Als 22. Band der Herbert W. Franke Werksausgabe legt p.machinery mit dem 1988 das erste Mal im Suhrkamp Verlag veröffentlichten Roman „Hiobs Stern“ einen ungewöhnliche und doch für das Spätwerk des Österreichers aus so typischen Roman vor. Das Buch ist bislang nur ein zweites Mal als E- Book im Heyne Verlag publizierten worden. Robert Hahn geht in seinem informativen Nachwort auf die Stellung des Werkes im Rahmen des Schaffens Herbert W. Frankes genauso ein wie den Zeitgeist, der in die wenig emotionale, kalte Zukunft übertragen zwischen den Zeilen mitschwingt.
„Wer kann den Frieden einschätzen, wenn es den Krieg nicht mehr gibt? Erst das Böse fordert uns heraus, das Gute zu verteidigen“ so spricht der Unternehmer der ersten Stunde Edvardsson zu Jonas, dem Spezialagenten auf einer schizophrenen Mission. (Seite 157). Das Gegenüberstellenden von Kontrasten und daraus abgeleitet eine Reihe von Entschuldigungen, Manipulationen und schließlich die Einhaltung der rein kapitalistischen und doch an den Sozialismus erinnernden Pläne sind Korsettstangen dieser im Grunde stringenten Geschichte.
Robert Hahn hat in seinem Nachwort recht und irgendwie auch Unrecht. Fasst der Leser den Roman in wenigen Sätzen zusammen, dann steht er aus dieser Perspektive stellvertretend für den Space Operas des Golden Age. Ein Rebell wehrt sich gegen das System; ein Spezialagent wird ausgeschickt; die Menschheit befindet sich weiter auf einem Expansionskurs und muss immer wieder gegen Außerirdische kämpfen. Der nach außen getragene Krieg gegen die Anderen bedeutet eine Art inneren Frieden im Inneren (der Menschheit). Und doch ist alles nur eine weitere Illusion, eine Manipulation, wie sie der Leser vor allem in dieser Detailgenauigkeit vor allem bei Philip K. Dick immer wieder gesehen hat.
Im Mittel der Geschichte stehen zwei Männer. Wahrscheinlich sind es nur zwei Männer, während des Epilogs impliziert Herbert W. Franke, dass es auch die Auseinandersetzung eines Mannes – Hiob – gegen unzählige Abgesagte des Regimes – wahrscheinlich Klone, vielleicht auch basierend auf Hiobs genetischem Code – sein kann. Die Grenzen verschwimmen.
Hiob stammt aus eher gehobenen Verhältnissen. Seine Familie ist auf eine paradiesische Welt ausgewandert, auf einem anderen Planeten haben sie eine Insel gekauft, deren Größe Hawaii nahe kommt. Hier haben sie ihre Sommerurlaube verbracht. Aber die Menschheit kann sich keine Paradiese mehr leisten. Die Ökologie der Erde ist zusammengebrochen (ein gängiges Thema bei Herbert W. Franke), vieles wird nur noch über Frühformen der virtuellen Realität gesteuert und entgegen den populären Thesen des „Club of Romen“ kann der klassische Kapitalismus nicht nur seine Kinder – die Politiker – fressen, sondern dank der Weiten des Universums und unzähliger neuer Welten sich konsequent ausbreiten. Inzwischen bedarf es nicht mehr neuer Märkte, die Nachfrage scheint wie ein Perpetuum Mobile sich selbst anzutreiben. Die Konglomerate hinterlassen ihren ökologischen Fußabdruck oder besser Fusstritt auf vielen Welten und angesichts der politischen Manipulation der Massen sehen es die durchschnittlichen Menschen auch als einzige Möglichkeit an, den Luxus, den Status Quo zu erhalten. Zwischendurch werden renitente Siedler oder Außerirdische einfach vom Militär beseitigt. Ein Ende ist nicht abzusehen.
