Ursprünglich sollte die Anthologie wahrscheinlich im Hirnkost Verlag erscheinen. Die Kombination aus thematisch verbundenen Geschichten und entsprechenden Zeichnungen entspricht diesem Konzept. Die drei Herausgeber Tessa Maelle, Mario Franke und Uli Bendick haben ihren literarischen Komplizen allerdings deutlich mehr als nur ein Thema mit auf den Weg gegeben. Zwei Charaktere, die mindestens als Nebenfiguren, in jeder Geschichte auftreten müssen. Dazu ein Gimmick, das es ihnen ermöglicht, von einer „Welt“ zur nächsten zu springen. Anschließend haben die Autoren freie Hand, wobei Sebastian Steffens als erster Staffelträger noch auf Tessa Maelles Vorgeschichte zu reagieren hatte.
Die Herausgeber haben anschließend die Geschichte zu Blöcken zusammengestellt. Jeder Block ist eine Art Punksubgenre. Das wirkt allerdings bemüht, zumal die Einleitungen stellenweise für langjährige Genrefans einfach absurd erscheinen und die erwähnten Bücher, Fernsehserien oder Kinofilme nach dem Motto „Reim Dich oder ich Fress Dich“zusammen gestellt worden sind. Der Leser sollte die Einleitungen also relativ gelassen angehen und den Kopf schütteln, zu welchen Wortkomplexen die Menschen fähig sind.
Der Running Gag, der von den Herausgebern leider furchtbar ernst genommen wird, wird schon mit der Einleitung eröffnet, bei der auch dieser Facette der Science Fiction eine Punk Art mehr oder minder mit der Brechstange zugeordnet wird. So ist die Rahmenhandlung gleichzeitig „Portal-Punk“. Tessa Maelle hat sowohl den Prolog wie auch den Epilog geschrieben. Im Prolog erfährt der Leser, wie die beiden Zwillinge Juna und Maja in einem verlassenen Haus auf der Suche nach Lebensmitteln die Münze finden. Berühren sich beide Teile, dann geht es in die nächste Welt. Anscheinend wie bei „Sliders“ einen Schritt zur Seite und sowohl die Zeitachse entlang wie auch durch den Raum, denn eine der frühen Geschichten dieser Anthologie spielt auf dem Mars. Der Leser erfährt nur wenig über die Ausgangswelt. Auf sich alleingestellte versuchen Juna und Maja in einer Welt zu überleben, die nicht weit von der ersten Geschichtentrilogie des Atompunks entfernt ist.
Die erste und dritte Geschichte des postapokalyptischen Blockes sind enger miteinander verzahnt als Achim Stößers Stillleben. Jeder der einzelnen Abschnitte des Buches führt kurz in das betreffende Subgenre ein, fasst wichtige Aspekte der Science Fiction zusammen und präsentiert eine allerdings sehr oberflächliche, teilweise auch verstörend beiläufige Präsentation wichtiger Werke. Damit wird ausgesprochen viel Potential verschenkt.
In Sebastian Steffens „Unüberwindlich“ landen die beiden Schwestern zum ersten Mal in einer anderen Welt und sind nicht zum letzten Mal räumlich getrennt. Ein elektrischer aufgeladener hoher Zaun trennt die beiden. Sie entschließen sich, dem Zaun zu folgen. Dabei landet eine der Schwestern in einer unterirdischen Bunkeranlage und wird mit den Folgen einer automatischen Kriegsführung konfrontiert. Wie in Herbert W. Frankes Romanen aus den sechziger Jahren ist nicht mehr wirklich erkennbar, wer Freund oder Feind ist. Hier folgt der Autor den gegenwärtigen politischen Strömungen. Auf jede potentielle Aktion – anscheinend ein wiederkehrendes Ereignis – soll beim Überschreiten einer bestimmten „Stelle“ eine Reaktion folgt. Das Finale wirkt ein wenig zu pragmatisch. Im richtigen Moment am richtigen Ort mit den medizinischen Kenntnissen geholfen und schon geht der Rest von ganz alleine. „Unüberwindlich“ könnte sich als Titel sowohl auf den hohen Zaun wie auch die Barrieren im Kopf der Maschinen und den von ihnen kontrollierten Menschen in den unterirdischen Anlagen beziehen.
