Nonnen

Michael Siefener

Im Jahre 2000 legte der Heyne Verlag mit „Nonnen“ um eine Kurzgeschichte erweitert Michael Siefeners drei Jahre vorher in einer Kleinauflage im Goblin Verlag publizierte Novelle „Nonnen“ als Taschenbuch im Rahmen der Sonderreihe Fantasy neu auf. „Nonnen“ blieb Michael Siefeners einzige Veröffentlichung in einem der großen Verlage. Die verkopfte, verklausulierte und stimmungsvolle Novelle war kein großer Verkaufserfolg und im Rahmen der Verlag Veränderungen reduzierte der Heyne Verlag sein phantastisches Programm drastisch.

„Nonnen“ ist keine autobiographische Geschichte, auch wenn Benno Durst als Schubladenschriftsteller vielleicht sogar einige Züge von Michael Siefener trägt, der sich selbst in dem Buch parodiert.  Im Gegensatz zu Michael Siefener als promovierter Jurist ist Benne Durst zweimal durchs Staatsexamen gefallen. Angeblich hat ihn der Unfalltod seiner Eltern aus der Bahn geworfen. Wie zu einigen anderen Punkten in Benno Durst vor dem Einsetzen der Handlung spielenden Leben reicht Michael Siefener eine interessante Aufklärung auf den letzten Seiten seiner Geschichte nach.

Michael Siefener hat die Juristerei an den Nagel gehängt und lebt vor allem von seinen Übersetzungen, um sich zwischen den einzelnen Auftragsarbeiten an die eigenen Werke zu machen. Benno Durst arbeitet als Sachbearbeiter in einer Versicherung und schreibt in seiner Freizeit seine Kurzgeschichten und Novellen. Einen umfangreichen Roman hat er bislang nicht fertiggestellt.

So ist „Nonnen“  über weite Strecken weniger eine der klassischen Gruselgeschichten, welche der Leser angesichts des Geheimnisses um die vier gleichzeitig gestorbenen und einem Grab beerdigten Nonnen erwarten kann, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit dem Schreiben per se.

Zwei Ereignisse beeinflussen den eigenbrötlerischen Benno Durst. Er lässt eine seiner Geschichten auf seinem Schreibtisch liegen und ein Kollege liest sie an. Er erpresst auf eine kollegiale Art die Möglichkeit einer Lektüre. Er findet Benno Dursts Geschichten sehr gut und macht einen Termin mit einem exzentrischen Kleinverleger fast gegen den Willen des Autoren, der in Benno Durst keinen neuen Phantasten, aber einen sehr talentierten Autoren sieht, der die klassischen Themen seiner Werke – insbesondere Tentakel und Tunnel als Anspielung auf H.P. Lovecraft – fallen lassen und sich anderen, mehr persönlichen Sujets zuwenden sollte. Benno Durst fühlt sich provoziert. Er sieht sich auf einer Linie mit Kafka oder Arno Schmidt, die erst nach ihrem Tod zum Weltruhm gelangt sind. Trotzdem will er die neue Novelle über das Geheimnis der vier Nonnen umgestalten, offener machen und es buchstäblich dem Verleger zeigen.

Der Kleinverlag ist in Bonn. 1993 veröffentlichte Hubert Katzmarz mit „Bildwesten und andere Schauergeschichten“ einen Erzählband von Michael Siefener. Es besteht die Möglichkeit, dass der Autor eine Hommage an den früh gestorbenen Verleger und Autoren in seine Novelle eingebaut hat, denn Hubert Katzmarz gehörte als Autor nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich auf die gleiche Stufe wie Malte S. Sembten und eben Michael Siefener, die mit ihren stilistisch überdurchschnittlichen Fähigkeiten immer wieder morbide Atmosphäre erzeugten, sich an den alten Meistern des Genres orientierten, aber vor allem auch den geistigen Verfall von durchschnittlichen Menschen intensiv wie exzessiv beschrieben.    

Natürlich parodiert Michael Siefener den Literatur Zirkus und die Ignoranz der Öffentlichkeit qualitativ guten, aber thematisch exzentrischen Autoren gegenüber. Aber diese Parodie ist nur die halbe Wahrheit, denn Benno Durst will ja gar nicht für die Öffentlichkeit schreiben. Zu Beginn macht Michael Siefener deutlich, das sich Benno Durst mit seinen phantastischen Geschichten nicht nur Farbe und Abwechslung in seinen grauen, langweiligen Büroalltag schreibt, sondern auch mit seinen – wieder später erkennbar berechtigten – Urängsten auseinandersetzt und eine Facette seiner Persönlichkeit unter Kontrolle zu halten sucht.   

