Der fünfte Band des »Cutting Edge« Imprints gehört Thomas Ziegler. Drei Texte sind jeweils mit dem Kurd-Laßwitz-Preis als beste Novelle ausgezeichnet worden. »Die Stimmen der Nacht« später in einer überarbeiteten Roman-Fassung noch einmal in dieser Kategorie. Ronald M. Hahns Nachwort sollte als Vorwort verstanden und auch so gelesen werden. Es gibt einen Einblick in den Menschen Thomas Ziegler. Ronald M. Hahn weist auf Thomas Zieglers wichtige Werke hin, aber vergisst auch nicht, dass ein Künstler leben muss. Neben Übersetzungen die zahlreichen Adaptionen von eher mittelklassigen Fernsehserien und später die Drehbücher für einige Soaps, die in Thomas Zieglers Wahlheimat Köln gedreht wurden.
Auch wenn Thomas Ziegler unter anderem mit »Die Stimmen der Nacht« oder »Alles wird gut« sehr gute Romane verfasste, darf nicht vergessen werden, dass schnell heruntergeschriebene Serien wie »Flaming Bess« – gute Ausgangsidee, schlampige Ausführung – oder »Sardor« – auch hier ist der letzte, allerdings zu Lebzeiten Thomas Zieglers nicht vollständig abgeschlossene Roman eine Enttäuschung – dem gegenüberstehen. Thomas Ziegler ist ein Meister der Novellette – die mittellange Kurzgeschichte – oder der Novelle gewesen. Dazu kommen allerdings auch seine überdrehten Kölnkrimis, die er wie weiland Karl May mit ellenlangen, nicht immer lustigen Dialogen auf Romanlänge gebracht hat, deren Inhalt aber besser zu einer Novelle gepasst hätte.
Die sorgfältig bearbeiteten Kurzgeschichten stammen aus den Jahre 1978 bis 1990. Wie der Anhang deutlich macht, auch die wichtigste Phase des Schriftstellers Thomas Ziegler, in denen er sich am meisten und vor allem kontinuierlich weiterentwickelte.
»Von problemlosen Zeiten« (Exodus Magazin, das es heute ja immer noch gibt) und »Matuscheks Welten« (aus dem Heyne Story Reader) eröffnen die Sammlung. In Hinblick auf den dystopischen Staat, die Reglementierung und schließlich auch die Bestrafung der Andersdenken, der politisch gegen das Establishment demonstrierenden und schließlich nicht nur bestraften, sondern auf Versuchskaninchen reduzierten Opfer politischer Gewalt ähneln sich die Texte. Wie »Video« und »Die sensitiven Jahre« wirkt »Von problemlosen Zeiten« wie eine Fingerübung zu »Matuscheks Welten«. »Von problemlosen Zeiten« stammt aus der Zeit der außerparlamentarischen Opposition, der Bürgerrechtsbewegung und schließlich auch den Friedensdemonstrationen, die von den Handlangern der Behörden – Polizei – brutal niedergeknüppelt worden sind. Mit der zurückgeworfenen Handgranate überspannt Thomas Ziegler vielleicht ein wenig den Bogen, aber der Versuch, die aus seiner Sicht nur politischen Gefangenen gefügig zu machen, ist für die deutsche linksorientierte Science-Fiction die klassische Kritik am System. Das wirkt aus heutiger Sicht vor allem angesichts der politischen Entwicklungen ein wenig befremdlich, aber zeigt den Geist der am System – sowohl politisch wie auch innerhalb der Science-Fiction – rüttelnden »jungen« Autoren. Auch in »Matuscheks Welten« wird der Protagonist Matuschek wegen Opposition verurteilt. Allerdings kann er sich als Versuchskaninchen zur Verfügung stellen. Die Psychologen versuchen das Entstehen von Gewalt, im Grunde von jeglichem Widerstand durch entsprechende Manipulationen in der Tradition von Burgess »Uhrwerk Orange«, allerdings deutlich subtiler schon vor dem Entstehen zu unterdrücken. Während die Forscher vom Verschließen bestimmter Instinkte und Neigungen träumen, öffnet sich für Matuschek allerdings auf eine verhängnisvolle Art und Weise eine andere Welt. In beiden Texten greift der Staat schließlich auf deutlich pragmatischere Mittel zurück, um die Massen unter Kontrolle zu halten. Beide Texte wirken noch sperrig, voller belehrender Symbolik und vor allem einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber jeglicher Behördenwillkür. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Thomas Ziegler noch auf einer Behörde, sodass dieser innere Widerstand gegen die von ihm extrapolierten innenpolitischen Verhältnisse in einem leicht erkennbaren Deutschland noch offensichtlicher wird.
