Seltsamer John

Olaf Stapledon

 

Nach „Sternenschöpfer“ – basierend auf der Übersetzung von Thomas Schlück – legt Dieter von Reeken mit der ungekürzten Ausgabe von „Odd John“ einen zweiten Roman aus der Feder Olaf Stapledons vor. Eine ebenfalls ungekürzte Publikation von „Letzte und Erste Menschen“ ist in Vorbereitung.  Das ursprünglich 1935 publizierte Buch erschien in den Jahren 1970, 1977 und schließlich 1986 unter dem nicht falschen, aber nur bedingt richtigen deutschen Titel „Die Insel der Mutanten“ um etwa ein Drittel gekürzt dreimal in Deutschland. Herausgeber Dieter von Reeken hat den Text selbst übersetzt. Eine Verfilmung durch George Pal, welcher das Buch über Jahre optioniert hatte, kam nicht zustande. 

Damon Knight spricht von der ersten Superman- Geschichte und trotz allem immer noch die beste., Das ist nur bedingt richtig, auch wenn Olaf Stapledon sicherlich Alfred Elton van Vogt mit seinen Slan- Geschichten, vielleicht auch K.H. Scheer und Clark Darlton bei der Erschaffung von Ribald Corello, dem Supermutanten in einem kindlichen Körper,  beeinflusst hat. Zwischen den Aktionen der aus dem Perry Rhodan Kosmos stammenden Figur und der zweiten Hälfte von “Odd John” gibt es zu viele Überschneidungen, als dass es alleine Zufall sein könnte.  

In einer Fußnote verweist Dieter von Reeken auf den schon einige Jahre vorher veröffentlichten Roman „The Hampdenshire Wonder“ von J.D. Beresford, in dem es ebenfalls um einen kindlichen Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, dem ersten Schritt zum Homo Superior geht, hin. Olaf Stapledon hat die Idee aber in eine gänzlich andere Richtung mit den für sein literarisches Werk typischen philosophisch-religiös-politischen Untertönen entwickelt.  

Hinsichtlich seines Gesamtwerks reduziert Olaf Stapledon Ideen aus „Last and First Men“ im vorliegenden Buch auf die Gegenwart, in welcher der Roman erschienen ist. Auch wenn der Autor einen Ich- Erzähler – einen Journalisten, der John anfänglich helfen muss, später zu einem Freund und Chronisten wird-  einsetzt, welcher die Geschichte vor allem Johns und weniger seiner Kolonie erzählt und damit den Plot in die Vergangenheit setzt, finden sich viele Anspielungen auf die Gegenwart, in welcher die Geschichte entstanden ist. Es sind einige Jahre vergangen, bis der Ich- Erzähler Johns Geschichte nach eigenen Angaben niedergeschrieben hat.  

Es gibt im Laufe der Story die für Olaf Stapledon so bekannten Exkurse in die Bereiche der Religion und Philosophie, wobei die Themen deutlich griffiger und pragmatischer angegangen werden als zum Beispiel in “Der Sternschöpfer”. Neben der Interaktion auf einer zwischenmenschlichen Ebene finden sich Auseinandersetzungen mit Politik, Wissenschaft, Kultur und schließlich auch Sexualität. Olaf Stapledon verwendet bei seiner nicht immer ganz ernstzunehmenden Untersuchung des Menschseins allerdings konsequent Graustufen. Es gibt keine Helden und auch keine Schurken. Auch der kindliche seltsame John begeht auf dem Weg zu seiner die Homo Superior aufnehmenden Kolonie mehrere Verbrechen, beginnend mit dem Mord an einem Polizisten, der ihn bei  einem nächtlichen Einbruch erkannt hat. Schrecklicher Höhepunkt ist der Selbstmord der Ureinwohner der kleinen, als Kolonie auserkorenen Insel unter geistiger Manipulation der Mutanten.

Gegen Ende seines Lebens übergibt der seltsame John – John Wainwright- einem gewöhnlichen Menschen die Pflicht und Verantwortung, seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Dabei gibt es keine Einschränkungen, wobei sich der Chronist in einigen relevanten Punkten einem wirklich nachhaltigen moralischen Urteil über die ihm als Homo Sapiens überlegenen und doch teilweise in emotional moralischer Hinsicht unterlegenen Homo Superior enthält.

