Hinter dem Pseudonym Lawrence H. Derbessy steckt die Übersetzerin Hermynia zur Mühlen, welche „Abenteuer in Florenz“ 1925 veröffentlichte. Die heute auch antiquarisch nicht zu erhaltende Geschichte war als klassenkämpferische Reaktion auf den beginnenden Aufstieg Mussolinis gedacht, dessen Präsenz und die mögliche Bekanntschaft mit einem Verdächtigen gestandene Polizisten im Laufe ihrer Ermittlungen erbleichen lässt. Herausgeber Mirko Schädel ist bei dem vorliegenden Nachdruck auf den Nachdruck in der Zeit „Die rote Fahne“ angewiesen gewesen. Der Setzer hat für die Zeitschrift ein ganzes Kapitel unterschlagen, so dass es in diesem Fall nicht die Schuld der Autorin ist, wenn nicht alle Fragen konsequent beantwortet werden.
Neben den angesprochenen Krimis schrieb Hermynia zur Mühlen auch den phantastischen Roman „Ejus“, der in der DDR zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs als „Insel der Verdammnis“ unter dem amerikanischen Pseudonym nachgedruckt worden ist.
Hermynia zur Mühlen wurde 1883 in Wien als Hermine Isabelle Maria Folliot de Crenneville geboren. Ihre Familie entstammte dem österreich-ungarischen Hochadel. Schon als Jugendliche unternahm sie an der Seite ihres Vaters ausgedehnte Reisen auf verschiedene Kontinente und heiratete schließlich 1908 gegen den Willen ihrer Eltern den deutschbaltischen Großgrundbesitzer Victor von zur Mühlen. Sie lebte anschließend im heute heutigen Estland. Die unglückliche Ehe wurde 1920 geschieden. Durch die sozialen Unterschiede in Estland schockiert und an Tuberkulose erkrankt zog sie 1919 nach Deutschland und schloss sich der kommunistischen Bewegung an. An der Seite ihres Lebensgefährten und späteren Ehemanns Stefan Isidor Klein veröffentlichte sie zahlreiche Essays in der kommunistischen und sozialistischen Presse.
Ab 1921 veröffentlichte sie Bücher in zahlreichen Genres, beginnend mit dem Märchen „Was Peterchens Freunde erzählen“ bis zu den angesprochenen Krimis und dem utopischen Roman. Dabei nutzte sie eine Vielzahl von Pseudonymen. Einige ihrer Romane spielen in den USA. Das Hintergrundwissen hat sich die Autorin vor allem durch die Übersetzungen der Werke Upton Sinclairs angeeignet, so dass die wahre Identität Lawrence H. Desberry lange Zeit selbst Experten wie Mirko Schädel verborgen geblieben ist.
Gleichzeitig übersetzte sie zahlreiche Werke aus dem Russischen, dem Englischen und dem Französischen. Obwohl sie früh ihren Adelstitel abgelegt hat, wurde sie als „rote Gräfin“ tituliert und mehrmals wegen ihrer Romane und Schriften angeklagt.
Nach der Machtergreifung flohen ihr Mann und sie erst nach Wien, dann später nach Bratislava und schließlich bis zu ihrem Tod in London.
„Abenteuer in Florenz“ ist ein nicht nur in politischer Hinsicht spannender Roman. Die Helden sind ein Amerikaner und ein Brite, die sich nach Italien begeben, um sich in eine der wichtigsten faschistischen Versammlungen der globalen und stark aufkommenden Rechten einzuschleichen. Ausgangspunkt ist das Verschwinden Antonio Termettas, der von einer nächtlichen Versammlung nicht zurückkommt. Der Leser weiß im Gegensatz zu den Protagonisten ein wenig mehr und anschließend doch nicht. Freunde haben ihn zu einem abgelegenen Ort gelockt und dort ermordet. Allerdings taucht Termetta anscheinend als „Geist“ kurze Zeit später immer wieder auf und bringt die Täter aus der Fassung.
Der amerikanische Journalist Brian o `Keefe und sein junger ungestümer Freund Tommy besorgen sich jeweils falsche Identitäten, wobei O´Keefe nichts davon weiß, dass sein Freund Tommy ihm nach Italien folgt.
Als wichtige Mitglieder ihrer Länder – die USA und Großbritannien – werden sie schnell von den Mitgliedern der anstehenden Versammlung trotz einer gewissen Distanz und Misstrauen aufgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass andere Elemente wichtige Dokumente mittels einer jungen hübschen Frau stehlen wollen und der Verdacht absichtlich oder unabsichtlich auf Tommy gelenkt wird. Auch Termettas „Auferstehung“ sorgt für Unruhe in der kleinen Gruppe der Verschwörer, so dass neben der potentiellen Mordaufklärung vor allem der Dokumentendiebstahl und das enge Zeitfenster – der amerikanische Gesandte wird der Diebstahl seiner Papiere spätestens am Ende der Urlaubsreise auf See bemerken – eine wichtige Rolle spielen.