»Artefakt 5578« könnte ein Meisterwerk sein. In einer fernen Zukunft buddelt sich ein Mann (?) durch die vom Blitz verheerte Erde. Immer wieder finden sich seltsame, unerklärliche Artefakte, die sie mittels Container zur Analyse in die Heimat abstrahlen. Im unvollständigen Rahmen schreibt/spricht Peter Vanmerk mit Sammuell … Der Monolog ist voll brillanter Wortspielereien, welche den Leser verblüfft zurücklassen. Diese Wortklaubereien bedeuten streng logisch betrachtet, dass Peter Vanmerk sehr viel mehr über die Erde und seine seltsamen Bewohner weiß, als er offenbaren will. Aber dieser Gedanke wird am Ende nicht wieder aufgenommen.
Der Hauptteil sind Aufzeichnungen eines Aufstandes der Bewohner der Abbruch Siedlung Holunderweg gegen den korrupten Stadtrat und einen Bauunternehmer, welche die sozial schwachen Menschen am liebsten auf die Straße setzen möchte, um dort eine Villa mit Pool zu bauen.
Mit dieser Ausgangsprämisse folgt Thomas Ziegler dem satirisch sarkastischen Unterton der ersten beiden Geschichten dieser Sammlung »Von problemlosen Zeiten« und »Matuscheks Welten«, wobei sich der Kölner nicht auf einen einzelnen Protagonisten im Kampf gegen das System beschränkt, sondern eine ganze Bewegung in Gang setzt. Eine Bewegung der »Freaks«, aber trotz ihrer Macken und Unterschiede wirken sie natürlich sympathischer als die korrupten Bonzen und vor allem der Handlanger, die gesichtslosen Polizeikräfte.
Mittel dem Element der Übertreibung beschreibt Ziegler den im Grunde zeitlosen Konflikt zwischen dem Kapital und der einfachen »Arbeiterschicht«, die ausgenutzt und drangsaliert wird. Die Zustände in der Siedlung sind vergleichbar mit den gegenwärtig in der Presse stehenden weißen Riesen in Duisburg. Auch wenn der Text 1981 entstanden ist, wirkt er zeitlos und bedarf gar nicht des Rahmens, welcher das Geschehen deutlich distanzierter darzustellen sucht. So wirkt die Rückblende, das aufgefundene Material auch lebendiger und zynischer bis zur Fußnote, aus welcher der Leser die ursprüngliche Quelle entnehmen kann. Es ist eine anarchistische Satire gegen jegliches Establishment, es trägt im Herzen des sozialistische, allerdings auch natürlich idealisierte Gedankengut und passt sich sehr gut in den Kontext »Von problemlosen Zeiten« ein, wobei es sich um eine von »Matuscheks Welten« handeln könnte.
»Video« spielt mit der Idee des Sensi-Kinos bzw. -Fernsehens. Der Vorläufer der virtuellen Realitäten. »Video« ist allerdings keine reine Geschichte, sondern die Flucht eines sechzehn Jahre alten Protagonisten aus dem Gefängnis seines Elternhauses – Mutter arbeitet die Nachtschicht, Vater am Tag, ein Familienleben findet nicht statt – zu Freunden, die ebenfalls den nächsten Schritt in die kritiklose Welt des Sensifernsehens mit seinen absurd überzogen wirkenden Fernsehserien vollziehen wollen. Nicht umsonst steht am Ende ein langer Auszug aus einer Space Opera. Thomas Ziegler konzentriert sich in dieser Story mehr auf die Atmosphäre der Wohnblöcke, des Molochs Großstadt, in dem das Individuum unterzugehen droht. Um einen Durchschnittsbürgerstil u zu erhalten, müssen Vater und Mutter in Vollzeit arbeiten. Damals wie heute eine dunkle Gewissheit für die Durchschnittsverdiener. Sie wohnen in Waben, bewacht von einem Türwächter, der sich auch eher für erotische Sensicomics interessiert. Das Leben ist anonym und der Protagonist verzweifelt an den emotionslosen Eltern, aber auch gegen Ende der Geschichte an den nicht minder sich in die virtuellen Welten zurückziehenden Freunde. Ein dunkles Stillleben, dem allerdings noch die satirischen Exzesse von Geschichten wie »Die sensitiven Jahre« fehlen.