Von Geburt an ist John extrem intelligent und überdurchschnittlich in einer fast autistischen Hinsicht. Alle Themen, die ihm in der Gegenwart oder dem späteren Erreichen seiner ambivalent beschriebenen Ziele, wichtig sind, lernt er mit rasender Geschwindigkeit. Alle anderen Themen, die ihm unwichtig oder im Grunde zutiefst menschlich erscheinen, ignoriert er oder testet sie kurzzeitig wie ein Wissenschaftler auf dem Seziertisch aus, um die Erfahrung abzuspeichern.

Körperlich läuft er – wie viele der Homo Superior – der normalen Entwicklung hinterher, wobei John auch in dieser Hinsicht die Initiative ergreift und als Jugendlicher verschiedene Kampfsportarten ausprobiert, um seine körperlichen Defizite auszugleichen. 

Beginnend mit dem Verhältnis zwischen dem Erzähler und John entwickelt Olaf Stapledon dessen Lebensgeschichte in kürzeren Abschnitten, wobei John früher und gewalttätiger Tod gleich zu Beginn erwähnt wird. Der Leser weiß, wann Johns Weg zu Ende gehen wird. Es sind die Zwischenabschnitte, welche diese Geschichte so interessant machen.

John ist von Zahlen fasziniert. Neben dem Zählen und allen Formen mathematischer Rätsel beginnt John den n-dimensionalen Raum zu visualisieren. Eine der zahlreichen Ideen, die im Laufe der geradlinigen Geschichte unter den Tisch fallen. In Olaf Stapledons Zukunftschroniken werden Menschen nicht durch die nte Dimension reisen, aber Raum und Zeit haben keine Bedeutung mehr. John würde sich das wahrscheinlich als perfekte Herausforderung wünschen.

Als Enfant Terrible tyrannisiert er seine Familie, entfremdet sich von ihr. Er sieht sich von Beginn an als überlegen an. Um seine Visionen zu finanzieren, begeht er Diebstähle, bei denen er einen Polizisten tötet. Ein kaltblütiger Mord, den John pragmatisch als Notwendigkeit einordnet. Dieser fehlende moralische Kompass wird sich wie ein roter Faden durch die Handlung ziehen, wobei sich John eher als den normalen gewöhnlichen Verbrechern moralisch überlegen fühlt, ihre Vorgehensweise aber als notwendig ansieht. Aus seiner Sicht sind die Menschen trotzdem ihm unterlegen und wenn er ein Verbrechen begeht, dann nur, weil er der ganzen Menschheit und später anderen Homo Superior helfen will. Der Weg rechtfertigt für ihn die Mittel.

Um seine kühneren Visionen zu realisieren, baut er sich eine Art Werkstatt in einer Höhle und zieht den Ich- Erzähler hinzu. Er soll seine Ideen patentieren lassen, sie vermarkten.  Dabei kann er sich nehmen, was er will. Olaf Stapledon präsentiert allerdings als Ideen eine Reihe von erstaunlich bodenständigen, pragmatischen Erfindungen, die jeder menschliche Haushalt braucht und sie sich deswegen auch leicht verkaufen lassen. Die großen Ideen wird John zusammen mit seinen Vertrauten erst später auf seiner Insel entwickeln und sie sollen den Menschen auch nicht zur Verfügung stehen, welche sie zur gegenseitigen Vernichtung in einer politisch schon am Vorabend des Zweiten Weltkriegs aufgeheizten Atmosphäre nützen würden.     

Nach den Haushaltsgeräten wird Odd John später eine Yacht und ein Flugzeug.  Zumindest die Yacht wirkt hinsichtlich ihrer Hochseetauglichkeit ungewöhnlich, auch wenn sich John den Elementen beugen muss. Auf der Kolonie Insel gibt es noch einen Atomreaktor, der trotz des auf den ersten Blick kargen Aussehens der Häuser Energie liefert. Während des Finals erfindet einer der Mutanten noch eine Art Todesstrahl in Anlehnung an H.G. Wells Marsianer und zahllose Pulpgeschichten, allerdings gibt sich Olaf Stapledons John fatalistisch. Die Zahl der Homo Superior ist zu klein, um den noch zahlenmäßig erdrückend überlegenen Homo Sapiens standzuhalten. Auf der anderen Seite sind die Menschen nicht reif genug für die auf der Insel gemachten Erfindungen. Alleine die Haushaltsgeräte zur Verbesserung des alltäglichen Lebensstandards gönnt John den Menschen als neben seiner Chronik zweite Hinterlassenschaft. Sicherlich mehr als eine ironische Einschätzung des Autors.    

