Friedrich Thieme – 1862 bis 1945 – ist in der Zeit zwischen 1893 bis vor dem Zweiten Weltkrieg ein populärer Schriftsteller in vielen Genres von der Humoreske über den Krimi bis zur abenteuerlichen Science Fiction gewesen. Die Zeit hat sein Werk vergessen, auch wenn er mit drei Veröffentlichungen innerhalb der letzten zehn Jahre in Kleinverlagen eine kleine Wiederauferstehung feiert. 2017 legte der Synergen Verlag seine abenteuerliche Utopie „Im Meer der Ychtiosaurier“ erstmals in Buchform , nachdem die Geschichte ursprünglich 1922 als Zeitschriften Fortsetzungsroman veröffentlicht worden ist. Robert N. Bloch legt mit „Das lebende Bild“ drei phantastischen Kurzgeschichten als Privatdruck vor und im Rahmen seiner Krimimuseum Editon druckt Mirko Schädel als Band 19 zwei klassische Krimis und diese oben genannte utopisch- abenteuerliche Kriminalgeschichte nach.
Thime wuchs in der Nähe von Leipzig auf, machte in Erfurt eine kaufmännische Ausbildung und wandte sich anschließend der Journalistik zu. Ab Herbst 1893 arbeitete er als freier Schriftsteller und Journalist. Er nutzt eine Vielzahl von Pseudonymen wie F. Clemens und H. Römer. Einige seiner Bücher wurden auch ins Ausland übersetzt.
Mirko Schädel geht mit „Ein Millionendiebstahl des zwanzigsten Jahrhunderts“ weniger als Kriminalabenteuergeschichte, denn als Science Fiction Version hart, vielleicht zu hart ins Gericht. Der Text wird trotz seiner Kürze an einigen Stellen von einem fiktiven Informationsfluss förmlich erdrückt. Das Finale findet auf der Weltausstellung, natürlich in Berlin statt, wo nicht nur ein neuer Friedensvertrag zwischen den Nationen geschlossen, sondern zwischen vier herausragende Forscher in den Bereich Technik über Medizin bis zum Explorer einer mit einem besonderen Preis ausgezeichnet werden soll. Nicht nur in dieser Sequenz schwelgt Thieme förmlich vor Superlativen.
Gleich zu Beginn präsentiert er die von Mirko Schädel kritisierten Erfindungen. So gibt es Nachrichtensäulen – am Times Square findet sich das Nachrichtenband unter anderem mit Börsenkursen auch noch heute – auf welche mittels Fernschreibern die neusten Nachrichten übertragen werden. Wer Geld hat, kann sich alle Nachrichten direkt ins Haus schicken lassen. Dieser Service ist schneller als die vielen Zeitungen, die mehrmals täglich gedruckt werden. Ein einzelner Mensch reicht inzwischen, um mittels Maschinen die Texte gleich druckreif schreiben und anschließend vervielfältigen zu können. Damit hat Friedrich Thieme den heutigen Produktionsmethoden vorgegriffen.
In Hinblick auf die reine Technik scheut Friedrich Thieme mit seiner 1899 entstandenen Geschichte noch die kommerzielle Luftfahrt. Die Eisenbahn und der Heißluftballon sind Transportmittel für die Menschen, auch wenn während des Finals ein besonderes experimentelles Flugzeug eingesetzt wird. Die Heißluftballons können schon mit einem nicht entzündlichen Gas betrieben werden. Helium war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfunden.
Höhepunkt seiner Geschichte ist sicherlich die gigantische Aluminiumbrücke zwischen der Alten und der Neuen Welt. Neu- Atlantis ist dabei eine Art künstliche Insel in der Tradition der Idee Jules Vernes, welche den Reisenden einen angenehmen Zwischenstopp ermöglicht und die mit verschiedenen nationalen Vierteln, den Hotels, den Spielcasinos und den gigantischen Anlegern für die Versorgungsschiffe mehr und mehr gewachsen ist. Vierzehn Jahre später sollte Bernhard Kellermann ja den Atlantik unterirdisch unterqueren und beide Vorhaben entsprechen der ein wenig naiven Vorstellung des grenzenlosen, in beiden Fällen vom ausländischen Kapiteln angetriebenen, aber mit deutscher Ingenieurskunst entwickelten technologischen Fortschritts. Beide Vorhaben funktionieren in diesen Dimension nur auf dem Papier. Sie dienen aber als perfekter Hintergrund.
