Immer wieder wird „Severins Gang in die Finsternis“ als Prager Gespensterroman tituliert. Das ist richtig und aus dem Blickwinkel eines Phantasten falsch zugleich. Es gibt keine Gespenster in der eigentlichen Definition des Wortes in dieser Geschichte. Es gibt den Verfall eines bürgerlichen Langweilers, der mehr und mehr den Frauen und damit seinen Gelüsten verfällt. In dem posthum veröffentlichten Roman „Blaugast“ – hier sprechen viele Verlage von einer Geschichte aus dem alten Prag – ist dieser moralisch- sittliche Verfall noch deutlicher und die Bezüge zu Heinrich Manns satirischer Groteske noch prägnanter. Auch hier verfällt ein Mann aus der bürgerlichen Mitte – ein kleiner Angestellter und kein Professor wie bei Heinrich Mann – einer Prostituierten, die mehr und mehr seine emotionalen Defizite und vor allem seine devote Art und Weise ausnutzt. „Serverins Gang in die Finsternis“ ist 1914 – also wahrscheinlich gute zwanzig Jahre vor „Blaugast“ – am Vorabend des Ersten Weltkriegs entstanden, welcher ganze Epochen wegfegte. In dieser Hinsicht ist es der Blick zurück, in eine vertraute wie gespenstische Vergangenheit. Eine kleine Epoche im Goldenen Prag zwischen 1896 und 1906, als gesellschaftlich, literarisch und sozial vieles, aber nicht alles in der Stadt an der Moldau möglich gewesen ist.
Der 1878 in Prag geborene Paul Leppin stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie, die mehr schlecht als recht nach ihrer Auswanderung aus Friedland nach Prag zurechtgekommen ist. Leppin legte zwar die Matura ab, konnte aber im direkten Vergleich zu seinen Mitschülern nicht studieren und trat wie Severin oder Blaugast in den Staatsdienst ein. Er arbeitete bis zu seiner Frühpensionierung im Rechnungswesen. Die Langeweile seiner Arbeitstage ersetzte er durch Ausflüge in die Prager Boheme.
Triumph und Tragödie zeichnen Paul Leppins literarisches Leben aus. Nach den ersten Geschichten; dem 1901 veröffentlichten "Türen des Lebens“ folgte ein Gedichtband, anschließend „Daniel Jesus“, mit dem er auch in Prag für Aufmerksamkeit sorgte. Paul Leppin gehörte zum kleinen Kreis um Alexander Moissi, den kurze Zeit später an den Starnberger See ziehenden Gustav Meyrink oder Richard Dehmel an. Paul Leppin gründete mehrere Literaturzeitschriften und provozierte umgehend in seinen Vorwörtern die deutschstämmigen Literaten, die noch in Prag wohnten. Viele waren es nach dem Wegzug von Meyrink oder Rilke nicht mehr, der ihm aber freundschaftlich und mit eingesandten Arbeiten verbunden blieb.
Danach allerdings platzte eine Gesamtveröffentlichung seiner Kurzwerke, das Stück „Der blaue Zirkus“ konnte an der Lessing Bühne nicht gespielt werden, weil man keine Hauptdarstellerin fand und mit dem Niedergang Prags in Folge des Ersten Weltkriegs verlor Paul Leppin seine persönliche Bühne, auf welcher er als Spaßmacher, als ungekrönter König der Boheme agierte. Mit seiner Heirat wurde er bürgerlicher, zog sich aus dem schwindenden öffentlichen Leben zurück. Er wurde immer kränklicher. 1934 verlieh ihm die Schiller Stiftung den Schiller Gedächtnispreis. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde sein Werk verboten, er selbst wahrscheinlich wegen der Auflösung des literarischen Vereins - Leppin sah darin das einzige Mitglied, den Ausschluss jüdischer Mitglieder zu verhindern – verhaftet. Aus der Haft einige Jahre später entlassen, in den Rollstuhl gefesselt, starb Leppin im April 1945. In der Stadt, die er sein Leben lang liebte und literarisch immer wieder verarbeitet hat: Prag.