Die Infiltration des Treffen der Rechten in einem sich mehr und mehr durch Gewalt auszeichnenden Italien ist zwar der rote Faden des Buches, um den die Autorin eine Reihe von eindrucksvollen, erst gegen Ende der Story linksradikaler werdende Fäden gesponnen hat.
Termattas Wiederauferstehung und damit die stetige Gefahr für die immer hektischer agierende italienische Recht wird schließlich in der der zwei proklamatischen Sequenzen mit einem Bibelzitat erklärt: “Und er spricht zu ihm: Legion ist mein Name, denn wir sind viele” ( Die Besessenen zu Jesus). Und hier liegt auch der Wunsch, die Absicht der Autorin. Im Kampf gegen die Faschisten um die Arbeiterrechte muss sich der Einzelne unterordnen. Im Falle von Terrmetta machen die “Wiederauferstehungen” rückblickend auch Sinn.
O´Keefe und Tommy agieren nur anfänglich aktiv. Sie infiltrieren die Versammlung, auch wenn man ihnen nicht gänzlich traut. Das Risiko ist ein Deutscher, der zumindest den englischen Abgeordneten - dessen Identität Tommy angenommen hat - oberflächlich kennt. Als dann auch wichtige Dokumente aus dem Zimmer des Deutschen gestohlen werden, fällt der Verdacht relativ schnell auf Tommy, der sich in der Nacht und am folgenden Tage mit zwei sehr unterschiedlichen Frauen getroffen hat. Mit einer hat er als Ablenkung sogar im eigenen Hotelbett geknutscht. Die Auflösung dieses Handlungsstrangs wirkt allerdings bemüht, nur der schon angesprochen Hinweis auf Mussolini rettet Tommy vor der Verhaftung.
Später müssen O´Keefe und Tommy ihren Hals riskieren, um eine attraktive Frau Maria vor der Hinrichtung zu retten. Sie hat ihren Bruder gerächt, aber als aktives Mitglied der Linken droht ihr die Todesstrafe. Interessant ist an diesem langen Finale, dass O´Keefe und Tommy nur eine bedingte Gerechtigkeit fordern und Maria nicht für ihre Taten straffrei bleiben soll. Ihre Strafe, die sie mit stoischer Gelassenheit und einem Kampfruf an die Genossen entgegennimmt, sollte nur gerecht sein.
Dazwischen finden sich einzelne spannende Sequenzen, in denen die Autorin die Verflechtungen der kapitalistisch rechten Szene aufzeigt, während die linken Arbeiter eher mit ihren roten Fahnen die Straßen beherrschen. Dashiell Hammetts “Rote Ernte” zielt in eine ähnliche Richtung, wobei hier ein Außenseiter in eine kleine Gemeinschaft eindringt und für Unruhe sorgt. O`Keefe als resoluter Reporter mit einer attraktiven platonischen Freundin, die ihm als Schauspielerin in ärmlichen Verhältnissen wohnend nachreist und unterstützt sowie Tommy als der klassische Sidekick, der sich immer wieder zusätzlich verliebt in Schwierigkeiten bringt und von O´Keefe stellenweise auch hart gemaßregelt werden muss, agieren da deutlich anders. Die Gemeinschaft der Rechten nimmt sie förmlich auf. Der große Mann aus den USA und der etwas weniger beachtete Engländer, werden sofort akzeptiert und ihre Identitäten nicht hinterfragt. Alleine die Idee einer langen Schifffahrt, isoliert von der Welt, erscheint fragwürdig, zumal O´Keefe Original ja im Grunde fast zu spät landet. Zwar wird O´Keefe immer wieder über das Eintreffen des Schiffes mit dem Original informiert, aber er will erst in der Nacht verschwinden. Da er Tommy und dessen platonische Liebe noch retten muss, baut die Autorin einen fast klassisch zu nennenden, dramaturgisch irgendwie auch bizarr wirkenden Spannungsbogen auf, der sich in der finalen Gerichtsszene und der schon angesprochenen Würdigung des Kampfes gegen die Linke entlädt.