Bislang hat der menschenscheue Benno Durst auch keine Probleme gehabt, seine Geschichten so zu schreiben, wie er sie empfunden hat. Dabei bevorzugt er eine altmodische Vorgehensweise. Die Texte werden zuerst handschriftlich niedergelegt und anschließend sorgfältig mit der Schreibmaschine niedergeschrieben. Anschließend verschwinden die Texte in der Schublade.

Mit dem aufdringlichen Kollegen und dem arroganten Verleger ändert sich die Perspektive. Benno Durst hat plötzlich (wieder) Feindbilder, denen er es zeigen will. Schon zu Beginn war die angedachte Novelle mit einer doppelten Rahmenhandlung deutlich ambitionierter geplant als seine letzten Texte. Der Hintergrund mit dem Benno Durst bekannten Friedhof und zwei Kneipen – beide sind allerdings nur von außen in die Handlung eingeflossen – ist sorgfältig recherchiert und wird auch ausführlich beschrieben. Der Leser von „Nonnen“ hat dabei die einzigartige Chance, einem phantastischen Werk im Entstehen beizuwohnen. Die Passagen der fiktiven Geschichte fließen in die Beschreibungen der Recherchearbeit ein und andersherum. Die Übergänge sind fließend.

Aber Benno Durst packt der Ehrgeiz. Und wie seine Figur innerhalb der eigentlichen Geschichte beginnt er mit seinen Recherchen. Mehr und mehr fließen Wirklichkeit und Fiktion ineinander, bis Benno Durst nicht mehr weiß´, wo er sich wirklich aufhält. Ab diesem Augenblick bricht auch die bisherige Illusion seines Lebens auseinander und einzelne Facetten aus seiner Vergangenheit werden in einem gänzlich anderen Licht gesehen. Abschließend stellt der Leser fest, dass der verschrobene Benno Durst nicht nur interessanter, sondern vor allem auch sehr viel gefährlicher ist als die „Nonnen“ in seiner Geschichte, deren einzige „Sünde“ das Abhalten von teuflischen Beschwörungen und der Missbrauch von Kerzen und Kruzifixen ist. In dieser Hinsicht ist die fiktive Novelle innerhalb von „Nonnen“ fast schon eine Enttäuschung. Angesichts von Michael Siefeners literarischem Potential hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als sollte „Nonnen“ sogar so klischeehaft und im wahrsten Sinne des Wortes vorhersehbar enden, damit der Leser sich mehr auf den geistigen Verfall Benno Dursts konzentrieren kann.

Zwischen Michael Siefeners erstem Kurzgeschichtenband „Schächte“ (in einer Auflage von 15 Exemplaren gedruckt) und „Nonnen“ liegen veröffentlichungstechnisch sechs Jahre.  Aus heutiger Sicht lassen sich viele Themen, die Michael Siefener in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufgegriffen und verfeinert hat, schon klar erkennen. „Nonnen“ ist weniger eine Geschichte, sondern ein  Stillleben, das sich auf den ersten fast einhundert Seiten auf die Arbeit eines Schriftstellers in seiner Kammer und dessen im Entstehen befindlichen Werkes konzentriert, bevor der Hauptautor Michael Siefener fast mit brachialer Gewalt immer am Rande des Konstruktion die einzelnen Handlungsebenen – es gibt mindestens drei – zusammenführt und zu einem ein wenig hektisch wirkenden pragmatischen Ende bringt.

„Nonnen“ ist noch nicht eine der besten Arbeiten Michael Siefeners, aber im Gegensatz zu seinen anderen exzentrischen Charakteren wie in „Die magische Bibliothek“ setzt sich der Autor mit dem Schreiben per se auseinander und dem schmalen Grat zwischen künstlerischer Ambition sowie der entsprechenden inneren Befriedigung sowie dem Drang des Schriftstellers, Leser zu finden, die dem Erzähler huldigen. Dabei ist der Weg sehr viel interessanter als das integrierte fiktive Werk.

„Die Farben der Nacht. Ein Bilderbogen“ ergänzt die kurze Novelle. Es handelt sich um vier sehr kurze, nicht miteinander verbundene Erzählungen oder besser Beschreibungen, in denen der Autor manchmal nur stimmungsvoll das Eindringen des Übernatürlichen in die Gegenwart und die Welt seiner Leser intensiv wie expressiv beschreiben. Die kurzen Miniaturen zeigen die verschiedenen literarischen Fähigkeiten Michael Siefeners besser als die heute noch lesenswerte, aber hinsichtlich des Endes auch ein wenig enttäuschende Novelle „Nonnen“.    



Nonnen: Roman (Heyne Science Fiction und Fantasy (06))

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne (1. April 2000)
  • 188 Seiten
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453162404
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453162402
Kategorie: