Anfang der achtziger Jahre war Michael Görden im Bastei Verlag für die Reihe „Phantastische Literatur“ zuständig. Neben Jahresbänden und Themenanthologien hat Michael Görden auch phantastische Geschichten von sehr bekannten Autoren in die auch heute noch empfehlenswerte und von Klaus Schiemann surrealistisch illustrierte Reihe integriert. D.H. Lawrence, Charles Dickens, de Balzac, Jack London, Arthur Conan Doyle, Friedrich Schiller zusammen mit H.H. Ewers und schließlich auch Mark Twain bildeten die Eckpfeiler dieser Reihe neben bekannten Genre Namen. Ein Bram Stoker darf nicht fehlen, Mary Shelley war vertreten und H.P. Lovecrafts von August Derleth abgeschlossener Roman „Das Grauen vor der Tür“ gehörte zu den weiteren Höhepunkten.
Mit „Der unbekannte Fremde“ präsentiert Michael Görden eine Novelle oder vielleicht auch einen Kurzroman aus der Spätphase des populären amerikanischen Autors. Es ist Mark Twains letzte literarische Arbeit gewesen. Dazu kommen noch zwei makabre Kurzgeschichten.
Michael Görden skizziert in seinem Vorwort kurz Mark Twains Leben und wie seine Berufung als Journalist mit umfangreichen Kenntnissen der europäischen Welt seine Werke beeinflusst hat. Während seine bekannten Jugendbücher bekennende Aufrufe zu einer Art Anarchismus in einer ungerechten Welt sind, kritisiert er nicht nur in seinen Reisejournalen die Arroganz der Europäer gegenüber den aufmüpfigen Amerikanern, sondern legt in seinem Spätwerk die naive Dummheit der Menschen bloß.
Die Novelle „Der unbekannte Fremde“ ist heute eher unter dem Namen „Der geheimnisvolle Fremde“ bekannt. Der Tropen Verlag hat den Text veröffentlicht. Mark Twain hat anscheinend zwölf Jahre und insgesamt drei Fassungen benötigt, um „Der geheimnisvolle Fremde“ fast zu vollenden. Auf dem Totenbett soll Mark Twain gebeten haben, dass ihm Passagen aus seiner Novelle/ Romanfragment vorgelesen werden. Der Text erschien erst sechs Jahre nach Mark Twains Tod.
Mark Twain ist in seinen letzten Lebensjahren von einigen Schicksalsschlägen heimgesucht worden. Er hat den Glauben an das Christentum verloren – das zeigt sich in beiden Texten überdeutlich. Hinzu kommt die verstärkte Kritik an der Kolonialpolitik der Großmächte, welche mehr und mehr die Welt aufzuteilen begann. Ein Schicksal, das Mark Twain als stolzer Amerikaner ja in der eigenen Geschichte ablesen konnte.
Am Ende des 20. Jahrhunderts im österreichischen Eselsdorf. Eine kleine Gemeinde, in welcher selbst damals die Zeit stehen geblieben ist. Die Menschen kennen sich. Es gibt zwar zwei Pfarrer und einen Astrologen, die sich über Kreuz befinden. Am Wochenende wird von der Kanzel der Seele rein gewaschen.
Drei Jungen treffen im dicken Wald auf einen Fremden. Er ist hübsch, er ist charmant und vor allem kann er Tricks. Eine Pfeife ohne Streichhölzer anzünden und mit seinen Händen aus Lehm kleine lebendige Figuren formen. Auf die Frage, wer er denn sei, antwortet er offen und ehrlich: Satan. Nicht der gefallene Engel, das ist einer der Verwandten, nach er benannt worden ist. Der gefallene Engel ist auch der einzige in der Familie, der gesündigt hat. Dieser zweite Satan ist mit seinen sechzehn tausend Jahren noch nicht richtig erwachsen. Auch wenn er auf die Jungen verführerisch einredet, hat er ein heißblütiges Gemüt und agiert aus dem Nichts heraus.
