The Return of the Pharao

Nicholas Meyer

„The Return of the Pharao“  ist Nicholas Meyers zweite neue und seine insgesamt fünfte Sherlock Holmes Kanon Geschichte. Im Vorwort macht Nicholas Meyer auf dem Höhepunkt der Corona Seuche isoliert zu Hause sitzend klar, dass es sich bei „The Return of the Pharao“ um einen weiteren vom japanischen Milliardär und Sammler Hikaru Mishima gefunden Auszug aus Doktor Watsons Tagebüchern handelt. Allerdings ist der Milliardär zwischen dem Versand des Manuskripts und der Bearbeitung zwecks einer Veröffentlichung gestorben, so dass Nicholas Meyer zweifelt, ob es weitere Passagen gibt.

An einer Stelle dieser kurze Zeit nach „Sherlock Holmes and the Peculiar Protocols“ spielenden Geschichten erläutern Doktor Watson und Sherlock Holmes unabhängig voneinander stellvertretend den Lesern, das Detektivarbeit immer noch in erster Linie Hand- und Fussarbeit ist. Die im Strand- Magazine veröffentlichten Geschichten sind in dieser Hinsicht auf Unterhaltung getrimmte Zusammenfassungen der Fälle. Neben der Kombinationsgabe ist Geduld die Stärke eines guten Detektivs und diese Geduld erwartet Nicholas Meyer dieses Mal auch von seinen Lesern.

Doktor Watson reist mit seiner an einer Lungenkrankheit leidenden Juliet auf Anraten der Ärzte nach Ägypten in eine auf einer Insel im Nil gelegenen Pflegeeinrichtung, auch für Angehörige ehemaliger Soldaten. Während Juliet isoliert ihre Anwendungen durchführt, langweilt sich Doktor Watson. Vieles erinnert bei diesen Beschreibungen an eine interessante Variation von Thomas Manns Zauberberg, in dem die Kranken in ihrer Anstalt auf dem Berg in ihrer ureigenen Welt leben und von den Ärzten am Liebsten auf Lebenszeit zwangsrekrutiert worden sind.

Bei einer Expedition nach Kairo stößt Watson auf einen verkleideten Sherlock Holmes. Dieser soll nach einem verschwundenen, in England hochverschuldeten Adligen suchen, den seine aus Brasilien stammende Frau vermisst. Er ist wie viele Europäer der Ägyptologie verfallen, die 1911 grassierte. Dabei geht es ihm weniger um Forschung, sondern der verschwundene “Forscher“ für den eigenen Geldbeutel war wie viele andere Männer auf der Suche nach dem legendären Grab Thutmosis. In den letzten Monaten sind drei Wissenschaftler auf seltsame Art und Weise bei ihren Grabungen ums Leben  gekommen.  

Von der Begegnung mit Siegmund Freud über das Phantom der Oper bis zu den Peculiar Protocols hat Nicholas Meyer in seinen Kanon Geschichten gerne historische oder markante fiktive Persönlichkeiten, aber auch historische Ereignisse mit Sherlock Holmes Ermittlungen kombiniert. Dabei hat der Amerikaner immer Wert darauf gelegt, dass der Hintergrund nicht die jeweiligen  Fälle erdrückt. Bei „The Return of the Pharao“ folgt Nicholas Meyer sogar dem amerikanischen Erfolgsautor Michael Crichton. 2017 erschien posthum seine historische Abenteuergeschichte “Dragon Eeth”, in welcher er die rivalisierenden Aktivitäten der Paläontologen Edward Drinker Cope und Othniel Charles Marsh während des „Bone Wars“ – der Suche nach Dinosaurierknochen im ehemals Wilden Westen – aus der Perspektive des fiktionale Expeditionsfotografen William Johnson beschrieb. In „The Return of the Pharao“ sind neben der Krimihandlung die beiden fiktiven Figuren Sherlock Holmes und Doktor Watson Zeugen der Entdeckung eines bislang versiegelten und damit unberührten Pharaonengrabes im Tal der Könige. Auch Nicholas Meyer baut historisch bekannte Figuren wie den Ägyptologen Howard Carter in die Handlung ein. Ein weiterer impliziter Hinweis deutet auf eine ganz besondere Frau hin… nicht Irene Adler, aber mindestens unter ihrem letzten Künstlernamen genauso bekannt. 

Sowohl Michael Crichton als auch Nicholas Mayer müssen dafür die Leser auf einen Wissensstand bringen, der ihnen die Feinheiten der Expeditionsziele näher bringt. Daher erfordert vor allem das zweite Drittel des Buches ein wenig Geduld, wenn ein bekannter Ägyptologe und Angestellter des Museums in Kairo Sherlock Holmes und Doktor Watson auf den Stand der Pharaonen Forschung des Jahres 1910 bringt. Für manche Leser ist es eher ein Schritt zurück in die Vergangenheit, denn viele der in Museen ausgestellten Artefakte waren zu dieser Zeit noch nicht gefunden. Seine Exkursion in die Archäologie unterstreicht Nicholas Meyer noch mit einigen wichtigen Zeichnungen. Auch eine Expedition in eine der weltberühmten, aber im Inneren leeren Pyramiden ist zwingend erforderlich.

Sherlock Holmes gibt zu, dass er sich nur auf der Reise nach Ägypten über die Pharaonen Forschung aus zweiter Hand informieren konnte. Nicholas Meyer geht noch einen Schritt weiter. Es finden sich zwar einige Fußnoten in der Geschichte, aber das meiste Wissen wird mittels Dialogen transportiert. So führt ein auf den ersten Blick logischer Gedanken Watsons hinsichtlich der Nachricht eines Ermordeten nur auf Umwegen zum Ziel. Aber Sherlock Holmes folgt stoisch der Prämisse, dass manchmal jeder logisch erdachte Weg zum Ziel führen muss.

