Mrs. Zant und ihr Geist

Wilkie Collins

Michael Görden hat drei Geschichten aus der Storysammlung „Little Novels“ für“Mrs. Zant und ihr Geist“ entnommen. Zwischen der Erstveröffentlichung im Rahmen der „Phantastischen Literatur“ 1983 und der Gegenwart ist in der englischen Wordsworth Edition ein Band mit weiteren Gespenstergeschichten aus der Weder Wilkie Collins publiziert worden, der zu Lebzeiten einer der besten Freunde Charles Dickens gewesen ist. Heute ist Wilkie Collins vor allem als Verfasser der Romane „Die Frau in Weiß“ und „Der Mondstein“ bekannt. Unheimliche Intrigen, mysteriöse Morde haben das Publikum fasziniert. Wie Edgar Allan Poe ist Wilkie Collins einer der Begründer der modernen Kriminalgeschichte. Bei den drei hier veröffentlichenden Kurzgeschichten handelt es sich um deutsche Erstveröffentlichungen.

 Die längste Geschichte „Der verrückte Monkton“ beinhaltet streng genommen keine phantastischen Elemente. Der Ich- Erzähler wird relativ spät in die laufende Handlung einbezogen, ist aber ein wichtiges Element. Die Familie der Monktons leidet unter einer dunklen Prophezeiung. Sollte ein Monkton nicht in der heimischen Kapelle begraben werden, droht die Familie auszusterben. Als ein Onkel bei einem verbotenen Duell auf italienischen Boden stirbt, wird die Suche für seinen letzten Blutsverwandten zu einer schrecklichen Odyssee. Er verlässt seine Verlobte und macht sich auf die immer verzweifelter werdende Suche nach dem Leichnam seines Onkels. In Italien trifft der Erzähler auf den jungen Mann, der abwechselnd gedanklich klar, sympathisch zugänglich ist und dann unter der Last seines Familienschicksals zusammenzubrechen droht.

 Wilkie Collins hat zwar eine Reihe von Spannungselementen in die laufende Handlung eingebaut, aber die distanzierte Art der Erzählung macht es dem Leser nicht leicht, Sympathien für die Protagonisten zu empfinden. Der Familienfluch zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung und fast sadistischen Vergnügen offenbart der Autor den Lesern, dass eine Familie nicht ihrem Schicksal entkommen kann. Der Titel „Der verrückte Monkton“ könnte sich auf den Protagonisten beziehen, aber in Wirklichkeit ist er nicht verrückt, sondern komplett verängstigt. Da ausgerechnet sein Onkel als erster Monkton weder in der Familiengruft noch generell beerdigt wird, wird der kleine Vers zu einem Stein, der ihn zu zerschmettern droht. Das ist sogar nachvollziehbar, da es keine schlüssigen Argumente gibt, warum dieser Familienfluch nicht wahr werden konnte. Natürlich lässt sich auf der anderen Seite von einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung sprechen, aber damit rückt man die Kette von unglücklichen Situationen in das verkehrte Licht. Der junge Monkton unternimmt zusammen mit dem Ich- Erzähler, der mehr und mehr zu einem Freund wird, alles Menschenmögliche, um den leichtsinnig lebenden Onkel nach Hause zu bringen. Das Schicksal meint es anders und so sind die Folgen im Grunde absehbar.

 Für den Epilog tritt der Erzähler wieder einen Schritt zurück und fasst alles aus der Distanz zusammen. Das Verlassen der aktuellen Handlungsebene wirkt genau wie die verhältnismäßig lange und phasenweise schwer einzuordnende Exposition befremdlich, aber Wilkie Collins versucht die Geschichte des verrückten Monkton aus den Klischees der klassischen Geistergeschichte zu befreien. Alle möglichen übernatürlichen Elemente wie das Erscheinen des Geistes des Onkels in der Ecke eines Hotelzimmers können die ersten Spuren des beginnenden Wahnsinns sind. Abschließend wird auch nicht erklärt, ob der letzte Monkton wirklich den Verstand verloren hat oder nur unter der Last seiner Familie zusammengebrochen ist. Auf jeden Fall wollte er trotz einer lieben Ehefrau den Fluch seiner Familie nicht weitergeben.

Aus heutiger Sicht wirkt der Handlungsverlauf ein wenig mechanisch und der Leser erkennt einzelne Aspekte des Plots deutlich vor den Erzählern. Auf der anderen Seite gibt es einige wunderbar atmosphärisch stimmungsvoll verstörende Szenen wie zum Beispiel die Begegnung in der abgeschieden gelegenen Abtei oder die Überfahrt nach Großbritannien, die teilweise Bram Stoker und „Dracula“ beeinflusst haben könnte.

