zwar auch durch Jeremy niedergeschrieben, aber der Fokus hat sich verändert. Diese Niederschrift erfolgt im Rahmen einer eidesstattlichen Versicherung, auch wenn es von der Polizei keine konkreten Anklagepunkte gibt. Der Leser hat eher das Gefühl, als wenn sich Jeremy mit Lovecrafts Protagonisten das erlebte Grauen abschließend von der Seele schreiben muss, bevor er in eine für immer veränderte Realität zurückkehren kann. Diese erzähltechnische Distanz ist eine Hommage an die Autoren, durch die Jeremy in der Einsamkeit des Hauses lebt.
Die Kurzgeschichten sind meistens Ziel orientiert geschrieben worden. T.E:D. Klein ist kein Autor, der einer Inspiration, dem literarischen Blitz folgt. Das macht er in seinem Nachwort deutlich. Eher Themen oder Menschen, mit denen seine Geschichten zusammen in Ahtologien erscheinen sollten, haben ihn beflügelt. So ist „One Size Eats All“ im Magazin „Outside Kids“ veröffentlicht worden. Auch wenn die Pointe im Groben, aber natürlich in den Details bekannt ist, erscheint es erstaunlich, dass ausgerechnet ein Magazin eine derartig böse Geschichte dreier Freunde auf einem Trekkingtour veröffentlicht. Schlafsäcke werden wahrscheinlich anscheinend eher skeptisch betrachtet.
Klassische Genrebezüge – leider in beiden Fällen auch relativ frühzeitig erkennbar – zeichnen „Well- Connected“ und „“Camera Shy“ aus. Dabei folgt die erste Geschichte mit dem Vater, der zusammen mit seiner neuen Freundin seinen Sohn an dessen Studienort besuchen will, eher einem klassischen Muster. Die beiden Erwachsenen übernachten in einem uralten, aber schönen Hotel. Anschließend werden sie in die Berge zum opulenten Haus eines reichen Einsiedlers eingeladen. Nur einer kann der Einladung folgen.
Bei „Camera Shy“ betrachten die stolzen Eltern Fotos von der Hochzeit ihrer Tochter, die sich noch mit ihrem Ehemann Lazlo (!) in den Flitterwochen befindet. Auf keinem der Fotos ist der Bräutigam und dessen letzte Freundin ist wenige Tage nach seiner Hochzeitig als Blutarmut gestorben. Spätestens in dieser Sekunde weiß jeder Leser, wie die Geschichte enden wird. Während „Well- Connected“ von der klassischen Weird Fiction Atmosphäre eines Arthur Machen oder H.P. Lovecraft lebt, reiht sich „Camera Shy“ unter die Horrorgeschichte ein, die „jedermann“ geschrieben haben könnte.
Deutlich besser ist „Ladder“. Veröffentlich in der Anthologie „Borderlands“ ist sie nicht nur eine Hommage an die christlichen Motive, welche Arthur Machen in seinen Geschichten immer wieder in Frage stellte, sondern der Plot endet im Grunde in einer alltäglichen Situation, welcher kein Mensch entkommen kann. Fatalistisch, aber auch optimistisch betrachtet der Ich- Erzähler sein Leben vom Heranwachsen im ländlichen Schottland in den dreißiger Jahre über den Unfalltod der Eltern und seinen Erlebnissen in Übersee, die ihn irgendwann wieder zurück in die Heimat und zu einem Buch aus seiner Jugend geführt haben. Stoisch auf Gott vertrauend konzentriert sich T.E.D. Klein auf keine klassische Pointe, sondern zeigt die im Grunde weltfremde, skurrile Perspektive eines Highlanders, der niemals den langen Schatten seiner Heimat und damit auch die pragmatische Einstellung dem Schicksal gegenüber verloren hat.