Nicholas Meyers Romane bestechen durch die mehrfach angesprochen minutiös recherchierten Hintergründe, vor denen sich der Autor allerdings auch einzelne künstlerische Freiheiten erlaubt und erlauben muss. Diese Sorgfalt haben Nicholas Meyer Roman von einer Reihe Kanongeschichten oder generell historischen Romanen positiv ab.

Die Konzentration auf den Hintergrund droht an einigen Stellen die Handlung zu ersticken. Im Gegensatz zum teilweise überambitioniert wirkenden „The Adventure of the Peculiar Protocols“ ist „The Return of the Pharao“ deutlich fokussierter und stringenter entwickelt. Doktor Watson ist sich nicht  einmal sicher, wie viele Menschen dem fiktiven Flucht des Pharaos letztendlich erlegen sind. Aber die Interessen einzelner Gruppen am Fund eines unberührten und mit Reichtümern gesegneten Pharaonengrabs werden lange Zeit sehr konsequent voneinander abgesteckt. Die meisten Wissenschaftler und ihre Helfer sterben nicht an übernatürlichen Flüchen von  jenseits des Grabs, sondern sehr konkret durch Messer und Kugeln. Der verschwundene britische Lord als roter Faden bestimmt die Dynamik der Handlung. In seiner Begleitung ist eine wunderschöne junge Frau, deren Hobby das Sammeln von Nationalitäten ist. Daher kann in dieser labilen politischen Zone ein internationales Komplott nicht ausgeschlossen werden. Nicholas Meyer stellt diese These allerdings nicht in den Vordergrund der Handlung.

Mit der Reise nach Luxor nimmt die Handlung noch einmal Fahrt auf. Züge stellen in Nicholas Meyers Oevre immer eine Besonderheit dar. In seinem ersten Roman „The Seven- Percent Solution“ musste Sherlock Holmes auf einem Zug durch die österreichische Bergwelt einem Mann folgen, der aufgrund der von ihm gestohlenen Unterlagen den Ersten Weltkrieg früher hätte auslösen können.  In „Adventures of the Peculiar Protocols“ reisen sie mit dem Orientexpress zurück vom Schwarzen Meer nach Wien und in „The Return of the Pharao“ verdanken viele Menschen während eines verheerenden Sandsturms Sherlock Holmes ihr Leben.   

Es ist die einzige signifikante Actionszene eines Buches, in dem Sherlock Holmes mit seltener, dann aber auch ernsthafter und vor allem in sich logischer Hilfe von Doktor Watson viel ermitteln und deduzieren kann. Eigene Gedankenfehler hinsichtlich der Himmelsrichtungen kann der Ermittler im nächsten Moment perfekt einsetzen, um die Position von VK61 zu finden. In anderen Abschnitten des Buches fügt Sherlock Holmes nicht selten in der Verkleidung eines ehemaligen Soldaten aus Doktor Watsons Regiment wichtige Puzzlestücke auf Augenhöhe der Leser zusammen. Markant und von Nicholas Meyer sehr überzeugend umgesetzt sind seine verschiedenen Beobachtungen und die daraus folgenden Deduktionen. Spätestens hier setzt sich Nicholas Meyer von Agatha Christie und zum Beispiel ihrem ebenfalls in Ägypten spielenden Hercule Poirot Roman „Tod auf dem Nil“ ab. Bei Nicholas Meyer spielt sich der Tod meistens neben, aber nicht auf dem Fluss ab.  

Im Gegensatz zu vielen anderen Sherlock Holmes und auch Agatha Christie Geschichten  kommt es zu keiner klassischen Überführung des Täters, dieser zeigt sich während des langgestreckten, atmosphärisch dichten Finales selbst, um dann in klischeehafter James Bond Antagonisten Manier vor dem britischen Detektiv bis zu seinem Ende zu prahlen. Etwas geschickter und vor allem auch origineller hätte Nicholas Meyer den letzten Vorhang (zumindest dieses Buches) gestalten sollen. 

Bis dahin ist “The Return of the Pharao” allerdings eine lesenswerte, hinsichtlich des Hintergrunds und vor allem auch der Atmosphäre stimmige Geschichte, in welcher Nicholas Meyer vor allem Doktor Watson als gleichberechtigten Partner effektiv einsetzt und auf jeden Spott/ Klamauk mit dem um seine Frau bangenden ewigen Kompanion verzichtet. Sherlock Holmes kann mit einigen wissenstechnischen Einschränkungen immer wieder vor den Lesern und den Protagonisten im Buch kombinieren, beobachten, suchen und schließlich auch deduzieren. Nicht jede Erkenntnis ist korrekt, was Nicholas Meyers Sherlock Holmes deutlich menschlicher erscheinen lässt als bei einigen anderen Kanonautoren. Auf schaurige Einlagen wie bei den Hammer Filmen oder der Mumientrilogie verzichtet Sherlock Holmes und am Ende steht für viele Forscher, aber nicht den britischen Meisterdetektiv nur ein Pyrrhussieg, der aber auf eine neue Ära des ägyptischen Umgangs mit den eigenen Kulturschätzen hinweist. Cineastisch, kurzweilig, intelligent mit einigen Einschränkungen geschrieben hat “The Return of the Pharao” weder die politische Brisanz noch den ambitionierten Überbau von “The Adventures of the Peculiar Protocols”, braucht sich aber als reines Sherlock Holmes Abenteuer auch nicht verstecken.    



  • Herausgeber ‏ : ‎ Saint Martin's Griffin,U.S. (9. November 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Englisch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 262 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 125078820X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-1250788207
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