Die Kriminalgeschichte geht bei den ganzen Hintergrundbeschreibungen fast unter. In der Bank von Neu Atlantis liegt eine Millionen Mark. Die Summe ist eingesammelt worden, um die neue Anleihe der Gesellschaft zeichnen zu können. Abends kontrollieren ein Kassierer und sein Helfer den Kassenbestand und verschicken anschließend das Geld. Die Kassenräume sind ungefähr eine Stunde nach Schließung dann wieder vom Geld befreit. In dieser Stunde sind zwei Männer durch die zum Kundenverkehr geschlossene Tür eingedrungen, haben den Kassierer ermordet und seinen Helfer gefesselt zurückgelassen. Sie sind spurlos mit der Beute verschwunden.
Inspektor Emmrich ist ein deutscher Spezialbeamter, der gerade eine gefährliche Mission in Deutsch- China (auf die Kolonialpolitik Thieme muss noch eingegangen werden) beendet hat. Er wird umgehend nach Neu Atlantis geschickt. Schnell ist er der Meinung, dass es sich teilweise um einen Insiderjob handelt. Er beauftragt einen Spezialisten, die Verdächtigen zu verhören. Im Gegensatz zu den Kognitiven in Dicks „Minority Report“ handelt es sich um keine Telepathen, aber die ausgebildeten Spezialisten können an Hand der Körperreaktionen auf bestimmte Fragen feststellen, ob ein Mensch lügt oder nicht. Das Titelbild dieses kleinen Bändchens bildet einen dieser Männer mit seinem seltsamen Instrument bei der Arbeit fast treffend ab. Schnell stellt dieser Spezialist fest, wer der mögliche Verdächtige ist. Das reicht allerdings nicht zu einer Verurteilung, so dass Emmrich anschließend den Spuren des Verdächtigen und seinen Komplizen von Neu- Atlantis auch ein wenig der modernen Nachrichtenübermittlung und dem Zufall folgend bis zur Weltausstellung nach Berlin folgen muss.
Der Krimi ist erstaunlich geradlinig erzählt und Emmrich braucht nach dem Stochern im metaphorischen Wespennest nur den Hinweisen folgen, um den Verdächtigen auf die Spur zu kommen. In Berlin handelt er ein wenig naiv und die Festnahme gestaltet sich zu einer frühen cineastisch angelegten Jagd am Boden, durch die Luft und schließlich unter Wasser. Ganz klar ist allerdings nicht, warum die Verbrecher diesen spektakulären Weg genommen haben. Es wäre viel leichter gewesen, irgendwo unterwegs unterzutauchen und sich nicht in Berlin aufzuhalten. Aber diese kleinen konstruktiven Fehler lenken nur bedingt von der zum Finale hin immer rasanter werdenden Lektüre ab. Emmrich ist nicht nur ein erfahrener Inspektor, er ist auch ein Mann der Tat, der Leib und Leben einsetzt, um die Verbrecher schließlich zu fangen.
Politisch trägt die Geschichte allerdings den Stempel der kaiserlichen Großmannssucht. Auch wenn fast einhundert Nationen in Berlin einen Friedensvertrag erneuern und zwischen dem Jahr 1900 und dem Jahr der Handlung (2000) ein großer Krieg die Erkenntnis gebracht hat, das die Folgen schrecklicher als die Pyrrhussiege sind, gibt es weiterhin Kolonien. Und was für Kolonien, denn das Deutsche Reich hat prozentual einen gewaltigen Anteil an China, wobei sie natürlich die aussichtsreichsten Gebiete unter Kontrolle haben. Angesichts der Realität der deutschen Kolonialpolitik im Jahr 1900 eine wahre utopische wie naive Aussicht.
Generell liest sich „Ein Millionendiebstahl des zwanzigsten Jahrhunderts“ nicht so statisch oder konstruiert wie es Mirko Schädel in seinem Nachwort Glauben macht. Die utopischen Ideen sind weder naiver noch progressiver als bei anderen utopischen Autoren dieser Zeit. Der Plot ist stringent, wird allerdings immer wieder durch die angesprochenen technischen wie sozial- politischen Exkurse unterbrochen, so dass ein fließender Handlungsstrom nur nach der Ankunft Emmrichs auf Neu- Atlantis und während des mehrfach angesprochenen sehr dynamischen Finals aufkommt.
