„Blutsbruder Sherlock“ ist der zweite Teil der in „Winnetous Geist“ angefangenen Geschichte. Ian Carrington fasst die Handlung des ersten Bandes zu Beginn kurz zusammen, es empfiehlt sich aber trotzdem wegen des detailliert beschriebenen, wenn auch stellenweise konstruiert wirkenden Ausgangsszenarios und der minutiösen, detaillierten Integration originaler Karl May Szenen in die laufende Handlung, die beiden Kurzromane zusammen und dann aufeinanderfolgend zu lesen.
Während Karl May in der von ihm selbst lange Zeit angestrebten Vereinigung mit seinem christlichen Helden Old Shatterhand „Winnetous Geist“ dominierte und Sherlock Holmes / Doktor Watson eher relevante Begleiter gewesen sind, dominiert Sherlock Holmes die erste Hälfte von „Blutsbruder Sherlock“. Er versucht die verschiedenen Rätsel zu lösen und damit den Weg zum Gold der Apachen zu finden. Die Zeitfenster sind beginnend mit den ersten vierundzwanzig Stunden sehr kurz. Die Entführer von Klara May drehen ja mit ihrer Ermordung. Es entwickelt sich eine Schnitzeljagd, wobei der Autor Wert darauf legt, das die Leser den Rätseln auch folgen können.
Mit der Fundstelle des Goldes entwickelt sich die Handlung nach bekannten Karl May Mustern. Gier frisst Hirn und gipfelt in einem blutigen, aber auch vorläufigen Finale.
Anschließend impliziert Ian Carrington, das der Plan der Entführer und deren Hintermann – auch hier handelt es sich um eine interessante Hommage an die ersten drei Winnetou Romane – deutlich komplizierter ist und die Wege weiter sind. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Klara May mehrere tausend Kilometer von der Nähe des Goldes während Sherlock Holmes zeitlich engen Bemühen, das Rätsel zu lösen, entfernt worden ist. Grundsätzlich macht das keinen Sinn und entspricht auch nicht den familiären Verhaltensmustern des Hintermanns.
Ian Carrington braucht diesen Szenenwechsel anscheinend aus zwei Gründen. Der laufende Spannungsbogen schließt relativ früh in „Blutsbruder Sherlock“ ab. Die Reise gen Norden, der faszinierende Hintergrund und eine sich doppelnde Entführung ermöglichen es dem Autoren, ein neues Szenario mit der finalen Konfrontation aufzubauen. Hier greift Ian Carrington allerdings auch ordentlich in die May´sche Klischeekiste. Betrachtet der Leser diese Szenen inklusiv der Überforderung der geistig minderbemittelten Helfershelfer als eine reine Hommage an Karl May und seine Wild West Abenteuer, dann liest sich der Plot kurzweilig und vor allem auch ausgesprochen stringent. Setzt ein Sherlock Holmes Leser die Brille auf, dann wechseln sich gute Beobachtungen – der Hotelbesitzer lügt;
ein guter Gangster benutzt natürlich den ersten Buchstaben seines Nachnamens für Nachrichten an die weiterhin minderbemittelten und raffgierigen Mitglieder seiner Bande – und unnötige Szenarien - die freundlichen Indianer verderben sich den Magen, Doktor Watson wird aus seinem Hotelzimmer entführt – in rascher Folge ab.
Der Autor spaltet auch zum ersten Mal die Handlung auf. Da Watson der alleinige Erzähler ist, wurden bisher abseits der Haupthandlung gesammelte Informationen verbal dem Ich- Erzähler, aber auch dem Leser präsentiert. Das ist während des Finals ein wenig anders. Die Ereignisse laufen parallel ab und nicht jede Information wird nachgereicht. Erstaunlich ist, das Old Shatterhand angesichts der fortlaufenden Entführung seiner Frau nicht immer die Fäuste unter Kontrolle hat, während Sherlock Holmes den ominösen Hintermann direkt in seinen Räumen ohne Rückendeckung zu besuchen sucht. Das wirkt reichlich naiv, entspricht aber den Schemata, die sowohl eine Reihe von Karl May Romanen wie auch manch schwächere Kaningeschichte aufweist.
Das im Titel angedeutete Verbrüderungsritual wird auf der einen Seite emotional bis an den Rand des Geschichte beschrieben, macht aber auf der anderen Seite vor allem für einen Verstandsmenschen wie Sherlock Holmes wenig Sinn. Winnetou und Old Shatterhand sind als Mitglieder unterschiedlicher Rassen Blutsbrüder geworden und haben ihre gegenseitigen Vorurteile überwunden. Sachsen/ Deutsche und Briten gehören in den europäischen Raum, da macht das Ritual höchstens aus einem übersteigerten literarischen Gesichtspunkt Sinn, noch einmal eine Duftmarke zu setzen. Die Szene ist allerdings überflüssig, wahrscheinlich wäre der Besuch einer weiteren der fiktiven, in „Winnetou IV“ aber zu einem realen Leben erwachenden Plätze aus Karl Mays Geschichten effektiver.
„Winnetous Geist“ – hier schiebt Ian Carrington am Ende des ersten Buches eine Erklärung nach – und „Blutsbruder Sherlock“ sind positiv gesprochen kurzweilig zu lesende Abenteuer- und weniger klassische Kriminalgeschichten, die von dem – wie mehrfach erwähnt und in den Anhängen aufgeführt – detailliert übernommenen, geschichtlich an zwei Stellen unnötig veränderten Hintergrund der Karl May Geschichten leben, während Sherlock Holmes vor allem im mittleren Abschnitt seinem Intellekt entsprechend das große Rätsel lösen darf. Damit der Plot funktioniert, müssen eher Doktor Watson und Sherlock Holmes der fiktiven Frontierwelt angepasst werden, während Karl May als sein Alter Ego Old Shatterhand buchstäblich in seinem Element ist und vor allem immer wieder die Leser inklusive des britischen Duos über die Einzigartigkeit, aber auch Gefährlichkeit seines fiktiven Wilden Westens aufklären darf. Nicht so belehrend und als Monolog angelegt wie bei seinen „eigenen“ Arbeiten, aber doch manchmal über das Notwendige hinausgehend.

Ian Carrington
BLUTSBRUDER SHERLOCK HOLMES
Band: 38, Historischer Kriminalroman
Seiten: 154 Taschenbuch
Exklusive Sammler-Ausgabe
Preis: 12,95 €
