Bawuenia 15

Armin Hofmann /redakteur)

Nach achtzehn Jahren Kälteschlaf – wie Redakteur vom Dienst Armin Hofmann nach fast dreißig Jahren Fandomabwesenheit in seinem den Inhalt zusammenfassenden Vorwort resümiert – ist das Magazin (von einem Fanzine kann nicht mehr gesprochen werden) „Bawuemia“ zurück. Die letzte Ausgabe war in erster Linie ein Storyreader im handlicheren Format. Die neue Ausgabe deckt wieder das ganze Spektrum von den Storys über zahlreichen sehr gute Illustrationen beginnend mit dem eindrucksvollen Titelbild zu Rezensionen, Artikeln und zwei Conberichten ab.

 Uwe Hermann eröffnet den Reigen von Geschichten mit „Die seltsamen Wanderungen des Jonas Darwin Potters“. Die Grundidee ist nicht neu, auch „Der Stoffuniversum“ oder Fernsehserien wie „Sliders“ , mit technischen Einschränkungen auch Terry Pratchett/ Stephen Baxters Pentalogie um die lange Erde haben sich der Ausgangsprämisse angenommen. Ein Mann – der Erzähler- wird seinem Universum entrissen und landet quasi mit jedem Schritt in einer anderen Welt. Dabei muss er sich den unwirtlichem Wetter genauso stellen wie alltäglichen Herausforderungen wie Nahrung oder Wasser. Die Geschichte ist kurz und Uwe Hermann erschafft einen sympathischen, mit der Situation überforderten Protagonisten. Das folgt im Kleinen Neumüllers „Stoffuniversum“ Spuren. Die Pointe ist effektiv, allerdings würde der Leser deutlich mehr erfahren als Uwe Hermann bereit ist, zu offenbaren. Daher bleibt eine gewisse Unzufriedenheit zurück.

 Die längste Geschichte von Martin Eisele – Baresch ist der überarbeitete Nachdruck einer unter Pseudonym veröffentlichten Kurzgeschichte aus dem Magazin „Exodus“. Politisch hat der Autor den Text ohne Zweifel aktualisiert. Der Protagonist Chipkick wandert auch durch Welten. In erster Linie virtuelle Welten, die er nur bedingt kontrollieren kann. Mehr und mehr stellt sich dessen Besonderheit heraus, ohne das der Autor wirklich einen sympathischen Protagonisten erschaffen hat. Das ist weder Grundvoraussetzung noch wirklich notwendig. Aber dann sollte die Handlung deutlich stringenter sein. Martin Eisele-  Baresch vermischt Facetten des Cyberpunks mit coolen Filmzitaten und Hinweisen auf Keanu Reeves oder Quentin Tarantino Filme. Je, das ist nett, wirkt aber auch aufgesetzt. Wie Uwe Hermann beendet der Autor die Geschichte eher als das er sie wirklich zufrieden stellend abschließt. Aber die Schwächen sind deutlich schwerer zu identifizieren, denn Martin Eisele- Baresch Text fließt vor bizarren Szenen, pointierten Dialogen und ausführlichen Hintergrundbeschreibungen förmlich über, ohne das der Leser wirklich in diese Welt eindringen kann. Uwe Hermanns Text ist tragischer, emotionaler und dadurch auch eindringlicher, während die zweite Story im metaphorischen Sinne zu „laut“ ist, zu viel versucht und final zu wenig wirklich zufrieden stellend erreicht.

 Michael Sagehorns „Schwarzblut“ spannt einen weiten Bogen von unsterblichen Kreaturen, welche Menschen als Nahrung nehmen, über eine besondere Art der Liebe zu dem ewigen Konflikt zwischen zwei sehr unterschiedlichen weiblichen Rivalen. Die Geschichte beginnt stimmungsvoll anscheinend in einer nicht so fernen Zukunft, in welcher der Himmel von Wolken verdeckt ist. Es ist der Wunsch einer der beiden Hauptfiguren, noch einmal den Sonnenaufgang zu sehen, nachdem sie immer wieder Jagd auf die Kreaturen macht. Kontinuierlich erweitert den Autor den Hintergrund seiner Geschichte, bleibt aber erstaunlich oberflächlich. Die Entwicklung der Protagonisten ist zufrieden stellender, auch wenn der finale Bogenschlag zu hektisch erscheint. Zumindest präsentiert der Autor ein passendes romantisches, aber nicht kitschiges Ende, das den Auftakt der Geschichte widerspiegelt. 

