Xenogenesis

Octavia Butler

 Der Heyne Verlag legt Octavia „Xenogenesis“ Trilogie zum dritten Mal in ihrem  Verlagsprogramm neu auf. Ursprünglich erschienen die drei Romane unter den Titel „Dämmerung“, „Rituale“ und „Imago“ 1991 als einzelne Taschenbücher. Eine erste Neuauflage erfolgte 1999 unter dem passenden und einen wichtigen Aspekt der Außerirdischen preis gebenden Titel „Die Genhändler“, bevor der Verlag im Jahre 2024 die Trilogie noch einmal unter dem Sammelnamen der amerikanischen Zweitauflage „Xenogenesis“ neu aufgelegte.  Vorher ist in den USA ein weiterer Sammelband mit dem bezeichnenden Titel „Lilith´s Brood“ erscheinen, nach der wichtigsten Protagonistin des ersten Buches bezeichnet.  

Die drei von Octavia Butler zwischen 1987 und 1989 geschriebenen Romane verbinden ihre erste große „Patternist“ Serie auf eine erstaunliche Art und Weise mit der abschließend von ihr nicht mehr beendeten „Parable“ Serie, von denen sie nur zwei Bücher fertigstellen konnten. Aus der „Patternist“ Serie übernimmt sie die Idee einer Manipulation der Menschen. Dieses Mal nicht durch einen narzisstischen Unsterblichen namens Doro, der eine Überrasse züchten möchte, sondern durch den auf den ersten Blick wohlmeinenden Einfluss einer außerirdischen Rasse, welche die Reste der Menschheit nach einer atomaren Auseinandersetzung von der ökologisch sterbenden Erde gepflückt haben.  

Im Interview mit Charles Brown für das Locus Magazin (Juni 2000) sprach Octavia Butler von ihrer Grundidee: „"I was pretty despairing when I began the Xenogenesis books. This was back during the first Reagan administration, when the guy was talking about ‘winnable’ nuclear wars, ‘limited’ nuclear wars and all that. It scared me that we were electing someone who was talking that way. What if he meant it?"“

Die Idee einer postapokalyptischen Gesellschaft hat Octavia Butler ohne die Atomkriegskomponente in der „Parable“ Serie fortgeführt. Sowohl in der „Patternist Serie“ wie auch bei den „Parable“ Romanen sehen die Protagonisten die Zukunft der kriegerischen und mit dem Hang der Selbstvernichtung ausgestatteten Menschheit zwischen den Sternen. Die entsprechenden Herausforderungen und schließlich auch Schicksale hat sie in vor allem in „Clay´s Ark“ in der „Patternist“ Serie beschrieben, in der „Parable“ Serie gibt es ausführliche Aufzeichnungen über einen dritten, auf einem fremden Planeten spielenden Roman. Und dazwischen liegt „Xenogenesis“. In dieser Trilogie hatte die Menschheit auch den Traum, zu den Sternen zu fliegen, die sozialen wie politischen Konflikte hinter sich zu lassen und neu zu beginnen. Weit ist die Menschheit nicht gekommen. Auch wenn die Außerirdischen den Überlebenden gegen den entsprechenden Preis – es handelt sich ja um Händler und nicht Samariter – viel mehr Opportunitäten anbieten als  die beiden anderen „Menschheiten“ in den angesprochenen Serien zur Verfügung hatten.

Lilith Iyapo ist eine junge, farbige Frau, die Schreckliches auf der Erde erlebt hat. Octavia Butler belässt es bei Andeutungen. Sie wacht in einer Zelle auf. Nicht das erste Mal. Ihr Ehemann und ihr Kind sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Auf der Erde hat auch ein nuklearer Schlagabtausch stattgefunden. Eine seltsame, aber charismatische Stimme stellt ihr während ihrer wenigen Wachphasen immer wieder Fragen, deren Sinn sie nicht versteht.

Octavia Butler behält den Leser in dieser relevanten Anfangsphase auf Augenhöhe. Sie verzichtet auf übergeordnete Chronisten. Je mehr Lilith sich erinnert, um so vielschichtiger sind die Informationen, welche die Leser erhalten. Aber Lilith ist eher das Medium für eine größere, besorgniserregendere Wahrheit. Eine menschliche Gestalt betritt ihre Zelle. Sie spricht mit ihr, will sie auch berühren. Aus diesen Gesprächen kristallisieren sich zwei Punkte heraus: Sie ist keine Gefangene, sondern eher eine Kranke, die von ihrem Krebs geheilt worden ist. Sie wird eine neue Aufgabe erhalten.  Ihre Wächter sind Außerirdische, welche seit längerer Zeit die Erde beobachtet haben. Sie haben vor mehr  als zweihundert Jahren die Reste der Menschheit nach der ökologischen Katastrophe an Bord ihrer Raumschiffe gerettet und in eine Stasis versetzt. In der Zwischenzeit haben sie – natürlich nicht opportunistisch, wie sich später herausstellt – die Erde von der radioaktiven Strahlung befreit, Flora und Fauna wieder hergestellt und nebenbei einige der übrig gebliebenen Bauwerke/ Denkmäler der Menschheit abgerissen.

Die Überlebenden sollen wieder auf der Erde ausgesetzt werden und als Selbstversorger auf dem Niveau des Mittelalters leben. Sie erhalten keine höherstehende Technik. In der Theorie müssen sie die Zukunft neu erfinden und die letzten zweihundert bis vierhundert Jahre noch einmal leben. Allerdings unter einer angeblich wohlwollenden Aufsicht der Fremden.

