Sandokan: The Two Tigers

Emilio Salgari

„The Two Tigers“ ist der vierte Roman der elf Abenteuer umfassenden Sandokan Serie aus der Feder Emilio Salgaris. Ursprünglich 1904 in Italien erschien ist das Buch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Der Wunderkammer-Verlag brach die „Sandokan“ Neuauflage mit dem dritten Roman ab. Diese drei Romane sind in unterschiedlichen Variationen vom Jugendbuch bis zur Sammelausgabe seit den siebziger Jahren mehr oder minder gekürzt immer wieder veröffentlicht worden. Im Original „Le due Tigri“ genannt ist das Abenteuer aber auch außerhalb von Italien und Spanien erst 2007 von Nico Lorenzutti ins Englische übersetzt worden. Wer den romanischen Sprachen nicht mächtig ist, muss auf die Kleinauflagen der Roh Press zurückgreifen, die im Book-on-Demand Verfahren hergestellt werden. Mit größerem zeitlichen Abstand sind immer wieder Bände in dieser Reihe erschienen. Alle elf Romane nicht noch nicht ins Englisch übersetzt worden.

 „The Two Tigers“ spielt etwas vier Jahre nach Sandokans Sieg über James Burke und nimmt vor allem Bezug auf den ersten Band der Serie „Das Geheimnis des schwarzen Dschungels“, in dem Sandokan eine wichtige, aber noch nicht so dominante Rolle spielt. Es ist nicht notwendig, den im Wunderkammer Verlag publizierten Roman vorher gelesen zu haben, aber hinsichtlich der zahlreichen Details und vor allem der auf Respekt und Pflicht basierenden Freundschaft zwischen Tremal- Naik und Sandokan ist es empfehlenswert, die Serie in der chronologischen Reihenfolge zu lesen.

 Tremal- Naik hat in „Das Geheimnis des schwarzen Dschungels“ eine für den Tempel der Thugs bestimmte junge Frau aus den Klauen des mörderischen indischen Geheimkults befreit und zur Frau genommen. Aus dieser Verbindung stammt ein junges Mädchen namens Darma. Die Thugs überfallen den inzwischen verwitweten Tremal- Naik und entführen seine Tochter, um sie zur neuen Priesterin ihres Kults zu machen. In seiner Verzweifelung wendet sich tremal- Naik an den Tiger von Malaysia, der als einziger dem Anführer der Thugs, dem Tiger von Indien, gegenüber treten kann.

 Der Roman ist durch ein sehr hohes Tempo gekennzeichnet. Deutlich kürzer als die ersten drei Bücher konzentriert sich Emilio Salgari auf eine interessante Mischung aus unterschiedlichen Actionszenen, rasanten die wichtigsten Information vermittelnden Dialogen und historischen Fakten.

 Der Höhepunkt der Geschichte spielt in Delhi des 1857. Die Inder haben sich gegen die Briten erhoben und schließlich in der von gewaltigen Mauern umgebenen Stadt verschanzt. Die britischen Truppen belagern die Stadt und werden historisch verbürgt unter der Bevölkerung ein Blutbad anrichten. Weder Frauen noch Kinder werden neben dem tapfer und lange kämpfenden indischen Kriegern verschont. Salgari macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass er auf der Seite der Aufständischen steht, wobei der Italiener zwischen den Thugs und den Mitgliedern der anderen Stämme noch einmal zu unterscheiden sucht. Ohne in die Details zu gehen beschreibt er die blutige Eroberung der Stadt, welcher nicht einmal Sandokan mit seiner verbliebenen Handvoll von Getreuen Einhalt gebieten kann. Das Massaker wird nicht um ihrer Selbst willen beschrieben, sondern ist es elementarer Bestandteil des lang gestreckten Höhepunkts, das dunkle Ende einer langen gefahrvollen Reise.

 Emilio Salgari mischt bunt eine Reihe von abenteuerlichen Szenen aneinander. Von der Reise durch den Dschungel über eine spätere Flucht bis zu einer Schifffahrt den Ganges hinauf inklusiv dem entsprechenden Überfall durch zwei Dschunken. Die angesprochene Belagerung der gewaltigen Festung inklusiv des fortdauernden Beschusses, während Sandokan fast stoisch passiv ausharren muss, bis Vertraute das kleine Mädchen gefunden haben. Das Duell zwischen den beiden Tigern ihrer jeweiligen Länder wird dabei pompöser angekündigt als es während des Finals tatsächlich der Fall ist. Salgaris Charaktere sind meistens überlebensgroß und genau führt der Italiener sie durch die spannende Handlung.

