Der Baumeister

Leo am Bruhl

Nach drei Bänden mit phantastischen Geschichten präsentieren Lars Dangel und die Edition Dornbrunnen einen vierten Band mit abenteuerlichen Storys aus der Feder Leo am Bruhl. Damit sind nur noch seine Krimis nicht zumindest teilweise gesammelt worden. Lars Dangel geht in seinem Vorwort auf die unterschiedlichen Längen und die groben Bearbeitungen durch die Zeitungsredaktionen der mehrfach nachgedruckten Geschichten ein, die stellenweise sinnentstellend sind. Zumindest zeigen die hier gesammelten Arbeiten wie die phantastischen Geschichten, das die ganze Welt (bis auf Australien als weißer Fleck) Leo am Bruhls mindestens literarisches Zuhause ist.

 Weiterhin verweist der Herausgeber auf die erste Story der Sammlung “Abenteuer in Sibirien“, in deren Prolog sich ein Hinweis auf den zeitweiligen Aufenthaltsort des geheimnisvollen Autoren findet. Es ist aber nicht der einzige Hinweise. Wenn es sich beim Prolog nicht um eine Finte in Karl May Tradition handelt, um den gut recherchierten Storys noch mehr Authentizität zu verleihen, dann ist der Verweis auf die Mutter mit ihren Briefen vom Rhein ein zweiter Hinweis. In der damaligen Zeit sind die Eltern bzw. allein stehenden Mütter nur selten noch einmal umgezogen, so dass davon auszugehen ist, dass Leo am Bruhl einige Zeit in der Rheinnähe verbracht hat. „Abenteuer in Sibirien“ ist eine geradlinige Geschichte. Der Ich- Erzähler (eine bevorzugte Perspektive bei den sehr kurzen Geschichten Leo am Bruhls) wird auf eine Mission geschickt. Er soll einen Mann erreichen, bevor ihn in den endlosen Eiswüsten der Medizinmann erreicht und er ermordet wird. Das unwirtliche Leben beschreibt der Autor nicht nur in dieser Geschichte für die Kürze ausgesprochen überzeugend und das Ende der Story ist pragmatisch. Zumindest einen Teilerfolg kann der Erzähler verzeichnen.

 Auch „Ehe im Eis“ spielt im hohen Norden. Der Titel ist fast Programm. Anhand der Ehe zwischen einem Engländer, den die ewigen Weiten eingefangen haben und einer jungen Eingeborenen zeigt Leo am Bruhl die kulturellen Unterschiede auf, als die Beiden den Stamm der Frau besuchen, im neue Lebensmittel zu kaufen. Wie einige andere Geschichten Leo am Bruhls überschlägt sich wahrscheinlich wegen des beengten Platzes in den Tageszeitungen der Plot gegen Ende der Geschichte.  

 „Opallas Wundermittel“ reiht sich ebenfalls in die kleine Gruppe von im Hohen Norden spielenden Geschichten ein. Vier Jäger streiten sich kurz vor Erreichen des Handelsstützpunkt um das Aufteilen der Beute. Zwei Mitglieder wollen, das der Heiler der kleinen Siedlung mit seinem Wundermittel einen gleichen Anteil erhält. Das ist so Tradition. Allerdings erkennt einer der Beteiligten, um was es sich bei dem Mittel handelt. Als Engländer weiß er, wie er es „besser“ einsetzen kann. Mit natürlich tragischen Folgen. Dieses melancholische Ende, diese bitteren Pointen finden sich in einer Vielzahl der Geschichte und unterstreichen, dass das nur vordergründig überlegene, rationale Vorgehen der Europäer fatale Folgen für Naturstämme und ihren langen Traditionen hat.      

 In „Alali“ zeigt Leo am Bruhl nachdrücklich auf, dass Respekt ein wichtiges Element an den exotischen Plätzen der Welt ist. Der Erzähler ist Arzt in einem Dschungelcamp, als ein neuer Kollege eintrifft. Dieser verhält sich gegenüber den Einheimischen herrisch und despektierlich. Damit verliert er jeglichen Respekt vor den Einheimischen und macht die Arbeit der Ärzte eher schwerer als leichter.  