Die zwischenmenschliche Eben ist im Grunde viergeteilt. Das Verhältnis zum Ich- Erzähler wächst im Laufe der Jahre zu einer Freundschaft, auch wenn dessen Ehefrau es eher als eine hündische Abhängigkeit ansieht. Wenn John pfeift, muss ihr Mann springen. So verschiebt er die Hochzeit um mehrere Monate, weil er John beim Kauf bzw. Umbau der Yacht helfen muss. Später lässt er seine schwangere Frau im Stich, als ihn John ein wenig nötigend auf seine Insel einlädt.  Als rückblickende Erzählung bzw. Chronik kann der Ich- Erzähler diese Momente gegenüber dem Leser relativieren. Allerdings zeigt sich erst spät, dass aus der gegenseitigen Abhängigkeit – John braucht einen Erwachsenen, um seine Erfindungen zu verkaufen oder bestimmte Geschäfte zu tätigen, der Journalist ist anfänglich beruflich unglaublich an dieser sensationellen Story interessiert, die er allerdings nicht veröffentlichen kann – eine Freundschaft wird.  Olaf Stapledon hält sich hinsichtlich der Emotionen lange Zeit bedeckt und verzichtet auch auf ein zu kitschiges Ende. So verabschieden sich der Ich – Erzähler und John auf Augenhöhe. Alle restlichen Informationen sind ausschließlich aus zweiter, vielleicht sogar dritter Hand.

Die zweite „Ebene“  ist das Verhältnis zwischen John und seiner direkten Umwelt. Die erste echte, platonische Freundin ist die sechs Jahre alte Judy. Später hat John  homosexuelle Beziehungen. Er sieht allerdings Sex eher als ambivalent, als Befriedigung primitiver Instinkte und körperliche Bedürfnisse an. Aber nicht als Liebe. Er umwirbt eine ältere Frau namens Europa, weil er sie unbedingt aus den Fängen ihres „Mannes“ befreien möchte. Wie bei den Spekulationen an der Börse – er hat durch die Tipps eines Insiders viel Geld verloren – geht es John weniger um Ehrlichkeit, eine Beziehung zu Europa, sondern tatsächlich nur um den kurzfristigen, einseitigen Erfolg. 

Weiterhin impliziert Olaf Stapledon, dass John Sex mit seiner Mutter gehabt haben könnte.  Auf der Insel findet John schließlich eine Seelenverwandte, auch wenn sie die Beziehung nicht ausleben. Beide wissen, dass ihre Zeit auf der Erde begrenzt ist. Olaf Stapledon extrapoliert keine seiner Ideen aus „Starmaker“ und verweist auf die selbst dem Homo Superior überlegenen kosmischen Wesen. Homo Superior ist zumindest bei “Seltsamer John” die nächste und finale Stufe der Menschheit. Ein Glaube an Gott findet bei dieser Elite nicht statt. Es zählt alleine die mit den eigenen Händen und dem eigenen Verstand realisierte Schöpfung. Dadurch spielt es auch eine untergeordnete Rolle, dass die Mitglieder der Kolonie aus verschiedenen Kontinenten stammen, unterschiedliche persönliche Schicksale hatten und zumindest für kurze Zeit auf der Insel abgeschieden von der übrigen Menschheit neu anfangen könnten. 

 Es ist eher so, dass John und seine Geliebte die menschliche Körperlichkeit hinter sich gelassen habe. Eine Ausnahme auf der kleinen Insel, da die anderen Mutanten bis auf zwei Ausnahmen jeweils Partner gefunden und aktiv wie offen Sex haben.

Die dritte Ebene könnte als Lernphase durchgehen. Getarnt durch seinen verkrüppelten Körper und begleitet vom Ich- Erzähler reist John durch die Welt, um berühmte Menschen zu interviewen und von ihnen zu lernen.  Zu seinen Zielen gehören Frankreich, Deutschland, Italien und Skandinavien. Olaf Stapledon fasst diesen Abschnitt der Handlung relativ oberflächlich zusammen, macht aber deutlich, dass niemand aus Johns Perspektive ihm das Wasser reichen kann und die Erfolge der berühmten Menschen eher kümmerlich sind. Zum ersten Mal baut Olaf Stapledon aber auch eine narzisstische Note in Johns Charakter ein. Er sieht nicht ein, den Tieren (sprich Menschen) zu helfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Super Human Storys will John seine intellektuelle Überlegenheit aber auch nicht ausnutzen, um die Menschen per se zu dominieren. Es gibt Einzelfälle, in denen sich John mittels geistiger Manipulation durchsetzt. Aber eine Weltherrschaft strebt keiner der Homo Superior an, mathematisch sehen sie es auch angesichts der Milliarden von Menschen als aussichtslos an. 