Die Außerirdischen Oankali sind Octavia Butlers groteskeste Schöpfung. Sie erinnern Lilith an die Medusa mit Tentakeln auf ihrem Kopf, mit denen sie sehen und hören, aber auch zu beißen können. Nicht ihr Blick ist tödlich, sondern ihr Biss. Sie sind eine alte Rasse, die seit Äonen aus schwärmt und nach neuen Handelsobjekten sucht. Einmal ausgeschwärmt könnten die Oankali nicht mehr zurückkehren und wissen auch nicht mehr, ob ihre Heimatwelt noch existiert. Sie haben durch ihre Tentakel eine andere Wahrnehmung, sind nicht auf Nahrung angewiesen und scheinen der Menschheit wohlwollend gegenüber zu sein. Sie verfügen über drei Geschlechter: männlich, weiblich und ooloi. Diese drei Geschlechter zusammen haben eine einzigartige Fähigkeiten. Die eigentlich Oankali haben ein Gespür für die Biochemie aller Wesen. Als ooloi können sie das genetische Material manipulieren, positiv zum Beispiel die Menschen vom Krebs heilen, aber negativ auch neue Generation genetisch manipulieren und Nachkommen nach ihrem eigenen Wohlwollen züchten.

Eine Idee, die Octavia Butler auf eine etwas primitivere Art und Weise schon in „Wilde Saat“ durchgespielt hat, dem chronologisch ersten aber als einer der letzten geschriebenen „Patternist“ Romane. Die Oankali haben diese Vorgehensweise perfektioniert und Octavia Butler lässt sowohl Lilith wie auch die Leser im Dunkeln, wie oft die Oankali schon fremde Rassen auf deren Planeten „gerettet“ und schließlich zu nutzbringenden Genpools umgebaut haben.     

Wenn ein Leser die Handlung des ersten Buches auf das Rudimentärste zusammenfasst, kommt auf den ersten Blick eine Aneinanderreihung von Klischees heraus. Außerirdische retten die Überlebenden eines atomaren Krieges und siedeln sie später wieder auf der Erde aus.  Auch wenn es wie ein Klischee klingt, ist diese Zusammenfassung auch nicht falsch. Wie in vielen von Octavia Butlers Geschichten geht es um verschiedene Autoren der Interaktion – niemals auf einer auf den ersten Blick gleichberechtigten Ebene – und eine Interpretation sozialer Verhältnisse in kleineren Gemeinschaften, deren zukünftige Existenz von „außen“ – dieser Begriff ist bei Octavia Butler relativ – wie durch innere Spannungen – dabei spielen der Geschlechterkampf wie Rassismus entscheidende Rollen – bedroht wird.

Zu Beginn der Geschichte etabliert Octavia Butler das Verhältnis zwischen Lilith als zukünftiger „Mutter“ eines Stammes Menschen und den Oankali mit Nikanj als ihrem geschlechtslosen Ratgeber. Die Oankali verbessern, optimieren Lilith. Sie entfernen – wie schon angesprochen – die Krebszellen, geben ihre körperliche Agilität und Muskelkraft. Nur das Optimieren ihres Gedächtnis lehnt Lilith ab. Sie lebt ein Jahr in einer Art Trainingsgelände und unter den Oankali, um deren Kultur zu verstehen. Das Trainingsgelände ist eine Art Dschungellandschaft, in welcher die weiteren aufzuweckenden Menschen abgesetzt werden sollen. Die Oankali machen Lilith aber deutlich, dass sie nur ein evolutionärer Zwischenschritt ist, die Früchte der Langzeitplanung der Genhändler wird sie nicht mehr erleben. Wie eine Drohung klingt nach, aber ihre Kinder und Enkel.

Lilith ist das lebendige Beispiel für eine perfide Investition in die Zukunft, um ein besonderes genetisches Material zu erhalten, dass sich neben lebendigen Gensklaven gut tauschen lässt. Lilith traut Nikanj nicht. Er scheint nur das Notwendigste zu erzählen, auf der anderen Seite gibt es auch die Abhängigkeit, dass sie bei zu viel Aufruhr wieder in den Tiefschlaf versetzt wird.

Den Umfang der Oankali Pläne mit der Züchtung einer neuen Rasse; der Manipulation der Gene und schließlich auch dem potentiellen Sklavenhandel kann Lilith nur rudimentär erfassen. Auf der anderen Seite ist Lilith auch eine klassische Octavia Butler Protagonisten, die anfänglich isoliert den Kampf aufnimmt und nicht fatalistisch aufgibt. Irgendwo hofft sie auf ein imaginäres Schlupfloch. Spätestens wenn die Gruppe von Menschen wieder auf der Erde ausgesiedelt ist und ein Heimspiel hat. Dabei haben die Oankali die Erde inzwischen so umgebaut und aus ihrer Sicht den Menschen einen perfekten goldenen Käfig erschaffen, in dem sich die menschliche Rasse nach den Vorstellungen der Oankali langsam und selbstverantwortlich wieder entwickeln kann.

Lilith soll eine Gruppe von Menschen aufwecken. Dabei kann sie sich mit den Akten der Menschen – zusammengestellt aus Gesprächen, die die Oankali quasi durch die Wände der Gefängnisse mit den Menschen geführt haben – ein Bild von den Mitgliedern ihrer zukünftigen Familie machen. Das Spektrum der aufgeweckten Menschen ist breit, es gibt einige wenige mehr Frauen als Männer. Octavia Butler nimmt sich die Zeit, die Wechselwirkung zwischen der fremden Umgebung und einer durch den Krieg zerstörten Erde;  Lilith als potentielle Mutter und gleichzeitig auch „Verräterin“ an der Menschheit und schließlich den Spannungen in der stetig wachsenden, aber auf dem Raumschiff in einer aus lebendigen Wänden bestehenden Zelle ausharrenden Gruppe von Menschen zu beschreiben.