 Die Titelgeschichte „Der Baumeister“ bezieht sich auf den Bau der Chinesischen Mauer. Es ist erstaunlich, wie viele Informationen der Autor auf so wenigen Seiten platziert. Der Ich- Erzähler wird geweckt, weil die Arbeiter in dieser einen Nacht mit einem besonderen Wind nicht schlafen können. Durch das Hochwasser geht der Bau des Staudamms – in einigen Geschichten werden von den als Architekten oder Ingenieuren arbeitenden Erzählern größere Bauwerke geplant oder errichtet -   nicht voran, so dass die Chinesen den Europäer zu einer besonderen Stelle an der chinesischen Mauer begleiten, wo sich das Schicksal des Baumeister erfüllte. Lars Dangel hat an einer anderen Stelle darauf hingewiesen, dass Leo am Bruhl einige Geschichten in jüdischen Magazinen und basierend auf jüdischen Legenden platzieren könnte. Wie sein Verschwinden – bis auf wenige Ausnahmen – im Jahr 1933 spricht einiges dafür, dass der Autor jüdischen Glaubens gewesen ist. Auch diese Story reiht sich in diese Tradition ein, wobei Legenden/ Sagen mit der Wirklichkeit verschmelzen. Ob zufällig oder nicht muss der Leser entscheiden.

 In den beiden Miniaturen „Beethoven im Urwald“ und „Das betrunkene Brot“ geht den Expeditionen des Erzählers die Nahrung aus. In der ersten Geschichte bedeutet Musik im Dschungel die Rettung, in der zweiten Geschichte ist die vermeintliche Rettung – das im Titel angesprochene Brot – beinahe ihre Verhängnis. Während „Beethoven im Urwald“ eher eine stimmungsvolle Anekdote ist, folgt „Das betrunkene Brot“ mit dem Wodka liebenden Kosaken den Strukturen der klassischen Abenteuerliteratur mit dem Umdrehen des Spießes in letzter Sekunde.   

 „Cha“ ist eine dunkle, bittere Geschichte. Ein Japaner, der auf einem Schiff arbeitet, begegnet dem Abbild des japanischen Kaisers in der Auslage eines Ladens fernab von der Heimat. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen und Chas Tat aus dem Affekt hat tragische Folgen. Zumindest für ihn. „Cha“ ist auch eine der Miniaturen, die stellvertretend für die genaue Recherche Leo am Bruhls dienen können. Seine Geschichten spielen nicht nur über den Erdball verstreut, wie andere große Kolportageautoren – siehe Robert Kraft und Karl May – hat er für die Handlungen seiner Storys mindestens Sekundärrecherche betrieben. Ob er die vielen Länder auch bereist ist, ist eine der vielen offenen Fragen um den Autoren.

 Auch „Dämon der Kloteken“ spielt an einem exotischen Ort der Erde. Immer wieder besuchen vor allem Europäer geheimnisvolle Plätze oder werden Beobachter von eigentlich geheimen Ritualen. Nicht selten greifen sie ein, was schließlich fatale Folgen hat. Natürlich entwickelt Leo am Bruhl aus diesen Versatzstücken unterhaltsame, aber teilweise auch erkennbare Muster. Nur wenige Versatzstücke werden verschoben. Allerdings gelingt es dem Autoren, immer wieder die entsprechende exotische und teilweise auch fiebrige Atmosphäre dieser in den zwanziger und dreißiger Jahren immer noch für die meisten Tageszeitungsleser weißen Flecken heraufzubeschwören. „Dämon der Kloteken“ gehört vor allem während der Schilderung des grotesken Rituals ohne Frage in diese Kategorie.

 Zu den längsten Storys gehört Doktor Magics Auftrag“. Der Ich- Erzähler wird Zeuge eines Bankraubs. Da er kurz vor dem Überfall eine Karte mit der Zahl „3“ aufgehoben hat, wird er von den Verbrechern verletzt mitgenommen und vom Doktor Magic operiert. Anschließend erhält er einen besonderen Auftrag. Leo am Bruhl impliziert, dass die Verbrecher seiner Geschichte über ein gigantisches Netzwerk verfügen. Eigene Krankenhäuser mit käuflichen Ärzten. Doktor Magic gehört in diese Reihe von Ärzten, welche noch keine Mad Scientists sind, deren originäre Ziele – er will von dem Geld der Verbrecher Radium kaufen, um seine Krebsforschungen fortzusetzen – im Grunde gut sind und die wie Frankensteins Erben Erstaunliches bewerkstelligen. Der dem überforderten Erzähler präsentierte Plan ist ambitioniert, aber auch pervertiert. Die Beute sehr hoch. Dabei handelt es sich nicht mal um ein echtes Verbrechen, sondern die Erfüllung der innigsten Wünsche des Opfers, was der unterhaltsamen Kurzgeschichte eine besondere, süßsaure Note gibt.