Zusammen mit »Video« und dem sensorischen Höhepunkt »Die sensitiven Jahre« bildet »Lichtjahreweit« – 1986 erst entstanden – ein drittes Standbein um die locker aufgrund des Themas sensitive Medien miteinander verbundene Trilogie. Andy Beh ist inzwischen ein Alkoholiker, der heruntergekommen im Haus eines reichen, anscheinend auch sadistisch narzisstischen alten Großindustriellen lebt. Zwischen Selbstmitleid und dem nächsten Glas Whiskey erfährt der Leser, dass Beh früher mal ein begnadeter Sensi-Regisseur gewesen ist, der neben Epen wie dem im Titel erwähnten »Lichtjahreweit« Klassiker wie »Casablanca« aufgemotzt hat, sodass sich jeder Betrachter als Bogart fühlen konnte. Die privaten Fernsehsender rannten ihm die Bude ein und überhäuften ihn mit Schecks. Vielleicht hoffte Thomas Ziegler mit dem späteren Schreiben von Drehbüchern auf einen vergleichbaren Geldregen. Auf jeden Fall ging es nur um Kommerz und nicht um Kunst.
Sein Verhältnis zu seinem Vermieter – Eugen Friedrich Langedanz – wird erst spät in der Geschichte offenbart. Beh ist im Grunde dessen persönlicher Senso-Toyboy. Nicht in körperlicher oder sexueller Hinsicht, sondern er soll Langedanz dessen sadistischen Traumwelten – die Ilja-Filme lassen grüßen – simulieren, damit er wieder zu einem echten Mann wird.
Die Geschichte ist zu lang. Behs Selbstmitleid geht dem Leser schnell auf den Geist und das finale Crescendo kommt aus dem Nichts und ist wenig überraschend. Für sich alleine stehend ist »Lichtjahreweit« sicherlich keine schlechte Geschichte, aber in dieser Anthologie und dadurch im Schatten der Titelgeschichte »Die sensitiven Jahre« mit ihrer überdrehten satirischen Komik und den absurd überspannten Dialogen kann sich Thomas Ziegler in dieser längeren Kurzgeschichte nicht gänzlich entfalten und greift inhaltlich auf einige rudimentär notwendige, aber sein Gesamtwerk betrachtend auch zu bekannte Versatzstücke zurück.
»Die sensitiven Jahre« war der erste Streich des Rainer Friedhelm Zubeil alias Thomas Ziegler hinsichtlich der Verleihung des Kurd-Laßwitz-Preises. Der Preis ist auch zum ersten Mal in dem Jahr verliehen worden.
Die Erzählung »Die sensitiven Jahre« erschien in der neuartigen Form des Story-Romans, die Herausgeber Roland Rosenbauer vollmundig und euphorisch ankündigte.
»Die sensitiven Jahre« gehört zu Thomas Zieglers satirisch-sarkastischen Texten, in denen der Autor eine technische Innovation persifliert – natürlich aus der Militärforschung entliehen und aufgrund der Blindheit der Vorgesetzten kapitalistisch umgesetzt. Aus heutiger Sicht und viereinhalb Jahrzehnte nach der Entstehung zeigt sich, wie nahe Thomas Ziegler an der gegenwärtigen Realität schon gewesen ist. Der neuste Schrei der Unterhaltung ist das noch in den Kinderschuhen steckende Sensitivkino. Eine Art virtuelle Realität ohne Popcorn oder Leinwand, in welcher der Zuschauer förmlich mit den Protagonisten im metaphorischen Sinne verschmelzen kann.