Vielmehr strebt John mit den Seinen eine Isolation an, was dem humanistischen Grundcharakter Olaf Stapledons ähnelt und schließlich in einer sozialistischen Lebensgemeinschaft gipfelt.  Mit kommunistisch – sozialistischen Gedanken hat der Autor Zeit seines Lebens in starkem Kontrast zu den kapitalistisch- militärischen Gesellschaften der normalen Menschen gespielt. Gegenüber dem Homo Superior spielt das allerdings keine Rolle, wie das Vorgehen der neuen politischen Pazifik Region Gemeinschaft, vertreten von allen Weltmächten, deutlich macht.    

Die vierte, sich aber erst in der Mitte der Geschichte entwickelnde „Ebene“ ist die Suche nach anderen Homo Superiors. Olaf Stapledon leitet diesen relevanten Abschnitt ein wenig unglücklich ein. So entwickelt John plötzlich und aus dem Nichts stehend telepathische Fähigkeiten. Das wirkt konträr zu seiner bisherigen Überintelligenz und schnellen Auffassungsgabe, da John praktisch nicht mehr lernen, sondern Wissen absaugen kann.        

    Nachdem John seine wilde Seite – er wird kurzzeitig zum Neandertaler in den schottischen Highlands – ausprobiert hat, beginnt er, ein „Volk“ um sich zu sammeln.  Olaf Stapledon erweitert mit den einzelnen Schicksalen verschiedener Homo Superior den Horizont der Geschichte, der sich bislang chronisch wie sklavisch alleine auf den seltsamen John konzentriert hat.  So gibt es eine Jacqueline, die 1876 geboren worden ist und teilweise als Prostituierte ihr Geld verdient  hat.  Noch bizarrer und unerklärlicher ist die Geschichte von Adlan, der vor mehr als zweihundert Jahren geboren wurde und mit John aus dem Jenseits kommuniziert.  

Der zwölfjährige Ng- Gunko und die siebenzehn Jahre alte Lo aus Sibirien entsprechen eher der Idee eines Übermenschen. Mit Adlan und vor allem auch der sehr dominanten Jacqueline nimmt Olaf Stapledon dieser Idee von kindlichen Mutanten als Beispiel einer neuen Generation teilweise ihren Reiz. Kritisch ist noch, dass neben der inzestiösen Beziehung zwischen John und seiner Mutter der Autor auch Sex zwischen Minderjährigen beschreibt und es schwer einzuordnen ist, in welche Kategorie eine körperliche Beziehung mit einer mehr als sechzig Jahre alten, aber nicht einen Tag älter als 30 einzuordnenden Frau fällt. In allen Fällen ist John aber nicht aktiv beteiligt, das Geschehen wird eher sachlich distanziert in der zu schreibenden Chronologie festgehalten.

Das Leben in der Kolonie wird eher gestreift. Die Mutanten haben den kleinen Hafen gut getarnt, das schon angesprochene Kraftwerk gebaut und versuchen sich bei den jeweiligen Entdeckungen eher anfänglich als primitiv wie unschuldig auszugeben. Später manipulieren sie den Geist der Offiziere, um ihre Erzählungen unwahrscheinlich wirken zu lassen.

Es ist vielleicht der tragische Moment, dass ausgerechnet der Ich- Erzähler mit einer doppelten Unachtsamkeit zum Untergang der Kolonie beiträgt. Der Leser muss selbst beurteilen, ob die erste Umweltverschmutzung oder das spätere auffällige Verhalten der letzte Sargnagel gewesen ist.    

    Olaf Stapledon  ist selbst eher ein Chronist, ein philosophierender Sachbucherzähler, der Inhalt in seinen phantastischen Werken immer vor einer mitreißende Erzählstruktur gestellt hat. Auch beim vorliegenden Roman sind es die vielen Ideen und weniger die Art des Erzählens, welche auch heute noch erstaunlich zeitlos erscheinen.

Für einen Roman der dreißiger Jahre ist es überraschend, wie schnell die Menschen nach anfänglichen Problemen eine Allianz bilden. Sowohl Großbritannien und die USA als auch Russland schicken Kriegsschiffe aus und verstehen sich als Vereinigte Pazifik Allianz, der natürlich auch die Mutantenkolonie gehört.