 Eine humorvolle Miniatur ist „Heute mit Rand“ von Gerhard Huber. Ein Kaugummiautomat becirct den Protagonisten mit flotten Sprüchen, der nicht wirklich darauf antworten kann. Einen echten Plot hat die Story nicht.

 Kriminaltechnisch präsentiert Michael Baumgartner mit „Homehacking“ eine neue Art des Verbrechens, das es allerdings auf Inseln wie Mallorca schon gibt. Menschen dringen in leere Wohnungen ein – das ist schon in der Theorie ein Verbrechen – und macht sicht breit. Die Besitzer simulieren ihre Anwesenheit mit verschiedenen Mitteln. In einer dieser Wohnunngen wird ein Homehacker ermordet aufgefunden. Der Ermittler mit seiner jugendlichen Kollegen, die gleichzeitig sein Verhältnis ist, und einer weiteren Polizisten machen sich an die Aufklärung. Die Geschichte besticht durch ihre grundsätzlichen Ideen, bricht aber in der Mitte zusammen. Die herauf geschworene Gefahrensituation wirkt künstlich konstruiert. Immerhin handelt es sich noch um einen Tatort. Da hätte es bessere Varianten gegeben... die Polizisten werden ebenfalls als Homehacker identifiziert und entsprechend kategorisiert. Für die Länge der Geschichte kurzweilige Unterhaltung mit einem guten Auftakt und vor allem auch einem zufrieden stellenden Ende.

 „Im Schatten von Beteigeuze“ (Martin H. Schmitt) ist ein Brief. Es ist die ohne Frage dunkelste Geschichte dieser Sammlung, in welcher aktuelle politische Strömungen einfließen. Gleichzeitig ist es auch einer der kürzesten Texte, der mit seinem im Kern auch irgendwie optimistischen Ende mit dem beginnenden Neuanfang unter der Erde auch motiviert. Durch eine deutlich kritischere Linse betrachtet könnte man auch argumentieren, dass der Autor zeitpolitische Themen in Richtung seiner nur vorläufigen Auflösung als Sprungbrett nutzt, ohne über den Realismus in seinem Vorschlag nachzudenken. Aber egal aus welcher Perspektive sich der Text betrachten lässt, es ist zumindest ein nachhaltiger Ansatz, utopische „Ideen“ mit aktueller erdrückenden politischen Situation zu kombinieren.

Die letzte Geschichte „Nichts bleibt ewig“ (Natalie Tricarico) ist einer dieser Texte, in denen die Perspektive ausgetauscht wird. So wird aus einer für viele Menschen alltäglichen Situation für den Betroffenen ein lebensgefährlicher Moment. Der Perspektivwechsel offenbart sich erst im Laufe des kurzen Textes, wobei es der Autorin gelingt, in wenigen Zeilen Sympathien für die Hauptfigur zu erwecken. Vielleicht überlegt sich mancher Leser in einer vergleichbaren Situation, wie er zukünftig vorgeht.   

 Der Bereich Literatur besteht aus zwei unterschiedlichen Beiträgen, die durch einen Hinweis noch voneinander getrennt sind. Uwe Lammers schreibt basierend auf einer neuen Biographie über „L. Frank Baum- The Wonderful Wizard of Oz“. Wer sich bislang weder mit den Büchern – vor allem dem ersten Roman – und dem Autoren beschäftigt hat, erhält auf eine gefällige Art und Weise ausreichend Informationen. Uwe Lammers bleibt allerdings zu oberflächlich und positioniert sich in seinem Artikel viel zu wenig selbst. Kritisch gesprochen lassen sich die meisten dieser Fakten auch leicht ergoogeln. Für ein Essay ist das zu wenig.

 Jürgen Thomann greift eine getarnte Kurzgeschichtensammlung von Philip K. Dick auf. Sie erschien anlässlich der Verfilmung einer Kurzgeschichte – der Filmtitel lautete „Paycheck“ – neu ohne einen Hinweis auf das Gesamtwerk. Zwar wird Philip K. Dick adaptiertes Werk in den entsprechenden begleitenden Worten eingeordnet, aber grundsätzlich wäre es empfehlenswerter gewesen, der Heyne Verlag hätte eine eigenes zusammengestellte Anthologie mit allen adaptierten Kurzgeschichten Philip K. Dicks herausgegeben. Jürgen Thomas geht auf alle Texte ein, wobei er anfänglich deutlich ausführlicher sich mit den Texten beschäftigt. Im Laufe des Artikels werden seine Hinweise allgemeiner und das positive Fazit wirkt ein wenig, als wenn Jürgen Thomas froh gewesen ist, die Rezension hinter sich zu bringen. Aber für eine „Zeitschrift für Phantasik“ ist dieser Blick zurück auf empfehlenswerte ältere Veröffentlichungen ausgesprochen positiv und sollte in den nächsten Ausgaben auch beibehalten werden.