Die Prophezeiung, dass sich der rechte kapitalistische Spuck innerhalb der nächsten zehn Jahre selbst gefressen hat, wird nicht eintreffen. Genau wie der Kommunismus nicht das Allheilmittel der Arbeiterschaft sein wird. In diesen beiden Punkten liegt die Autorin deutlich falsch, wobei sie den umgreifenden Faschismus in ihrem Roman bis auf die Schläger Patrouillen noch relativ “harmlos” beschreibt. Das Töten der politischen Gegner ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts und damit wenig aussagekräftig.
Natürlich lässt sich “Abenteuer in Florenz” als kraftvoller Ausdruck der gegen den Faschimus kämpfenden Linken als literarische Propaganda abtun. Aber damit wird der Leser dieser durchaus spannenden Geschichte nicht wirklich gerecht. Insbesondere in der ersten Hälfte unterstreicht die Autorin, dass sie das Instrumentarium der Spannungsroman ausgesprochen gut beherrscht. Mit dem “Untoten” fügt sie ein radikales Element ihrer Geschichte hinzu. Auf der anderen Seite baut sie mit dem kameradschaftlich- treuen Tommy, der sich gegen die Anweisungen O´Keefe auf eigene Faust nach Italien aufmacht und dessen Mission beinahe untergräbt, einen der klassischen, fast klischeehaften Sidekick Charaktere ein, die in dieser Form eher unrealistisch erscheinen. Während O´Keefe geplant und logisch vorgeht, muss Tommy als Zufälle mobilisieren, um nicht mehrmals enttarnt, verhaftet oder getötet zu werden.
Ein weiterer Reiz ist das “Wolf im Schafspelz” Motiv. Die Autorin macht deutlich, dass der rasende und waghalsige Reporter O´Keefe wie Tommy der Arbeiterschaft entstammen und mit der rechten industriellen Obrigkeit und ihren dekadenten Lebensgewohnheiten nichts anfangen können. Trotzdem müssen sie in diesem Umfeld widerwillig den Männern treu bleiben, die sie interpretieren. Das führt zu einigen inneren Widerständen, welche die Autorin im Off lakonisch und manchmal auch sehr ironisch kommentiert.
Der Leser muss sich zu Beginn der Geschichte angesichts der verschiedenen Charaktere, aber zusätzlich einigen unvorbereiteten chronologischen Rückgriffen im Kampf der Linken erst orientieren. Es treten viele Charaktere auf, die nur bedingt zu unterscheiden sind. Mit der gut bezahlten, aber das proletarische Leben hinter den Kulissen zelebrierenden Schauspielerin baut die Autorin relativ schnell eine Klischeefigur auf, die natürlich um O´Keefe bangt und bei seinem Verschwinden innerhalb kürzester Zeit aus London anreist, um beruhigt umgehend wieder mit dem nächsten Zug zu verschwinden.
Die Vergangenheit der beiden Helden O´Keefe und Tommy ist nur ambivalent entwickelt, wobei die Autorin immer wieder betont, dass O´Keefe wohl eher als Wohltäter denn als Reporter sich Lorbeeren verdient hat und jeder ihm helfen will. Das wirkt teilweise bemüht, da bei seiner Mission nicht immer wirklich Spannung aufkommt. Zu dominant ist sein Charakter, auch wenn die Autorin mindestens in einer Szene die Glaubwürdigkeit arg strapaziert. So verhindert Tommy, dass die Faschisten aus den Fenstern ihres Versammlungshauses das Feuer auf eine weitere Termetta Inkarnation - mit Tommys heimlicher Liebe an seiner Seite - eröffnen, in dem er beinahe seine Tarnung zerstört. O`Keefe Erklärung für Tommys Verhalten ist schon grenzwertig.
Mirko Schädel hat recht. Der Roman ist ein interessantes, politisch allerdings agitatorisches und von der Zeit in beiden politischen Richtungen überholtes Zeitdokument, das eine stringente und interessant entwickelte Handlung nutzt, um linke Botschaften - keine Parolen - insbesondere während des langen Finals unter die in erster Linie dieser politischen Linie folgende Leserschaft zu bringen. Trotzdem liest sich “Abenteuer in Florenz” auch heute noch erstaunlich flott, die Autorin versteht es, Spannung in einzelnen Sequenzen aufzubauen und die teilweise allerdings ein wenig pragmatischen Charaktere auch überzeugend zu definieren. Die Seltenheit des Originals und der hier nur unvollständige vorliegende Nachdruck - die Redaktion selbst weist auf die fehlenden Seiten hin und fasst die Kapitel kurz für die Leser ihres Magazins zusammen - machen “Abenteuer in Florenz” allerdings zu einer Pflichtlektüre für alle an politischen Krimis Interessierten.