Auch in der dritten Story „Der ewige Kreislauf“ (Mathias Mormul) landen die beiden Schwestern in einer Welt, in welcher sich ein Teil der Bevölkerung vor dem unmittelbaren Einschlag der Atomraketen unter die Erde verzogen hat. Irgendwann sind die Tieflinge wieder aufgetaucht und stehen jetzt in einem direkten Konflikt mit den Menschen auf der Oberfläche, die sich wegen ihres harten Loses ein wenig mehr Hilfe erhofft haben. Auch hier wirkt die Handlungsführung angesichts des für eine Kurzgeschichte zu komplexen Plots mit zwei Handlungsebenen zu simpel, zu sehr auf das natürlich notwendige Ende – die beiden Schwestern müssen zur nächsten Welt – hin konstruiert. Dabei streift der Autor mit Vorurteilen und Vorverurteilungen; mit Neid und Missgunst, aber auch Paranoia den anderen Menschen gegenüber eine Reihe von sehr relevanten und zeitlosen Themen. Es sind die Nebenfiguren, welche teilweise effektiver charakterisiert worden sind, als die Hauptpersonen.
Thematisch ist Achim Stößers „Grauer Schnee“ eine logische Fortsetzung der beiden Geschichte, zu einem Stillleben entwickelt. Da es aber keine Bunker und im Grunde bis auf die drei Menschen am Lagerfeuer, denen die beiden Schwestern begegnen, auch keine Menschen mehr gibt, ragt die Story atmosphärisch aus den beiden anderen, deutlich dynamischeren und weniger philosophisch intellektuellen Geschichten heraus. Im Grunde passiert nicht viel und der Leser fragt sich, warum die Schwestern überhaupt nach dem ersten Abend am Feuer noch weitere gesundheitliche Risiken eingehen anstatt gleich in die nächste Welt zu springen. Auffällig ist, dass Achim Stößer statt eines Plots eine Menge Infodump buchstäblich über den Lesern ausbreitet. Das reicht von einigen Exkursionen in die frühe Entwicklung von Atombomben bis hin zur zu widerlegenden These, dass mehr Kriege von Männern statt Frauen angefacht worden sind. Das liest sich alles fließend, aber auch sehr selbstgefällig, so dass der poetische Titel dem Inhalt der Story nicht wirklich gerecht wird.
Unter dem Begriff „Biopunk“ finden sich ebenfalls drei Geschichten allerdings sehr unterschiedlicher thematischer Ausrichtung. In „Der letzte Versuch“ (Peter Mack) werden die Zwillinge nur erwähnt. Eine Mutter hat es geschafft, ihre Tochter zu einer Expedition in die Weiten des Mars mitzunehmen. An Bord eines kleinen Bodenfahrzeugs sollen sie entlang der Route versuchen, Leben auf dem toten Planeten auszusäen. Zwischen Mutter und Tochter gibt es die üblichen familiären Konflikte, wobei die Tochter vor allem an den Feierlichkeiten des Marslandetags in ihrer Siedlung teilnehmen möchte; die Mutter überlegt, ein Angebot zur Rückkehr auf die Erde anzunehmen. Peter Macks Charaktere sind überzeugend, mit ein wenig Ironie fügt der Autor einige Besonderheiten des Lebens auf dem Mars hinzu. Am Ende nähern sich Mutter und Tochter von ihrer jeweiligen Seite an, so dass „Der letzte Versuch“ – auch hier findet sich eine zufällige Lösung – zu den positiven Überraschungen dieser Sammlung gehört.