Seine „Geschenke“ hinterlassen einen dunklen Beigeschmack. So füllt er die verlorene Geldbörse eines der Väter der Jungen mit so viel Geld, das der Pfarrer seine Schulden zahlen und sein Haus auslösen kann. Plötzlich liebt ihn wieder die Gemeinde. Er und seine Tochter bekommen wieder Besuch, werden in der Gemeinde wieder aufgenommen, die ihn am Rand der Pleite geschnitten hat. Bis der Astrologe behauptete, ihm wären die Golddukaten gestohlen worden. Durch einen Zufall hat der Astrologe die genaue Zahl der Münzen erfahren.
Mit dem Vater im Gefängnis macht sich der kleine Satan dran, der verbliebenen Familie einen Gefallen zu tun. Er schenkt der Magd eine Katze. Fortan wird nicht nur jeden Tag aufs Neue eine kleine Anzahl von Goldmünzen in ihrer Tasche sein, die Katze versorgt die ganze Familie und eingeladene Freunde mit reichlich exotischen und sehr gutem Essen sowie einem endlosen Fluss aus Wein. Wieder ist es der Astronom, welcher zusammen mit dem örtlichen Pfarrer die Öffentlichkeit informiert und die Betroffenen dieses Mal nicht des Diebstahls, sondern der Hexerei angeklagt.
Zwischen diesen beiden markanten Eckpunkten des zynischen Romans liegt eine Reise der Aufklärung. Satan macht dem Ich- Erzähler der drei Jungen deutlich, dass es nicht die Tiere sind, die grausam und wild erscheinen, sondern die Menschen. Er zeigt Neid, Gier, Hass, religiöse Verblendung in den Folterkellern der Obrigen. Er kommentiert die menschliche Dummheit und Kurzsichtigkeit. Der junge Ich- Erzähler und über weite Strecken Satan werden zu Mark Twains Sprachrohr. Seinen ganzen Frust über seine Mitmenschen und ihre Ignoranz; ihre Brutalitäten, die ganzen Kriege und schließlich das abstoßende Verhalten von Ignoranz – wenn es Menschen schlecht geht – und In-den-Arsch-kriechen – wenn es den gleichen Menschen wieder besser oder vielleicht sogar gut geht - fließt in den ersten Teil der Geschichte ein. Dabei sind die Jungen auch nur bedingt besser. Dem Vater reden sie gut zu, Geld zu nehmen. Er zahlt aber nur seine Schulden ab. Als es zur Anklage kommt, verhalten sich die Jungen genauso erstaunlich passiv wie später bei seiner Ehefrau, als Satan sich munter unter die Gäste mischt, aber nicht eingreift.
Mark Twains Ton wird immer dunkler. Satan stellt nicht nur den Ich- Erzähler, sondern auch die Leser vor eine Reihe von schwierigen Entscheidungen. So wird einer ihrer besten Freunde bald entweder sterben, weil er eine Heldentat vollbringt oder vierzig Jahre elendig dahin vegetiert. Die beiden Freunde versuchen in die Ereignisse einzugreifen, aber sie kommen zu „spät“. Satan hat gottähnliche Fähigkeiten. Er kann Lebenslinien beeinflussen, wobei eine bessere Zukunft immer mit Schlechteren kombiniert wird. Die Protagonisten haben meistens nicht die richtige Wahl. Gegen Ende der Geschichte zeigt Satan einem Mob gegenüber seine Macht. Er stellt die Dummheit der Massen bloß. Selbst der Ich- Erzähler beteiligt sich an der Steinigung einer gehängten Frau, obwohl sie gegen dessen Überzeugung ist. Es folgt eine politische Rede Satans, die zeitlos, verstörend, kritisch und gleichzeitig politisch brillant ist. Die aus Schafen bestehende Menschheit wird von wenigen egoistischen Wölfen angeführt. Die aggressiven Minderheiten gewinnen die Oberhand. Die sinnlosen Kriege haben in der Vergangenheit und werden in der Zukunft selten zu Verbesserungen führen. Die Menschen nennen sich zivilisiert, sind aber wild und barbarisch. Die Tierwelt geht humaner mit sich selbst um. Alle Herrschaft baut auf dem Misstrauen des Menschen gegenüber seinen Nachbarn auf. Dem unterschwelligen Neid. Dazu die Bequemlichkeit der Menschen. Sie werden von Politikern, von Adligen und der Kirche ausgenutzt und für die jeweiligen Zwecke manipuliert. Satan rechnet gnadenlos mit den Menschen ab. Satan ist kein Kind von Unschuld, wie die anfängliche Szene in der Burg zeigt. Aber Satan kann zwischen berechtigten und unberechtigten Leiden unterscheiden. Immerhin ist er in seinem tiefsten Inneren noch ein Engel, der auch Gott für den falschen Weg bei den Menschen kritisiert.