Der rote Faden der Story ist die Produktion eines Science-Fiction-Films im neuen Format. Beginnend mit dem aus seiner Sicht zu langweiligen Titel, weist der Produzent in der ersten Besprechung die Drehbuchautoren darauf hin, dass der Film mehr Action und mehr künstlichen Realismus braucht – wie Hollywood es seit Jahrzehnten produziert. Und vor allem auch eine attraktive Frau, basierend auf erstellten Profilen, welche die Mehrheit der männlichen und weiblichen Zuschauer ansprechen. Thomas Ziegler fasst den Inhalt des Films mehrfach zusammen, zuerst mit den unsinnigen Vorschlägen des Produzenten, danach mit den heutigen Lesenden deutlich vertrauteren Produktplacements. Als dann auch noch ein Vertreter der »Bewegung Sauberes Amerika« Mitspracherecht einfordert, erreicht die Filmversion das erschreckende Niveau der gegenwärtigen Fake News mit ihren propagandistischen Lügen gegen alles Nichtamerikanische. Es ist diese letzte Wendung, welche dem Leser das Schmunzeln vergällt und unbeabsichtigt zeigt, dass die Wurzeln der gegenwärtigen amerikanischen Verhältnisse sehr viel älter sind, als es selbst Trump glauben möchte.
Zwischen diesen Szenen gibt es noch einen Exkurs zu überforderten Militärs, die sich um ihre Erfindung gebracht sehen, und zum fast klischeehaft überzogenen Bild des typischen Kinobesuchers mit seinem übertrieben dumm gezeichneten Ehedrachen im Schlepptau.
Pointierte Dialoge mit scharf gezeichneten Protagonisten zeichnen die reale Ebene aus. Kunst (der Drehbuchautor) trifft auf Kommerz (der selbstverliebte Produzent). Thomas Ziegler beschreibt die Verwässerung des Mediums Film beim Versuch, es dummdreist den stupide in die Kinos laufenden unkritischen Massen recht zu machen. Das gilt heute noch, und ein Film wie 2001 – Odyssee im Weltraum war schon 1980, dem Entstehungsjahr der Geschichte, von gestern.
Mit den Filmszenen trifft Thomas Ziegler einen Nerv. Die Produktplacements sind ins Absurde gesteigert, und als dann noch die rassistischen Äußerungen – hier gegenüber den Europäern – hinzukommen, erreicht die Geschichte eine satirisch bittere Stufe, die mit seinem Roman »Alles ist gut« zu den besten realfantastischen Texten Zieglers gehört. Gestern, wie leider immer noch heute.
Trotz der herausragenden Qualität der beiden Storybände »Der Zwischenbereich« und »Computerspiele«, setzte sich das Konzept nur noch in Shared-Universe-Serien wie George R. R. Martins »Wild Cards« durch. Als Heft 20 der Phantastischen Miniaturen der Bibliothek Wetzlar erschien 2016 mit »Weiße Hölle« eine weitere Variation: Die sieben beteiligten Autoren erhielten alle den gleichen Kurzgeschichtenauftakt und durften anschließend ihre literarischen Gedanken in alle Genrerichtungen streifen lassen.
Auch wenn »Marathon« und »Delirion: Liza« inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte allerdings mit Genreversatzstücken haben, passen sie stilistisch gut zusammen. Thomas Zieglers expressive Phase. Immer wieder wird der Leser indirekt in das Geschehen miteinbezogen. Der Plot besteht zwar aus zwei (»Marathon«) und einem (»Delirion: Liza«) roten Handlungssträngen, denen der Leser gut folgen kann. Aber der Hintergrund der Geschichten wird eher fragmentarisch beleuchtet. Die Informationen werden auch nicht in einer »normalen« Form präsentiert, nicht selten muss der Leser die einzelnen Versatzstücke zusammensuchen und ist sich trotzdem nicht sicher, ob das hier Präsentierte der Wahrheit entspricht oder auch nur eine subjektive Betrachtung, vielleicht sogar eine Lüge ist.
Auf der einen Handlungsebene von Marathon werden fremdartige Wesen vorgestellt. Im Laufe der Geschichte werden ihre einzigartigen, aber passiv orientierten Fähigkeiten herausgearbeitet, welche sich für die Menschen der Zukunft in ihrem sinnlosen Äonen umfassenden Krieg interessant machen.