Friedhelm Schneidewind greift in „Tod im Eis“ aktuelle Themen auf. Die Zwillinge landen wieder in einer unwirtlichen Eislandschaft. Dieses Mal sind die in den Bergen gelandet und finden eine Forschungsstation. Aus den vorhandenen Aufzeichnungen können sie entnehmen, woran die Menschheit durch einen Zufall gescheitert ist. Die Grundidee mit der Gefahr aus dem ewigen Eis ist nicht unbedingt neu, aber mittels Computer- und Tagebuchaufzeichnungen zeichnet der Autor ein dunkles, kurzweiliges Bild dieser viel näher an der Gegenwart liegenden Zeit, als es manchem Leser lieb ist.
Stilistisch expressiv versucht sich Rainer Schorm in „Skip“ an einer originellen Idee der Gehirn bzw. Persönlichkeitsübertragung. Die von ihm beschriebenen Schwierigkeiten kann der Leser sehr gut nachvollziehen. Die beiden exzentrischen Charaktere, auf welche die beiden Zwillinge in ihrem Labor treffen, bleiben schematisch und ein wenig blass. Die Idee, dass die Münze ein Schlüssel zur relativen Unsterblichkeit ist, wirkt aufgesetzt, zumal plötzlich die Münze ja nicht nur ein Weltenverschiebungsobjekt ist. Unabhängig von diesen Schwächen ist die schon angesprochene Schwierigkeit, ein Gehirn in seiner funktionalen Komplexität zu kopieren und nicht nur eine Momentaufnahme zu machen, die beste Idee dieser Story.
„Clock Punk“ wäre dann eine klassische Zeitreisegeschichte. Davon findet sich auch nur eine Story in dieser Sammlung. Bei Johann Seidels „Räderwerk der Zeit“ landen die beiden Zwillinge in der Asservatenkammer der kirchlichen Inquisition des Jahres 1488. Sie bekommen mit, dass Leonardo da Vinci verhaftet werden soll und eilen zu seiner Rettung. Johann Seidel impliziert, dass die Zwillinge den brillanten Erfinder mittels eines Geschenks auf seinem weiteren Weg angeleitet haben. Ein hohes Tempo zeichnet die Story aus, die Begegnung mit da Vinci ist sicherlich der Höhepunkt, das Ende mit der Reise in die nächste Welt keine wirkliche Überraschung. Unter diesem Schemata leiden mehr und mehr Geschichten. Die einzelnen Storys wirken wie Abstecher in eine neue Welt, ohne das sich wirklich ein zufrieden stellender Handlungsstrahl entwickelt. Peter Macks „Der letzte Versuch“ hat bislang überdeutlich gemacht, dass die Zwillinge in den Hintergrund gedrängt die Kreativität der Autoren nicht mehr einschränken.
Lustig wird „Concrete Punk“. „Peripheres Grau“ von Silke Brandt hätte auch ohne Probleme dem nachfolgenden „Cyberpunk“ Abschnitt zugeordnet werden. Es ist auch gleichzeitig die erste von mehreren Geschichten, in denen einer der Zwillinge die Kontrolle über seinen Münzteil verliert und damit die Gefahr heraufbeschworen wird, in dieser natürlich ungastlichen Welt zu bleiben. London von der außen bedroht. Die brüchigen Reste sind eher eine Enklave, während draußen die Maschinen moderne Wohnanlagen errichten und den Lebensraum der wenigen verbliebenen Menschen drinnen einengen. Die Zwillinge werden als Eindringlinge verhaftet und verhört. Sie bieten einen fairen Handel an, um wieder an den zweiten Teil der Münze zu bekommen. In einer anderen Geschichte dagegen betrügen und belügen die Zwillinge Helfer, um wieder an die Reisemöglichkeit zu kommen. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und die Mädchen können fliehen, während die Protagonistin Mära einer ungewissen Zukunft entgegenschaut. Die einzelnen Hindernisse werden nicht nur in dieser Story zu leicht aus dem Weg geräumt. Silke Brandt ist nicht die einzige Autorin, die an der Balance zwischen einem originellen Hintergrund und einer wirklich überzeugenden Handlung scheitert.
