Phillip P. Petersons 2021 veröffentlichter Roman „Universum“ ist eine perfekte Mischung aus den in den siebziger Jahren so beliebten „Airport“ Filmen und Poul Andersons Klassiker “Tau Zero“. Nicht nur bei den „Airport“ Filmen – nicht zu verwechseln mit den entsprechenden „Airplane“ Parodien – sowie einer Reihe weiterer Katastrophenfilme geriet eine Gruppe von sehr unterschiedlichen Menschen, die zu Beginn der jeweiligen Geschichte mehr oder minder rudimentär mit ihrer nicht selten befleckten Vergangenheit vorgestellt werden, in Lebensgefahr. Nur durch eine Zusammenarbeit von Crew und Passagieren konnten die sehr unterschiedlichen Katastrophen unter Opferung von einigen Nebendarstellern bewältigt werden.
In Poul Andersons „Zau Zero“ - 1970 erschienen, auf der drei Jahre vorher veröffentlichten Kurzgeschichte „To Outlive Eternity“ basierend –geht es um ein Raumschiff, das mit fünfzig Menschen an Bord zu einem nahe gelegenen Stern aufbricht. Das Raumschiff ist nicht in der Lage, schneller als das Licht zu fliegen. Die Hälfte der Reise besteht aus einer kontinuierlichen Beschleunigung, der Rest der Reise wird abgebremst. Beim Passieren eines Nebels wird der Antrieb beschädigt und das Schiff muss aufgrund der komplizierten Abschirmungen weiterfliegen. Die Besatzung beschließt, weiterhin kontinuierlich zu beschleunigen, um vielleicht außerhalb er Milchstraße einen Sektor zu finden, der eine Reparatur ermöglicht. In „Tau Zero“ ist es eine gesteuerte Entscheidung der Besatzung, welche das Raumschiff in Richtung räumlicher und durch die Zeitdilatation auch zeitlicher Unendlichkeit steuert.
In Phillip P. Petersons „Katastrophenthriller“ ist es eine kleine Unachtsamkeit, ein Fehler bei der Wartung, welcher schließlich katastrophale Folgen hat. Die Geschichte ist – wie bei Peterson –üblich in einem erstaunlich hohen Tempo mit einer stringenten Handlung erzählt. Im ersten Drittel des Buches stellt der Autor die wichtigsten Protagonisten vor. Das Spektrum reicht vom Massenmörder unter Befehl und gleichzeitigem Verräter über eine Handvoll Soldaten auf einer Außenmission, den immer notgeilen ersten Offizier bis zu einer Kommandantin, die ihren Frust und ihre Angst in Alkohol zu ertränken beginnt und einen Ingenieur, der sich mit Reaktoren auskennt, aber über Raumschiffantriebe gelesen hat. Das wirkt auf den ersten Blick klischeehaft und während der Exposition – Klappentext Leser wissen ja, das eine Katastrophe droht – fühlen sich ältere Leser an die angesprochenen Katastrophenfilme nicht selten mit in Ehren ergrauten, aber inzwischen auch jenseits der Höhepunkte ihrer Karriere befindlichen Hollywoodstars erinnert. So weit reicht die Charakterisierung bei Peterson nicht und es gibt auch keine Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Stars, aber der Autor spielt routiniert auf der Klaviatur des Genres.
Die Challenger befindet sich auf dem Weg zum neuen Kolonialplaneten Omicron 3, der passend ganz weit draußen und abseits liegt. Es handelt sich bei dem Raumer um ein Modell älterer Bauart, aber noch gut in Schuss. Der Casimir Antrieb sorgt dafür, dass die Raumschiffe kurz in den Hyperraum springen und nach kurzer Zeit wieder am Zielort materialisieren.
An Bord der Challenger befinden sich die üblichen Verdächtigen für ein klassisches Katastrophenfilmszenario. Mike Warnock gilt als Massenmörder und Verräter. Während des Krieges hat er eine Nova Bombe über einem der Kolonialplaneten abgeworfen und Millionen Menschen getötet. Wie die Konstrukteure der Atombombe und die Bomberpiloten gilt Warnock für viele Menschen als Held, der mit seiner Aktion den Krieg vorzeitig beendet hat und unzählige Millionen von Menschen unter Opferung einer im Verhältnis niedrigeren Zahl gerettet hat. Anschließend hat er allerdings die Mission öffentlich gemacht und gilt jetzt als Verräter. Warnock leidet unter dem Trauma, ein Massenmörder zu sein. Mit seiner Frau und seinem Sohn versucht er auf der Kolonie einen Neuanfang, auch wenn es ihm klar ist, dass er sich selbst und seinen Ruf mitnimmt. Er ist ein erfahrener Pilot, der vor allem unter den deutlich primitiveren Verhältnissen an Bord eines Bombers funktioniert. Auch wenn er von technischen Details wenig Ahnung hat, entwickelt er sich mehr und mehr zum dominierenden Charakter als Mittler zwischen den Passagieren und der Crew.