Jahrelang hat T.E.D. Klein das „Twillight Zone“ Magazin herausgegeben. Die besondere moralisierende und sich auf subversive Pointen konzentrierende Art der Geschichten schlägt sich auch in einigen der hier gesammelten Texte wieder. „Magic Carpet“ ist deutlich direkter. Ein Vielflieger versucht die Fragen eines sechsjährigen Jungen zu beantworten, der unmittelbar vor seinem ersten Flug ist. Trotz aller Technik muss man glauben, damit alles funktioniert. Deutlich nuancierter, subversiver und am Ende zu glatt ist „Curtains for Nat Crumbley“. Nat Crumbley ist einer dieser klassischen Verlierer, denen Serling so viele Denkmäler gesetzt hat. Ein Pedant, der mit seiner Umwelt nicht mehr zurecht kommt. Sein Leben ist durchgeplant, keine Abweichungen vom langweiligen Plan. Bis er eines Nachmittags aus seiner Wanne aufstehen und nach dem Rasierer im Spiegelschrank greifen muss. Er landet in einer gänzlich anderen Welt mit einem anderen Nat Crumbley im Mittelpunkt. Das Ende ist vielleicht zu pragmatisch, zu einfach für einen derartig unsympathischen und damit auch schwer zugänglichen Charakter. Diese Art von „Happy End“ wünscht ihm der Leser nicht. Auf der anderen Seite hat der Autor insbesondere im ersten Teil der Geschichte ein sadistisches Vergnügen daran, eine alltägliche Situation – nackt in der Badewanne nach einem Gegenstand angeln – ins Absurde zu übertreiben und den schutz- wie hilflosen Protagonisten in eine gänzlich andere Welt zu verfrachten.
„Growing Things“ ist eine Kürzestgeschichte, in welcher sich ein verheiratetes Paar in einem alten renovierungsbedürftigen Haus über die Ratschläge in Heimwerker oder Frauenzeitschriften lustig machen. Die Unterschiede sind marginal.
Dagegen ist „Imagining Things“ eine deutlich vielschichtigere Story. Zwei Brüder wachsen mit ihrer Mutter nach deren Scheidung in ärmlichen Verhältnissen auf. Der eine Bruder wird immer wieder gewalttätig und schließlich in eine geschlossene Anstalt abgeschoben. Die Anfälle haben nichts mit der Scheidung zu tun. Die Kommunikation mit dem Bruder besteht aus Reklamepostkarten und die Botschaften auf den Karten werden immer verstörender. Wahrscheinlich, aber nicht sicher ist nicht alles Einbildung. Vieles bleibt in dieser Story absichtlich vage. Das Prinzip hat T.E.D. Klein von seinen Vorbildern, vor allem von H.P. Lovecraft übernommen. Auch dessen Monster konnte der Leser niemals abschließend einordnen. Besuch aus einer anderen Dimension oder beginnender Wahnsinn? Aber im Laufe von mehreren Horrorautorengenerationen hat man zu viel von diesen Aspekten gelesen, als das ein solcher Plot noch nachhaltig genug über eine gute Charakterzeichnung oder solide Dialoge funktionieren kann.
Auch wenn T.E.D. Klein in erster Linie klassischen Horror geschrieben hat, präsentiert „Reassuring Tales“ auch Science Fiction. „Renaissance Man“ basiert auf einer antiquierten Idee. Forscher gelingt es, einen Mann aus der Zukunft – mindestes dreihundert oder vierhundert Jahre – in die Gegenwart zu transportieren. Auch wenn er perfekt Englisch spricht, ist eine Kommunikation zu relevanten Themen fast unmöglich. Deutlich besser ist „S.F.“ Eine Urgroßmutter schreibt aus dem Altersheim ihrem gerade geborenen Enkel. In dieser Welt wurde eine Droge, später ein medizinisches Gerät entwickelt, das die Löschung von bestimmten Erinnerungen ermöglicht. Die sozialen Veränderungen sind derartig komplex, das am Ende eine Gesellschaft des Stillstandes; dem Verharren im höchstens Glücksmoment übrig bleibt. Der Brief ist eine Warnung an die nächste gerade geborene Generation. Die Pointe ist konsequent, der Leser der einzige Zeuge mit dem ganzen Wissens dieser Entwicklung. T.E.D. Klein entwickelt auf wenigen Seiten interessante Prozesse, welche über die bildenden wie kommerziellen Künste; die Kriminalität und entsprechend die Justiz bis zur Politik reichen. Das Briefformat ermöglicht es dem Autoren, die sehr komplexen Vorgänge auf eine subjektive, mahnende Perspektive zu reduzieren und der Leser verfolgt diesen Brief an die nächste Generation ausschließlich auf Augenhöhe der Briefschreiberin. Zwar fehlen dadurch eine Reihe von emotionalen Szenen und manche verwechselt die Briefschreiberin das Alter des Empfängers. Es macht auch (noch) keinen Sinn, das sie ihn zum Besuch auffordert, aber generell liest sich „S.F.“ – es handelt sich um eine mannigfaltig nutzbare Abkürzung – spannend, nachdenklich stimmend und eine im Grunde banale Idee sehr zufrieden stellend extrapolierend.