 Wie eine Reihe von Kurzgeschichten aus den ersten drei Sammlungen beinhaltet „Der geheime Schatz“ auch einige Hinweise auf möglicherweise übernatürliche Phänomene. Die unbewusste Weitergabe von Wissen über Generationen hat Leo am Bruhl in einigen seiner Texte auf sehr unterschiedliche Art und Weise verarbeitet. Hier findet sich zusätzlich der Erzählrahmen, eine gängige Vorgehensweise. Allerdings ist der Rahmen offen, der Erzähler kann kein Fazit ziehen. Der Titel der Geschichte verrät fast zu viel vom Plot. Das gestohlene Bild wäre ein besserer Aufhänger gewesen. Und trotzdem fasziniert der kurze Text den Leser, weil Leo am Bruhl mit dem Möglichen spielt, auf weitergehende Erklärungen verzichtet und Leser wie Zuhörer verblüfft zurücklässt.  

 „Das Grab über den Wolken“ ist ebenfalls eine dieser kleinen Miniaturen, in denen es um verblüffende Entdeckungen gedeckt. Der Erzähler berichtet von einer Bergesteigerexpedition, die auf dem Weg zum Gipfel in einer Höhle ein Zwischenlager errichten und dabei eine verblüffende Entdeckung machen. Nicht selten fassen Leo am Bruhls Kurzgeschichtentitel den Plot schon perfekt zusammen. Der Spannungsaufbau funktioniert unter dieser Prämisse in der Theorie nicht wirklich gut, aber die kompakten Texte; der persönliche Blick des Erzählers zurück auf die Ereignisse und manchmal auch eine packende Pointe halten den Leser trotzdem bei der Stange. Auch in „Das Kalahri- Gespenst“ gibt es für die Begegnung des Erzähler zusammen mit seinem Begleiter eine „natürliche“, eine stammestechnische Erzählung. Dabei ist die Definition des Todeszeitpunkts wichtig. Während das Ende von „Das Grab über den Wolken“ eher intellektuell verspielt wirkt, verfügt „Das Kalari- Gespenst“ über ein klassisches Leo am Bruhl Ende. Alles scheint rational erklärbar und dann schlägt noch einmal der Zufall (?) zu. In „Nabonga“ trifft die erste auf dritte Welt. Nabonga ist ein junges attraktives Mädchen, das am Erzähler der Geschichte – er schreibt in Eile seine Erinnerungen in ein Tagebuch – in die Wildnis begleitet. Es kommt zu einer Tragödie. Auch der Kontrast zwischen den angeblich so zivilisierten Europäern und den Ureinwohnern in der restlichen Welt sowie die aus dem unterschiedlichen Wissensstand entstehenden Missverständnisse hat Leo am Bruhl immer wieder in seinen Geschichten aufgegriffen. „Nabonga“ mag wegen eines vom Europäer nicht überdachten  Rats besonders tragisch sein, ist aber für das Werk Leo am Bruhl auch so positiv bezeichnend. Auch „Das Opfer“ folgt diesem Schema. In einem Dorf reißt ein Tiger immer den Vater eines relativ neugeborenen Mannes. Der Ich- Erzähler versucht mit einem der potentiellen Opfer durch die Jagd auf den Tiger diesen Kreislauf zu durchbrechen. Natürlich funktioniert es nicht. Ob es sich wie zum Beispiel bei „Das Horoskop“, „Das Kalari- Gespenst“ oder „Nabonga“ um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung handelt oder der Zufall seine Finger im Spiel hat, wird final nicht beantwortet. 