Diese isolierten Gemeinschaften sind ein roter Faden, der sich durch Octavia Butlers Werk zieht. In der „Patternist“ Serie war es Doro zusammen mit Anyanwu, welche diese Gemeinschaften zusammen stellten. In der späteren „Parable“ Serie kam Lauren Oya Olamina aus einer isolierten Siedlung in einer postapokalyptischen Welt und gründete in einem ebenfalls von der Außenwelt was komplett abgeschlossenen Dorf die „Earthseed“ Bewegung. In ihren wenigen  auf anderen Planeten spielenden Geschichten leben die Menschen auch von Außerirdischen umgeben immer isoliert und sozial auf sich alleine gestellt.

    Lilith fühlt sich zu Joseph hingezogen. Nicht gleich sexuell, aber seine ruhige Art, seine Lebenserfahrung bilden einen guten Ausgleich zu ihrem hitzigen Temperament. Körperlich ist sie durch die Manipulationen der Oankali Joseph überlegen, aber mit seinen Argumenten nimmt Lilith die Zweifel an ihrer von den Menschen um sie herum kritisch beäugten Situation. Auch das ist kein Novum in Octavia Butlers Werk. Immer wieder finden ihre relativ jungen, farbigen Frauen Schutz bei älteren Männern. Dieser Schutz ist aber kein Versuch, ihre unabhängigen Charaktere zu unterdrücken, sondern die Männer strahlen die perfekte Balance aus physischer Stärke – bei Lilith nicht notwendig -, intellektueller Reife und Lebenserfahrung aus, in deren Schatten sich diese Frauen persönlich entwickeln können und die Narben ihrer Vergangenheit zumindest für kurze zeit abstreifen dürfen. Allerdings halten diese Lebensgemeinschaften nicht lange und enden fast immer auf einer tragischen Note.

Die meisten der Erweckten können die Pläne der Oankali noch nicht mal ahnen. Lilith ist mit den Lesern an ihrer Seite einen Schritt weiter. Immer wieder fällt dem Leser spontan der Spruch „Wir kommen in Frieden“ ein. Zwischen den Zeilen lässt sich aber gut erkennen, dass die Menschen für die Oankali nur eine weitere, allerdings aufgrund ihrer Neigung zur Bildung von Krebszellen auch verführerische Handelsware sind. Daraus entsteht aber im Laufe der Romane auch eine gegenseitige Abhängigkeit, welche die Oankali noch nicht einmal ahnen. 

Sie versuchen, das aus ihrer Sicht radikale Element des Mannes auszuschalten. Angesichts der Gewalt, die  Männer in Octavia Butlers Romanen Frauen über die Jahrhunderte antun, kein überraschender Gedanke. Ein Kind kann asexuell gezeugt werden. In der Theorie benötigt man zwar immer noch Mann und Frau, aber ohne die Oankali geht nichts mehr. Damit haben sie auf dieser Ebene die Menschen ihrer eigenen Kultur angepasst. 

In “Dämmerung” gegen Ende, im zweiten Band “Rituale” dominierend, setzt sich die Autorin noch mit einem anderen Thema ihres Gesamtwerks auseinander.  Es ist unmöglich, dem menschlichen Mann den “Mann” auszutreiben. Sie bleiben gewalttätig, dominant, nicht selten durch die wenigen Siedler auch in überdurchschnittlicher Zahl faul und damit räuberisch. Sie haben vor allem Angst vor allem Fremden und versuchen diese Antipathie durch Aggression zu vertreiben. Ein zweckloses Unterfangen, da sie sich zu Beginn ihrer Aussiedlung in einer Testzone an Bord des Raumschiffs befinden. Zwar im Original einem irdischen Dschungel nachempfunden, wirkt die Sequenz wie eine der ersten virtuellen Szenen, von denen es im Laufe der nächsten Jahrzehnte hunderte innerhalb der Science Fiction geben sollte. Aber auch auf der Erde sollen sich die Männer nicht komplett ausleben. Zwar hätten sie mehr Freiheiten, aber bei einer Grenzüberschreitung der etablierten Regeln werden sie wieder auf das Schiff gebracht, in Tiefschlaf versetzt und dürfen die Erde niemals wieder betreten.   

Diese verschiedenen Interessenkonflikte etabliert Octavia Butler in dem Auftakt Roman der Trilogie und lässt ihre Geschichte auf einer seltsam tragisch optimistischen Note enden, welche die Leser an ihre mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnete Novelle „Bloodchild“ denken lässt. 

Der zweite Roman „Rituale“ – der Originaltitel „Adulthood Rites“ trifft den Inhalt deutlich besser und zeigt in Butlers evolutionärer Serie einen notwendigen Reifeprozess plastischer auf – spielt einige Jahre später. Zwar nimmt Octavia Butler immer wieder Bezug auf wichtige Punkte ihres Auftakt Buches, aber konsequent setzt sie ihr rassenspezifisches Puzzle weiter zusammen.

Menschen und Oankali leben inzwischen auf der renaturierten Erde. Ältere Menschen können sich noch an die Zeit vor dem Krieg erinnern. Daher scheint die Leistung der Oankali, alle Spuren einer bakteriologischen oder/und atomaren Auseinandersetzung auf der Erde inklusive einer Auslöschung von 99 Prozent der Menschen beseitigt zu haben, in einem noch größeren, aber auch unwahrscheinlichen Licht.

Viele Menschen leben autark zusammen mit den Oankali in kleineren Dörfern. Da ihre Nachkommen nur mit Hilfe der Oankali- diese Prämisse hat Octavia Butler in einem Nebensatz im ersten Roman entwickelt – geboren werden können, gelten sie als Hybride, als Konstrukte. Ihre genetische Struktur ist von den Oankali verändert werden. Deren langfristige Ziele sind weiterhin im Dunkeln, aber wer sich als Genhändler bezeichnet, hat keine humanistischen Absichten.