Diesem rücksichtslosen Streben nach außen tritt Hiob mit seiner geheimnisvollen Basis auf Hiobs Stern – Die Entlarvung von Hiobs Stern ist nicht nur eine der schönsten Szenen des Buches, sondern auch ein Wendepunkt im Leben seines ewigen Widersachers Jonas – entgegen. Er ist einer der ersten Ökoterroristen, ein Rainbow Warrior im wahrsten Sinne des Wortes, der mit spektakulären terroristischen Aktionen auf sich und seine Botschaft von einem konsequenten Erhalt der Natur da draußen aufmerksam macht.
Die Erde entsendet einen Mann für besondere Mission: Jonas Crueger, ein Agent der Erdregierung C.O.R.E. Diese Form der Abkürzung ist besonders im Geheimagenten Genre der sechziger Jahre populär gewesen. Von amerikanischen Fernsehserien bis zu den italienischen Plagiaten kam es drauf an, den Eindruck zu erwecken, besser als James Bond zu sein. Auf eine derartig plakative Struktur verzichtet Herbert W. Franke, auch wenn ausgerechnet die Berichterstattung der Erdmedien genau diesen Eindruck hinterlassen will.
„Hiobs Stern“ ist nicht chronologisch erzählt. Der Roman ist in drei Teile aufgespalten. Zwei Handlungsebenen laufen aufeinander zu. Jonas Cruegers Erinnerungen an die verschiedenen Einsätze gegen Hiob; die Gefangennahme und den Rücktransport zur Erde, dessen spektakuläre Flucht mittels einer schönen, im Grunde bodenständigen Frau bilden die erste Säule des Romans. In der Gegenwart erkennt Jonas Crueger auch durch die Manipulation seiner Gesundheit als Agent im Ruhestand, dass er auch nur benutzt worden ist. Naiv, euphorisch, überambitioniert hat er sich vor den Karren der Propaganda spannen lassen und Hiob zu seinem persönlichen Feindbild gemacht. Die einzige Möglichkeit, in der Gegenwart zwischen „Realität“ und virtueller, politisch aufgezwungener Manipulation zu unterscheiden, wäre es, Hiobs Weg zu einem antiquierten Gefängnisplaneten ganz weit draußen zu folgen und mit seinem „Feind“ ein direktes Gespräch zu führen.
Bevor sich ein Leser mit der Action; der sprunghaften und doch stringent erzählten Handlung auseinandersetzt, muss er sich wie Jonas Crueger (wieder) in dieser technokratisch sterilen Welt des Jahres 3000 orientieren. Jonas Crueger lebt inzwischen mit einer Angepassten, einer Art Klon in einem schönen Appartement. Es geht ihm gut. Dank einer komplexen Überwachung, virtuellen Realitäten und schließlich auch einer komplizierten Infrastruktur lebt er in einer Art Wabe, hierarchisch dank seiner Dienste für das Erdregierung sehr weit, aber nicht ganz oben. Er fühlt sich alt, sein Gedächtnis scheint zu schwinden. Sind die Abenteuer auf der Jagd nach Hiob tatsächlich so gewesen? Zweifel verbreiten sich in ihm, seine Erinnerungen verschwimmen und ein Mann, der ihm einen Gefallen schuldet, offenbart die Wahrheit. Seine Alzheimer Erkrankung ist künstlich in ihm ausgelöst worden. Wie Hiob ist Jonas aufgrund seiner Stellung; seines Status als Held zu einer ambivalenten Gefahr geworden. Millionen von Menschen haben seine Kämpfe gegen Hiob; seine Jagd auf den Mann ohne Furcht in den TV Shows und Filmen verfolgt. Einige dieser Verfolgungsjagden wurden live aufgezeichnet. Ein Aspekt, der dem jungen Jonas Crueger entgangen; dem alten Jonas Crueger aber auffällt. Vielleicht ist er auch nur die andere Seite der Münze, der Held, den ein Schurke braucht, um charismatisch die Massen zu begeistern. Auch wenn Hiob nur wenige Aufträge in der ersten Hälfte des Buches hat, ist er allgegenwärtiger und präsenter als der langweilig, eindimensional wirkende Jonas Crueger, der sich ein wenig in seiner komfortablen Situation sogar bemitleidet.