 Salgari – wie Karl May – ist ein Vielschreiber gewesen. Während Robert Kraft nur teilweise aus Versatzstücken gänzlich neue Geschichten gebaut und vor allem Themenbereiche von der jugendlichen Abenteuerstory bis zur Utopie auf einem atemberaubende Art und Weise miteinander verbunden hat, nutzten Karl May und Salgari immer wieder gerne bestimmte Handlungsmuster. Karl May war vor allem bei seinen im Wilden Westen spielenden Geschichten ein wenig eingeschränkt. Erst als sein literarisches Alter Ego auch nach Lateinamerika aufbrauchte, erweiterte der Sachse den Handlungsrahmen. Auch Kara Ben Nemsi drohte sich immer wieder in den literarischen Fangstricken zu verheddern als auf eine innovative und originelle Art und Weise die Schurken zu überführen. Bei Robert Kraft siegte nicht immer das Gute. Im Gegensatz zu Karl May oder Salgari. Opfer sind nicht vermeiden, aber Helden können – mit der Einschränkung Winnetous – im Grunde nicht sterben. Es empfiehlt sich, Salgari wie Karl May in Dosen zu goutieren.

 Viele der Szenen werden den Lesern aus den bisher veröffentlichten Sandokan Romanen bekannt vorkommen. Manchmal ein wenig übermütig muss der Tiger von Malaysia mit seinem treuen portugiesischen Freund Yanez mehr als einmal Lehrgeld bezahlen. In „The Two Tigers“ läuft er gleich zweimal in nicht einmal komplexe Fallen und kann nur dank seiner neuen Freunde gerettet werden. Auf der anderen Seite ist Sandokan ein unerschrockener Überheld, der immer in der ersten Reihe kämpft, sein Schwert furchtbar unter den Feinden wallten lässt und seinen Freunden unerschütterlich zur Seite steht. Koste es, was es wolle. Denn Sandokan als Piratenchef ist gleichzeitig auch unermesslich reicht. Salgari drückt hinsichtlich der Herkunft der erbeuteten Schätze sein literarisches Auge ein wenig zu sehr zu.

 Sandokan ist ein Überheld, aber keine heroisierte Heldenfigur. Er hat dunkle Seiten, ist impulsiv und stellenweise aggressiv. Aber er hat wie Karl Mays Figuren auch ein gutes Auge für die Menschen, die wieder auf den rechten – Sandokans – Pfad zurückkehren wollen. Literarisch kann die Läuterung nicht selten auf den nächsten Seiten erfolgen, da es die Bekehrten sind, welche den Piratenkönig mehrmals aus lebensgefährlichen Situationen retten.

 Der Hintergrund der Geschichte ist für Generationen von Lesern exotisch genug, um der Phantasie Flügel zu geben. Der dunkle, von gefährlichen Tieren und menschlichen Bestien bevölkerte Dschungel. Als Kontrastprogramm die wunderschönen Inseln voller idyllischer Buchten. Heute eher Urlaubsparadiese für die Massen, damals unerreichbare Schauplätze, die Emilio Salgari wie Karl May oder Robert Kraft lebendig beschrieb. Der Leser bewegt sich auf Augenhöhe der Helden und wenn dann noch ein unschuldiges Mädchen zu retten ist, fliegen die Seiten nur dahin.

 Im Gegensatz zu Robert Kraft oder Karl May ist Emilio Salgari ein Erzähler, der nur ungern das Tempo seiner Handlung Hintergrundinformationen opfert. Alle Informationen werden erstaunlich kompakt und wie schon angesprochen vor allem Mittels Dialogen präsentiert. Erst am Ende der Geschichte tritt Salgari einen Schritt zurück und führt als Chronist die historischen Ereignisse der Belagerung und schließlich auch Erstürmung Dehlis auf. Es ist auch das einzige Mal im ganzen Roman, wo Salgari seinen Protagonisten Sandokan literarisch verlässt und eine Distanz zu seinem Helden aufbaut. Ansonsten findet der Leser vor allem im vorliegenden vierten Band Sandokan in jeder Szene. Das könnte die Geschichte statisch erscheinen lassen, aber dank des hohen Tempos und vor allem der rasanten Verfolgung bzw. späteren Jagd durch den Dschungel kommt keine Langeweile auf. Im Vergleich zu den ersten drei Sandokan Romanen ist der Plot ein wenig komprimierter, die Handlung fokussierter und konzentrierter, aber bis auf den lange angekündigten und dann eher hektisch verlaufenden Schlusskampf zwischen den beiden Tigern ihrer Länder/ Kontinente ist „The Two Tigers“ ein weiteres spannendes, auch heute noch gut zu lesendes „Sandokan“ Abenteuer aus der Feder des ein wenig zu Unrecht als italienischen Karl May bezeichneten Emilio Salgari.         

  • Herausgeber ‏ : ‎ ROH PR (30. April 2007)
  • Sprache ‏ : ‎ Englisch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 268 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 0978270746
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-0978270742

Sandokan: The Two Tigers (The Sandokan Series Book 4) (English Edition) von [Emilio Salgari, Nico Lorenzutti]

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