Aus eigener Sicht zählt Paul Leppin neben „Der Berg der Erlösung“ und „Hüter der Freude“ vor allem „Severins Gang in die Finsternis“ zu seinen besten Arbeiten. „Severins Gang in die Finsternis“ lebt von der Sprache. Es ist der Kurzroman eines Lyrikers, der sich neben dem Zwischenmenschlichen eher für die Atmosphäre, die Stimmungen interessiert und sie auch prägnant, pointiert zu Papier bringt. Paul Leppin ist kein Romancier, kein Heinrich Mann, der neben den dreidimensionalen, aber durchgehend gebrochenen Protagonisten die Umgebung – bei Mann natürlich Lübeck, bei Leppin Prag - ausführlich beschreibt. Beide Autoren verlangen Grundkenntnisse von ihren Lesern. Vor den vertrauten Kulissen sollen sich die emotionalen Dramen abspielen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Severin sich aktiv durch die Nacht bewegt, durch die dunklen Gassen Prags, während sein devoter Protagonist „Blaugast“ gute zwanzig Jahre später in seiner eigenen Wohnung gefangen ist. Ein Sklave seiner Gelüste und ein Sklave der Umstände. In vielen Punkten behält Severin durch seinen langweiligen Beruf, durch das stetige Einkommen noch eine gewisse Kontrolle über sein Leben. Arrogant, selbstverliebt und nur an das Heute denkt schenkt Blaugast diese wirtschaftliche Sicherheit weg, begibt sich in die Abhängigkeit der Frauen. Auch Severin ist von Frauen abhängig. Aber nur auf einer emotionalen Ebene, wobei Paul Leppin bei den vier relevanten Frauencharakteren eine gewisse ambivalente Beziehung zwischen Severin und ihnen entwickelt. Das Verhältnis ist nicht so einseitig wie in „Blaugast“.
Sein erstes Opfer ist die Tochter eines jüdischen Antiquars : Susanna. Fast aus Mitleid, aber auch irgendwie Liebe nimmt sie ihn auf sein Zimmer. Sie wird von ihm schwanger, was Severin aber nicht kümmert. Ihr Vater wird zu seinem langen Schatten in seinem Leben, der Severins seelisch moralischen Verfall kommentiert. Susanna verschwindet lange Zeit aus der Handlung, am Ende landet Susanna mit ihrem Kind in einem Findelhaus.
Die tschechische Zdenka führt eine Hass- Liebe Beziehung zu Severin. Immer wieder sucht er sie auf, schläft mit ihr, macht ihr schöne Augen und verlässt sie wieder. Zwischen den Zeilen impliziert Paul Leppin, dass sie Severin gerne heiraten würde, um damit in der Prager Bürgergesellschaft aufgenommen zu werden. Zdenka wäre der letzte Rettungsanker in seinem Leben gewesen. Mit der deutlich älteren Schauspielerin Karla hat er eher ein Verhältnis. Er ist nicht der Einzige, aber neben dem Sex scheint Karla für ihn zu einer Art Ersatzmutter zu werden, die noch bedingten positiven Einfluss auf ihn hat. Mit einem einzigen Satz beendet er die Affäre.
Sein Verhängnis – wobei Severins Schicksal im Vergleich zu Blaugast noch deutlich milder ist – wird die Prostituierte Mylada. Ein auf den ersten Blick unscheinbare Person, die aus dem Nichts in der neu eröffneten Kneipe „Die Spinne“ erscheint, dort als Sängerin und Animiermädchen auftritt und schließlich Severin mit ihrer seltsam distanzierten Art verführt, abhängig macht.
Neben den vier Frauen ist es aber auch die Prager Boheme, dieser stetige Tanz am Abgrund, die morbiden Stimmung, geschrieben auf Augenhöhe der Zeit, welche heute noch fasziniert. Der zweite Teil der Geschichte dreht sich direkt um den kleinen Kreis von Menschen, die ihre Nächte in der Spinne verbringen. Es gibt kaum gesellschaftliche Unterschiede in der verräucherten Kneipe, die ausgerechnet von einem Menschenscheuen, durch die Fenster seines in der ersten Etage liegenden Büros blickenden Voyeurs gegründet worden ist. Vorher hat sich der Kreis in den angemieteten Räumlichkeit eines früher angesehenen Arztes getroffen. Auch wenn Paul Leppin es an keiner Stelle deutlich ausspricht, fanden dort neben den alkoholischen Exzessen auch Orgien unter dem Einfluss von Drogen statt. Als der Arzt sein letztes Geld verpulvert hat, erschießt er sich. Severins erste direkte Begegnung mit dem Tod. Dessen Grab, der Friedhof werden zu Symbolen seines Niedergangs. Ein Ort, an den es ihn immer wieder zieht, der ihn aber auch wegen seiner Endgültigkeit abstößt.
