Schuld & Schicksal

Helena Gutmann

Als vierzehnter Band des „Zwischen den Stühlen“ Labels erscheint mit Helena Gutmanns gesammelten Familienaufzeichnungen das Portrait einer deutschen Mittelstandsfamilie, wobei der Untertitel „Hundert Jahre Unbeugsamkeit“ nicht gänzlich richtig gewählt ist.

Die 1964 in Rotterdam geborene Herausgeberin hat an niederländischen Grundschulen unterrichtet und ist die Witwe Rainer Geldmachers, dessen Familienchronik hier bestehend aus den Aufzeichnungen ihres Mannes und ihres Schwiegervaters nacherzählt wird. Nicht chronologisch, nicht objektiv, sondern subjektiv – die jeweiligen Erzähler sind den einzelnen Kapiteln zugeordnet – und vor allem weniger wertend als berichtend.

Die erste aufgezeichnete Begegnung findet zwischen dem jüdischen Bankiersadel und dem jungen Friedrich Geldmacher im mondänen Frankfurter Westend statt. Er lernt seine Schwiegereltern kennen. Seine zukünftige Frau Sara hat er nur wenige Monate vorher beim Tanzen kennengelernt. Er hat sich mit seinem Bruder als Kistenmacher selbstständig gemacht. Verpackungsmaterialien. Saras Eltern stehen dem auf eigenen Füßen stehenden jungen Mann mit der normalen Skepsis von Schwiegereltern in spe gegenüber, aber sie behandeln ihn respektvoll und schließlich unterstützt ihn auch die Bank seines Schwiegervaters.

Aber die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1925 sind der zweite Absatz dieses Buches. Vorher hat der Leser die bittere Realität des nationalsozialistischen Herrschaft kennengelernt. Die Geschichte beginnt Mitte Mai 1939. Die Zeichen des Krieges sind überdeutlich. Die Schwiegereltern sind schon nach Paris geflüchtet. Friedrich soll mehr Verpackungskisten für Zyklon liefern. Der Leser ahnt, wozu das Gas später verwendet wird. Um den lukrativen Auftrag zu erhalten und seine Firma zu behalten, soll er sich von seiner jüdischen Frau scheiden lassen. Wie wirtschaftlich brutal diese Scheidungen sind, wie effektiv die Nazis die Kontrolle über die Vermögen der potentiellen Flüchtlinge schon vor dem ersten Schritt erlangt haben, zeigen diese Aufzeichnungen. Friedrich ist kein Held. Friedrich ist naiv und willigt ein. Sara geht nach Paris, er behält sein Unternehmen, das später aus zynischen Gründen kriegsrelevant wird.

Der nächste Sprung ins Jahr 1944. Bei einem Empfang erfährt Friedrich, was inzwischen mit dem Zyklon B Gas passiert. Sein Gesprächspartner und Täter und Opfer zu gleich. Ein seltsamer Widerspruch. Als Widerstandskämpfer hat der inzwischen in de SS arbeitende Mann einige Monate in einem Konzentrationslager gesessen. Er hat versucht, das Zyklon B zu entschärfen, die tödlichen Grundstoffe entweichen zu lassen. Jetzt verbessert er die Mischung; versucht die Juden in den Gaskammern weniger lange Leiden zu lassen. Alles muss effektiver werden. An den Endsieg glaubt der Gesprächspartner nicht mehr, während der naive Friedrich schockiert ist.  Seine Firma ist auf Blut aufgebaut, seine Frau hat er verloren.

Am Ende hat er nichts. Am Tag der Kapitulation findet er seinen persönlichen Frieden im Glauben, dass seine Frau wie seine Schwiegereltern vielleicht auch tot ist; der Sohn ist an der Ostfront verschollen und alles liegt in Trümmern.

Damit endet die Ära Friedrich Geldmacher. Schonungslos wird aufgezeigt, wie geschickt und eng die Nazis ihre Netze ausgelegt haben. Widerstand ist aus der Positionen des kleinen Mannes, der seine Schuld erst spät und naiv erkennt, schwer möglich. Eine Flucht nach Frankreich ist inzwischen zu spät. Fast ganz Europa ist besetzt und er weiß nicht, wo sich seine Verwandten aufhalten.  Vielleicht schleicht sich Friedrich Geldmacher auch aus der eigenen Verantwortung, kapituliert vor der eigenen, auch familiären Schuld. In einem wichtigen Punkt wird diese Schuld allerdings im letzten Kapitel des Buches relativiert. Zwar beginnt jede Reise mit dem ersten Schritt, aber die Wege sind niemals gerade. Vor allem wenn es sich um Menschen in historisch bedeutsamen Zeiten handelt. So schließt sich in einem Punkt am Ende ein Kreis. Wie Konrad handelt Friedrich mutig, entschlossen und übernimmt Verantwortung für andere Menschen. Im Gegensatz zu Konrad wird er anschließend aber nicht vor eine schwierige, vielleicht unmögliche Entscheidung gestellt.   