  Auch „Das Horoskop“ reiht sich in diese kleine Phalanx von unterschiedlichen, indirekt phantastischen Texten dieser Sammlung. Ein Arzt und ein Polizist werden nachts in das Haus eines Chemikers gerufen, der anscheinend Selbstmord begangen hat. Das Horoskop - vor mehr als zehn Jahren erstellt – hat den heutigen Tag als seinen Todestag prognostiziert. Mit fast sadistischer Freude entlarvt Leo am Bruhl am Ende einer langen Kette von Ereignissen, die sich wie vorhergesagt ereignet haben, den kleinen Fehler, der diese Prophezeiung eigentlich ins Wanken bringen sollte. Aber wie in erstaunlich vielen anderen Texten des Autoren ist der Aberglaube sehr viel stärker als der Glaube, aber auch das rationale Denken. Es geht auch andersherum. In „Die Kiesel von Mas-d`Azil“ berichtet ein Professor in trauter Runde vom Verschwinden eines Rechtsanwalt. Anscheinend hat er die seltenen bemalten Kiesel von Mas-d`Azil benutzt, um mit den Geistern Kontakt aufnehmen und in eine andere Welt zu wechseln. Die finale Erklärung ist deutlich rationaler und voller Ironie. Diese Miniatur unterstreicht, wie effektiv Leo am Bruhl die Leser mittels übernatürlicher Implikationen in seinen Bann schlagen konnte, um dann eine gänzlich andere, nicht unbedingt alltägliche, aber doch öfter vorkommende Erklärung zu präsentieren.   

 Zu den längeren Texten gehört „Jan unter dem Südkreuz“. Der Erzähler rettet einem Plantagenbesitzer wahrscheinlich in einer heruntergekommenen Kneipe das Leben. Er lädt den Weltenbummler zu sich ein, wo er dem deutschen Aufseher Jan begegnet. Dieser lebt mit einer schönen Einheimischen zusammen. Irgendwann bricht Jans Eifersucht an die Oberfläche. Der Text ist ungefähr zwei bis dreimal so lang wie die anderen Geschichten. Diese Länge nutzt Leo am Bruhl positiv, um die Charaktere – trotz der Kürze vieler Texte eine der Stärken des Autoren – besser darzustellen, die Hintergrundatmosphäre nachhaltiger zu entwickeln und schließlich eine bitterböse Pointe zu präsentieren.

 Der Titel von Roode- Ster explodiert“ ist ein feines Wortspiel. Beim Bau einer kleinen Lagerhalle inklusive des Aushubs einer Zisterne kommt es zu einem Unfall. Bis das in Lebensgefahr schwebende Opfer schließlich erkennt, dass er nicht einem Streich zum „Opfer“ gefallen ist, muss es erst einmal „explodieren“. Die Miniatur ist eine der lustigeren Geschichten dieser Sammlung. Auch in „Skallagrims Goldfiebel“ steckt eine Menge Ironie. Der Protagonist muss sich unter falschen Namen bei den Pelzjäger verstecken. Unter den Augen der örtlichen Behörden machen sie in einem Loch im eisigen Boden eine „einzigartige“ Entdeckung. Im Epilog löst der Erzähler augenzwinkernd nicht nur ein, sondern hinsichtlich der Identität eines seiner Partner sogar zwei Rätsel auf.

 Die letzte Geschichte dieser Sammlung „Tschitah“ fasst im Grunde bis auf den Humor alle Aspekte der zwanzig vorangestellten Storys noch einmal gut zusammen. Die Faszination des Ich- Erzählers mit einer unbekannten, exotischen Frau, die ihn in kurzer Zeit um den Finger wickeln könnte. Gegenteilige Beweise ihres schlechten Charakters würden nicht ausreichen. Der ich- Erzähler muss es mit eigenen Augen sehen. Daher wird eine „Tschitah“ Jagd veranstaltet, an deren Ende die Masken fallen und der Ich- Erzähler schockiert wie geläutert zurückbleibt.

 „Der Baumeister“ reiht sich ob der exotischen Hintergründe, teilweise auch phantastischen Inhalt in die kleine Reihe der ersten drei Anthologien ein. Auch wenn sich weniger Phantastik in den insgesamt einundzwanzig Storys aus allen Herren Länder findet, überzeugen die exotischen Prämissen, die klaren erzählerischen Strukturen, die teilweise offenen oder ironischen Pointen sowie die Genauigkeit, mit welcher der bis heute unbekannte Leo am Bruhl seine Texte hinsichtlich der Orte, die Riten und Gebräuche, aber auch des Aberglaubens
recherchierte und gefällig, allgemein verständlich für seine Leser aufarbeitete.

       

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Dornbrunnen
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 24. März 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 152 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3943275787
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3943275780

 Der Baumeister: Abenteuerliche Geschichten (Taschenschmöker aus Vergangenheit und Gegenwart Sonderband)

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