 „Der verrückte Monkton“ ist aber trotz der vorhandenen Versatzstücke und einzelner Längen gut lesbar. Die Novelle ist eine perfekte Mischung aus gruseliger Stimmung ohne klassische, vielleicht auch klischeehafte Gruselelemente und der auf psychologischen Ebene selbst zerstörerischen Kraft der Einbildung. 

 Die Titelgeschichte „Mrs. Zant und ihr Geist“ verfügt genau wie der letzte und kürzeste Text Miss Jeromettes Erscheinung“ über deutlicher zu erkennende übernatürliche Erscheinungen. Ein Vater lernt mit seiner jungen Tochter Mrs. Zant kennen. Sie ist vor kurzem Witwe geworden und scheint ein wenig geistig abwesend zu sein. Ihr Schwager kümmert sich um die. Im Laufe der sehr ruhig angelegten Geschichte zeigt sich, dass Mrs. Zant nicht gänzlich verrückt ist. Dahinter steckt teilweise ein perfider Plan. Die Entwicklung der wenigen Hauptfiguren ist ausgesprochen gut. Wilkie Collins geht mit deren Ecken und Kanten souverän um. Wie bei den anderen beiden Storys ist der eigentliche Erzähler nicht während der ganzen Handlung präsent. Einzelne Teile werden ihm stellvertretend für den Leser berichtet. Dadurch entwickelt sich auch kein grundlegend stringenter Plot, sondern viel mehr absichtlich eine art Rahmenhandlung zwischen dem Leser und den handelnden Figuren.

 In der letzten Geschichte „Miss Jeromettes Erscheinung“ wird das noch deutlich. Der Erzähler ist Anwalt und wälzt Prozessakten. Er ist davon überzeugt, dass der Angeklagte schuldig ist, auch wenn das Gericht keine griffigen Beweise hat. Stellvertretend für den Leser berichtet der Erzähler einem Freund die Vorgeschichte. Miss Jeromette hat er kennen gelernt, als nachts ein Mann sie zu überfallen sucht. Die beiden Freunden sich platonisch an, bis ihr Ehemann in spe sich meldet und schreibt, dass er die Ehe mit ihr unter der Bedingung eingehen würde, dass vor allem sein Elternhaus nichts davon erfährt.

 Die einzelnen Zusammenhänge werden vor allem hinsichtlich des furiosen Finales nach und nach klarer. Eindeutige Aussagen gibt es nicht. Ob es in beiden Fällen eine Rettung aus dem Jenseits wirklich gegeben hat, bleibt unklar. Aber im Rahmen der Gespenstergeschichte kann diese Möglichkeit auch nicht ausgeschlossen werden. Übernatürlichen Schrecken setzt Wilkie Collins ausgesprochen spärlich, behutsam ein. Die Erscheinung des verstorbenen Onkels in der ersten Geschichte, eine kalte aus dem Nichts kommende Hand in der zweiten Geschichte und Miss Jeromette sieht quasi ihr eigenes Schicksal voraus. Niemand kann sie retten. Vorherbestimmung ist auch das Thema der ersten Novelle, wobei sich der verrückte Monkton eher selbst unter Druck setzt als das er von außen in Gefahr ist.

 Die beiden kürzeren Storys sind deutlich fokussierter als die stellenweise ein wenig zu behutsam, zu umständlich konstruierte Novelle. Wilkie Collins ist eng mit Charles Dickens befreundet gewesen und dessen Art der Strukturierung seiner Texte lässt sich auch als Collins Arbeiten erkennen. Sowohl Dickens als auch Wilkie Collins waren sehr gute Geschichtenerzähler, bei denen übernatürliche Elemente fast aus dem Nichts und gegen die Überzeugung zumindest des jeweiligen Erzählers in die laufende Handlung eingeflossen sind. Das ist bei den drei hier von Michael Görden zusammengestellten Texten auch der Fall.

 Wer den umfangreichen Doppelroman „Die Frau in Weiß“ oder den deutlich abenteuerlich angelegten „Der Mondstein“ noch scheut, ist mit dieser kleinen, aber auch feinen Sammlung sehr gut bedient. Alle Texte lesen sich in der Übersetzung von Ingrid Rothmann geschmeidig. Dazu hat Johann Peterka einige interessante Zeichnungen beigesteuert, die teilweise allerdings fast zu modern für diesen klassisch viktorianischen Grusel erscheinen.  

Beispielbild für Mrs. Zant und ihr Geist. Spukgeschichten. zum Verkauf von ABC Antiquariat, Einzelunternehmen

Verlag: Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe,, 1983

Taschenbuch, 155 Seiten

ISBN 10: 3404720245

ISBN 13: 9783404720248

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