Aber jedes Ende hat auch einen Anfang. Und damit geht die Schuld weiter. Inzwischen nicht mehr gegenüber den Juden, sondern der eigenen Familie.

Die Aufzeichnungen der Familie offenbaren mehr und mehr interessante Gegensätze. So steht Schuld im Grunde der “eigenen Schuld” gegenüber.  Das sieht auf den ersten Blick bizarr aus, aber im Laufe der Geschichte laden einzelne Familienmitglieder Schuld durch Unterlassung - vor allem im Zusammenhang mit den Nazis - und Schuld durch aktives, aber auch kongruent falsches Handeln auf sich. So wurde Raffael als Sohn Konrads während der nationalsozialistischen Herrschaft ausgegeben, damit er durch seine jüdische Mutter keine Schwierigkeiten bekommt.  Irgendwann werden Konrad und seine Frau nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit den Folgen dieser Entscheidung konfrontiert. So schwerwiegend auch die Entscheidung sein mag, die hier gesammelten Aufzeichnungen geben in der vorliegenden, literarisch aufgearbeiten Form nur einen bedingten Einblick in das Seelenleben der Protagonisten. Daher wird der Leser mehr und mehr zu einem rein passiven Beobachter, einzelne Ereignisse verlieren dadurch ihre emotionale Nähe und wirken weniger eindringlich als vielleicht beabsichtigt. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg finden sich nur noch zwei historische Bedeutungen in der Chronik. Die Angst vor der Währungsreform inklusive der politischen Diskussionen und schließlich die Corona Krise, welche das letzte hier aufgezeichnete Ereignis in den einhundert Jahren der Familie Geldmacher verschiebt. 

Dazwischen dreht sich viel in Kreisen. Immer wieder wirft die Vergangenheit lange Schatten. Aber in jedem dieser Schatten liegt auch ein neuer Anfang. Das wirkt in der Zusammenfassung vielleicht bemüht, vielleicht auch konstruiert, basiert aber auf den Zeichnungen zwei Geldmachers und einem aufgefundenen Tagebuch Dr. Peters, das wiederum den Bogen in die nationalsozialistische Schreckensherrschaft zurückschlägt. 

Das der braune Schrecken nicht tot ist, zeigen die Schwierigkeiten, welche Rafael schließlich hat, einen neuen Job zu finden. Die ehemaligen Geschäftsführer der Kracke I.G. Farben sind immer noch in Führungspositionen. Keine Nazis mehr, sicherlich keine Demokraten. Die braune Vergangenheit wurde christlich konservativ übermalt. Wie der Vater, so der Sohn ist weiterhin ihre Maxime und verhindern so eine berufliche Rückkehr Rafael Goldmachers. Auch hier schließt sich wieder ein Kreis. Alles kehrt wieder. Auch die Niederlagen und damit auch die Art, wie Mann sich aus dem (sozialen) Leben verabschiedet. 

Aber die Familie der Geldmacher ist viel größer als es auf den ersten Blick erscheint. Es bilden sich zwei interessante Familien Stränge, von denen der Eine schließlich aus der Dunkelheit des Nationalsozialismus in die Schweiz und zur in dieser Chronik jüngsten Generation der Geldmachers zurückführt. In diesen vielleicht ein wenig überzogen dargestellten Weg mischt sich auch schließlich die soziale Verantwortung, die Erkenntnis, etwas über den eigenen Tod hinaus mit dem bösen Kapital bewegen zu wollen. 

 Der zweite Familienzweig wird sich schließlich im 21. Jahrhundert mit diesem Seitenarm wieder verbinden. Einmal Israel und zurück. Nach dem Tod der Zieheltern werden die Briefe Saras gefunden und einer der Charaktere macht sich auf den Weg ins Kibbuz, um nicht nur dort zu arbeiten; die Liebe seines Lebens zu finden, sondern die Frau zu besuchen, die in den dreißiger Jahren sich aus Notwendigkeit aus dem Leben der Geldmachers verabschiedet hat. 

Vieles trifft bei dieser Begegnung aufeinander. Einzelne, dem Leser auf dem ersten Blick vertraute Szenen werden aus einer anderen Perspektive noch einmal rekapituliert und damit auch relativiert. Nicht jede aufgelöst Mischehe ist unabhängig von den emotionalen Wunden eine Beugung vor den Nazis. Manchmal ist es besser, Menschen gehen zu lassen, um sie wiederzufinden. Das zeichnet auch die Beziehung zu Helena (Gutmann) aus, die Niederländerin, die in Israel Rainer Goldmacher kennengelernt hat. Auch wenn sie in den beschriebenen Szenen liebevoll harmonisch miteinander umgehen, braucht zumindest Helena auch ein wenig Freiheit. 