Andere Menschen mit einem Überhang an Männern haben sich von den Oankali losgesagt und leben in sogenannten Widerstands Dörfern. Sie sind steril, was zu weiteren Spannungen zwischen den beiden Zivilisation Armen der Menschheit führt.

Immer wieder kommt es zu Kindesentführungen, wenn die Hybride irgendwie menschlich aussehen. Auch wenn Lilith noch lebt und ihr Dorf führt, steht ihr konstruierter Sohn Akin im Mittelpunkt der Handlung. Es handelt sich um das erste unter Einfluss der Oankali gezeugte Kind. Es ist noch menschlicher als die meisten anderen Hybride.  Akin muss beiden Welten erlernen. Sein Reifeprozess steht im Mittelpunkt der Geschichte.  Auf der einen Seite versteht er die Menschen inklusive seiner Mutter, welche die menschliche Rasse unverändert erhalten wollen. Auf der anderen Seite erkennt er, dass die Menschheit sich ohne die nicht immer wohlmeinende und langmütige Führung der Oankali auf einem primitiveren Niveau wieder selbst zerstören würde.

Akin wird von einer Gruppe von Abtrünnigen entführt, bis auf seine graue, an Schlangen erinnernde Zunge ist Akin äußerlich noch menschlich und deswegen besonders wertvoll.

Octavia Butler blickt gerne auf soziale wie mit Abstrichen evolutionäre Vorgänge aus der Perspektive von gesellschaftlichen Außenseitern mit besonderen Fähigkeiten. Das unsterbliche Chamäleon Anyanwu aus „Wilde Saat“, Lauren Oya Olamina später als hyperempfindliche Empathin in den „Parabel“ Romanen;  die 53 Jahre alte im Körper eines Kindes lebende Shori als Hybrid zwischen den Ina und Menschen in ihrem letzten Roman „Fledgling“; die durch die Zeit fallende Dana ohne besondere Fähigkeiten, aber mit einem mehr als einhundertfünfzig Jahre umfangreicheren Wissen in „Vom gleichen Blut“ und in der vorliegenden „Xenogensis“ Trilogie ist es zu erst Lilith, die besondere Fähigkeiten von den rettenden Außerirdischen erhält sowie im vorliegenden zweiten Roman ihr Sohn Akin, der beide Rasse – Menschen und Oankali – kennenlernen muss.

Die Menschen lernt er erst durch seine brutalen Entführer kennen. In der Gemeinde Phoenix wird er von einer Familie gekauft und wächst dort auf. Seine Umgebung behandelt ihn mit distanzierten Respekt. Er selbst muss sich immer wieder zurückhalten, damit seine Oankali Seite nicht durchbricht. Aber die Ruhe vor dem Sturm reicht ihm nicht. Akin sucht immer wieder Gruppen der Verräter auf. Menschen, die ohne die Oankali leben wollen, um ihre auf den alten Traditionen aus der Zeit vor dem Krieg stammende Lebensweise zu verstehen. Es ist auch keine klassische Kolonisationsgeschichte, wie ihre auf anderen Planeten spielenden Romane. Viele der Menschen kennen die Erde noch aus der Zeit vor dem Krieg und versuchen sie trotz aller Schwächen in dem Bild wieder zu erschaffen, das sie sich gemalt haben. Die Oankali sind dabei lange Zeit stille Beobachter, die ja die Population durch ihre genetischen Eingriffe steuern und manipulieren können. Ohne sie ist die Menschheit in jeder Form wieder vom Aussterben, aber nicht mehr der Selbstvernichtung bedroht. Eine andere Art der Euthanasie verbunden mit einer genetischen Manipulation. Von Anspielungen auf den Naziterror zu sprechen, wäre vielleicht vermessen, aber die Sklavenhaltung auf den Farmen der amerikanischen Südstaaten und die Zeugung vieler Kinder durch die Plantagenbesitzer mit den Sklaven; die frühe Tötung der Schwachen und die Haltung der Sklaven in den entsprechenden Barracken, manchmal auch kleineren Siedlung drängt sich als Vergleich während der Lektüre auf.

Die Überlegenheit der Oankali gegenüber ihren menschlichen Spielzeugen, die sie in aus ihrer Perspektive an einer langen Leine halten, ist aber noch drastischer. Sie kontrollieren – wie angesprochen – jeglichen Nachwuchs. Sie können die potentiellen Täter umgehend bestrafen und mit einem lebenslangen Exil – durch den Tiefschlaf an Bord des Raumschiffs bis in die Unendlichkeit – von der Erde bestrafen. Aber gleichzeitig missbrauchen sie die Menschen. Die Idee, das deren Krebszellen bei den Oankali eine heilende Wirkung haben könnten, ist interessant und wird von Octavia Butler sehr behutsam ausgebaut, kommt aber angesichts der tragischen Ereignisse fast zu kurz.

Akin ist das erste Mitglied der neuen Generation. Bis auf seine an eine Schlange erinnernde Zunge ist er menschlich und hochbegabt im klassischen Sinne. Er kann früh sprechen; er ist aufgeschlossen und emotional. Sein kindliches Aussehen hilft ihm, die Frauen auf seine Seite zu bringen. Gleichzeitig bringt er vor allem die Männer gegen sich auf. Seine Mutter Lilith ist noch mehr zwischen den Welten gefangen. Auch wenn sie genetisch von den Oankali manipuliert, vielleicht auch optimiert worden ist, ist sie grundsätzlich weiterhin ein Mensch und den Menschen verpflichtet. Akin ist der unabänderliche, aber im Grunde auch auf einer „Vergewaltigung“ Lilith basierende Beweis, dass aus Sicht der Oankali der nächste Schritt unabwendbar ist. Akin erkennt aber auch, dass nur eine Unabhängigkeit der Menschen mit ihren Stärken und Schwächen ihnen eine Chance auf eine andere, vielleicht auch bessere Zukunft beschert. Unter dieser Art von Kontrolle ist der nächste Lagerkoller mit dem Hang zur Selbstvernichtung nur noch eine Frage der Zeit. Auch wenn es sich um eine sehr kleine Gruppe handelt, die ausbrechen möchte.