„They don´t write Them like This anymore” sind im Grunde zwei Geschichten mit der gleichen Ausgangsprämisse. Fünfzig Jahre nach die strenge Tante das Abonnement eines Pulpmagazins „gekündigt“ hat, treffen die nächsten Ausgaben bei den beiden Protagonisten ein. In der ersten Variante ist es ein inzwischen geschäftlich erfolgreicher Mann, der angesichts eines Geschäftstermin die Geschäftsräume des Magazins besucht. In der anderen Variante ist es der Enkel, welcher schließlich die vom Großvater in den dreißiger Jahren geschriebenen Science Fiction Pulp Geschichten zu den Redaktionsräumen bringt. In beiden Variationen – es sind ideale Treatments für Steven Spielbergs „Amazing Stories“ Serie – beschwört T.E.D. Klein die Faszination mit den Pulpmagazinen, das Warten auf die nächste Ausgabe und die Flucht aus der dunklen Realität hervor. Kind sind die beiden Erwachsenen geblieben und manchmal kommt es nur auf den richtigen Zeitpunkt an, damit etwas Altes neu beginnen kann. Ein wenig kitschig, ein wenig pathetisch, aber irgendwie zeitlos, auch wenn die meisten Leser die beschriebene Epoche der billig gedruckten Magazine eben nur aus zweiter oder vielleicht dritter Hand kennen.
Drei Gedichte runden die Sammlung ab. Dabei experimentiert T.E.D. Klein mit der Sprache, fügt eine Hommage an Hieronimus Bosch hinzu oder präsentiert klassisch „The Father of the Witch“.
„Reassuring Tales“ zeigt die Stärken – gute Charakterzeichnung, solide Plotentwicklung und bei den längeren Geschichten eine verstörend Atmosphäre -, aber auch einige Schwächen –T.E.D. Kleins Werk ist zu gering, um schwächere, mit früh erkennbaren Pointe beplagte Geschichten nicht nachdrucken zu müssen – des Amerikaners auf. Nur wenige der hier gesammelten Kurzgeschichten können es mit der an den Anfang gestellten Novelle „The Events at Poroth Farm“, den vier in „Dark Gods“ gesammelten längeren Geschichten oder dem einzigen Roman „The Ceremonies“ aufnehmen. Wobei T.E.D. Klein wahrscheinlich angesichts seiner kritischen Bemerkungen zur Länge von „The Ceremonies“ die Novelle als die ideale Länge seiner Geschichten ansieht. Aber die wenigen überdurchschnittlichen Kurzgeschichten machen noch einmal überdeutlich, wie wenig T.E.D. Klein in seinem Leben geschrieben und trotzdem welch wichtigen Eindruck er im Horrorgenre hinterlassen hat.

- Herausgeber : Pickman's Press (25. November 2021)
- Sprache : Englisch
- Gebundene Ausgabe : 174 Seiten
- ISBN-10 : 1953215181
- ISBN-13 : 978-1953215185