Der zweite Spannungsbogen besteht aus einer Crew dieser Menschen, die Kriege über Jahrtausende führen. Es werden Raketen in die Tiefen des Alls abgeschossen, die irgendwann und irgendwo landen, ohne dass jemand weiß, warum sie abgeschossen worden sind. Selten hat ein Science-Fiction-Autor die Sinnlosigkeit des interstellaren Krieges in bessere Bilder eingebunden. Bei der Lektüre von »Marathon« fragt man sich unwillkürlich, wie Thomas Ziegler außer aus monetären Gründen zur Perry-Rhodan-Serie wechseln konnte. Die Antwort findet sich allerdings in Ronald M. Hahns Nachwort. Thomas Ziegler hat schon zu Studentenzeiten gerne Perry Rhodan gelesen, in der linksorientierten Szene ein No Go, das allerdings relativiert wird. Horst Hoffmann ist Perry-Rhodan-Autor geworden, Hans Joachim Alpers hat das Science-Fiction-Programm für den Moewig Verlag zusammengestellt.
Am Ende fließen die beiden Handlungsebenen zusammen. Der Leser ahnt ab einem bestimmten Moment die Zusammenhänge, aber in diesem Stillleben und weniger einer klassischen Erzählung ist das eher unwichtig.
»Delirion: Liza« spielt ebenfalls nach dem Krieg. Dem letzten, nur 30 Minuten dauernden Krieg, welcher die Erde vergiftet zurückgelassen hat. Neben Lisa gibt es noch ein intelligentes Haus, das die junge Frau kontrolliert und beschützt. Auf einer Expedition nach draußen – um perfekten Schutz zu haben, müssen die Menschen sich nackt und eingesprüht nach draußen begeben – verliebt sich die junge Frau nicht nur in ein Kleid, die beiden Expeditionsteilnehmer suchen eine der wenigen verbliebenen Banken auf, die noch über ein Schutzsystem verfügt. Juweliere zu plündern wäre einfacher, auch wenn Geld wie Diamanten in dieser nihilistischen Zukunft nichts mehr wert sind.
Während »Marathon« am Ende gut zusammenfließt, wirkt »Delirion: Liza« deutlich stärker konstruiert. Einzelne Ideen wie das Haus; das Schutzspray und schließlich auch das Eindringen in eine Bank sind gut geschriebene Sequenzen, mit denen sich der Leser identifizieren kann. Ab einem bestimmten Punkt überspannt Thomas Ziegler allerdings auch den Bogen und will aus seiner mahnenden Geschichte deutlich mehr machen, sodass die »Realitäten« zu verschwimmen beginnen und Lisa mehr und mehr zu einer Art Status quo; zu einer Frau, die es eigentlich nicht geben dürfte, wird. Das macht die Lektüre anstrengender, zumal Thomas Ziegler final das Problem hat, die einzelnen Genreversatzstücke nicht mehr zufriedenstellend genug verfremden und dadurch auf eine andere Art und Weise extrapolieren zu können. »Marathon« ist im direkten Vergleich die kraftvollere und deutlich spannendere Geschichte.
Ebenfalls aus der im Ullstein Verlag publizierten Anthologie »Lichtjahreweit« stammt »Methusalem«. Die Gesellschaft ist geteilt. Die Alten werden immer mehr. In Köln leben alleine mehr als sechzig Prozent Rentner, es werden kaum noch Kinder geboren. Die Jugendlichen scheinen sich zu radikalisieren. In Berlin ist ein blutiger Anschlag durchgeführt worden. Die beiden Protagonisten sind Mitte vierzig, verheiratet und leben in einem Mehrfamilienhaus, in das eine Familie mit einem kleinen Kind eingezogen ist. Die Paranoia beginnt mehr und mehr auch die beiden im Grunde sozialneutralen Protagonisten zu erfassen.
Thomas Ziegler präsentiert ein zynisches Ende. Wie in seinen Romanen ist fast alles nicht so, wie es erscheint. Bis dahin konzentriert sich der Autor auf eine Reihe von Stimmungen und lässt vor allem seinen männlichen Protagonisten nicht nur an sich, sondern auch der Gesellschaft zweifeln. Die Sozialkritik ist bissig, aber nicht grundlos beißend. Viele aus der Sicht der Neunzigerjahre noch rudimentär vorhandene Strömungen hat Thomas Ziegler weiter entwickelt und präsentiert sie mit einem fast distanzierten Grundton pointiert und effektiv. »Methusalem« ist die beste der drei kürzeren Arbeiten, auch wenn die ideenreiche qualitativ herausragende Novelle alles erdrückt.