In Israel fügen sich auch dank Sarahs Tochter aus zweiter Ehe die letzten Puzzlestücke zusammen. Die Geschichte endet auf einer süsssauren Note mit der Aufnahme eines Gerechten in Yad Vashem. Nicht, weil man es dem Goldmacher nicht gönnt, der Schuld auf sich geladen hat, ohne es vielleicht wirklich zu wissen und Sühne getan hat mit einer mutigen Entscheidung. Nicht, weil die Ehrung dieser Helden heute nicht mehr notwendig erscheinen könnte. Sondern da sich angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse in Gaza und Israel die Frage stellt, wer heute die Helden sind und ob die Gerechten wirklich in dieser Form ebenfalls nichts aus der eigenen ertragenen Geschichte gelernt haben. Aber das ist nicht das Thema dieser Familienchronik. 

Über einhundert Jahre ist viel und doch wenig passiert. Die Abstände werden zur Gegenwart hin immer größer, die auch politisch relevanten Ereignisse immer weniger. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, welche eine Familie ausmachen, treten mehr in den Vordergrund. Hier überzeugt die Art und Weise, in welcher auf den ersten Blick unwahrscheinliche Begegnungen bodenständig, plausibel und verblüffend stringent erzählt werden. Der “Goldonkel”, der aus einem aufsässigen jungen Mann schließlich einen Menschen macht, der Verantwortung aktiv übernimmt und über den Horizont blicken kann. Natürlich kann Kapital sich nur mehren, wenn es vom klugen Kapital gefüttert wird. Das klingt wie ein Klischee, ist vielleicht auch angesichts der gegenwärtigen kapitalistischen Exzesse und der klassischen Vermehrung von Geld rücksichtslos auf Kosten anderer ein zarte Blüte, die gehegt werden muss. Aber wer hinter die Kulissen der Boulevard Zeitschriften schaut, wer nicht nur in den Wirtschafts Blättern die erste Seite betrachtet, wird erkennen, dass viel gutes von den “Kapitalisten” ausgeht, welche ihr Geld auf die alte Art und Weise erarbeitet haben und deren Mehrung in Family Office weit über die klassische Struktur einer Gelddruckmaschine hinausgeht. Auch mit nachhaltigen, grünen Investitionen lässt sich neben dem guten Gewissen Geld verdienen. Ein Punkt, der vielleicht ein wenig zu kurz kommt.

Aber wie es bei der nationalsozialistischen Zeit in dieser Familiengeschichte nur Grauzonen gibt, so gehen die Geldmachers auch mit der Börse um. Sie sehen es natürlich als Möglichkeit, Rendite zu erzielen, aber ohne das Kapital der Börse gäbe es auch keinen Wohlstand. Plan- und Kriegswirtschaft haben die Geldmacher selbst miterlebt. 

“Schuld & Schicksal” sind die von mehr als fünfzig Verlagen abgelehnten Erinnerungen von Rafael und Rainer Geldmacher. Rainer Geldmacher hat die Publikation nicht mehr erlebt. Der bislang letzte Spross Tim sah es eher als böses Omen an. Aber Beharrlichkeit zahlt sich aus. In “Zwischen den Stühlen” liegen sie jetzt als Buch vor. Fragmente ist ein zu einschränkender Begriff für die gesammelten Erinnerungen.  Höhen und Tiefen, Siege und Niederlagen. Es sind nicht immer die großen Momente, welche dieses Buch auszeichnen. Es sind die Erfahrungen, die durch die erweckten Erinnerungen gemacht werden. Auch die längst verstorbenen Familienmitglieder bleiben dadurch lebendig und verändern sich nicht nur vor den Augen der Leser, sondern auch an eigenen Nachkommen. Jede neue Information ist nicht nur ein weiteres Puzzlestück, sondern eröffnet eine andere Perspektive. Lebendige Geschichte.  

Es ist die Geschichte mehrerer Generationen, die sich wie Schiffe auf dem Ozean immer wieder begegnen, begrüßen und dann teilweise für Jahre wieder aus den Augen verlieren. Immer wenn sie sich treffen, haben sie sich etwas zu erzählen. Das macht den Reiz dieses kompakten Bändchens aus. Da die vielen Jahre einsam auf dem Meer nicht ins Gewicht fallen, wird der Leser nicht gelangweilt. Er lernt viel über die Familie, aber auch die unterschiedlichen Zeiten. Vor allem erkennt der aufmerksame Leser, dass er in einer trotz aller Bedrohungen guten Zeit lebt, die auch durch das Kapital geschützt werden muss. Damit schließt sich endgültig der Kreis.     

Helena Gutman (Hrsg.)
SCHULD & SCHICKSAL
Hundert Jahre Unbeugsamkeit
Zwischen den Stühlen 14
Zwischen den Stühlen @ p.machinery, Winnert, Februar 2025, 168 Seiten
Paperback: ISBN 978 3 95765 439 7 – EUR 16,90 (DE)
E-Book-ISBN 978 3 95765 704 6 – EUR 5,49 (DE)