In Marianne Labischs „Ikias Flucht“ – der erste von drei „Cyberpunk“ Beiträgen – stehen die Nebenfiguren im Mittelpunkt der Geschichte. Ikia ist eine junge Frau, die einen zwielichtigen Zwischenhändler Ratty um einen Gefallen gebeten hat. Er berichtet ihr, dass zwei junge Frauen in die von Big Boss kontrollierte und in sich abgeschlossene Enklave eingedrungen sind. Sie werden ohne Bewachung in einem Keller festgehalten. Big Boss Name alleine soll sicherstellen, dass sie nicht befreit werden. Ratty und Ikia versprechen sich von der Befreiung der jungen Mädchen selbst eine Fluchtmöglichkeit. Am Ende dieser geradlinigen Geschichte kommt es allerdings ein wenig anders. Die Zwillinge sind eher als Katalysator der im Titel angesprochenen Flucht zu verstehen. Fast alles geht nicht nur in dieser Geschichte zu simpel vonstatten. Natürlich verändert das Auftauchen der Mädchen aus dem Nichts vieles in den etablierten Welten, von denen der Leser jeweils nur ein Bruchstück sieht. Aber die Autoren machen aus der grundlegenden Konstellation zu wenig, so dass sich unabhängig von dem fiktiven Subgenres zu viele Wiederholungen einschleichen.
Auch in den beiden anderen Cyberpunk Storys geht es vor allem um Aktion, aber auch die Rettung der Zwillinge aus schwierigen Situationen. In Michael Sperlings „Schattentanz der Toten“ fallen dem Söldner Ash die plötzlich auf der Tanzfläche eines Techno Clubs mit angeschlossener Psychoberatung erscheinenden Zwillinge auf. Er rettet sie und bringt sich zu sich nach Hause. Der Leser ahnt schon die erste Schwierigkeit. Eine Hälfte der Münze ist weg, liegt noch auf der Tanzfläche. Wie gut, dass der Söldner sich entschlossen hat, auf eine Selbstmordmission zu gehen, um seine ermordete Freundin zu rächen und wie weiterhin gut ist es, dass der Ort ihres Auftauchens Anfang und Ende zu gleich ist. Die Handlung ist stereotyp. Die Zeichnung von Ash, dem trauernden nihilistischen Söldner, deutlich gelungener. Ein Vorläufer des Cyborgs, eine Kampfmaschine mit einem Herzen aus Gold. Die Action ist brutal, was den Cyberpunk ja grundsätzlich auszeichnet.
Ein wenig origineller ist vom Hintergrund her Marco Rauchs „Software“. Auch hier muss einer der Zwillinge gerettet werden. Dieses Mal ist es zumindest nicht die Münzhälfte, die verschwunden ist. Im Laufe der Rettung durch Xio stellt sich heraus, dass erstens diese Welt nicht so ist, wie sie erscheint und zweitens diese Welt einen relevanten Hintergrund hat. Mit diesen beiden Hintergrundinformationen hebt Marco Rauch nicht nur den ansonsten stringenten Plot aus der Masse vergleichbarer Geschichten heraus, sondern entwickelt allerdings auf zu wenig Raum einen interessanten Gegenentwurf nicht nur zum zynischen Cyberpunk, sondern einigen Subgenres der Menschheit. Um die Menschen vor sich selbst und einer weiteren Zersetzung ihrer Umwelt zu retten, müssen drastische Mittel ergriffen werden.