 In der Rubrik Comics stellt Armin Hofmann mit der Biographie „George Lucas- der lange Weg zu STAR WARS“ eine außergewöhnliche Biographie; mit dem provozierenden Manga „Die Gesellschaft der Tiere“ eine bitterböse Satire auf das Verhalten vieler Menschen vor. Inzwischen hat Splitter den zweiten Teil der George Lucas Saga angekündigt. Beide Rezensionen sind von unterschiedlicher Länge, wobei in den ersten Text mehr persönliche Ansichten einfließen.

 Auch die Rubrik Film besteht wie „Comics“ und später „Fandom“ aus zwei Artikeln. Michael Schnitzenbaumer stellt den ersten Blockbuster Hollywoods („Der weiße Hai“) noch einmal ausführlicher vor. Auch diese Rezension besteht aus sachlichen Abschnitten, in denen der Autor die nicht nur persönliche Wirkung des Films ausführlich darstellt, und subjektiven Passagen, die manchmal ein wenig zusammenhanglos erscheinen. Zusätzlich gibt es Exkursionen in die Evolution des Hais, die eher an den Anfang des Artikels hätten gestellt werden können und ein lakonisches Fazit zu den Fortsetzungen des Blockbusters.            

 Michael Schneiberg berichtet in der finalen Kategorie „Fandom“ von seiner Reise zum Eurocon auf Aland- den ArchipelaCon 2. Wie es sich für ausführliche Conberichte gehört, ist die Reise Teil des Erlebnisses und Michael Schneiberg hat die Reise in den Norden mit einer mehrtätigen Tour durch Schweden verbunden. Er geht auf die persönlichen Erlebnisse auf dem Con ein; auf die besuchten Programmpunkte und vor allem weißt er auf den Beitrag aus der Ukraine hin, der zeigt, wie schwer der Krieg auch unter den Schaffenden seine Spuren hinterlassen hat.

 Matthias Hofmanns Bericht zum „Wetzkon III“ ist gleichzeitig eine Reise zurück in die eigene Fandomvergangenheit mit zahlreichen Fans aus den achtziger Jahren, die er seit vielen Jahren wieder getroffen hat. Neben der familiären Atmosphäre eines durch die Lokalität – die phantastische Bibliothek in Wetzlar – auch besuchertechnisch begrenzten Cons ist sich Matthias Hofmann auch nicht zu schade, einzelne Conbeiträge zu loben, aber auch teilweise zu kritisieren. Das ist bei Conberichten auch eher selten, da viele Teilnehmer das Bemühen in den Vordergrund stellen, das jeweils beste zu geben. Aber es steht jedem frei, auch öffentlich solche Art von Kritik zu äußern.

 Mit über einhundertfünfzig Seiten auf bestem Papier präsentiert die „Zeitschrift für Phantastik“ einen sehr bunten Reigen von Beiträgen unterschiedlicher Autoren. Hinzu kommen die zahlreichen Innenillustrationen von Norbert Reichinger, Katinka Beil, Maria Beil und die Midjourney Bilder vom amtierenden Redakteur Armin Hofmann. Die unterschiedlichen Zeichnungen und Bilder haben eine finale Rubrik erhalten. Vielleicht wäre es besser, sie noch mehr über das ganze Heft zu verteilen, wobei alle Kurzgeschichten und zahlreiche Artikel auch passend stimmungsvoll von vierfarbigen Bildern und Zeichnungen begleitet worden sind. Hervorzuheben ist zusätzlich die liebevoll eingeleitete Trennung der einzelnen Rubriken.

 Auch wenn nicht alle Kurzgeschichten inhaltlich und weniger technisch nachhaltig überzeugen, unterstreichen sie thematisch die Vielfalt, welche auch für den Club steht. Obwohl es sich Magazin nennt,  präsentiert sich „Bawuemania“ 15 als ein empfehlenswertes , optisch zu den besten Fanzines der letzten Jahre gehörendes handliches Heft im positiven Sinne, bei dem sich der Leser eine regelmäßigere Erscheinungsweise ab sofort wieder wünscht. Es sollten nicht wieder achtzehn Jahre vergehen, bis eine weitere Ausgabe erscheint.