!983 erschien in der unterschätzten Almanach-Reihe »Phantastische Literatur« des Bastei Verlages, herausgegeben von Michael Görden, die Novelle »Die Stimmen der Nacht«. Mehr als vierzig Jahre später ist der Ausgangstext – im Gegensatz zu drei Roman-Veröffentlichungen (Ullstein, erweitert Heyne und schließlich Golkonda) – als der ursprüngliche Text zum ersten Mal in dieser Sammlung nachgedruckt worden. Auch wenn die Romanfassungen die wichtigsten Aspekte der melancholisch nihilistischen Novelle erweitern, ist der ursprüngliche und mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnete Texte das eigentliche Meisterwerk. Thomas Ziegler meets Joseph Conrads »Heart of Darkness« unter Einfluss von Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now«.
Mit dem amerikanischen Fernsehmoderator Gulf – er ist ein Medienstar und lässt aus einer Glückstrommel von seiner Frau Selbstmordkandidaten für spektakuläre Stunts ziehen –beginnt es. Er hört die Stimme seiner Frau Elizabeth. Sie ist am Ende eines Stunts ums Leben gekommen … bei lebendigem Leib verbrannt. Auch wenn die Öffentlichkeit lange Zeit der Ansicht ist, dass die allgegenwärtigen Kletten – frühe Versionen von Drohnen – ihn möglicherweise mit Tonbandaufzeichnungen quälen, weiß Gulf es besser. Seine tote Frau verhöhnt ihn aus dem Reich des Todes. Und das immer und überall.
Er wird gebeten, an der Seite des amerikanischen Militärs zu Köln zu reisen. In den Ruinen der Stadt beginnen sich, die Toten zu streiten. Es sind unter anderem Hitler, Goebbels, Göring oder Schirach. Gulf soll eine Lösung präsentieren, ist aber selbst überfordert.
Thomas Ziegler präsentiert eine Alternativwelt. Die erste Atombombe ist nicht über Japan, sondern über Berlin gezündet worden. Die Naziführung ist – zumindest in der Theorie – ausgelöscht worden. Roosevelt ist aber nicht im April 1945 verstorben, sondern lebt noch einige Jahre länger. So konnte Morgenthau seinen Plan umsetzen und Deutschland deindustrialisieren und zu einem Agrarstaat machen. Selbst 40 Jahre nach dem Krieg ist Deutschland ein Land, das sich nicht selbst ernähren kann. Die Städte sind immer noch Ruinen und der Widerstand gegen die Alliierten wächst. Viele einflussreiche Nazis haben sich nach Lateinamerika abgesetzt und steuern dort mit ihrer monetären und industriellen Macht viele Konglomerate.
Die amerikanische Regierung fürchtet, dass ein Bekanntwerden der »Stimmen der Nacht« aus Köln die Nazis sowohl in Deutschland wie auch Lateinamerika beflügeln könnte, wieder in den Krieg zu ziehen und dieses Mal zu gewinnen.
Die Geschichte lebt von dem perfekt extrapolierten Hintergrund. Auch wenn nur ein Teil des Plots in Agrardeutschland spielt und die geisterhaften Kulissen ersetzbar sind – es ist blanke Ironie, dass die ehemaligen Nazigrößen in Thomas Zieglers Wahlheimatstadt auftauchen – dominiert die nihilistische, die erdrückende Atmosphäre. Der Leser fühlt sich in den Irrsinn der letzten Kriegsmonate versetzt. Die Werwölfe an der Seite der verbliebenen erfahrenen Soldaten; die Verstecke in den Wäldern und der Partisanenkrieg, der wie eingangs erwähnt eher an Coppolas Vietnam Irrsinn denn Conrads fatalistische Novelle erinnert. Auch wenn Gulf auf dieser Reise noch mehr in seinen persönlichen Abgrund schauen muss.