Ein Beitrag zum Dieselpunk – „Shangri- La“ von Diandra Linnemann – nutzt ebenfalls die inzwischen bekannte Idee der verlorenen gegangenen Münze, baut sie aber gänzlich anders in die Handlung ein. In dieser industriellen Welt müssen die Zwillinge dem Ladyboss – sie besitzt das wichtigste Konglomerat auf dieser Welt, hat aber in der Politik Feinde – einen Gefallen tun und auf eine Mission gehen. Die Stärke in Diandra Linnemanns Geschichte mit einem pointierten, passenden, aber für die Beteiligten erst spät erklärten Titel, liegt in dem Spiel mit den Klischees. Held und Schurke treffen aufeinander und doch sind die Rollen gänzlich anders verteilt. Während in den anderen Geschichten das verlorene Münzteil – die Herausgeber hätten den Autoren ab einem bestimmten Zeitpunkt die Texte zur Überarbeitung zurückgeben müssen, um dieses inzwischen unglaubwürdige und sich bei vollem Bewusstsein stetige Szenario zu glätten – geborgen oder „gejagt“ werden muss, ist es hier Teil einer Belohnung. Das Geheimnis hält die Autorin lange genug überzeugend zurück, so dass „Shangri- La“ trotz eines exotischeren Hintergrunds und auf den ersten Blick bekannten Handlungsmustern aus zahlreichen vergleichbaren Storys dieser Sammlung positiv herausragt.
„Gaia, allein“ (Maximilian Wust) unterstreicht, dass man die inzwischen fast unerträgliche Ausgangssituation – die halbe Münze ist weg – originell erzählen kann. Die beiden Schwestern tauchen auf einer Wüstenwelt auf. Hinsichtlich des Gesamtkonstrukts fragen sie sich, warum die Münze sie immer an einem relativ sicheren „Ort“ – also nicht über offenen Wasser oder mehrere hundert Meter oberhalb der Planetenoberfläche ohne Flugzeug sowie im All – absetzt. Die Theorien werden abschließend nur wenig extrapoliert. Allerdings ist die Begegnung mit einer Nano Zivilisation, die sich mit den Begriffen wir und ich auseinandersetzen muss und die keine Gefühle kennt überzeugend entwickelt. Maximilian Wust geht auch auf die Bedürfnisse einer der beiden Zwillingsschwestern ein, die einen perfekten Partner gefunden haben könnte. Zumindest in der Theorie. Ob aus einem Kuss ein derartig tief greifender Konflikt eines von Logik besessenen Volks entstehen kann, muss der Leser für sich selbst entscheiden. Aber die Auflösung der bekannten Prämisse ragt positiv aus der Masse der Geschichten heraus.
Auch den Necropunk präsentiert Maximilian Wust mit einer zweiten Story: „In einem Haus ohne Fenster“ geht ebenfalls auf die geheimnisvolle und bislang nicht erforschte Energie der Münze ein. Es handelt sich zwar um einen Prototyp, aber der erst im Prolog gefundene Kasten war leer. Maximilian Wust geht auf die Idee ein, dass es also mehr als ein paar aktive Münzen gibt. In einer Welt der lebenden Toten, der Nekromantie interessiert sich der heimliche Herrscher für die Kraft der Münze, während eine der beiden Schwestern beim Entführungsversuch „getötet“ worden ist und wiedererweckt werden muss. Die Geschichte ist deutlich bizarrer aufgebaut. Insbesondere während des Höhepunkts finden sich eine Reihe von bizarren Szenen, die als Comic oder Fernsehserie wahrscheinlich zu schockierend gewesen ist. Maximilian Wust unterstreicht in seinen beiden Storys noch einmal die durchgehende Stärke der Autoren. So sehr sie an den stereotypen Handlungsverläufen auf einem noch zufrieden stellenden Niveau scheitern, die meisten der von ihnen entworfenen Welten sind interessant, dreidimensional, verstörend barock oder wie bei Achim Stoessers „Grauem Schnee“ melancholisch verstörend.