Die dritte Story dieser kleinen Anthologie „Die Flucht ins Gebirge“ hat vor einem gegenwärtigen Hintergrund eine mit „Ein Millionendiebstahl des zwanzigsten Jahrhunderts“ vergleichbare Ausgangsbasis. Ein junger Bänker sammelt Geld für die Fälligkeit einer Anleihe ein. Fast über Nacht verschwindet das Geld aus dem Tresor. Es handelt sich ebenfalls um einen Insiderjob. Der Tatverdächtige – der Kassierer Naure – ist schnell auf seiner Flucht gefasst. Allerdings gibt es keine Spur von der Beute und die Zeit drängt. Der Staatsanwalt heuert einen Mann für die besonderen Fälle an. Der Detektiv Picon versucht auf unterschiedlichen Wegen, aus dem Verdächtigen das Versteck der Beute herauszuholen. Immer wieder muss er seinen Plan anpassen, da Naure auf klassische Polizeiverhörmethoden und selbst Strafmilderung angesichts der großen erbeuteten Summe nicht reagiert. Picon lässt sich mit Naure in eine Zelle im Gefängnis als Mithäftling einschließen. Er versucht, dessen Vertrauen zu gewinnen. Als dieser Plan nicht funktioniert, bleibt nur die im Titel schon prophezeite „Flucht ins Gebirge“.
Sowohl von der inneren Struktur als auch den Dialogen, den verschiedenen Wendungen und dem psychologisch geschickt beschriebenen Katze- und Maus Spiel ist die dritte Geschichte dieser Anthologie die beste. Die Charaktere werden kurz und prägnant beschrieben. Friedrich Thieme verzichtet bis auf das theatralische Beiwerk des um seinen Ruf und seine wirtschaftliche Existenz kontinuierlich bangenden Bänkers auf ausschweifende Beschreibungen konzentriert sich auf die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere. Immer wieder muss Picon improvisierend seinen Plan anpassen und gleich aufpassen, dass seine Tarnung nicht auffliegt. Trotz der gemeinsamen Flucht – finanziert von Picons angeblicher Frau und mit einer ins Gefängnis geschmuggelten Feile umgesetzt – misstraut Naure Picon. In der Presse stand, wie viel Geld er erbeutet hat und das weckt natürlich Neider. Picons eigentliche Intention kennt Naure bis zum Finale in einer heruntergekommenen Bergschenke mit der sich im Mondlicht anschleichenden Polizei nicht.
Friedrich Thieme versucht sowohl die Flucht als auch die Auseinandersetzung zweier sich gegenseitiger belauernder Mauer, die an Schlafmangel leiden, überzeugend zu beschreiben. Es sind viele kleine Szenen, welche den Reiz dieser Geschichte ausmachen. Das Anschleichen an Naure in der Nacht; der gemeinsame Weg die steilen Bergpfade entlang, von denen sie sich gegenseitig stürzen könnten und schließlich die finale Dramatik in dem kleinen Zimmer in der Bergschänke. Dabei ist sich der Leser bis in die Mitte der Geschichte nicht mal sicher, ob der sich naiv und unschuldig gebende Naure wirklich der Täter ist oder eine dritte Kraft aus dem Nichts von Friedrich Thieme heraufbeschworen wird. In der zweiten Hälfte konzentriert sich der Autor auf das Mit und natürlich Gegeneinander der beiden Protagonisten, die Fronten sind geklärt.
Auch wenn das Finale auf den ersten Blick weniger dramatisch ist als bei den anderen beiden Geschichten, präsentiert der Autor ein konsequentes Ende mit einem noch einmal seine Gesundheit, wenn nicht sein lebenden riskierenden Picon, der nicht nur im metaphorischen Sinne nicht loslassen kann.
Die längste, zweite Geschichte der Sammlung „Unter der Erde“ ist auch kein klassischer Kriminalfall, sondern wirkt wie eine Mischung aus Alexandre Dumas und reiner Romantik. Der in Andorra sich aufhaltende Diedier Antonie erhält in Andorra einen Brief von einem ehemaligen Bergmann, der sich inzwischen neue Arbeit sucht. In einer verlassenen Miene in eher schwer zugänglichen Gelände sollen sich seltene Gesteinsformationen befinden. Antonie macht sich auf die Reise, allerdings will ihm niemand in der Gebirgswelt zu der Miene als Führer dienen. Angeblich hausen da Geister. So macht sich der mutige Geologe alleine auf den Weg, um die in mehr als zweihundert Meter der Erde befindlichen labyrinthischen Gänge zu untersuchen. Am Ende des ersten Tages während seiner Rückkehr stellt er fest, dass ein Teil der Leiter abgebrochen auf dem Boden der Höhle liegt. Zuerst glaubt er an ein Unglück, dann wird ihm aufgezeigt, dass er Mittelpunkt eines perfiden Plans ist.