Thomas Ziegler liefert keine Erklärungen für die Stimmen der Nacht. Warum Gulf mehrere Jahre vorher als erster Mann im Rampenlicht die Stimme seiner Frau hörte. Warum die Stimmen der Nacht plötzlich wie eine Welle hervorbrechen… es spielt auch keine Rolle. Thomas Ziegler verschiebt seine Parallelwelt so weit wie notwendig, aber so wenig wie möglich. So ist Robert Kennedy ein schwacher Präsident im Schatten seines in Dallas ermordeten Bruders. Immer voller Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen. Morgenthau präsentiert sich weiterhin als der rachsüchtige Hardliner, der aber im Grunde nur Angst um seine eigenen Kinder hat, die niemals wieder mit dem Schrecken der Nazis und der Verfolgung der Juden konfrontiert werden sollen. Sein Auftauchen gegen Ende der Geschichte droht die fragile Balance in Richtung Farce abkippen zu lassen, aber Thomas Ziegler will zur dunkelsten Zeit der Nacht – hier wird es nicht wirklich hell – ein Gegengewicht zu den geifernden Nazigrößen bilden, die sich in den Kölner Ruinen um eine Herrschaft streiten, die sie niemals verdient haben. Aber Thomas Ziegler glorifiziert nicht. Er stellt sachlich klar. So spricht er offen den Widerspruch zwischen einer deutschen arischen Herrenrasse voll blonder blauäugiger Hünen und den Gebrechen ihrer Anführer an. Thomas Ziegler macht deutlich, dass die Naziherrschaft und ihr Schrecken ein Gespenst der Vergangenheit ist und bleiben sollte. Das die deutschen Exzesse in Lateinamerika falsch sind.
Das offene Ende – die Büchse der Pandora öffnet sich jede Nacht mehr – unterstreicht den kraftvollen Text mit einem eher schwachen, ausschließlich reagierenden Protagonisten Gulf voller Schuldgefühle – es ist allerdings nicht klar, ob die Vorwürfe seiner Frau wahr sind oder ihrer kranken Fantasie entspringen – von einem gespenstischen Deutschland, das selbst vierzig Jahre nach Kriegsende sich keinen Millimeter erholt hat. Das zum Krebsgeschwür Europas geworden ist. Dieses riesige waidwunde Land im Herzen von Europa hat auch den Aufschwung der ehemaligen Siegermächte wie Frankreich und Großbritannien behindert… Europa liegt im Sterben und das seit dem Augenblick, an dem Morgenthau seinen Plan umgesetzt hat. Und diesen Kontinent beschreibt Thomas Ziegler eindringlich, wo er auch effektiv die Elemente des Geistergenres auf eine verzerrte, aber interessante Art und Weise nutzt.
So lesenswert auch die zweite, noch einmal erweiterte Romanfassung von »Die Stimmen der Nacht« auch sein mag, leidet diese unter dem zweiten Teil mit einem neuen Krieg. Die ursprüngliche hier vorliegende Novelle ist deutlich kraftvoller und effektiver. Sie ist das dunkle Herz dieser Sammlung und Thomas Zieglers literarisch beste Arbeit.
Die Novelle »Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten« erschien ursprünglich in der von Uwe Anton herausgegebenen Philip K. Dick Anthologie »Willkommen in der Wirklichkeit« und wurde im darauffolgenden Jahr mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.
Thomas Zieglers Novelle »Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten« schließt die Sammlung mit einem einzigartigen Höhepunkt ab. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren bemüht er sich lange Zeit gar nicht, auf Philip K. Dick zu verweisen, sondern nach einem auf dem ersten Blick mechanischen Finale dreht der Autor den Plot noch einmal subversiv und stempelt den begabten, aber emotional unterentwickelten, masochistisch veranlagten Reinkarnaut Valentin endgültig zum Verlierer.
Alle drei großen Haupthandlungen spult der viel zu früh verstorbene Kölner in einer rasant wechselnden Reihenfolge ab.
In seiner Zukunft gibt es die Möglichkeit, reinkarniert zu werden. Und zwar so geplant, dass die Erben/Freunde oder Geschäftsfreunde erahnen können, in welchem Baby der Geist wieder aufersteht. Zusammen mit einer Reihe von Erinnerungen, die aber erst nach und nach an die Oberfläche kommen. Thomas Ziegler beschreibt das eindrucksvoll an dem alten Astor, natürlich immer noch einer der reichsten Männer der Erde.
Die zweite Handlungsebene umfasst Zeitexperimente. Eines ist schief gegangen. Der Hausmeister am Institut für Reinkarnation ist ein Opfer geworden und lebt quasi rückwärts. Auch eine Idee aus einem der früheren Dick-Romane.
Der dritte Handlungsbogen betrifft die Möglichkeit, eine Parallelwelt entweder zu erschaffen oder in diese einzutreten, in welcher im Grunde indirekt das Dritte Reich mit einem besonderen Hitler wahrscheinlich den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat, weil es – so konträr es erscheint – keine Endlösung der Juden gegeben hat und diese sechs Millionen Menschen in der Militärmaschinerie bis zu ihrem »Tod« eingesetzte worden sind.