Die Spinne scheint eine Art Ersatz zu sein und wie die Motto zum Licht wird Severin immer wieder aus den dunklen Gassen Prags in diese liederliche Kaschemme gezogen. Dagegen stehen die einsamen Straßen, die Paul Leppin impressionistisch beschreibt und die eher Severins Seelenleben widerspiegeln. Im Laufe der kompakten Geschichte verlieren sie an Bedeutung, aber die ersten Kapitel mit ihrer melancholischen Beschreibung der einsamen Gassen – der präzise – und dem unruhigen Severin; dem Fokus auf Prag als verklärte wie verführerische ewige Stadt und schließlich dem krassen Gegensatz mit dem dekadenten Nachtleben beeindrucken den Leser. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Paul Leppin bewegt. Andere Autoren haben diese schwierige Balance zwischen Handlung und Stimmung besser in den Griff bekommen, konnten aber weniger sprachlich überzeugen. In dieser Hinsicht sollte Paul Leppins Roman eher als der Prosaversuch eines Lyrikers, eines immer am Rande der Versuchung stehenden Romantikers angesehen werden, der seine Unsicherheiten mit expressiven Lebensstil oder wie Paul Leppin Provokationen zu überspielen suchte. Der aber in dem tiefsten Inneren seines Herzens Liebe und Geborgenheit gesucht hat. Das Ende der Geschichte bleibt offen. Auch wenn Severin auf dem Gang in die Finsternis vielleicht mit Mylada seine persönliche Rosa Fröhlich – siehe Heinrich Manns „Professor Unrat“ - gefunden hat. Aber „Severins Gang in die Finsternis“ ist auch ein Roman Prags. In der Neuausgabe des Vitales Verlags findet sich neben dem Stadtplan des alten Prags ein ausführlicher Anhang, der die zahlreichen Handlungsorte, aber auch ihre Konzentration auf wenige Punkte der goldenen Stadt aufzeigt, erläutert und erklärt. Es lässt sich trefflich streiten, ob das Buch in einer anderen Stadt spielen könnte. Die Antwort sollte ein jein sein. Sicher ist, dass das asoziale Verhalten von Paul Leppins Charakteren eher zu Prag als zum Beispiel Lübeck gehört, in denen sich Professor Unrat zu einem Bürgerschreck entwickelte und innerhalb kürzester Zeit seine Reputation verloren hat. Blickt der Leser aber aus der Gegenwart zurück, dann käme noch das Berlin der zwanziger Jahre – ohne die melancholische Grundstimmung – als Handlungsort in Frage. Ein Ort voll verführerischer Dekadenz; eine Stadt, die immer lebt und vor allem die Möglichkeit, innerhalb weniger Wochen sozial abzustürzen und sich in den Gossen wiederzufinden. Aber Prag ist eleganter und Paul Leppins Liebe zu der Stadt, aber auch der kulturellen Szene, welche er als König der Boheme beherrscht, ist in jeder Zeile spürbar. Im Gegensatz zu Paul Leppin mit seiner kleinbürgerlichen Beschäftigung tagsüber (wie Severin), aber seinen literarischen Ambitionen, ist sein Protagonist nur bedingt ein König der Nacht. Er ist immer dabei, aber nicht wirklich mittendrin. Bei den Feierlichkeiten – sowohl in den Räumlichkeiten des Professors wie auch später in der Spinne – konzentriert sich Severin nicht auf die Frauen, sondern immer auf eine bestimmte Frau, die er auch nicht zu erobern sucht. Paul Leppin teilt dabei sorgfältig auf: bei Suzanna und Zdenka ist Severin die treibende Kraft, der dominante Faktor. Bei Karla und später vor allem bei Mylada wird er eher zum Opfer der eigenen Gefühle.
Paul Leppin beschreibt aber auch – vermutlich unbewusst – sein Prag im Niedergang. Wie Severins Gang in die Finsternis endet das goldene Zeitalter. Die unterschiedlichen Nationalitäten und Religionen beginnen sich auseinander zu dividieren. Nicht umsonst erwähnt Severin immer wieder den Hintergrund der Figuren mit den Tschechen, der deutschsprachigen Minderheit, den noch zahlreichen in Prag lebenden Juden. Severin pendelt zwischen all diesen „Welten“ und ist wie Paul Leppin wahrscheinlich aus unterschiedlichen Gründen in keiner wirklich zu Hause. Diese Rastlosigkeit, diese Jagd nach Vergnügen wird Paul Leppin in „Blaugast“ noch steigern, aber als Hommage an ein inzwischen untergegangenes Prag ragt „Severins Gang in die Finsternis“ meilenweit über das Spätwerk hinaus und sollte unbedingt zuerst gelesen werden. Hilfreich ist, Prag zu kennen, aber es ist kein Ausschlusskriterium, um die goldene Stadt aus der Sicht eines verzweifelten Träumers und im Grunde Naivlings kennenzulernen. Zumindest das Nachtleben abseits der touristischen Höhepunkte.

- Herausgeber : Hofenberg (26. April 2017)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 68 Seiten
- ISBN-10 : 3743711206
- ISBN-13 : 978-3743711204