Das Verhältnis zwischen Homo Superior und Homo Sapiens seziert Olaf Stapledon messerscharf, wobei der Vergleich zwischen Tiere und Homo Sapiens immer wieder angesprochen wird. Genau wie der Mensch die Tiere behandelt, behandelt die möglicherweise neue Menschheit – auch nach dem Ende des seltsamen John gibt es ja keine Gewähr, dass sich nicht noch mehr Mutanten unter den Menschen aufhalten – den Homo Sapiens. Mit einer brutalen Effizienz.

Die subjektive Perspektive des Ich- Erzählers funktioniert in „Seltsamer John“ erstaunlicherweise deutlich schwächer als zum Beispiel in „Starmaker“. Zwar werden sehr viele Informationen aus Drittquellen – Tageszeitungen, persönliche Erzählungen – eingefügt, aber einzelne Komponenten bleiben selbst unter dieser Prämisse unklar oder wirken konstruiert. Der Ich- Erzähler gibt gegenüber dem Leser zu, dass er aus einer zeitlichen Distanz alles niederschreibt und trotz Johns Anweisung einzelne Momente ein wenig beschönigt, aber als Ganzes gibt es zu viele rote Fäden und offene Fragen, denen der  Ich- Erzähler nicht folgt. So gibt es keine Erklärungen für das Auftauchen der Homo Superior, von denen viele auch durch die Interaktion mit ihrem Umfeld wahnsinnig geworden sind. Auch Telepathie kann nicht mittels Geisteskraft erschaffen werden.  Plötzlich ist diese Fähigkeit da und wird von John effektiv genutzt.

Olaf Stapledon untersucht das Verhältnis zwischen dem Homo Sapiens und dem Homo Superior. Dabei geht es nicht nur darum, wie Außenseiter behandelt werden. Sicherlich ist es für Ärzte schwer, das absonderliche Verhalten der Mutanten einzuschätzen und sie entsprechend medizinisch zu behandeln. Olaf Stapledon vermeidet eine Menge Klischees. So werden die Mutanten nicht gejagt, obwohl sie sicherlich zumindest von den Regierungen als Versuchsobjekte angesehen werden könnten. Der Konjunktiv ist wichtig, denn an keiner Stelle während des Finals wird ihnen wirklich Gewalt angetan. Respektvoll sollten sie von der Insel gebracht werden. Es sind die Mutanten, welche sich dem menschlichen Zugriff entziehen. Auf der anderen Seite gibt es mehrere Szenen, in denen der Homo Superior seine Mitmenschen als Mittel zum Zweck, sogar als Kollateralschäden  ansieht. John hat zwar Mitleid mit dem von ihm ermordeten Polizisten, sachlich emotionslos will er auch seine an Krebs im Sterben liegende Ehefrau töten, weil sich niemand mehr um sie kümmern kann. Die distanzierte Erzählungsstruktur ermöglicht Olaf Stapledon, konträre Punkte gegenüberzustellen, aber zu keiner Zeit sich selbst inhaltlich zu positionieren. Das hebt die Story aus der Masse heraus. Mit „Sirius“ wird sich der Autor noch einmal aus einer anderen Perspektive mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Auch wenn der Untertitel von einer Geschichte zwischen Spaß und Ernst spricht, finden sich einige auf den ersten Blick mehr spaßige Szenen in Bezug auf die körperliche Unterentwicklung der geistig überlegenen Homo Superior in der Story.  Sie stehen aber in einem starken Kontrast zu eher dunklen Unterton des Plots. Warum Olaf Stapledon diesen Untertitel gewählt hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Bizarr wie einiges an dieser Tragödie ist er auf jeden Fall.  

Vor allem in der vorliegenden ungekürzten Fassung ist „Seltsamer John“ eine Wiederentdeckung wert. Basierend auf den pulpigen Ideen des Genres stellt Olaf Stapledon eine Reihe von teilweise steilen Thesen auf, wobei er zahlreiche Klischees vermeidet und in dieser grauen Geschichte – keine reinen Schurken, vor allem keine echten Helden – aufzeigt, wie schwer es ist, eine gemeinsame Basis, von einer gemeinsamen Zukunft ganz zu schweigen, zu finden.      

 

Olaf Stapledon
Seltsamer John (Odd John)
Eine Geschichte zwischen Spaß und Ernst. Erste ungekürzte und unbearbeitete
deutsche Ausgabe. Eine um etwa ein Drittel gekürzte und bearbeitete Ausgabe war
1970, 1977 und 1986 unter dem Titel Die Insel der Mutanten erschienen..
Paperback, 214 Seiten
17,50 € – ISBN 978-3-911230-13-1

Verlag Dieter von Reeken