Christine Dillinger ist die Kommandantin der Challenger. Auch hier greift Phillip P.Peterson in die Klischee. Vor dem Abflug hat sie gekündigt, es ist ihre letzte Mission. Sie will sich endlich um ihre Tochter kümmern. Sie ist eine leicht reizbare Person, die Warnock aufgrund seiner Vergangenheit vorverurteilt. Als sie erkennt, dass sie nicht mehr ihre Tochter sehen wird, greift sie zum Alkohol. Sie steht zwischen allen Fronten, auch wenn sie lange Zeit keine eigenen Entschlüsse trifft. Im mittleren Abschnitt geht sie als Persönlichkeit unter und flüchtet sie in Selbstmitleid.
Der Ingenieur Baumann ist als Persönlichkeit anfänglich so angelegt, dass er sich selbst zu überschätzen scheint. Das Wissen über Raumschiffantriebe ist angelesen. Während der impulsive Chefingenieur immer den gleichen Stiefel fährt, ist Baumann deutlich innovativer und greift mit seinen Vorschlägen teilweise in offene Wunden, auch wenn sie nicht gleich zum Erfolg führen. Im Laufe des Buches wandelt sich sein Charakter, ohne das Peterson viel an der Figur herumschrauben muss.
Mit dem Ex Häftling Ferguson – auf Bewährung für die Arbeit in der Kolonie vorzeitig entlassen- scheint der Autor noch ein weiteres Klischees bedienen zu wollen. Natürlich sind Charaktere mit schweren Vergangenheiten und möglicherweise persönlichen Traumata deutlich interessanter und ihre Aktionen weniger stark vorhersehbar als glatte Protagonisten, aber Peterson scheint den Bogen fast zu überspannen, zumal Ferguson bis in die Mitte der Geschichte eine immer wieder erwähnte, aber nicht aktiv eingreifende Randfigur ist.
Gary Paine ist einer der Siedler, mit denen sich Mike Warnock auf dem Flug anzufreunden sucht. Peterson nutzt diese Basis, um Warnocks Charakter herzuarbeiten. Bevor Paine und Warnock eine Partnerschaft eingehen, erzählt er ihm von seiner Vergangenheit, was kurzzeitig zu Verstimmungen führt. Erst nach Eintreten der Katastrophe überwindet Paine seine Vorurteile und sucht wieder Kontakt zu Warnock.
Der Flug der Challenger ist anfänglich normal. Nur tritt das Raumschiff nicht wieder auf dem Hyperraum heraus. Dass das die Zeitdilatation kompensierende Casimirfeld sich beim Austrittsziel nicht wieder auflöst, liegt an einem technischen Fehler, möglicherweise durch die Unachtsamkeit eines Technikers auf der Erde verursacht. Das Schiff scheint sich in einer weiten Schleife um die Milchstraße zu bewegen, aber durch den überlichtschnellen stark in die Zukunft. Jede Sekunde im Schiff bedeutet eine hundertfach vergangene Zeit außerhalb. Schnell reift die Erkenntnis bei der Besatzung und den Passagieren, dass alle Verwandten schon lange verstorben sind und sich bei einem Austritt aus dem Hyperraum unabhängig von der Position, wo sich das Schiff befindet, niemand mehr an die Challenger erinnern kann.
Im Gegensatz zu den “Airport” Katastrophenfilmen reicht das Klischee von “runter kommen sie immer” - in einem Fall auch hinauf, weil das Flugzeug aufs Meer gestürzt und versunken ist - bei “Universum” nicht. Aus der Falle des stetig laufenden Antriebs zu entkommen, ist nur Teil einer Kette von Problemen. Es geht ja nicht mehr nur um das wann sind wir rausgekommen und wie viele Jahrhunderte/ Jahrtausende oder Äonen sind seit dem Start vergangen? Wo tauchen wir wieder auf und ist es aus technischer Sicht überhaupt möglich, wieder zur Erde und einem bewohnbaren Planeten zu fliegen? Und drittens: reichen die Vorräte an Bord für die erste Möglichkeit - Rückflug - oder den Worst Case - auf eine unbestimmte Zeit im Hyperraum gefangen zu sein ? - aus.