Auf der anderen Seite erkennt Akin, dass die Menschen auf sich alleine gestellt nicht überlebensfähig ist. Der Hang zur Selbstvernichtung ist weniger in ihren Genen, als ihren Köpfen verankert. Das ist eine fatalistische, vielleicht auch nihilistische Erkenntnis Octavia Butlers, die aber weniger mit der Zeit des Kalten Kriegs und der schon angesprochenen Idee eines gewinnbaren atomaren Krieges zusammenhängt, sondern eher eine konsequente Extrapolation der menschlichen Geschichte voller Unterdrückung, Leid  und Kriegen darstellt. Der Mensch kann nicht mit dem Menschen, kann aber auch nicht ohne ihn.

Als erster Hybrid Nachkomme der Oankali erkennt Akin auch, dass die Kombination der beiden Rassen eine Notwendigkeit ist, Octavia Butler konzentriert sich bei dieser These auf die menschliche Perspektive, aber im ersten Buch „Dämmerung“ hat die Autorin auch angedeutet, dass die Menschen mit ihrer vielschichtigen genetischen Struktur und dem angesprochenen Hang, Krebs zu entwickeln, eine „süße Versuchung“ für die Genhändler darstellen. Nicht nur, um fette Gewinne mit neuen Genen zwischen den Sternen zu erzielen – dieser Punkt wird von Octavia Butler an keiner Stelle wirklich überzeugend extrapoliert -, sondern weil die Oankali die Möglichkeit sehen, eine eigene Schwäche durch einen neuen genetischen Pool auszumerzen. Auch wenn die Autoren es durch ihre beiden in der dritten Person erzählenden Charaktere Lilith und Akin nicht so ausspricht, besteht aus unterschiedlichen Perspektiven ein gegenseitiges Interesse, eine neue Rasse zu erschaffen.

Ob die Oankali bei anderen außerirdischen Rassen jemals so weit gegangen sind, steht außerhalb der Perspektive dieser drei Romane. Die Möglichkeit besteht, es erscheint allerdings wenig wahrscheinlich, da sich die Gen- Händler in einzelnen Punkten sehr opportunistisch verhalten und nicht wie eine technologisch überlegene Rasse, welche die Assimilation genetisch interessanter „DNA“ schon öfter praktiziert haben.

Am Ende des zweiten Bandes „Rituale“ steht eine erstaunliche Lösung, die Octavia Butler sowohl in der „Patternist“ Serie mit „Clay´s Ark“ als auch den bevorstehenden Parabel Romanen mit dem nicht mehr realisierten Teil „Parable of the Trickster“ ebenfalls in Angriff genommen hat. Die Zukunft der neuen Menschen liegt in der Trennung vom Alten. In den beiden angesprochenen Serien reisen kleine Gruppen zu den Sternen  und besiedeln einen anderen Planeten. In der „Xenogenesis“ Trilogie dürfen  die Abtrünnigen die Erde verlassen; erhalten ihre Zeugungsfähigkeit wieder und werden wie Moses sein Volk ins Gelobte Land führte auf einem anderen unwirtlichen und herausfordernden Planeten abgesetzt, um neu oder noch einmal zu beginnen: dem Mars.

In der Theorie ist es auch eine Niederlage für die Oankali und ein Pyrrhussieg für die Menschen. Die Menschen haben zumindest in der Theorie ihre Freiheit wieder. Die Oankali haben eingesehen, dass die Art ihres genetisch getriebenen Zeugungsprogrammes und die Umstellung der geretteten Menschen auf ihre soziale Dreiklasse mit einem Neutrum in der Mitte gescheitert ist.

Im Vergleich zu den dunklen Untertönen in Octavia Butlers sonstigem Werk kann allerdings auch von einem Erfolg der Menschen gesprochen werden. Wie Dana aus „Vom gleichen Blut“ werden sie auf dem roten Planeten immer ihre Narben mit sich tragen, aber auch erkennen, was Freiheit im ursprünglichen Sinne des Wortes bedeutet.    

       

Am Ende von „Rituale“ spricht Akin von einem genetischen Widerspruch, dem „ ihr ihm nicht entwachsen könnt, ihn nicht zugunsten von Intelligenz überwinden könnt. Das ihr hierarchisches Verhalten selektiert, ob es sollte oder nicht. Dass nicht mal der Mars Herausforderung genug sein wird, um es zu ändern…. Als wenn man intelligente Lebewesen mit dem alleinigen Zweck züchten würde, dass sie sich gegenseitig umbringen“.

„Imago“ schließt die Trilogie ab. Es ist der einzige der drei Romane, der aus der von Octavia Butler gerne genutzten Ich- Perspektive geschrieben worden ist. Die genetisch evolutionären Entwicklungen finden in diesem dritten Band ein vorläufigen Höhepunkt. Akin musste sich in der zweiten Geschichte mit seiner menschlichen Hälfte auseinandersetzen, um anschließend Oankali zu werden und den Menschen eine eigene Perspektive auf dem Mars aus eigener Initiative aufzuzeigen.