Auffällig ist, dass es in diesem Buch Hiob nicht ohne Jonas Crueger gibt. Bei allen Auftritten ist der Erdagent dabei. Beseelt von seiner Mission, Hiob vor Gericht auf der Erde zu stellen und zu bestrafen (nach einem fairen Prozess, was angesichts der Macht der Konzerne schon absurd erscheint) merkt Jonas Crueger erst mit deutlicher Verzögerung, dass es Hiob ist, der ihm immer wieder hilft. Mehrmals rettet Hiob ihm das Leben; nutzt die Chance nicht, den Erdagenten auszuschalten oder zu töten, wenn dieser hilflos ist.
In einer archaisch wirkenden Sequenz – Trivia Fernsehen lässt grüßen – fallen Hiob und Jonas in die Hand von Raumpiraten. Sie werden mit den anderen Besatzungsmitgliedern ihres Raumschiffes von den Meuterern entführt. Große Hunde halten sie in einer fast absurd wirkenden Sequenz unter Kontrolle. Auf einem herausfordernden Planeten sollen sie eine besondere Droge ernten. In der letzten Nacht gelingt die gemeinsam geplante Flucht. Allerdings haben auch die Piraten noch einen letzten Pfeil im Köcher.
In einer anderen Sequenz kann der hilflose Hiob fliehen, weil eine „normale“ Angepasste, die Bordärztin Jonas eine Droge gibt. Hiob lässt sich an Bord eines Sarges ins All schießen, normalerweise werden dort nur die Toten beerdigt. Jonas folgt ihm in einer weiteren, in der Zusammenfassung komischen Szene in einem weiteren Sarg, aber auch einer Boje.
Am Ende dieser Abfolge von spannend geschriebenen, aber surreal wirkenden Szenen gewinnt der Gute und verliert das Böse. Hiob ist im Gefängnis, wird vor Gericht gestellt und Jonas Crueger hat seinen Auftrag beendet.
Es ist typisch für Franke, dass mit dem „Ende“ seine Geschichte eigentlich erst beginnt. Jonas Crueger beginnt das ganze Konstrukt, seine eigene Mission und vor allem seine Stellung im System genauso zu hinterfragen wie er die Position des Rebellen in Zweifel zieht, die in erste Linie durch die politischen Meldungen von seinen Gräueltaten und seinem brutalen Vorgehen „erschaffen“ worden ist. Es ist der Verrat des Systems an einem ihrer treusten Diener, welcher die Widersprüchlichkeiten aufdeckt und eine gänzlich andere Art von Bewegung in Gang setzt.
Jonas Crueger begibt sich auf seine eigene Reise. Sie führt ihn schließlich in das marode Innere des Systems, zu einem Herren der Macht, der ihm die Augen öffnet. Vieles wird der Leser aus anderen Büchern kennen. Franke extrapoliert eher als das er neue erfindet. Für Diktaturen typisch wird ein Feind benötigt. Hiob als Synonym, als Symbol ist dieser Feind. Mit der Gefangennahme und Integration Hiobs in das System – eine der ernüchternden Szenen des Romans - dehnt sich ein Vakuum aus. Die Evolution frisst ihre Kinder, weil es die Revolution, die progressive Gegenbewegung nicht mehr gibt. Jonas Crueger erkennt, welche Rolle er in diesem System übernehmen muss. Er sträubt sich dagegen, aber wie Hiob wird er schließlich ein wenig fatalistisch, aber auch optimistisch zu einem neuen Rädchen. Aber vielleicht ist Jonas Crueger auch immer diese gegen laufende Rädchen gewesen? Vielleicht hat er es nur nicht gewusst.