Friedrich Thieme konzentriert sich vor allem in den ersten Zweidritteln der Geschichte auf einen ausgesprochen stringenten Plot. Diedier Antonie ist in einer auswegslosen Situation, er ist das Opfer der Tat eines Verrückten. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, wobei der Autor deutlich macht, dass es in Antonies Vergangenheit wirklich keine dunklen Schatten gibt und die Rache per se logisch betrachtet absurd ist.
Da der einzige ihm bislang bekannte Ausweg versperrt ist, macht sich Diedier Antonie mit kargen Vorräten, nur Brandwein in seiner Wasserflasche und einem beschränkten Vorrat an brennbarer Flüssigkeit in dem dunklen, kaum durchlüfteten Höhlenlabyrinth auf die Suche nach einem zweiten Ausgang. Dem Autoren gelingen eine Reihe von spannenden Szenen und Thieme hat sich mit dieser besonderen Art des Lebendig Begraben Seins intensiv auseinandergesetzt.
Im letzten Drittel weitet der Autor die Handlung aus. Die Story wird nicht mehr alleine aus Antonies Perspektive erzählt. Zwei weitere Spannungsbögen bilden sich aus, die allerdings alle gegen Ende der Geschichte mit der Tat zutun haben. Diese beiden Handlungsbögen sind von unterschiedlicher Qualität. Ohne zu viel zu verraten, ist die Höhle bei weitem nicht so isoliert und in sich geschlossen wie es der psychopathische Täter gerne hätte. Diedier Antonies Funde wirken in der Stringenz der Handlung ein wenig klischeeartig, schenken aber seinem Protagonisten trotz weiterer Unbilden auch die Chance, das Attentat zu überleben.
An der Oberfläche sammeln sich einige Charaktere, die jeweils über die Schatten der eigenen Familie bzw. der Angst springen müssen, damit sie effektiv helfen können. Das Ende der Story ist vielleicht ein wenig zu glatt. Auch um das zweite Happy End kommt der Leser nicht herum, es scheint sich irgendwie mit der ersten Begegnung eines feschen, bis dahin aber wenig erfolgreichen Offiziers auf der Suche nach Schmugglern und einem armen, von dem Alkoholkranken Vater misshandelten Mädchen abzuzeichnen.
Aber der mittlere Abschnitt mit einer falschen Rache wegen der eigenen Unzulänglichkeiten aus der tiefsten Vergangenheit; der immer verzweifelter werdenden Suche nach einem Ausweg aus der Miene unter der Erde und Antonies Versuch, trotz seiner Angst logisch und überlegt zu handeln, ist ungemein spannend niedergeschrieben und fesselt die Leser wie vor mehr als einhundertzwanzig Jahren immer noch.
Auch wenn die utopische Story „Ein Millionendiebstahls des zwanzigsten Jahrhunderts“ unter dem technischen Ballast, der Deutschtümmelei und vor allem den immer wieder die Handlung stoppenden ausschweifenden Erklärungen leidet, gehört der Text zu den wenigen utopischen Geschichten der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die sich effektiv mit dem Kriminalgenre verbinden. Die beiden anderen Storys dieser Sammlung sind deutlich spannender aufgebaut, basieren auf einer mehr nuancierten Zeichnung der Protagonisten und konzentrieren sich im Grunde entweder psychopathischen Rächer – „Unter der Erde“ – oder den aus dem Affekt handelnden, dann seine Tat leugnenden und schließlich der eigenen Gier erlegenen Kassierer, denen einmal ein unschuldiger Geologe verzweifelt um sein Leben kämpfend und mit dem Detektiv Picon ein vielschichtiger, instinktiv handelnder französischer Kommissar gegenüberstehen. Beide Texte lassen sich auch heute noch stringent und spannend lesen.
Wie Robert Kraft scheint Friedrich Thiemes Spielplatz eher die ganze Welt, als nur die eigene Heimat zu sein. Auch wenn die ersten Geschichte teilweise die Berliner Weltausstellung streift, ist der fiktive Schauplatz der Handlung Neu- Atlantis. „Unter der Erde“ spielt in Andorra, einem kleinen Fleckchen Erde, das die meisten Leser der damaligen Zeit höchstens vom Hörensagen kennen und „Die Flucht ins Gebirge“ in Frankreich bzw. der Grenzregion zur Schweiz.