Ein reicher sterbenskranker Industrieller will dieses Ziel mittels Valentin, dem besten Reinkarnauten und damit Begleiter der Sterbenden, erreichen. Vordergründig will er den Holocaust verhindern, was wiederum in einer von Thomas Ziegler provokant beschriebenen Szene, die Palästinenser auf den Plan ruft. Hintergründig geht es um die Übernahme eines verrückten Diktators natürlich in der Wiege.
Die Geschichte besticht durch so viele Ideen, die typisch für Dick sind und von Thomas Ziegler überzeugend extrapoliert worden sind, dass man sich förmlich nicht satt lesen kann. Valentin ist ein klassisches Opfer. Seine deutsche Frau will sich wegen seelischer Grausamkeit von ihm scheiden lassen. Nach deutschem Recht natürlich. Er ist pleite und muss sein von einer KI gesteuertes Appartement verlassen, obwohl er für alle Schäden aufgekommen ist. Ein intelligentes Robotertaxi wird umgeleitet und kann ihm nur beipflichten, das die Situation sehr gefährlich ist.
Wie perfide und intelligent die Falle über viele Jahre aufgebaut worden ist, erfährt der Leser immer auf Augenhöhe Valentins, der zum Täter und Opfer zu gleich wird. Allerdings schenkt ihm Thomas Ziegler im entscheidenden Moment eine Art Pyrrhussieg, denn von alleine hätte er sich fatalistisch seinem Schicksal ergeben. Auch diese Vorgehensweise findet sich nicht selten in Dicks Werk.
Der Humor schwankt zwischen subtil und provokativ. Thomas Ziegler streift in seiner Zukunftswelt alle in den achtziger und Neunzigerjahren relevante Fragen und gibt im Grunde unangenehm direkte Antworten. Selbst dreißig Jahre nach ihrer Entstehung hat die Novelle nichts an Schärfe verloren.
Alle Figuren sind mit einer fatalistischen Liebe zum Detail entwickelt worden. Im Mittelpunkt steht ein nicht nur für Dicks Werk typischer Verlierer allerdings mit einer einzigartigen Eigenschaft, die für alle andere zu einer Art Sechser im Lotto werden könnte. Nur für Valentin selbst nicht, der um seine gescheiterte Ehe trauert und sich weigert, zum eigenen Vorteil mit Prinzipien zu brechen.
Geprägt von einem hohen Tempo und einigen irrwitzigen Situationen ist »Eine Kleinigkeit für uns Reinkarnauten« – eine Art geflügeltes Wort für Valentin – eine wunderbare Satire, eine respektvolle Hommage an Philip K. Dick und ein weiterer Beweis für Thomas Zieglers Fähigkeiten, aus einer Reihe von Versatzstücken etwas Originelles und ganz Eigenes zu erschaffen.
Natürlich ist es elementar, Thomas Ziegler in der Reihe »Cutting Edge« vorzustellen. Verdient hätte der viel zu früh verstorbene Autor allerdings einen Platz bei »Die Welten von …«, in denen Michael Haitel die Gesamtwerke der jeweiligen Autoren vorstellt. Der Blick in Ronald M. Hahns Chronologie zeigt schmerzhaft, welche interessanten, wenn auch nicht immer meisterlichen Kurzgeschichten in diesem Nachdruck fehlen. Dazu war Thomas Ziegler zu gut, zu ambivalent und vor allem auch zu produktiv gewesen. Aber mit dem literarischen Spatz in der Hand ist es an der Zeit, Thomas Ziegler abseits von einigen vor allem E-Book-Nachdrucken wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Und »Die sensitiven Jahre« ist ein erster Schritt. Alleine aus diesem Grund ist die Anschaffung dieser Sammlung mit drei Kurd-Laßwitz-Preisträgern elementar und eine fantastische, sensible, aber nicht sensitive Reise in die Nacht.
Thomas Ziegler
DIE SENSITIVEN JAHRE
Ausgewählte Erzählungen 1978–1990
Herausgegeben von Michael K. Iwoleit, mit einem Nachwort von Ronald M. Hahn
Cutting Edge 5, p.machinery, Winnert, Juli 2025, 376 Seiten, Paperback, ISBN 978 3 95765 463 2, E-Book: ISBN 978 3 95765 685 8