Frankes Kritik geht weit über Politik und den reinen Kapitalismus hinaus. Die Medien sind genauso in das Spiel mit einbezogen wie die Beamten, die Verwalter des im Sterben befindlichen Status Quo. Es sind drei Handelszonen, welche die Menschheit vorantreiben. Die sich in der Theorie gegenseitig Konkurrenz machen. Im Grunde ist es eine lange Bewegung der kapitalistischen Lemminge auf den Abgrund zu. Alleine die zahlreichen bewohnbaren Welten im All, erreichbar durch jahrzehntelange Raumflüge, mit den Besatzungen in der Stasis gefangen, haben den metaphorischen Sturz über die Klippe aufgeschoben. Sie werden ihn aber nicht aufhalten können.
Herbert W. Franke verweigert nicht selten in seinen mehr als zwei Dutzend Romanen abschließende Antworten. Im Vergleich zu einigen anderen offenen Ende seiner Romane endet „Hiobs Stern“ sogar erstaunlich optimistisch. Lange vor Alan Moores „V for Vendetta“ ist klar, dass die Regierungen ihre Bürger – nicht alle, es kommt mehr auf die Spitze denn die Breite an – fürchten müssen. Furcht bedeutet aber in Frankes Welt nicht selten Unterdrückung. Die Ordnung, die unmenschliche systematische Kontrolle muss unter allen Umständen erhalten werden. Hiob per se ist das radikale Element, dass das System gleichzeitig erhält und in einer Inkarnation auch stürzen kann.
Hinzu kommen ökologische Themen. Der grenzenlose Fortschritt dient als eine Art Selbstbeweihräucherung. Man muss die vorgefundene Natur zerstören, um dem Kapitalismus das Tor zu öffnen. Anschließend rekultiviert man die Natur auf eine gänzlich andere, künstliche Art und Weise wieder. Eine schizophrene Einstellung voller Halbwahrheiten, wenn nicht sogar Lügen. Herbert W. Franke extrapoliert diese Ideen. Der blaue Welt ist inzwischen eine nicht mehr lebenswerte technische Hölle aus Stahl, verschmutzter Luft, unter den Kuppeln lebenden Menschen und den verschiedenen Klassen, die Autoren wie H.G. Wells oder Filmemacher wie Fritz Lang schon prophetisch symbolisch in ihren Molochen vegetieren ließen. In dieser Hinsicht ist „Hiobs Stern“ im Grunde nur eine Zusammenfassung vieler Genrethemen, die sich seit Jahrzehnten durch die sozialkritische Science Fiction ziehen. Aber dank des Ökokriegers Hiob, seiner intelligenten Vorgehensweise und vor allem dem Mythos von Hiobs Stern als Keim einer neuer Rebellion ist der vorliegende Roman Frankes deutlich zeitloser, lebendiger, lesenswerter und vor allem angesichts der paranoiden Persönlichkeitswechsel einigen Arbeiten Philip K. Dicks auf die komprimierte Franke Art und Weise ebenbürtig. Hiob ist nicht Jonas Crueger, auch wenn Franke am Ende in einer fast kitschigen Szene diesen Eindruck erweckt. Aber Jonas Crueger kann jederzeit Hiob sein, wie das Ende einer langen „Lüge“ verdeutlich. Die Grenzen zwischen den beiden sich im Wesen ähnlichen Männern verschwimmen schon in den langen Rückblenden, in der Gegenwart sind sie gänzlich verschwunden. Das gibt der Menschheit Kraft und Hoffnung. Und das ist für einen Herbert W. Franke Roman außergewöhnlich ungewöhnlich.

Herbert W. Franke
HIOBS STERN
Science-Fiction-Roman
SF-Werkausgabe Herbert W. Franke, Band 22
hrsg. von Hans Esselborn und Susanne Päch
AndroSF 106
p.machinery, Winnert, April 2024, 180 Seiten
Paperback: ISBN 978 3 95765 384 0 – EUR 17,90 (DE)
Hardcover: ISBN 978 3 95765 385 7 – EUR 30,90 (DE)