In „Imago“ erschließt sich allerdings auch als Coming- of- Age Geschichte das fast vollständige Potential der neuen Mensch- Oankali Hybride. Der Mars rückt vor allem in der ersten Hälfte der Geschichte wieder in den Hintergrund. Jodahs ist der Ich- Erzähler, das erste menschliche Ooloi – das Element, das für die Fortpflanzung benötigt wird, auch wenn sich Jodahs zu Beginn noch als Mann empfindet.   Wie Akin ist Jodahs ein Kind Liliths. Lilith hat in allen drei Büchern ihre Auftritte, allerdings rück sie vom Mittelpunkt der Geschichte im ersten Buch über die suchende Mutter im zweiten Roman noch mehr in den Hintergrund, gibt einige Ratschläge, begleitet den Plot allerdings nicht mehr aktiv.

Der Mars ist inzwischen besiedelt, aber – wie angesprochen – konzentriert sich das erste Drittel des Buches auf Jodahs fortlaufende Metamorphose und die restlichen, als Barbaren auf der Erde lebenden Menschen. Sie überfallen immer wieder Menschen, die zu den Abflughäfen der Shuttles zum Mars aufbrechen. Sie haben inzwischen wieder Gewehre – anscheinend haben die Oankali bei der Renaturierung der Erde keine ganze Arbeit geleistet - , entführen und vergewaltigen Frauen und versuchen in einem sehr eingeschränkten Radius ihre Terrorherrschaft aufrecht zu erhalten. Wenn sie Grenzen verletzen, beginnen die Oankli sie einzufangen, zu betäuben und schließlich wieder unter Drogen gesetzt an Bord ihrer Raumschiffe zu halten. Allerdings beweisen sie in dieser Hinsicht eine erstaunliche Langmut, die nicht den von Octavia Butler im ersten Buch der Trilogie etablierten strengeren Verhaltensregeln der Menschen entspricht. Das wirkt nicht nur auf den ersten Blick konstruiert, ist aber notwendig, um den zwischenmenschlichen Konfrontationen sowie Jodahs Lernprozess den Menschen gegenüber die notwendige Dynamik zu  geben.

Jodah ist ein vielschichtiger Charakter. Auch wenn er äußerlich nicht so erscheint, ist er immer noch ein Kind und die Veränderung seines Körpers noch nicht abgeschlossen. Er hat noch keine vier Arme, welche die Ooloi auszeichnen. Seine Tentakel sind weiterhin bei unsachgemäßer „Anwendung“ für die Menschen tödlich. Auf der anderen Seite wird er förmlich von Menschen angezogen. Octavia Butler hat ja schon zu Beginn der Geschichte etabliert, dass die Menschen auch eine suchterzeugende Wirkung auf die Oankali haben und ihr Krebs für die Außerirdischen eine Art Wundermittel darstellt.

Vieles geht bei den Oankali über Gerüche und Jodah stellt fest, dass sie nicht nur erotisierend, sondern benebelnd wirken. Auf der anderen Seite sind Jodahs Heilkräfte am meisten ausgebildet. Das grenzt teilweise an Wunder und hat nichts mehr mit der Genetik und dem entsprechenden Handel zu tun. Wenn Jodah über Nacht einem Vergewaltigungsopfer die Möglichkeit schenkt, Kinder zu bekommen, in dem er/es ihr zu kleines Becken richtet, während die Frau schläft, dann erscheint das sowohl medizinisch als auch inhaltlich wunderlich bis unmöglich.  Diese Ambivalenz der einzelnen Fähigkeiten ihrer Charaktere zeichnete sich auch schon in der „Patternist“ Serie ab, die ambitionierter, experimenteller und literarisch rauer wirkt. In der „Xenogenesis“ Trilogie ist Octavia Butler die reifere Erzählerin, die mehr Science Fiction als Sense of Wonder präsentiert und deren Konzept auch aufgrund der hintergründigen Mahnungen der Menschheit gegenüber abgerundeter, planvoller erscheint. Allerdings geht sie im medizinischen Bereich teilweise wie in den beschriebenen Szenen fahrlässiger mit Fakten um.

Es sind aber einzelne Szenen, die bei der Lektüre stören. Vielmehr ist es Octavia Butlers Fähigkeit, wirklich fremde Wesen mit einem menschlichen Kern zu entwickeln, welche die Stärke dieser Trilogie, aber vor allem auch des Abschluss Buches unterstreicht.

Durch die Ich- Erzähler Perspektive rückt der Leser sehr nahe an Jodah heran. Fast in seinem Kopf. Das ist wichtig, denn im Gegensatz zu Lilith oder Akin ist Jodah kein Mensch mehr. Er ist auch kein Oankali, sondern gegen seinen Willen bildet er das Dritte, für die Evolution beider Rassen inzwischen unabänderliche, im metaphorischen Sinne radikale Element. 

 Der mittlere Abschnitt des Romans ist mit „Exil“ überschrieben und geht nahtlos wie inhaltlich in das finale Drittel mit dem Titel des Romans über. Wie vieles in Octavia Butlers Werk gibt es hierfür keine eindeutige Erklärung. Das große Exil ist  der Mars, auf dem die Menschen sich frei fortpflanzen können. Das ist in der bisherigen Theorie auf der Erde nicht möglich. An einer Stelle wird erwähnt, dass der Mars seit mindestens 50 Jahren freigegeben worden ist, Diese Jahreszahl entspricht aber nicht dem Alterungs- bzw. Reifeprozess der Protagonisten und selbst Lilith wäre nach dieser Rechnung mindestens 80 Jahre alt, erscheint aber nicht nur aufgrund der genetischen Veränderung der Oankali deutlich jünger und agiler. 