Tee kann man auch trinken, wie Saskia Dreßler in „Koi gegen die Schildkröte“ beweist. Die Schwester befinden sich nicht alleine in einem Gefängnis an Bord eines Flugschiffs/ Raumschiffs, das die Form eines gigantischen Kois – die Titel – hat. In ihrer Zelle befindet sich mit Kameko eine weitere Gefangene. Die Schwester werden befragt, ob sie den Teepiraten kennen. Wer zwischen den Zeilen liest, kann den weiteren Verlauf der Geschichte erahnen. Aber Saskia Dreßler gelingen eine Reihe von cineastischen Bildern, die in ihren Details nicht unbedingt neu sind, die aber gut unterhalten. Dabei bewegt sie sich stellenweise an der Grenze zum Klischee, wie Kamekos Abgang zeigt. Aber die pointierten Dialoge und diese fremdartig exotische, aber auch zugängliche Welt ihres futuristischen Silkpunks sowie der Verzicht auf die immer wieder angesprochenen Schemata – keine verlorene Halbmünze – machen die Story zu einer interessanten Lektüre.
„Die Reise der Shamrock“ (Claas Gerald Geerdsen) funktioniert auch ohne die Zwillinge. Ein Mann befindet sich im Grunde auf einer Selbstmission zu den Asteroiden, um dort Rohstoffe zu bergen. Er muss für die medizinische Versorgung seines im Koma liegenden Bruders aufkommen. Die meisten Menschen sind nur noch Leibeigene, welche die eigenen Schulden oder die Schulden der Eltern abarbeiten. Die Zwillinge tauchen (nach dem Mars) zum ersten Mal außerhalb der Erde auf. Natürlich reichen die Vorräte an Bord des Raumschiffs nicht. Zusätzlich kommt es an Bord zu seltsamen Phänomenen, die in einem engen Zusammenhang mit der eigentlichen Mission stehen und der Ich-Erzähler (auch eine Seltenheit in dieser Anthologie) für existentielle Entscheidungen stellen. Neben der guten Zeichnung des Ich- Erzählers, der unverschuldet in dieser Situation steckt, entwickelt Claas Gerald Geerdsen ein interessantes First Contact Szenario, das auf der einen Seite Türen öffnet, auf der anderen Seite aber auch einen Ausweg darstellt.
Auch „SteamGarden“ könnte auf die Zwillinge verzichten. In Tessa Maelles Story landen die beiden Mädchen – inzwischen haben sie ihre Münzen mit Bändern vor dem Verlust gesichert – in einer viktorianischen Steampunk Zeit. Das Blühen einer besonderen Blüte steht bevor. Dieses Ereignisse sichert dem Kaiser seinen Einfluss, seine Macht in der grotesken Gesellschaft, auch wenn es dem kommunistischen Gedanken folgend auf dem breiten Rücken eines Arbeiters erfolgt. Neben den ungewöhnlichen Beschreibungen funktioniert der revolutionäre Plot auf eine stringente Art und Weise. Sobald die Zwillinge nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit der Handlung stehen, fühlen sich einige der an dieser Anthologie beteiligten Autoren deutlich freier und deren Texte wirken auch origineller.
Marco Rauchs zweite Geschichte „II Hardware“ präsentiert abschließend eine Idee, welche er schon in seinem ersten Text angewandt hat. Das ist ein wenig schwach, auch wenn der hintergründige Plot erstens zur Geschichte passt, aber zweitens die Zwillinge nicht entsprechend reagieren. Es wirkt, als wenn die beiden Storys unabhängig voneinander geschrieben worden sind und nicht in einen Fugenroman passen sollten. Die Zwillinge landen auf einer Mühlhalde, wo sie von einem geistig einfachen, aber herzensguten Cyborg gerettet werden. Allerdings müssen die Zwillinge am Ende eine schwere Entscheidung mit treffen, die irgendwie gegen und gleichzeitig auch für ihn ist. Das Szenario isoliert von der ersten Geschichte ist packend, der Hintergrund gut beschrieben und vor allem Marco Rauchs Nebenfiguren in dieser Anthologie/ Hauptfiguren in den jeweiligen Geschichten wie Xio In „Software“ und Marek in „2 Hardware“ bleiben dem Leser länger als die Zwillinge in Erinnerung.