Auch während des Prozesses greift Satan auf der einen Seite mit einem einfachen Trick ein und entlarvt den Astrologen als Lügner. Aber das Happy End verweigert Satan auf der anderen Seite der ganzen Familie. Wobei seine Argumentation auch schlüssig ist. Jeder lebt in seiner eigenen Welt am Besten.
Am Ende präsentiert Mark Twains Satan einen pragmatischen Gedanken, der allerdings den hochaktuellen und zeitlosen Gehalt dieser dunklen, aber auch notwendigen Geschichte um die fehlgeleitete Menschheit ein wenig relativiert. Es ist vielleicht ein optimistisches Ende einer wirklich verbitterten Geschichte, die zu den besten Texten von Mark Twain gehört.
Die beiden Kurzgeschichten stehen im Schatten des Kurzromans. „Eine Geistergeschichte“ spielt in einem Hotel auf dem Broadway. Der Ich- Erzähler hat das Gefühl, nicht alleine im Hotelzimmer zu sein. Der Tonfall dieser kurzen Story ist heiter. Mark Twain scheint ein wenig mit dem Genre zu spielen und argumentiert mit der Statue und dem Mitbringsel am Ende gegen die gängigen Erwartungen der Leser. „Die Nacht des Grauens“ setzt sich mit der Einbildung auseinander. Während eines Waffentransports ist der Erzähler der Ansicht, dass sich in einer Kiste eine Leiche befindet und deren Geist sein Unwesen treibt. Mehr und mehr überschlägt sich seine Phantasie bis zum dunklen, zynischen Ende.
„Der unheimliche Fremde“ – inzwischen mehrfach in den verschiedenen Fassungen nachgedruckt – ist eine zeitlose, zynische und bitter notwendige Abrechnung mit den Menschen aus der Perspektive ihres größten „Feindes“ Satan, der sich erstaunlich jovial, wohlwollend, verführerisch schön und dann auch gemein, aber niemals hinterhältig verschlagen verhält. Mark Twain ist eine erstaunliche Charakterstudie gelungen, ein Stillleben, das aus der Isolation der kleinen österreichischen Gemeinde der aus den Angeln geratenen Welt hilflos den Spiegel ins Fratzengesicht hält. Mehr als einhundert Jahre nach der Erstveröffentlichung bleibt allerdings die Erkenntnis, dass der Mensch immer noch nichts gelernt hat und viele der angesprochenen Themen wie die bequemen Lämmer im Gefolge der Rattenfänger weiterhin zur Schlachtbank geführt werden.

- Publication: Der unheimliche FremdePublication Record # 677402
- Author: Mark Twain
- Date: 1981-11-00
- ISBN: 3-404-72008-3 [978-3-404-72008-8]
- Publisher:
- Pub. Series: Phantastische Literatur
- Pub. Series #: 72008
- Price:DM 5.80?
- Pages: 158
- Format:pb?
- Type: COLLECTION