 Allerdings gibt es eine kleine, abgeschieden gelegenen Siedlung, in welcher allerdings schwerstbehinderte menschliche Kinder ohne die Hilfe der Oankali auf die Welt kommen. Insbesondere für Jodahs ein schwerer Schock, der sich auf die Suche nach Menschen gemacht hat, die auf den Mars auswandern wollen. Eine schon lange vor dem Krieg in dieser Gemeinde grassierende genetische Krankheit kann die Ursache sein, dass der erdrückende Schutzschirm der Oankali nicht perfekt ist. Im Laufe des finalen Drittels wird mehrmals impliziert, das die Oanakli im Rahmen ihrer Überwachung ein Auge zugedrückt haben. Anscheinend hofften sie, das die schwersten Behinderungen der Nachkommen in Kombination mit den Geschwüren der Erwachsenen die Menschen zum Aufgaben, zur genetischen Reinigung und schließlich dem Mars treiben. Jodahs ist zumindest an diesem Ort und zu dieser Zeit nur ein eingeschränkter Moses, welcher nicht das rote Meer, sondern den roten Planeten für die Menschen öffnet. 

 Exil kann sich auch auf Jodahs Reise zwischen der ersten Metamorphose und der zweiten, sich ankündigenden Veränderung beziehen. Jodahs macht sich auf eine Reise, um weniger Menschliches zu lernen, sondern seine Fähigkeiten als Heiler zu vervollständigen. Heiler spielen in Octavia Butlers Welt immer eine wichtige Rolle. Anyanwu in „Wilde Saat“, der ältere Arzt und spätere Ehemann der Erzählerin aus den „Parabel“ Romanen; selbst die durch die Zeit gefallene Dana mit ihrer „modernen“ aber laienhaften medizinischen Kenntnissen. Mediziner ist die Octavia Butler immer ein Segen – sie können selbst verbitterten Menschen irgendwie helfen – als auch ein Fluch – sie sind immer die Zielscheibe von Hass und Gewalt – zugleich. Die Welt ist fremdartig und irgendwie vertraut. Octavia Butler konzentriert ihre Handlung auf einen erstaunlich kleinen Raum. Ihre Protagonisten sind mangels Alternativen ausschließlich zu Fuß unterwegs. Daher wäre es auch nicht notwendig gewesen, den Mars zu besiedeln. Australien hätte gereicht, um die Widerständler für Jahrzehnte außer Gefecht zu setzen. Auf dem Weg rettet Jodahs eine Frau, welche die Widerständler in ihrem Dorf gefangen und immer wieder missbraucht, den Oankali gegenüber sogar als Köder benutzt haben.

 Octavia Butler gelingen neben den neuen sexuellen Gemeinschaften aber auch noch einige rührende Szenen. Obwohl sich Jodahs nicht mehr als Mann, sondern schon auf dem Weg zum geschlechtslosen Dritten sieht, erscheint Jodahs seiner Umwelt gegenüber weiterhin „männlich“. Die gequälte Frau will sich von ihm nicht helfen lassen. Das berietet Jodahs fast körperliche Schmerzen, bis es ihm gelingt, das verschreckte Mädchen zu überzeugen. Dabei übt ihr Körper, ihr Geruch auch eine sexuelle Anziehungskraft auf ihn aus. Allerdings ist Jodahs nicht in der Lage, den Akt zu vollziehen

 Jodahs ist aber nicht der einzige Charakter, der eine Metamorphose durchläuft. Aaor ist der zweite, geschlechtslose Oankali- Mensch Hybrid. Seine Metamorphose und vor allem sein potentielle Partnerschaft mit zwei Menschen – weiblich und männlich – verläuft deutlicher schwieriger als bei Oankali, der zwei Menschen für sich gewinnt. Aus ihnen wird eine Menage de Trois, eine wahre Partnerschaft. Die beiden Menschen waren vor der Begegnung mit Jodahs schon ein Paar, er erweitert quasi ihren Horizont. Die Liebesszenen zwischen den Menschen und Oankali werden behutsam beschrieben, scheinen aber bei den Menschen auch eine gewisse Sucht, eine perfekte Erfüllung ihrer inneren Zwänge zu erzeugen. Zwar macht Octavia Butler deutlich, dass der Sex einvernehmlich und zärtlich ist, aber immer wieder sprengt die Amerikanerin sexuelle Grenzen in ihren Romanen, ohne zum perversen Voyeur zu werden. Diese Entwicklung erreicht ihren Höhepunkt in ihrem letzten Roman „Fledgling“, in dem ein Mitgliede einer uralten Rasse im Körper einer Zehnjährigen mit einem deutlich älteren Mann schläft. Hätte ein Mann derartige Passagen geschrieben – siehe Piers Anthonys „Der Baum“ – dann wäre die Entrüstung groß gewesen.

 Aaor braucht Partner wie die Luft zum Atmen. Aus der Ferne beneidet er Jodash, der sich ihm gegenüber sachlich verhälft. Erst gegen Ende lernt Aaor Menschen kennen, die sich ihm nach ihrer Rettung anschließen. Es wirkt fast befremdlich, dass sowohl Jodash als auch Aaor in dem Dorf der Aussätzigen in freier Gemeinschaft leben und aufgrund ihrer heilerischen Fähigkeiten selbst von den dickköpfigsten ewig Gestrigen anerkannt werden.