Der Übergang zwischen den Welten ist in Gard Spirlins „Nikola“ deutlich schwieriger und sie begegnen mit dem Konkurrenten Edisons Nikola Tesla auch der Inkarnation einer historischen Persönlichkeit, wie die Einführung deutlich macht. Alles in dieser Welt soll zu Energie werden. Die Geschichte besteht in erster Linie aus der Begegnung mit dem exzentrischen Erfinder und der von ihm persönlich gestalteten Welt, ist aber atmosphärisch stimmig und da auf die bisherigen Klischees – halbe Münze oder eine der beiden Schwestern weg – verzichtet wird, handelt es sich um ein interessantes, bizarres Stillleben, aus der Sicht des Elektroschöpfers erzählt.
Rhea Schmidt Walpunk Geschichte „Redemption“ beendet die Anthologie. Juna und ihre Schwester landen im Milieu der Walfänger. Das Ziel ist ein großes Ungeheuer, das bislang mehr als einhundert Schiffe versenkt hat. Der Plot wirkt für die Länge der Geschichte intensiv, am Ende überschlagen sich die Ereignisse zu sehr, aber Rhea Schmidt reiht sich in die schmale Phalanx von Autoren ein, die nicht auf stereotype Verfolgungsmuster zurückgreifen. Die Schwestern sind nicht getrennt und die Halbmünzen an Bord.
Tessa Maelle führt in ihrem Epilog die beiden Schwestern zu einem Ziel, das sie sich ersehnten, aber nicht erahnen konnten. Dem Leser werden einige zusätzliche Erklärungen angeboten, welche einige der hier versammelten Autoren in ihren Texten andeuten konnten. Es ist ein zufrieden stellendes Ende inklusiv einer finalen Herausforderung.
Die Geschichten sind in unterschiedlichen Stilrichtungen von Mario Franke und Uli Bendick illustriert worden. Die beiden Künstler haben sich Mühe gegeben, einen besonderen Moment der jeweiligen Story graphisch umzusetzen. Manchmal ziehen den Leser die Bilder mehr in ihren Bann als die zugrunde liegenden Geschichten.
„Science Fiction Goes Punk“ ist schwer zu beurteilen. Unfair ist es, diesen Geschichtenroman mit den bisherigen Anthologien im Hirnkostverlag zu vergleichen. Die Themen waren deutlich aktueller, mahnender und dunkler. „Science Fiction Goes Punk“ entspricht eher einer amerikanischen Fernsehserie in der „Anything Goes“ Manier. Augen zu und buchstäblich durch. Keine der Geschichten ist stilistisch schwach. Keiner der jeweiligen Hintergründe zu unglaubwürdig, zu eindimensional gezeichnet. Viele der Texte verfügen zusätzlich über interessante Nebenfiguren. Selbst die beiden Zwillinge interagieren gut und ergänzen sich hinsichtlich ihrer Stärken. Angesichts der Herausforderungen werden sie nicht unrealistisch beschrieben. Und doch konnten sich einige der eingeladenen Autoren nicht aus dem Korsett oder vom Ballast befreien. Zu viele Texte sind strukturell zu ähnlich, die Herausforderungen – Schwester oder Halbmünze... egal. Hauptsache einen Moment weg – wiederholen sich. Wahrscheinlich ist es am Besten, die Anthologie über einen sehr langen Zeitraum zu lesen, damit die einzelnen Geschichten sich wieder besser voneinander abheben. In rascher Folge hintereinander gelesen kommt das Gefühl der Wiederholung und dadurch leider auch eine gepflegte Langeweile auf. Es ist schade, dass viele der Autoren nicht den Mut der Wenigen gehabt haben, die Schwestern an den Rand zu drängen und einfach eigene Storys von den zahlreichen wunderbaren Welten zu erzählen, durch welche der Leser dann wieder an der Seite der beiden Mädchen reist. .

- Herausgeber : p.machinery; 1. Edition (14. Dezember 2024)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 216 Seiten
- ISBN-10 : 3957654343
- ISBN-13 : 978-3957654342