Aus diesen Elementen baut Phillip P.Peterson insbesondere in der ersten Hälfte die von emotionalen Problemen zusätzlich belastete Spannungskurve sehr konsequent wie inhaltlich auch zufriedenstellend stringent auf. Wie beim außer Kontrolle geratenen Flug dieser Challenger drückt der Autor das inhaltliche Gaspedal immer weiter durch.
Solange die „Gefangenen“ an Bord des Raumschiffs ausschließlich reagieren können, überzeugt „Universum“ aufgrund der dreidimensionalen, zugänglichen Charaktere deutlich mehr als Poul Andersons tragische, aber deutlich distanziertere Version.
Mit dem Wendepunkt der Story ändert es sich allerdings. Petersson präsentiert den Schlüssel zu einer „Deus Ex Machina“ Lösung in Form einer modernen, von Nano Körpern geschaffenen und erhaltenen „Büchse der Pandora“. Die Rettung nahe und gleichzeitig fern.
Ohne zu viel von der Idee vorwegzunehmen, schlägt der Autor einen weiten Bogen zum Anfang seiner literarischen Karriere. Er greift mit leicht veränderten Vorzeichen auf wesentliche Plot Elemente von „Transport“ zurück. In „Transport“ verurteilte Soldaten, deren Hinrichtung kurz bevor steht. In „Universum“ Freiwillige, die sich opfern, um die anderen Menschen vor dem Verhungern zu retten. In „Transport“ wie in „Universum“ reisen ins Unbekannte, wobei die einen nur im Raumanzug unterwegs sind, die anderen die insgesamt zehn Shuttles nützen. In beiden Romanen liegt der Schlüssel zur Rettung/ zu einer anderen Welt direkt vor den Augen der Betrachter. In „Universum“ haben ihn Menschen verschoben, in „Transport“ müssen die Schriftzeichen erst ausgelesen werden.
In „Transport“ sind die „Freiwilligen“ mit der Aussicht auf eine Begnadigung gelockt worden, wenn sie zehn Missionen überstehen. In „Universum“ geht es um das nackte Überleben für die Menschen an Bord der Challenger, wobei der in Frage kommende Kreis der Freiwilligen relativ eng begrenzt ist. Sowohl in „Transport“ wie auch „Universum“ ist der eigentliche Held der Geschichte ein aufrechter Soldat, der an der Ausführung seiner Missionen keine Zweifel hat und so zum Saulus wird. In beiden Büchern ist er bereit, sich mehrmals zu opfern, obwohl er eine neue Freundin bzw. in „Universum“ eine Familie hat.
Natürlich ist alles in „Universum“ größer, technisch perfekter und die Herausforderungen deutlich ambitionierter. Phillip P. Peterson ist ein ausgebildeter Naturwissenschaftler, der mit dem als Charakter wachsenden Baumann sein Wissen stellvertretend für die Leser an die einzelnen, immer verzweifelter werdenden Protagonisten weitergibt.
In beiden Büchern hat der Autor konsequent eine zufriedenstellende, in „Transport“ zusätzlich überraschende Spannungskurve aufgebaut, die für sechs weitere Teile reichte. Ohne diese direkte, leicht verfremdete Verbindung zwischen „Universum“ und Petersons erstem Roman wäre der vorliegende Roman deutlich spannender, intensiver und vor allem auch packender. Wer beide Bücher kennt, wird insbesondere an dieser, die zweite Hälfte des Buches dominierenden Suche das Interesse verlieren, da Peterson im Rahmen des eigenen Werkes zu mechanisch vorgeht. Hier wird sehr viel Potential verschenkt. Wer „Transport“ nicht kennt, wird deutlich besser unterhalten, auch wenn er das intensivere, ein wenig martialischere und besser strukturierte Buch „Transport“ anschließend mit anderen Augen und aus einer subjektiven Perspektive nur kennenlernen kann. Es lohnt sich trotzdem.
„Universum“ ist eine gute, stringente Lektüre mit den angesprochenen starken Einschränkungen, die vielleicht inhaltlich notwendig gewesen sind. Auch die „Airport“ Filme setzten auf waghalsige, cineastische Rettungstaten, nachdem sich ausreichend Protagonisten geopfert hatten. In dieser Tradition liest sich die Geschichte zufriedenstellend, auch wenn die Kenner von Phillip P. Peterson inzwischen nicht kleinem Werk mehr Originalität verdient hätten. So ist „Universum“ beginnend mit einer Poul Anderson entlehnten Idee und endend – inklusive der letzten Szene – mit einer Art Selbstzitat Petersons nur Ideen Recycling von der besseren Sorte.

- Herausgeber : FISCHER Tor; 2. Edition (29. September 2021)
- Sprache : Deutsch
- Broschiert : 448 Seiten
- ISBN-10 : 3596700868
- ISBN-13 : 978-3596700868