 Auf der Reise mit einigen wenigen Freiwilligen zum Abflugpunkt der Shuttles durchläuft Jodash eine emotionale wie intellektuell stimulierende Phase. Allerdings konzentriert sich Octavia Butler zu Lasten der Spannung auf die Gruppendynamik und lässt ihre Figuren sehr viel über den unabänderlichen Status Quo – die Oankali werden nicht verschwinden, weil sie die Menschen „schützen“ und gleichzeitig auch genetisch ausbeuten/ formen wollen – diskutieren. Dadurch wirkt „Imago“ trotz seines geringeren Umfangs im Vergleich zu den ersten beiden Büchern deutlich länger und durch die Wiederholungen schon im ersten Buch mit Lilith angesprochener Themen auch weniger originell. Dieser lange Abschnitt wirkt wie das Eingeständnis der Autorin, dass sie vieles über die seltsame Beziehung zwischen Menschen und Oankali schon niedergeschrieben hat, ihr aber das Finale, der nächste evolutionäre Schritt noch nicht ausreichend genug bewusst ist.    

 Auch ihre Rückkehr zur Kultur der Oankali auf den letzten Seiten wirkt ein wenig bemüht. Es gibt keine Szenen, die auf dem Mars spielen. Keinen Beweis, dass die Genhändler wirklich so wohlwollend mit den Menschen hinsichtlich ihres Langzeitplans umgehen. Aus den vorhandenen Aufzeichnungen Octavia Butlers geht allerdings auch klar hervor, dass die diese Serie als Trilogie konzipiert hat. Der Epilog mit der Aussaat für eine neue Stadt – hierauf muss noch eingegangen werden -  und damit einer neuen Ära im Zusammenleben von Mensch und Oankali spricht auch für diese Tatsache. Die galaktischen Genhändler treten in dieser Form nicht mehr auf. Krebs ist weiterhin verführerisch und eine harte Handelswährung, allerdings bewegen sich die Oanakli mit Jodash als Primus Inter Pares der neuen Generation inzwischen sehr selbstsicher medizinisch unter den Menschen. Sogar ein Schuss ins Herz – ein Mensch opfert sich für Jodash – ist nicht mehr tödlich. Octavia Butler deutet an, dass die Zivilisation der Genhändler auf einer engen Verbindung mit lebendiger Materie basiert. Ihre Raumschiffe sind Waben, die neue Räumlichkeit aus dem Nichts erschaffen können. Ihre Shuttle grasen auf den amerikanischen Weiden. Das Bild wirkt fast wie eine Parodie auf zahlreiche dem Technikfetischismus frönende Space Opera, die in den achtziger Jahren wieder populär geworden ist. Aber diese seltsame Mischung aus Implikationen und oberflächlicher Erläuterung lässt die Oankali über ihre sexuelle Dreierkombination hinaus geheimnisvoller, exotischer und damit faszinierender erscheinen als es die Autorin ihren Leser zugestehen und ausführlich beschreiben will.

In doppelter Hinsicht ist die „Xenogenesis“ Geschichte eine Coming-of-Age Geschichte. Die Menschheit sollte in der Theorie lernen, was es heißt, eigenverantwortlich umzugehen. Mit der Natur und sich selbst. Wer es nicht auf die sanfte Art lernen möchte, muss es spüren. Entweder durch ewige Verbannung von der Erde im Tiefschlaf und hartes Arbeiten auf dem unwirtlichen Mars mit der entsprechenden Freiheit. Durch Selbsterkenntnis oder harte Arbeit könnte der Mensch seine sich selbst zerstörenden  Tendenzen ablegen.

 In zweiter Linie sind es die menschlichen Charaktere in ihrer Entwicklung zur nächsten evolutionären Stufe, welche verschiedene Phasen durchlaufen. Lilith steht noch für das Alte, das Menschliche. Sie hat durch den sinnlosen Tod ihres Mannes und ihres Kindes mehr Leid als durch den Krieg erfahren. Sie ist aber den Fremden gegenüber aufgeschlossen und dankbar. Auch wenn die ihr anvertrauten Menschen sie enttäuschen, schenken ihr die Außerirdischen eine Opportunität, die sie selbst niemals gewählt hätte. Natürlich lässt sich drüber diskutieren, ob es sich um eine art Vergewaltigung handelt, aber das passt nicht in den Geist der Geschichte, die Octavia Butler hier erzählen will. Lilith ist gegenüber der kleinen Gruppe von Menschen, die sie auf die Erde vorbereiten soll, Primus Inter Pares. Ihr Sohn Akin ist der erste Schritt zwischen den beiden Rassen, ein Vertreter der Menschen gegenüber den Oankali, der allerdings erkennen muss, das seine Mission im Grunde unmöglich ist. Diese Entwicklung endet erst mit Jodash, Akins „Bruder. Er ist das asexuelle radikale dritte Element, das im Gegensatz zu Akin seine Menschlichkeit lernen muss, um die Oankali zu verstehen. Es ist eine Familiengeschichte, in denen Herzen Probleme von Generationen diskutiert werden. Die Angst vor dem Fremden; die richtige Balance zwischen selbst bestimmter Freiheit und sozialen Umfeld zu finden und schließlich die einmalige Chance, aus der blutigen Vergangenheit zu lernen und noch einmal neu anzufangen. Alles zeitlose, wichtige Themen, die Octavia Butler aus menschlicher Perspektive, aber der strengen Anleitung der neuen „Herrenrasse“ , dem fast erdrückenden Regime der Oankali anspricht und bis zu einem gewissen Grad extrapoliert. Abschließende Antworten werden die Leser in dieser exotischen, teilweise bizarren, aber deutlich stringenter und besser im Vergleich zu den ambivalenten, streckenweise noch improvisiert wirkenden „Patternist“ Romanen nicht finden. Aber wie Jodash am Ende aussät, hofft Octavia Butler, dass ihre Geschichte eine Seite in den Menschen berührt und sie über die allgegenwärtigen Vorurteile allem Fremden gegenüber hinwegsehen lässt.  

Xenogenesis: Das große Zukunftsepos

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag; Neuausgabe Edition (10. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 976 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453322282
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453322288
  • Originaltitel ‏ : ‎ Xenogenesis